01.11.1993

DER LETZTE NATIONALLIBERALE

Soziologe Dahrendorf, 64, ehemals FDP-Vorstandsmitglied, EG-Kommissar und Rektor der London School of Economics, ist Rektor des Sf. Antony's College in Oxford und seit 1993 Lord.
Seit Herbert Wehners Anpassungsrede zur Außenpolitik und dem Godesberger Programm der SPD - also den Jahren 1959/60 - ist die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eintönig geworden. Das ist im Wortsinn und zunächst ohne Unterton der Kritik gesagt. Soziale Marktwirtschaft plus Westintegration, später soziale Marktwirtschaft und Schiller plus Westintegration und Ostpolitik, wurden mit kurzen Perioden der innenpolitischen Kontroverse zur Staatsräson der Bundesrepublik.
Einige wenige blieben indes außerhalb dieses christsozialdemokratischen Konsensus. Einer davon war - und ist - Rudolf Augstein. Er ist nämlich der letzte Nationalliberale, und dies im besten Sinn der Bismarckzeit.
Damals ruhte der Nationalliberalismus auf drei Säulen: nationale Einheit, soziale Reformen, bürgerliche Freiheiten. Nationale Einheit verband die Nationalliberalen mit Bismarck, soziale Reformen erlaubten eine taktische Allianz, bürgerliche Freiheiten führten früh schon und dann immer neu zu Konflikten.
In der Bundesrepublik indes fand sich ein anderer Kontext. Mit Franz Josef Strauß mußte man über bürgerliche Freiheiten, über den Rechtsstaat und über Anstand im öffentlichen Tun streiten. Mit sozialen Reformen tat die FDP sich schwer; in Teilen des Landes war sie zumindest bis 1968/69 eher eine Unternehmer- als eine Reformpartei. Aber Augsteins Hauptthema war in den frühen Jahren der Bundesrepublik Konrad Adenauer und die Nation.
Augstein hielt fest an dem Gerüst einer rechtsstaatlich und eher preußisch verfaßten Nation, wo Adenauer bereit war, diese in ein linksrheinisch-ultramontanes Europa einzubringen. Das führte Augstein immer wieder zum Bestehen nicht nur auf der Wiedervereinigung, sondern vor allem auf dem Gedanken des liberalen deutschen Nationalstaates. Der Konflikt ging - und geht - tief. Er wurde in den pseudonymen, später offenen Leitartikeln im SPIEGEL ebenso deutlich wie in Augsteins historischen Schriften. In zweierlei Hinsicht entfernte dieser Konflikt Augstein vom christsozialdemokratischen Konsens. Augstein blieb immer ein Euro-Skeptiker: Die Europäische Gemeinschaft mag realpolitische Notwendigkeit sein, ein politisches Ideal ist sie nicht. Zum anderen hat Augstein nie recht das akzeptiert, was viele den Westen nennen. Es ist schwer zu definieren, hat etwas mit Amerika zu tun und etwas mit angelsächsischer Demokratie, schließt auch McDonald's ein und Hollywood. Der Westen ist vor allem aber nicht der Osten, sei dieser kommunistisch oder postkommunistisch verfaßt. Der Westen endet spätestens an der polnischen Ostgrenze. Die Ostpolitik hat gewiß Deutschland gespalten. Die Trennungslinie hatte es mehr mit Motiven als mit bestimmten politischen Aktionen zu tun. Die einen wollten Normalisierung, nicht mehr. Das war Willy Brandts Position, nicht jedoch Rudolf Augsteins. Die anderen wollten die Bundesrepublik weniger erpreßbar machen, als sie es vor der Anerkennung der DDR war. Das war Walter Scheels Position, und auch Rudolf Augsteins, doch reichte ihm das nicht. Dann waren da jene, die den Weg über Moskau zu einer Erneuerung der deutschen Nation suchten. Augstein war ihnen sehr nahe, obwohl er Wolfgang Döring eher als Egon Bahr zum Freund hatte.
Diejenigen, die den SPIEGEL als jenseits aller Parteien stehend beschrieben haben, waren immer im Irrtum. Das gilt aber auch für alle, die ihn als SPD-, FDP- oder selbst SPD-FDP-Blatt sahen (obwohl das letzte der nationalliberalen Position am ehesten nahekommt). Der SPIEGEL hatte und hat seine eigene Position im deutschen politischen Diskurs; er ist fast eine Art unsichtbarer Partei. Das verdankt er seinem Gründer und Herausgeber.
Ich bin in einem entscheidenden Punkt anderer Meinung als Rudolf Augstein. Meine eigene Position ist emphatisch westlich, angelsächsisch zudem. (Trotz der britischen Lizenz hat der bedeutende Journalist nie ganz verstanden, was das bedeutet. ) Als ich, ganz am Rande und für kurze Zeit, an der Formulierung der Ostpolitik beteiligt war, fand ich mich sehr nahe bei Walter Scheel. Aber in der Europaskepsis, in der Insistenz auf bürgerlichen Freiheiten, in der Unterstützung für soziale Reformen und auch in der Akzeptanz des Nationalstaates als Gehäuse des Rechts finde ich mich bei Rudolf Augstein in guter Gesellschaft. Augsteins SPIEGEL hat durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hin eine Position verkörpert, die es sonst im Parteiengefüge nicht gab. Das allein ist eine bemerkenswerte Leistung. Daß der Herausgeber und Gründer diese Position mit so viel Witz und Weisheit verfochten hat, macht ihn, den Nationalliberalen, am Ende doch zu einem der großen Zeitungsmacher der westlichen Welt.
Vielen Dank, Rudolf Augstein - und in multos annos!
Von Ralf Dahrendorf

SPIEGEL SPECIAL 6/1993
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