01.11.1993

VON MENSCHEN UND NACHRICHTEN

Sozialwissenaftler Negt, 59, war während der Studentenunruhen 1968 eine Art Mentor des SDS. Heute lehrt er an der Universität Hannover.
Rudolf Augstein ist für mich eine ziemlich komplizierte, ja widersprüchliche Persönlichkeit. Sich auf sie angemessen einzulassen und doch Elemente einer Nachricht zu vermitteln, die Neues andeutet und Neugierde erregt, erfordert eine eigentümliche Balance zwischen bewundernder Nähe und kritischer Distanz.
Wer jetzt im würdigen und offensichtlich verdienstvollen Alter von 70 steht, wer als leidenschaftlicher Öffentlichkeitsarbeiter über fast ein halbes Jahrhundert hinweg mit spitzer Feder nach dem Prinzip seines Geistesverwandten Karl Kraus, 119, geschrieben hat: "Was nicht trifft, trifft auch nicht zu" - dem wird wenig unbekannt sein, was aus aktuellem Anlaß für ihn zusammengetragen wurde, weder an Lobpreisungen noch an Tadel und Verachtung. Ich will deshalb gar nicht erst den Versuch unternehmen, meine Erörterungen um geistreiche Pointen zu organisieren (etwa der SPIEGEL-Sprache).
Was mich, den auch die heutige Wirklichkeit nicht davon überzeugen kann, daß die dialektische Gesellschaftstheorie in den Aufklärungstraditionen von Kant, Hegel, Marx, Adorno überholt ist und der sich nach wie vor der Linken zurechnet, am Phänomen Augstein und seinem SPIEGEL-Werk interessiert, sind Antworten auf einfache Fragen: Was ist eigentlich politisch an dieser Form des Journalismus? Was sind charakteristische Züge des politischen Journalisten Augstein?
Mit Fragen des Selbstverständnisses ist der SPIEGEL, sind Augstein und die Redakteure in der Öffentlichkeit unentwegt konfrontiert worden, seit Erstaunen, Unbehagen im wiederhergerichteten Herrschaftsbetrieb und mancherlei Mißgunst bei nicht ebenso glücklichen Unternehmungen der Konkurrenz die wachsende Lebensfähigkeit dieses Nachrichten-Magazins (das sich zudem einem durch die Besatzungsmacht fremdgesteuerten Anfangsimpuls verdankte) begleitete.
Diese Verblüffung der Herrschenden war immerhin so groß, daß der Rhein-Ruhr-Klub, eine wohl extrem konservativ zu nennende politisch-wirtschaftliche Vereinigung, Augstein für den 14. April 1953 zu einem Vortrag nach Düsseldorf einlädt. Thema ist der SPIEGEL. "Rettung durch Ungehorsam", diese Formel Bertrand Russels stehe, erklärt Augstein, unsichtbar über den Anfangserfolgen seines der amerikanischen Time und der britischen News Review nachgebildeten Wochenmagazins.
Diese Erfahrung ist jedoch nicht auf Besatzungszeiten zu beschränken; sie bestimmt Augsteins Wirklichkeitsbegriff. "Welche Hauptgefahr gibt es für den SPIEGEL?" stellt er die rhetorische Frage. "Nun, meine Damen und Herren, daß er das Wichtige zugunsten des Interessanten vernachlässigt. Daß er nicht die Wirklichkeit, sondern die Raritäten der Wirklichkeit spiegelt." Nicht Auflagenziffern definieren Erfolg oder Mißerfolg; der Name des Magazins, durch ein weises Vaterwort entschieden (gegen den Titel Echo) drückt ein spezifisches Wirklichkeitsverhältnis des Journalisten aus.
Auch darüber haben sich Augstein und seine Mitarbeiter immer wieder und in unmißverständlichen Maximen geäußert, die im Grunde Kernsätze des SPIEGEL-Statuts aus dem Jahre 1949 variieren. Ganz oben in der Rangordnung des Wichtigen stehen Nachrichten (Neuigkeiten); diese sollen möglichst Schlüssel zum Verständnis des öffentlichen Lebens sein. Eingebettet ist der Neuigkeitsgehalt in eine Story, in einen szenischen Zusammenhang mit handelnden Menschen. Der Mensch ist dem Menschen ein Bedürfnis, hatte Marx gesagt. Die Formel für die Aufmerksamkeitsrichtung des Augsteinschen Journalismus lautet: "Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch." Aber nie geht es nur um den Zustand, die Seite seines Elends. Diese Formel hat den guten Sinn, daß mit Nachrichten nicht lediglich Informationsbedürfnisse erfüllt werden, sondern die Menschen Auswege aus ihrer Situation finden, handelnd eingreifen. Das Pathos der Aufklärung liegt auf der Information; die jungen Leute, die der Nazi-Propaganda und dem Krieg entkommen waren, wollten mit dem Gesinnungsjournalismus brechen. Ein Zentrum der SPIEGEL-Produktionsstätte ist daher von Anfang an das hauseigene Archiv, der "Dokumentationsjournalist" die treffende Berufsbezeichnung. Aber alles zusammengenommen, die guten Grundsätze, der Bienenfleiß von Archivaren und die Untersuchungsarbeit zahlreicher Korrespondenten vor Ort, hätte aus dem SPIE-GEL nicht das machen können, was ihm das Ansehen eines Organs der "Vierten Gewalt" in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft eingebracht hat: als ein "Stück Verfassung" hat Jürgen Seifert ihn bezeichnet. Parteiunabhängig in seinem Satzungsauftrag, beruht die unverwechselbare Identität dieses Nachrichten-Magazins doch wesentlich auf politischer Parteilichkeit.
Der SPIEGEL ist sicherlich nicht mit Augstein gleichzusetzen; aber ohne dessen politische Parteilichkeit hätte sich zwischen News und Stories kein aufklärerischer oder drückende Verhältnisse gar verändernder Zusammenhang bilden können. In dem auf Bescheidenheit pochenden Satz, "richtig informieren heißt auch schon verändern", steckt auch ein bißchen Selbstbetrug und falsches Bewußtsein. Mit dieser Parteilichkeit meine ich übrigens nicht seine FDP-Angehörigkeit, die ich eher als eine Nebensache in seinem Leben einschätze. Daß er es nur wenige Monate als Abgeordneter im Deutschen Bundestag aushielt, zeugt von seinem geradezu instinktsicheren Urteilsvermögen, im bestehenden Machtgefüge die Proportionen wahrzunehmen und sehr genau einzuschätzen, wann die Autonomie des politischen Journalisten, die für Kritikfähigkeit gebotene Distanz zur Macht, bedroht ist. Insofern verkörpert und prägt Augstein eine Ethik des politischen Journalismus, für die ein kontrapunktisches Handeln Wesensmerkmal ist - wenn er auch bei jeder Gelegenheit Skepsis gegenüber dem direkten Worteinfluß des Journalisten geäußert hat. Das ist jedoch eine Frage des Prinzips, nicht der Gunst der Verhältnisse. Vielleicht werden die drüben, schrieb Jens Daniel 1950, eines Tages auch in Kreppsohlen herumlaufen und viele Errungenschaften der westlichen Warengesellschaft in eigener Produktion herstellen; vielleicht ist aber der entscheidende Unterschied in den deutsch-deutschen Gesellschaftsordnungen die "unfaßliche Tatsache, daß hier der letzte Schreiber den amtierenden Bundeskanzler einen Ignoranten nennen darf. Nichts wird uns retten, wenn uns diese Freiheit nicht teurer ist als Brot und Leben, teurer als Ehrgeiz und Macht ..." Das ist aber nur ein Minimum; wo diese Freiheit fehlt, existiert so etwas wie politischer Journalismus überhaupt nicht. Ist sie gesichert, erweitern sich sofort dessen Verantwortungsbereiche.
Denn schöpft journalistische Untersuchungsarbeit ihre Kraft nicht mehr daraus, "unterschlagene Wirklichkeit" der öffentlichen Urteilsbildung zugänglich zu machen, ist sie, entgegen aller Unerbittlichkeit der Enthüllungsabsichten, auf dem besten Wege, sich auf Legitimationen der Macht und der Privilegienordnung der Mächtigen einzulassen. Wenn Gerd Bucerius erklärt, "Augstein-Texte sind Bausteine der Bundesrepublik", dann kann ich das im Zusammenhang dieses eigensinnigen Oppositionsgeistes gegen jede Form des Wirklichkeitsverlustes gut verstehen.
Aber was ist Wirklichkeit? Was "spiegelt" sich auf den Titelseiten, wenn Helden und Opfer, Täter und Verlierer, Gewinner und Versager auftreten, die Zeittypisches zum öffentlichen Ausdruck bringen sollen?
Augstein und der SPIEGEL haben eine große Vergangenheit; das ist wahrscheinlich erst heute richtig einzuschätzen. Im Bildungsprozeß der ersten bürgerlichen Gesellschaft auf deutschem Boden, das heißt einer Gesellschaftsordnung, die durch Feudaladel oder Militär weder bestimmt noch bedroht ist, erwies sich der Aufbau einer rechtlich abgesicherten, aber durch kulturelle Selbstverständlichkeiten zuallererst lebendig auszufüllenden Sphäre urteilsfähiger Öffentlichkeit als der schwierigste und prekärste Punkt des demokratischen und sozialen Rechtsstaates.
Schon in den ersten Jahren der Bundesrepublik Deutschland gibt es, trotz vielfacher Infragestellung im einzelnen und am Rande - zum Beispiel über die Existenzberechtigung freier Gewerkschaften, über parlamentarisch gesicherten Machtwechsel und über die Unabhängigkeit der Gerichte -, ein hohes Maß gemeinsamer Anerkennung. Davon konnte im Zusammenhang einer Öffentlichkeit, die ihre Hauptaufgabe in der Enthüllungsarbeit von Machtmißbrauch und im Aufspüren von Korruption sieht, keine Rede sein. Rudolf Augstein wachsen mit seinem SPIEGEL, der sich ja in der absichtsvollen politischen Meinungsbildung eher zurücknimmt und zunächst nichts anderes sein will als ein für deutsche Verhältnisse einzigartiges, auf verläßliche Informationen gegründetes Nachrichten-Magazin, in dem Maße Sonderaufgaben zu, wie die Parteien (auch die der parlamentarischen Opposition) aus Organisationsformen der Interessenvertretung des souveränen Volkes zu staatsvermittelten Organen der Vormundschaft sich aufwerfen, die sich in ihrem Privilegienanspruch öffentlicher Kontrolle zu entziehen drohen. Für einen geschichtlichen Augenblick steht diese politische Öffentlichkeit durchaus auf dem Spiel; es ist absolut unsicher, ob der von Augstein auf der Minderheitenlinie fortgeführte politische Journalismus der Weltbühne Carl v. Ossietzkys und Kurt Tucholskys das lediglich angemaßte Existenzrecht in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft behält.
Die sogenannte SPIEGEL-Affäre, in der dieser seit längerem geführte Machtkampf zwischen der politisch aufsässig gewordenen Öffentlichkeit und den Regierungsapparaten des CDU-Staates seinen Höhepunkt erreicht, führt zu einer, wie ich meine, für die gesamte Entwicklungsrichtung der westdeutschen Demokratie folgenreichen Grundentscheidung.
Die in Deutschland gegen alle Formen zivilen Ungehorsams und eigensinnigen Verhaltens durchaus bewährte Waffe des publizistischen Landesverrats, die Augstein für kurze Zeit hinter Gitter brachte (wohl kaum zufällig von der Gefängnisverwaltung als "Dissident" geführt), erwies sich zur Überraschung vieler als stumpf; nachdem der von Adenauer beschworene "Abgrund von Landesverrat" in einer Regierungskrise versandet war, beendete der Bundesgerichtshof im Klima einer ihrer eigenen Macht selbstsicher gewordenen Öffentlichkeit am 13. Mai 1965 die ganze Affäre mit der für ihre Urheber blamablen lapidaren Feststellung: Keine Eröffnung des Hauptverfahrens, die Kosten werden der Bundeskasse auferlegt.
Politische Öffentlichkeit als Medium der Machtkontrolle und der kritischen Selbstverständigung der Bürger über den Wirklichkeitszustand ihrer Gesellschaft und über ihre Handlungsalternativen - eine durch zivile Widerstandserfahrungen angereicherte Öffentlichkeit, an deren Herstellung Augstein maßgeblichen Anteil hatte, war inzwischen stark genug, die Zerschlagung des SPIEGEL zu verhindern. Ich halte das für einen Wendepunkt in der westdeutschen Nachkriegsentwicklung. Alle späteren Anschläge auf eine autonome kritische Öffentlichkeit sind, selbst unter äußerst zugespitzten Verhältnissen, wie der Notstandsopposition, der Antikernkraft- und der Friedensbewegung, ja der "Terroristenverfolgung", die den Sicherheits- und Überwachungsstaat herausforderte, zum Scheitern verurteilt. Selbst derartige Versuche fanden kaum noch Anklang. Wenn ich Augsteins Bedeutung für die Prägung eines Begriffs des politischen Journalismus (von bloßen Enthüllungspraktiken ebenso weit entfernt wie von dem auf Intimitätsverletzungen setzenden "Schweine-Journalismus") so in den Vordergrund rückte, daß ich mir ohne ihn die Selbstverständlichkeiten einer mit dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft verknüpften politischen Kultur nicht vorstellen kann, dann ergeben sich daraus Maßstäbe, die man, ohne in den Verdacht der Anmaßung zu geraten, auf den Urheber selbst wird anwenden können. Denn einen merkwürdigen Bruch in dieser sonst so geradlinig erscheinenden journalistischen Lebensgeschichte entdecke ich. Am Ziel angelangt, verwirren sich Augsteins politische Perspektiven. Was aber ist sein Ziel? Er selber hat jedenfalls, in durchaus glaubwürdiger Zurückhaltung und Bescheidenheit, eine politische Utopie seiner journalistischen Arbeit stets entschieden bestritten.
Wie dem auch auch sei: Mir ist kein Journalist der Nachkriegszeit bekannt, der mit vergleichbarer Intensität und Beharrlichkeit Deutschland-Politik betrieben hätte - genauer gesagt: eine Politik der Wiedervereinigung, im vollen Bewußtsein aller Kosten und Preise, die für die Katastrophenerbschaft des Bismarck-Reiches zu entrichten sein werden. Das setzt unmißverständlich mit Jens Daniel im Dezember 1951 ein, als Augstein anläßlich der bevorstehenden Ratifizierung der Montanunionsverträge Adenauers einseitige Westintegration als Weg zur Verewigung der deutschen Spaltung denunzierte.
Nur Variationen zu diesem Grundthema, an dem sich übrigens seine bleibende Sympathie für Kurt Schumacher entzündet, sind die publizistischen Kämpfe gegen Wiederaufrüstung und Straußsche Atompolitik, gegen den Einfluß der Vertriebenenverbände und jene zahlreichen Machenschaften, die Versöhnung mit den östlichen Nachbarn hintertreiben und alles auf die eine Karte von Konfrontation und Politik der Stärke setzen.
Augstein, der sich als entschiedener Verfechter der "Verwestlichung" Deutschlands verstand, kämpfte gleichzeitig gegen eine umstandslose Westintegration, weil ihm offenbar zweierlei bewußt geworden war: daß zum einen der bloße Anschluß an den Westen die deutsche Gesellschaft von der Selbstaufarbeitung des blutigen Erbes entlastet, aber das Verdrängte im Untergrund welterarbeitet. Und daß zum anderen die Spaltung Deutschlands vertieft, die Entfremdung von östlichen und westlichen Kulturen vergrößert wird.
Deshalb sehe ich im Deutschland-Konzept Augsteins drei Faktoren miteinander verknüpft: 1. Eine aktive Ostpolitik als Entspannung und Aussöhnung mit den von Hitler ausgeplünderten und dezimierten östlichen Völkern. 2. Eine Politik innerer Reformen, die gefährliche Modernitätsrückstände beseitigt, vor allem aber in allen Bereichen (den Bildungseinrichtungen ebenso wie der Strafjustiz) die demokratischen Potentiale erweitert und die Lebenschancen gerechter gestaltet. 3. Die Neubestimmung der friedenssichernden Rolle eines Deutschland, das sich seiner kollektiven Haftung für seine vergangenen Verbrechen bewußt geworden ist und das im Verein mit den anderen Völkern jedem Großmachtwahn entsagt.
Ist es völlig verdreht, wenn ich in diesem Sinne von einer Deutschland-Utopie Augsteins spreche? Die staatliche Wiedervereinigung in den Grenzen, die für ihn überhaupt nur in Frage kamen, ist Wirklichkeit; ein wesentliches Ziel des politischen Journalisten Augstein ist erreicht; auch hat er keinen Grund, in die Klage Tucholskys einzufallen, daß es ihm bei allen seinen Attacken und seiner mühsamen Enthüllungsarbeit nicht gelungen sei, auch nur einen einzigen Schutzmann von seinem Posten zu entfernen. Allein die Zahl der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, die Augstein und der SPIEGEL veranlaßt haben, spricht eine deutliche Erfolgssprache.
Trotzdem wage ich zu behaupten, daß Augsteins journalistisches Lebenswerk zu zerbröckeln begonnen hat, jedenfalls genau von jener Seite bedroht ist, die er 1953 in der Rede vor dem Rhein-Ruhr-Klub als Hauptgefahr bezeichnet hat: Wirklichkeitsverlust; Verwechslung des Interessanten mit dem Wichtigen; ein SPIEGEL, der vorwiegend spiegelt, was Raritäten und Oberflächenskandale ausmacht (übrigens, wie immer, umfassend recherchiert und tatsachensicher dokumentiert). Materialien der Gauck-Behörde sind es heute; stolze Erfolge im López-Skandal.
Daß wir in einer Welt der epochalen Umbrüche leben, hat inzwischen den Charakter einer billigen Phrase angenommen. Denn niemand weiß, was die Ursachen sind, wo politische Auswege aus dieser Kulturkrise sich finden. Arrogant und anmaßend wäre es, die Arbeit des Journalisten, die ja wesentlich Kritik im Handgemenge ist, von oben herab einem Theorieurteil ganz anderer Reichweite zu unterwerfen. Deshalb ist es mir ja so wichtig, die Selbstansprüche eines Menschen, der, wie Augstein, ein hohes Maß an Eigensinn und Kontinuität gezeigt hat, zur Orientierung der kritischen Würdigung seiner Person zu nehmen.
In diesem Zusammenhang kann ich mir zum Beispiel überhaupt nicht vorstellen, daß Augstein in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Wucherungen, die kopflose staatliche Wiedervereinigungspolitik in unheiliger Allianz mit einer räuberischen Markt- und Kapitallogik wesentlich mit verursacht hat, die erfüllten Träume seines Deutschlandbildes sehen könnte. Daß er alle alternativen Konzeptionen der Wiedervereinigung, die fast durchgängig dem vermeintlichen Sachgesetz der Beschleunigung widersprachen und eher auf vielfältige, gefächerte Zeitmaße des "Zusammenwachsens" der beiden Gesellschaftsfragmente setzten (starke Gewichtung der föderativen Strukturen einer Kulturnation, aktive Einbeziehung der Bevölkerung in den Einigungsprozeß, Verfassunggebende Versammlung, Runde Tische usw.), sehr schnell und unmißverständlich verwarf, mag der Einschätzung entspringen, die Gunst der historischen Stunde zu nutzen und jedes Risiko zu vermeiden.
Aber es geht dabei nicht um das Aufrechnen von Versäumnissen und Fehleinschätzungen, wer etwa einen größeren Vorrat an Irrtümern angelegt hat, die skeptischen Linksintellektuellen oder die voranschreitenden Patrioten. Vielmehr geht es um eine mir paradox erscheinende Situation im Denken und Verhalten Augsteins: Er, der wie wenige andere die Gebrochenheiten und Risiken der deutschen Geschichte kannte und in seine Tagesarbeit einbezogen hatte, verliert mit dem Abbruch der Mauer, mit dem Ende der zweigeteilten Nachkriegswelt die Sicherheit seiner politischen Urteilskraft, in der Information und Parteilichkeit untrennbar miteinander verbunden waren. Ist dieses wiederhergestellte "Deutschland" für Augstein vielleicht das, was in Kategorien der Individualpsychologie eine Beziehungsfalle genannt werden kann?
Hat die deutsche Wirklichkeit fast alles eingeholt, ja vielfach überholt, was die utopisch gescholtenen und patriotisch abgewerteten Intellektuellen ganz verschiedener Branchen wie Habermas, Graß, Neumark, Biedenkopf, Jens an gesellschaftlichen Gefährdungen bezeichnet haben, so wäre ein Akt der Wiedergutmachung gegenüber dem Realitätssinn der Intellektuellen geboten, die Wiederherstellung ihrer Würde.
Die im SPIEGEL seit der Wiedervereinigung zur Sprache kommende ästhetisierte Selbstentwertung der Intellektuellen, die sich als verantwortungsfreie Harlekine ins .Bild setzen, widerspricht völlig dem, was in einem die intellektuelle Widerstandsfähigkeit durchaus anerkennenden Sinne die Neue Zürcher Zeitung vom 4. Januar 1963 als Tendenz zur "Veraugsteinerung der Intelligenz" bezeichnet hatte. Gemeint war damit ein für deutsche Verhältnisse ungewöhnlicher Typus des Intellektuellen, der sich weder in der "machtgeschützten Innerlichkeit" einrichtete noch diensteifrig Legitimationswissen für die Mächtigen produzierte, der vielmehr Verantwortung für die Gestaltung des Gemeinwesens übernahm.
An dieser Verantwortung möchte ich festhalten; sie ist um so nötiger für unsere Gesellschaft, als die Sphäre einer autonomen politischen Öffentlichkeit von Auszehrung bedroht ist. Dadurch wachsen die Bereiche "unterschlagener Wirklichkeit", in denen zunehmend die eigentlichen Skandale der Gesellschaft angesiedelt sind - jene Brandherde des öffentlichen Unglücks, die mit einer gespensterhaften Unwirklichkeit, mit einem fast undurchdringlichen Schleier des Selbstbetrugs und einer Unterhaltungsatmosphäre des ruchlosen Optimismus überzogen und unkenntlich gemacht sind. Für die politischen Folgen solcher Unwirklichkeit hatte Rudolf Augstein, jedenfalls im Bezugsrahmen der alten Bundesrepublik, ein sicheres Gespür.
So ist, soll die SPIEGEL-Story nicht lediglich aus dem Stoff einer heroischen Vergangenheit bestehen, sondern ihre Fortsetzung unter den gegenwärtig aufs äußerste verschärften Krisenbedingungen finden, ein politischer Neuanfang dieses Nachrichten-Magazins erforderlich. Ohne politische Zukunftsorientierung würde der SPIEGEL genau jenes Pfund verlieren, mit dem er bisher auch in der sich verändernden Medienlandschaft wuchern konnte.
Am Ende möchte ich deshalb ein SPIEGEL-"Bild" skizzieren, das Ausdruck meiner SPIEGEL-Utopie ist, aber so, daß ich die journalistische Maxime aufnehme: Nur die Geschichte ist eine gute Geschichte, die der Leser zu Ende schreibt; nur die Information ist interessant, die das Informationsbedürfnis vergrößert.
Von größter Dringlichkeit ist die Einleitung einer zweiten Reformperiode; es ist deutlich zu machen, daß unmöglich gelingen kann, eine in sich von Krisen erschütterte Ordnung als Modell auf ein anderes, rückständiges Gesellschaftsfragment zu übertragen. Nur ein beide deutsche Gesellschaftsordnungen einbeziehendes gesamtdeutsches Reformprojekt, das die Arbeitsvermögen der ostdeutschen Bevölkerung, ihre Selbstwertgefühle und ihre Fachkompetenzen, die im westdeutschen Kolonialstil auf den Punkt totaler Entwertung gebracht wurden, ernst nimmt und den dort lebenden Menschen eine sinnvolle Zukunftsperspektive vermittelt - erst eine solche gesamtdeutsche, also kollektive Anstrengung könnte Wege aus der gegenwärtigen Misere weisen.
Nicht die Reformen sind zu teuer: Immer unbezahlbarer wird der gegenwärtige Zustand der Nicht-Reformen. Signale für solche Gesellschaftsreformen zu setzen, wäre übrigens auch eine konsequente Fortsetzung der Augsteinschen Deutschland-Politik, vielleicht doch noch eine Möglichkeit, seiner Deutschland-Utopie einen befreienden Wirklichkeitsgehalt zu verschaffen.
Nichts wird sich im Zusammenhang dieses kollektiven Aufbruchs für eine menschlichere Gestaltung der deutschen Gesellschaft noch bewegen lassen, ohne die in die Tiefe der Gesellschaftsstruktur abgesackten Skandale an die Öffentlichkeit zu bringen. Systemkritik war die Bezeichnung für diese Infragestellung von Grundmustern unserer gesellschaftlichen Lebensordnung; in den Bereichen "unterschlagener Wirklichkeit" journalistische Forschungsarbeit zu leisten bedeutet heute, da der Kapitalismus seine kommunistische Legitimationsfolie verloren hat, immer stärker, den neuen Mythen auf den Leib zu rücken: dem Mythos des Marktes, dem Mythos des Kapitals. Um sie herum bewegen sich auch handelnde und irrende Menschen, aber die wirklichen Skandale werden nicht mehr von ihnen verursacht, sondern nur noch repräsentiert.
Ist unser Zeitalter vielleicht reif für eine neue Kapitalismuskritik? Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn Rudolf Augstein, jetzt eingetreten ins Weisheitsalter, für beide Neuanfänge öffentliche Zeichen setzt.
Von Oskar Negt

SPIEGEL SPECIAL 6/1993
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