01.08.2002

FACHHOCHSCHULEN„Alles top, einfach traumhaft“

Die Fachhochschulen haben sich zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Universitäten gemausert - die Studienzeiten sind kurz, die Zahl der Studienabbrecher ist gering. Doch die Politik scheut den weiteren Ausbau der FHs.
Nach dem Abitur geht Alexander Röckl erst einmal auf Nummer Sicher. Er lernt Kommunikationstechniker bei Bosch. Doch schnell erkennt der junge Schwabe aus Oberbohingen: "Ohne Studium ist keine Karriere zu machen."
Also muss ein Hochschulabschluss her. Röckl informiert sich, zuerst an der Universität Hohenheim. Fazit negativ: "Zu theoretisch, keinen Bezug zur Praxis, zu anonym." Insgesamt präsentiert sich ihm die Uni als kalt und abweisend.
Ganz anders die Fachhochschule Esslingen, die er dann inspiziert. "Ein exzellenter Ruf, beste Verbindungen zur Wirtschaft, eine familiäre Atmosphäre", so sein Eindruck. Röckl schreibt sich in Esslingen ein.
Auch sieben Semester später hält der zukünftige Wirtschaftsingenieur seine Entscheidung "für absolut richtig". "Hier an der Fachhochschule ist alles top, einfach traumhaft", sagt der 28-Jährige. Im nächsten Frühjahr macht er Examen.
Wie Röckl entscheiden sich immer mehr Studenten gegen den Frust an den Unis. Ein straffes Studium, kleine Seminare, persönlicher Austausch mit den Professoren, direkter Kontakt zur Praxis, meist gute Berufsaussichten - die deutschen Fachhochschulen, einst als Schmuddelkinder der akademischen Ausbildung verrufen, als Sammelbecken für Schmalspur-Intellektuelle diffamiert, haben sich zum Erfolgsmodell gemausert. Die überfüllten Massen-Universitäten können oft nur neidvoll auf ihre kleinen Mitbewerber blicken.
Im Rahmen der Bildungsexpansion starteten 1969 die ersten drei Fachhochschulen: in Flensburg, Kiel und Lübeck. Heute studieren rund 451 600 der insgesamt etwa 1,9 Millionen Studenten an den 156 FHs - Tendenz weiter steigend. Mehr als die Hälfte aller Ingenieure und immerhin ein Drittel aller Wirtschaftswissenschaftler besitzen bereits ein FH-Diplom.
Der Bildungstheoretiker Jürgen Mittelstraß fordert zu Recht, "die Fachhochschulen zur Regelhochschule zu erheben" und "zu Lasten der Universitäten auszubauen". Der Wissenschaftsrat verfolgt seit langem das gleiche Ziel. Rund 60 Prozent der deutschen Studenten sollten, so die Forderung des Gremiums, an einer FH eingeschrieben sein.
Die Universitäten für die wissenschaftliche Elite, die effizient organisierten und berufsnahen Fachhochschulen für das Gros der Studenten - das wäre nach übereinstimmender Ansicht fast aller Bildungspolitiker die Lösung für die deutsche Hochschulmisere. Doch im letzten Jahrzehnt sind den Sonntagsreden kaum Taten gefolgt. Nur Bayern hat seit 1994 mit mehr als 200 Millionen Euro vier neue Fachhochschulen gegründet. "Die Bilanz ist überaus positiv", erklärt der bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair, "von Seiten der Studenten werden die neuen Fachhochschulen stark nachgefragt, und bei der Wirtschaft finden sie große Anerkennung."
Während sich in Sachsen-Anhalt, dem Bundesland mit dem höchsten Anteil an FH-Studenten, immerhin 38,5 Prozent aller Studierenden an einer Fachhochschule eingeschrieben haben, sind es in Nordrhein-Westfalen gerade mal 19, in Berlin nur rund 16 und im Saarland nicht einmal 15 Prozent.
Noch immer bilden die deutschen Universitäten alle Studenten ohne Unterschied zu potenziellen Wissenschaftlern aus - dabei wollen die meisten lediglich einen akademischen Abschluss, um in der Wirtschaft Karriere zu machen und nicht, um einen Nobelpreis zu bekommen. An den Fachhochschulen studieren traditionell Ingenieure, Betriebswirte und Sozialpädagogen. Warum nicht auch andere Berufe? Warum nicht Juristen, Lehrer, Pharmazeuten, Zahnmediziner - Studiengänge, die auch jetzt schon praxisorientiert sind oder nach Meinung von Fachleuten ihre Lehrpläne verstärkt am späteren Berufsalltag ausrichten sollten.
Die Antwort ist simpel: vor allem, weil die Universitäten und Berufsverbände eifersüchtig über ihre Pfründen wachen. Die Professoren sorgen sich um Geld und Einfluss, die Studenten um ihr späteres Sozialprestige. "Dabei wissen alle, dass in den berufsorientierten Studiengängen die FHs unschlagbar sind", sagt Jürgen van der List, Rektor in Esslingen.
Die Ausbildung zum Wirtschaftsjuristen etwa, eine Mischung aus Betriebswirtschaft und Jura, bieten inzwischen mehr als 20 Fachhochschulen an. Doch Vertreter der deutschen Anwaltschaft und namhafte Jura-Professoren versuchen die Ab-solventen als "Sachbearbeiter für Rechtsfragen" zu diffamieren. Und das, obwohl die meisten der FH-Wirtschaftsjuristen in Unternehmen leicht einen Job finden. Ganz im Gegensatz zum Heer der jungen Rechtsanwälte, die von den Universitäten kommen.
Dass sich das Studium zumindest teilweise an den Interessen der Wirtschaft orientiert, ist in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit für viele Abiturienten ein richtiges Signal. So sehen Studenten, aber auch Professoren der FH Esslingen fast nur Vorteile darin, dass die Hochschule zahlreiche Gastdozenten aus mittelständischen Unternehmen und der Großindustrie beschäftigt. Es regt sich auch kein Widerspruch, wenn der Vorsitzende des Vereins der Freunde der FH in leitender Position bei DaimlerChrysler angestellt ist.
Für die Esslinger FH-Studentin Miriam Gfrörer, 21, wird der Schritt in den Beruf in zwei Jahren jedenfalls ein Leichtes sein, einfacher womöglich als für viele ihrer Kommilitonen an den Universitäten. Schon zu Anfang des Studiums hat ihr Dekan die zukünftige Maschinenbauerin mit einem Vertreter der Firma Bosch zusammengebracht.
Jetzt bekommt Gfrörer ein Stipendium des Elektronikunternehmens, hat dort einen Mentor, der sich alle vier bis sechs Wochen mit ihr trifft, im Werk in Stuttgart wird sie wahrscheinlich ein Praxissemester absolvieren und vielleicht auch ihre Diplomarbeit in Kooperation mit dem Konzern schreiben. "Einen Job finde ich nach dem Examen auf jeden Fall", erklärt Gfrörer locker. Wahrscheinlich bei Bosch.
Für DaimlerChrysler seien die Fachhochschüler "von außergewöhnlicher Bedeutung", sagt Klaus-Dieter Vöhringer, im Vorstand zuständig für Forschung und Technologie. "Durch die Praktika kennen wir die Absolventen schon, bevor sie fest zu uns kommen, und die kennen uns", betont der gelernte Maschinenbauer. Kürzere Einarbeitungszeiten, weniger Irrtümer bei Einstellungen - der FH-Absolvent lohnt sich für den Konzern. "Die Karrierechancen mit FH-Diplom entsprechen heute weitgehend denen mit einem Universitätsabschluss", so der Manager. Schließlich besitzt auch Vöhringers Chef, der oberste Daimler-Lenker Jürgen Schrempp, einen FH-Abschluss.
Allein der Öffentliche Dienst stellt sich stur. In der streng hierarchischen Welt der Staatsdiener ist der höhere Dienst für Universitätsabsolventen reserviert. Für Beamte mit FH-Abschluss bedeutet das jeden Monat ein paar hundert Euro weniger an Bezügen. Bisher sind alle Versuche, diese widersinnige Regelung zu kippen, gescheitert. Parteiübergreifend sperren sich die Innenminister - unter anderem aus Geldmangel.
Ein weiteres Handicap für FH-Studierende: Wer sich später mit einem Doktortitel schmücken möchte, kann diesen nur an einer Universität erlangen. Dort werden ihm jedoch häufig zusätzliche Seminare abverlangt, bevor er überhaupt mit der Promotion beginnen darf.
Dabei müssen die meisten FH-Studenten ebenso hart schuften wie ihre Uni-Kollegen - oder gar mehr. Blaumachen, sich im Seminar von anstrengenden Nächten in Kneipen und Clubs erholen, das fällt beim Unterricht in kleinen Gruppen sofort auf. Alexander Röckl hat rund 30 Wochenstunden bei seinen Dozenten, dazu kommen Vorbereitung und Nachbereitung, Studienarbeiten, Prüfungen. "Das ist hier schon ein harter Job ", so Röckl. Die Kommilitonin Gfrörer assistiert: "Eine 40-Stunden-Woche hast du nicht."
Die Universitäten werfen den Fachhochschulen vor, sie seien reine Paukanstalten wie die Schule, die Studenten lernten dort weder kritisches noch analytisches Denken. Doch dafür gibt es keine wissenschaftlich fundierten Belege. Die meisten Uni-Studenten wünschen sich, so haben diverse Untersuchungen ergeben, viel mehr vorgegebene Orientierung, ähnlich wie an den Fachhochschulen. Denn das, was die Universitäten gern als Freiheit der Lehre verkaufen, bedeutet in der Realität oft nur, dass sie ihre Studenten vernachlässigen und sich selbst überlassen.
Das Selbstbewusstsein vieler FH-Professoren und -Studenten ist entsprechend groß. Der Numerus clausus ist an Fachhochschulen häufig schärfer als an den Universitäten. Und während an den Unis im Durchschnitt 30 Prozent der Studenten ihr Studium abbrechen, sind es an den FHs nur etwa 20 Prozent.
Auch der Vorwurf der Provinzialität trifft nur noch einen Teil der Fachhochschulen. An der FH Esslingen etwa geht jeder dritte Maschinenbaustudent während seines Studiums ins Ausland. An einem eigenen Fremdspracheninstitut bietet die Hochschule Kurse nicht nur in Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch an, sondern auch in Chinesisch und Japanisch. Englisch ist Pflicht für alle. Seit diesem Jahr stehen in Esslingen zudem drei englischsprachige Master-Studiengänge für ausländische Studenten auf dem Lehrplan.
Wer an der Fachhochschule Reutlingen die European School of Business besucht, der verbringt gar zwei Jahre im Ausland, wer sich für Außenwirtschaft und International Business einschreibt, muss für mindestens ein Praxissemester nach draußen wechseln. Und an der Hochschule Bremen sind für Studenten in zwei Dritteln aller Studiengänge einige Monate in der Fremde vorgeschrieben.
Kaum ein Universitätsprofessor wagt mehr zu kritisieren, dass sich die Fachhochschulen im internationalen Bildungswettbewerb "Universities of Applied Sciences" nennen - sind sie doch genauso gut oder gar besser als manch ausländische Akademikerschmiede mit traditionsreichem Namen.
Auch im Vergleich zu den deutschen Universitäten hat manche Fachhochschule auf dem Weg in die Zukunft bereits einen Vorsprung. Etwa die erst nach der Wende gegründete Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Berlin:
* Um die Qualität von Lehre und Forschung zu verbessern, wird die gesamte Hochschule flächendeckend evaluiert, die Lehrveranstaltungen werden bewertet. Die besten Dozenten bekommen Prämien, für alle Professoren gibt es didaktische Weiterbildungsangebote.
* Um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, verfügen die Fachbereiche eigenverantwortlich über ihre Finanzen. Ein Teil der Gelder wird leistungsabhängig vergeben. Außerdem stellte die FHTW Anfang dieses Jahres von der Kameralistik auf kaufmännisches Rechnungswesen um.
* Damit die Hochschulleitung schnell und effektiv entscheidet, wurden die Leitungsstrukturen gestrafft. Ein Hochschulrat, in dem auch Mitglieder von außerhalb sitzen, soll für mehr Realitätsbezug sorgen.
* Darüber hinaus hat die FHTW ihre Zusammenarbeit mit ausländischen Hochschulen intensiviert, führt Bachelor- und Master-Abschlüsse ein und modernisiert ihre Computer- und Netzinfrastruktur.
Für so viel Engagement zeichnete das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung die Berliner als "Best-practice-Hochschule" 2001 aus. "Ins Zentrum ihrer Reformen hat die FHTW die greifbare Verbesserung der Qualität und Attraktivität der Lehre gestellt", heißt es in der Begründung der Jury. Und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zählt die Berliner zu den fünf "ReformFachhochschulen" in Deutschland und zahlt als Anerkennung dafür drei Jahre lang eine Prämie von jeweils 300 000 Euro.
Die knapp 8000 Studierenden büffeln an der auf mehrere Standorte vor allem im Berliner Osten verteilten Hochschule nicht nur das nötige Know-how für technische, wirtschaftliche, gestalterische und kulturwissenschaftliche Berufe. "Interdisziplinarität ist eine unserer Stärken", sagt FHTW-Präsident Helmut Schmidt.
So werden etwa in dem Studiengang Umweltverfahrenstechnik Inhalte aus den Fächern Bauingenieurwesen, Fahrzeugtechnik und Maschinenbau kombiniert. Der Studiengang BWL/Immobilien wiederum verknüpft betriebswirtschaft- liches, rechtliches und technisches Wissen, damit die Absolventen in der Immobilienwirtschaft möglichst weit nach oben kommen.
Eine Besonderheit ist das Existenzgründerzentrum. Die Einrichtung für die Unternehmer von morgen bietet billigen Büroraum, technische Unterstützung und berät in allen Fragen der Selbständigkeit. Über 30 junge Firmen haben sich derzeit in dem Komplex niedergelassen. Und davon kann jeder Studierende profitieren.
Etwa Ann-Katrin Uhsemann, derzeit im achten Semester des Fachs Bekleidungsgestaltung. Die 25-Jährige träumt von einer eigenen Modelinie - und sie arbeitet bereits daran, diesen Traum zu verwirklichen.
Vor wenigen Wochen hat sie mit Kommilitoninnen einen Laden inklusiv Werkstatt im Berliner Szene-Viertel Friedrichshain gemietet. "Wir haben erst mal zwei Monate selbst renoviert", erzählt sie nicht ohne Stolz. Nähmaschinen, Puppen und Schneidetische aus zweiter Hand stehen schon bereit. "Bündchen-Liga" soll das neue Mode-Label heißen, vielleicht.
Noch muss jeder Geld zuschießen, um Miete und Arbeitsmaterialien bezahlen zu können. "Kommerzieller Erfolg ist erst einmal nicht so wichtig", sagt Uhsemann, "wir wollen vor allem tolle Klamotten machen."
So richtig mag sie es noch nicht aussprechen. Aber dann sagt sie es doch: "Natürlich würden wir gern irgendwann den ganz großen Erfolg haben."
Vielleicht führt sie ihr Weg ja von der FHTW Berlin bis zu den Laufstegen in Paris, London oder New York. JOACHIM MOHR
Von Joachim Mohr

SPIEGEL SPECIAL 3/2002
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