01.08.2002

FACHHOCHSCHULENGezielte Nachwuchsförderung

Berufsakademien kombinieren Studium und betriebliche Ausbildung.
Einen Beruf lernen und gleichzeitig studieren - das klang für Sabrina Kerber verlockend. Also zog die Abiturientin von Hannover nach Stuttgart, begann bei einer großen Versicherung eine Lehre und schrieb sich gleichzeitig an der Berufsakademie Stuttgart ein.
Jetzt wechselt die 22-Jährige im vierteljährlichen Rhythmus zwischen Betrieb und Akademie, Semesterferien gibt es keine, dafür an jedem Monatsende einen Scheck in Höhe des Lehrgehalts. Der Unterricht läuft wie in einer Schulklasse, Anwesenheit ist Pflicht.
"Jobben und studieren, das ist stressig", sagt Kerber, "da musst du oft auch am Wochenende was tun." Dafür hat die junge Frau gute Aussichten, dass ihr Arbeitgeber sie nach der Ausbildung auch übernimmt.
Das Modell Berufsakademie (BA), eingeführt zuerst im Jahr 1974 von Baden-Württemberg, ist eine drei Jahre dauernde Mischung aus Kurzstudium und Lehre in den Fachrichtungen Wirtschaft, Technik oder Sozialwesen. Inzwischen bieten auch die Bundesländer Berlin, Sachsen und Thüringen diese Bildungsform an. "Die Berufsakademien sind eine der wichtigsten Innovationen im Hochschulbereich", sagt Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg.
Doch nicht alle Kollegen teilen die Ansicht des Christdemokraten, viele Bildungspolitiker halten die akademischen Ansprüche für nicht hoch genug. So weigert sich die Mehrheit der Bundesländer, die Berufsakademien als Hochschulen anzuerkennen und ihre Zertifikate denen von Fachhochschulen gleichzustellen.
Denn Freiheit der Lehre kennt die BA nicht, Kultusbeamte und Unternehmer bestimmen gemeinsam den Lehrstoff. Nur eines zählt: Praxisnähe und Effektivität.
Vor allem für die Wirtschaft hat der Ausbildungsweg Vorteile: Nicht die Akademien, sondern die Firmen entscheiden über die Zulassung zum Studium. Die Personalchefs melden ausgesuchte Mitarbeiter bei der Berufsakademie an.
Die Firmen können sich so ihren Nachwuchs gezielt für eigene Bedürfnisse heranziehen. Doch darin liegt auch eine Schwachstelle der Akademien: Die Qualität der betrieblichen Ausbildung schwankt enorm zwischen den einzelnen Unternehmen.
Bundesweit gibt es rund 25 000 Studenten an Berufsakademien. In Baden-Württemberg hatten im Jahr 2000 von allen Absolventen einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung immerhin 45 Prozent einen BA-Abschluss, 30 Prozent ein FH- und nur 25 Prozent ein Universitätsdiplom.
Nach einer internen Untersuchung des Computerkonzerns IBM steigen BA-Absolventen bis zum Alter von 44 Jahren im Durchschnitt schneller auf und verdienen mehr Geld als ihre Kollegen von den Fachhochschulen und Unis. Mit zunehmendem Alter und steigender Hierarchie verschwindet jedoch der Vorsprung der Schmalspur-Akademiker.
Ganz oben sitzen überwiegend Universitätsabgänger. JOACHIM MOHR
Von Joachim Mohr

SPIEGEL SPECIAL 3/2002
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