01.10.2002

BIOGRAFIENSelbsthass eines Meisterdenkers

Einst galt Jean-Paul Sartre als bedeutendster Kopf Europas. Mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod porträtiert ihn sein Biograf Bernard-Henri Lévy als zerrissenen Geist / Von Romain Leick
Die Stimmung hatte zunächst ein wenig an ein Fest erinnert. Doch dann ging die Menge auseinander wie nach einer misslungenen Demonstration - unschlüssig und leicht deprimiert. Gut 50 000 Menschen waren an jenem kühlen Apriltag des Jahres 1980 zu Jean-Paul Sartres Begräbnis auf dem Montparnasse gekommen. Die Beerdigung des Philosophen, der weit über Paris und Frankreich hinaus als der absolute Intellektuelle galt, geriet zur letzten monumentalen Kundgebung - und zum endgültigen Abgesang - der 68er-Bewegung.
Einer, der damals im Trauerzug mit- lief, war Bernard-Henri Lévy, heute 53. Manchmal hatte er den berühmten Mann in dessen tristem winzigen Appartement besucht: ein kleiner gebrechlicher Körper, ein aufgedunsenes Gesicht, blinde Augen, ein zahnloser Mund, aus dem mit schwacher Stimme undeutlich artikulierte Worte drangen.
Ein Gefühl der Unwirklichkeit befiel Lévy, den jungen, aufstrebenden Denker und Essayisten, der mit seinem 1977 veröffentlichten Werk "Die Barbarei mit menschlichem Antlitz" schon ersten Ruhm genoss. Hatte dieser erschöpfte Greis, der nun, 74-jährig, als Wrack gestorben war, tatsächlich jene Worte verkündet, die den ganzen Planeten umkreisten, "um anschließend wie ein hartnäckiger Bienenschwarm an diesem Nachmittag auf dem Friedhof zu uns zurückzukehren?" War Sartre der einzige seiner Art oder vielleicht das letzte Exemplar einer jetzt mit ihm ausgestorbenen Gattung?
Als er am 15. April 1980 dahinschied, trat Sartre augenblicklich ins Reich der Legende ein - vergrößert, verklärt, entrückt. Die, die ihm Lebewohl sagten, nahmen Abschied von einer Epoche. Die Apotheose leitete zugleich das Vergessen ein: Mit Sartres Leichnam wurden auch seine Werke und Gedanken beerdigt, vorläufig zumindest.
Zwanzig Jahre danach hat Lévy es unternommen, ein neues, zeitgemäßes Bild des Philosophen zu entwickeln, der wie kein anderer das 20. Jahrhundert verkörperte. Seine Studie löste in Frankreich eine intensive Selbstbesinnung aus. In der Wiederbeschäftigung mit Sartre wurde der rätselhafte große Mann jenseits blinder Gefolgschaft oder hasserfüllter Gegnerschaft neu entdeckt, interpretiert und rehabilitiert - eine überraschende Rückkehr aus dem Fegefeuer.
Nun liegt Lévys Versuch, jenes komplizierte, paradoxe und dunkle Abenteuer auszuloten, das den Namen Sartre trug, in deutscher Ausgabe vor.
Die treffliche, wunderbar zu lesende Übersetzung von Petra Willim hat die anschauliche Qualität dieser intellektuellen Biografie ohne Abstriche erhalten. Ein Namenregister, das im französischen Original fehlte, mehrt den Nutzwert des Buchs für die Wanderer auf Sartres Spuren beträchtlich.
Lévy hatte lange mit seinem Projekt im Kopf gelebt, ohne sich entschließen zu können, es zu verwirklichen. Denn er war nie ein wirklicher Sartreaner gewesen; als einer der Wortführer der "Neuen Philosophen" gehört er vielmehr wie André Glucksmann zu den Intellektuellen, die Ende der siebziger Jahre in Frankreich die radikale Wende der Nachkriegszeit vollzogen: weg von der Faszination des Marxismus, hin zur kritischen, antitotalitären Aufklärung. Und diese Umkehr bedeutete eben auch Abschied von Sartre, der nacheinander Stalin, Mao, Castro, Pol Pot, die terroristische Rote Armee Fraktion (mit seinem spektakulären Besuch bei Andreas Baader im Hochsicherheitstrakt von Stammheim) verteidigt hatte und allen großen politischen Irrtümern der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts erlegen war.
Lévy berichtet, dass Sartre ihm auf die Nerven gegangen sei, als er 20 war. Er wurde während des Studiums an der ehrwürdigen Ecole normale supérieure, die auch Sartre von 1924 bis 1928 besucht hatte, geistig erwachsen, ohne den Meister wirklich zu lesen und zu verstehen: "Wir hielten ihn für einen philosophischen Dinosaurier."
Diese Distanz bewahrte ihn freilich auch davor, Sartre zu verdammen und zu verlachen. Er war sich, wie er sagt, "weder sicher, ihn geliebt zu haben, noch umgekehrt, ihn nicht geliebt zu haben". Denn Lévy war nicht entgangen, dass Sartre, krank, unfähig zu lesen und die meiste Zeit im Dämmerzustand, kurz vor seinem Tod drauf und dran war, sich gewissermaßen zu bekehren, und wie ein begnadeter Phönix noch einmal ansetzte, sich neu zu entfalten.
Zusammen mit Raymond Aron, den er als Student kennen gelernt hatte und mit dem er seit 30 Jahren verfeindet war, bat Sartre den ansonsten verachteten Staatschef Valéry Giscard d''Estaing darum, vietnamesischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren, um den "Boat people" ein "Auschwitz auf dem Wasser" zu ersparen. Was am Ende zählte, war nur noch das Leiden der menschlichen Kreatur, nicht die Verheißung doktrinärer politischer Systeme.
Sartres Widersprüche ließen Lévy nicht mehr los. Wie konnte es zu dieser Spaltung der philosophischen Persönlichkeit kommen? Warum wandelte sich der Mann, der als Existenzialist die radikale Freiheit des Einzelnen propagierte, zu ei-
nem intellektuellen Scharfrichter, der jeden Antikommunisten wie einen räudigen Hund behandelte, worüber sogar die Freundschaft mit dem sensiblen Albert Camus zerbrach?
Bei allem Detailreichtum ist Lévys Buch keine klassische Biografie, sondern, wie der Autor sagt, ein "philosophischer Report". Und der handelt im Grunde einzig und allein von der Frage, "wie der freieste Mensch, der beste Schriftsteller, der Anarchist der dreißiger Jahre, der bis zum Schluss bekennende Antiautoritäre, auch der große Verirrte werden konnte, als den wir ihn erlebt haben".
Lévys verblüffende Entdeckung: Sartres intellektuelle Schizophrenie ist nicht einfach ein Produkt verschiedener biografischer Phasen, sie richtet sich nicht nach der Chronologie eines tragischen Lebenslaufs. Es gibt nicht zuerst den "guten", reinen, mitleidenden Sartre (etwa den des "Ekels" oder der "Wege der Freiheit") und dann den "bösen", abwegigen Propagandisten und Apologeten revolutionärer Gewalt (etwa in der "Kritik der dialektischen Vernunft"). Beide sind ständig unauflöslich vermischt, existieren auf bizarre Weise nebeneinander, in unterschiedlichen Texten und oft genug auch in einem einzigen Text, als hätte Sartre beim Schreiben, das für ihn mit Denken identisch war, jeweils zwei Stadien der Inspiration durchlaufen: "Das Gute und das Böse, das Verlangen nach Freiheit und der Geschmack der Knechtschaft. Es sind zwei in einem. Sartre ist eine Romanfigur. Ein Held, wie ihn Dostojewski hätte erfinden können."
Gewiss ist es dieser Zwiespalt, der am Ende das mythische Bild eines zugleich abstoßenden und angebeteten Schriftstellers schuf. Als Denker wirkte Sartre wie ein Magnet, um den sich die Widersprüche seiner Epoche positiv und negativ anordneten. Das macht ihn tatsächlich zum prototypischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Zeugen und Ankläger, Opfer und Täter, Wegweiser und Rattenfänger. Die Frage, die Sartres unermüdliche Studien über Flaubert ("Der Idiot der Familie") bestimmte, stellt sich auch für ihn selbst: Welches organische Band verknüpft den Schriftsteller mit seiner Zeit? Der Umfang, die Vielfalt, die Evolution des ebenso eindrucksvollen wie oft verkannten Werks spiegeln Sartres Jahrhundert in einem Konzentrat, scharf und verzerrt zugleich.
Sartre deutete das Leben als langsame, unregelmäßige Bewegung hin zum Universellen. Das reife "Alter der Vernunft" wird erreicht, wenn der einsame Mensch in seiner radikalen Einzigartigkeit seine kollektive Dimension entdeckt. Für ihn selbst traf diese Reifekrise zusammen mit dem Umsturz, den der Zweite Weltkrieg bedeutete: Er erlebte den Einbruch der Geschichte ins Individuelle und die Dezentrierung seiner kulturellen Welt.
Wenn es denn überhaupt einen Wendepunkt in Sartres Biografie gab, so glaubt Lévy ihn hier gefunden zu haben: Die neun Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft rissen Sartre aus dem trivialen Dasein eines geistig neugierigen, aber politisch eher teilnahmslosen Philosophielehrers heraus.
In Berlin hatte er als Stipendiat ein Forschungsjahr (1933 bis 19 34) verbracht und von Hitlers Machtergreifung praktisch nichts gemerkt. Im Gefangenenlager bei Trier entdeckte er 1940 inmitten seiner im Elend vereinten Kameraden eine bis dahin unbekannte "Form des kollektiven Lebens". Im Krieg, erklärte Sartre 1975 in seinem "Selbstporträt eines Siebzigjährigen", habe sein Wechsel vom "Individualismus und dem reinen Individuum zum Gesellschaftlichen, zum Sozialismus" stattgefunden.
Seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, mit der er nach seinen eigenen Worten eine "morganatische Ehe" unterhielt, bestätigte einmal, die Kriegsgefangenschaft habe Sartre die Solidarität gelehrt: "Er empfand eine enorme Befriedigung darin, in der Masse aufzugehen, eine Nummer unter anderen zu sein."
Sartre sei ins Lager gekommen als Individualist, meint Lévy, die Idee des Kollektivs sei ihm bis dahin wie eine finstere Form der Unterdrückung vorgekommen. In die Freiheit entlassen wurde er als Umerzogener, bekehrt zu den "Werten der Gemeinschaft" - ein Wandel, der auf unheimliche Weise dem stalinistischen Gulag und der maoistischen Vision vom neuen Menschen entspricht.
Zu Weihnachten 1940 verfasste Sartre für seine Kameraden im Lager das Theaterstück "Bariona oder Der Sohn des Donners", ein kaum bekannter Text, der nie öffentlich aufgeführt wurde, den Lévy aber für außerordentlich wichtig hält. Denn man findet dort das Fundament Sartres, den Bruch, in dem sich der Vorkriegsdandy, der Literaturnarr in den kämpferischen Intellektuellen verwandelt und auf den Weg in die Kumpanei mit den Kommunisten macht.
Sartre schrieb, solange er konnte, jeden Tag mindestens sechs Stunden lang, Tausende und Abertausende von Seiten voll. Lévy hält den Schriftsteller, vor allem den Romancier, für besser als den philosophischen Theoretiker. Je älter Sartre wurde, umso mehr verachtete er beides in sich, den Literaten und den Intellektuellen. "Am Ursprung des Sartreschen Totalitarismus steht dieser letzte Zug", befindet Lévy, "der Hass auf die Literatur und auf sich."
Vielleicht blieb er auch dadurch ein ewig jugendlicher Rebell, ein alter Mann, der sich gebärdete wie ein pubertierender Jüngling, im Innersten schmerzlich vereinsamt und vom Drang getrieben, in der Bande aufzugehen: "Ein prekäres Wesen, das sich selbst abschaffen, seine Exteriorität aufgeben, zum Volk gehen muss, um dort auch zu bleiben."
"Dieser Alte, das war unser junger Mann", zitiert Lévy zum Abschluss das Volk von Paris, das sich bei Sartres Begräbnis drängte.
Bernard-Henri Lévy
Sartre
Der Philosoph
des 20. Jahrhunderts
Aus dem Französischen von Petra Willim. Carl Hanser Verlag, München; 672 Seiten;
32,90 Euro
* Mit RAF-Anwälten Hans-Christian Ströbele, Klaus Croissant und Dolmetscher Daniel Cohn-Bendit (r.).

SPIEGEL SPECIAL 4/2002
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