01.10.2002

BIOGRAFIENEIN TRAURIGER HUMORIST

Sander Gilman beschreibt das Leben des Jurek Becker als Spagat zwischen Ost und West.
Fünfeinhalb Jahre nach dem Tod Jurek Beckers legt der amerikanische Kulturwissenschaftler Sander L. Gilman die erste Biografie dieses deutschen Schriftstellers vor. Gilmans Eltern waren polnische Juden wie Beckers Eltern, doch anders als diese emigrierten sie vor dem Einmarsch der Nazis in die USA. Der Autor, Jahrgang 1944, "kannte und mochte" seinen 1937 geborenen Helden unter anderem aus gemeinsamen Universitätsseminaren über Beckers literarisches Werk: "Ich war der Ornithologe, er der Vogel." Um es vorweg zu sagen: Der seltene Vogel Jurek Becker hat einen "Ornithologen" bekommen, wie er ihn verdient: Der Biograf hält sich an die präzise aufgeführten Quellen und bleibt, wo nötig, diskret.
Als Jerzy, genannt Jurek, 1937 in Lodz geboren wird, ist diese Stadt die modernste und jüdischste Polens. Vater Mieczyslaw verdient sein Geld als Prokurist, Mutter Anette und er sind nichtreligiöse Juden. Jureks Geburtsname Bekker ist jiddisch für Bäcker. Ihr einziges Kind wollen die Eltern modern erziehen. Er soll nicht Jiddisch, sondern Polnisch sprechen, um in einer vom Antisemitismus durchtränkten Umwelt nicht sofort als Jude erkennbar zu sein. Um 1934 sind polnische Lager für "anarchische Elemente" meist jüdischer Herkunft errichtet worden, und in Jureks Geburtsjahr 1937 fordert Polens Außenminister im Sejm, drei Millionen Juden müssten das Land verlassen.
An Jerzy Bekkers zweitem Geburtstag herrscht Krieg. Lodz wird von den Deutschen überrollt, Familie Bekker mit den anderen Juden ins Ghetto getrieben. Die einzige Verbindung nach außen stellen die verbotenen Radios dar, die eher der Hoffnung als der Information dienen: Die meisten Radioberichte erweisen sich im Nachhinein als falsch. Auf diesem historischen Hintergrund wird ein Vierteljahrhundert später das Drehbuch von "Jakob der Lügner" und wird der gleichnamige Roman entstehen: Im Ghetto hält der fiktive Held den Lebensmut mit Schwindeleien über die angeblich nahenden Befreier aufrecht.
Zusammen mit Jurek wird die Mutter ins KZ Ravensbrück deportiert und stirbt kurz nach der Befreiung durch die Rote Armee an den Folgen der Unterernährung. Dass sie ihre Lagerration dem Sohn weitergegeben hat und an seiner Stelle verhungert ist, erfährt Jurek viele Jahre später von einer Kioskverkäuferin auf dem Berliner Kurfürstendamm, die ihn als Sohn der einstigen Leidensgefährtin erkennt.
Der Vater überlebt den Holocaust und macht seinen völlig ausgezehrten, weißhaarigen Sohn im provisorischen Hospital von Sachsenhausen ausfindig. Nur an einem verborgenen Muttermal identifiziert er den Siebenjährigen; Jurek ist so schwach, dass er getragen werden muss. Eine Rückkehr nach Polen kommt für Bekker senior nicht in Betracht: Über 1000 Juden, schreibt Gilman (und man mag es kaum glauben), seien zwischen Kriegsende und April 1946 in und von Polen umgebracht worden. Der Vater beschließt, mit Jurek in Ost-Berlin zu bleiben. Dort fühlt er sich durch russische Panzer vor deutschen Antisemiten sicher; er päppelt seinen körperlich weit zurückgebliebenen Kleinen mit Schwarzmarktwaren langsam auf.
Um der prekären Existenz des Staatenlosen zu entgehen, verschafft er sich und dem Sohn eine neue, deutsche Identität. Als Geburtsort gibt er Fürth an, denn dort, so hat er in Erfahrung gebracht, sind mit dem Rathaus sämtliche Unterlagen des Einwohnermeldeamts verbrannt. Im Dezember 1945 lässt sich Mieczyslaw Bekker unter dem Namen Max Becker als Opfer des Faschismus registrieren. Jerzy, genannt Jurek, heißt amtlich fortan Georg.
Viele Jahre kämpft der junge Außenseiter darum, von den Spiel- und Schulkameraden als einer der ihren behandelt zu werden - im KZ hat Jurek nur das Überleben gelernt, und seine Deutschkenntnisse beschränken sich anfangs auf ein paar rüde Befehle. Nichts will er sehnlicher als "aufhören, ein anderer zu sein", wie er einmal rückblickend gesagt hat. Er setzt alles daran "durchschnittliche Sitten und Verhaltensformen" zu entwickeln, so "unauffällig wie möglich" zu sein. Dass einer, dem die Sowjetarmee das Leben gerettet hat, Antifaschist und Sozialist sein muss, erscheint ihm ohnehin selbstverständlich.
Ein Germanistikstudium an der Humboldt-Universität nimmt Becker 1955 auf. Ein Jahr später beginnt seine lebenslange Freundschaft mit dem gleichaltrigen Schauspieler Manfred Krug, und durch diesen lernt Becker den aufmüpfigen Dichter und Sänger Wolf Biermann kennen. Auch wenn Becker im gleichen Jahr SED-Kandidat wird, ist er alles andere als ein Mitläufer und Leisetreter: Wegen wiederholter Renitenz gegen den Staat und "ideologischer Unklarheit in Grundfragen" wird er 1960 von der Universität relegiert. Fortan steht er unter immer schärferer Stasi-Beobachtung.
Von Kindheit an wollte Jurek Becker Schriftsteller werden. Nun belegt er einen Kurs an der Film- und Fernseh-Hochschule, beginnt, für den Film zu schreiben, und legt der Defa 1963 die erste Drehbuchfassung von "Jakob der Lügner" vor. Niemand hat es vor ihm
gewagt, die Tragödie der Shoah aus einer "komischen" Perspektive zu schildern. Als die geplante Verfilmung dieser jüdischen Geschichte in Polen von den dortigen Behörden unter einem Vorwand abgelehnt wird, arbeitet Becker zornig und kurzentschlossen das Drehbuch in einen Roman um. Er erscheint 1969 und macht seinen Verfasser in Ost und West berühmt. Als einen "vom Geschlecht der traurigen Humoristen" rühmt ihn ein anderer Ghetto-Überlebender aus Polen - Marcel Reich-Ranicki.
Sorgfältig zeichnet Gilman nach, wie Becker der DDR-Obrigkeit mit wachsender Bekanntheit immer verdächtiger wird. Schon im August 1968, wenige Tage nach der Niederwalzung des tschechoslowakischen Reformsozialismus durch die Panzer der Warschauer-Pakt-Staaten, hat ein Stasi-Spitzel Beckers "entschiedene Wende" und dessen alarmierende Überzeugung weitergemeldet, "die SU arbeite den Feinden des Kommunismus in die Hände".
"Jakob der Lügner" darf zwar doch noch verfilmt werden, aber als Heinz Rühmann sich um die Hauptrolle des Films bewirbt, lehnt Erich Honecker persönlich ab. Jurek Beckers amtlicher Status als "Opfer des Faschismus" gilt ideologisch als nützlich - deshalb wirbt das Regime sogar dann noch um ihn, als es den Schriftsteller mit dem Stasi-Decknamen "Lügner" schon lange observiert und drangsaliert. Becker selbst dagegen wird nicht müde zu wiederholen, einem nichtreligiösen Menschen wie ihm verschaffe erst der Antisemitismus seine jüdische Identität.
Nach Beckers heftigen Protesten gegen Rainer Kunzes Ausschluss aus dem Schriftstellerverband und Wolf Biermanns Ausbürgerung aus der DDR (1976) wird ihm die Existenz in der DDR endgültig verleidet. Im Dezember 1977 siedelt er - ein singulärer Fall - mit einem Dauervisum nach West-Berlin über. Es ist bezeichnend für die damaligen deutsch-deutschen Verhältnisse, dass Becker in West-Berlin nicht nur weiterhin von der Stasi, sondern jahrelang auch vom westdeutschen Verfassungsschutz observiert wird: Der verdächtigt den Autor mit dem Dauervisum als Ostagenten.
Als "Dissident" will der heimatlose Sozialist sich im Westen keinesfalls instrumentalisieren lassen, und zwar nicht nur deshalb, weil seine geschiedene Frau Rieke und zwei Söhne in Ost-Berlin dafür büßen müssten. "Der Spagat zwischen Ost und West war Schwerstarbeit", schreibt Gilman; noch im Sommer 1989 habe Jurek Becker auf eine Veränderbarkeit des Sozialismus gehofft.
Dann aber fällt die Mauer, im lebhaft pulsierenden Berlin bricht eine neue Epoche an. Ihr Chronist wird Jurek Becker in den neunziger Jahren als Drehbuchautor der Fernsehserie um den West-Berliner Anwalt "Liebling Kreuzberg". Die Titelrolle schreibt er seinem Alter Ego Manfred Krug auf den Leib, das praktische Vorbild und die juristischen Alltagsfälle liefern Otto Schily und seine Berliner Sozietät. Mit keinem seiner Romane, die nach "Jakob der Lügner" kamen, hat Becker eine ähnlich glückliche Hand gehabt wie mit dieser Serie. Auf ihre Weise steht sie ebenbürtig neben dem berühmten Debüt; sie wird als seltener Höhepunkt von intelligenter, realistischer Unterhaltung im deutschen Fernsehen noch lange in Erinnerung bleiben.
Im Dezember 1995 wird ein fortgeschrittener Darmkrebs bei Jurek Becker entdeckt. Die ihm verbleibende Zeit nutzt er intensiv mit seiner zweiten Frau Christine und dem kleinen Sohn Jonathan. Er gibt ein Abschiedsfest für seine Freunde, denen er Cholent zubereitet - "das typischste Sabbatgericht der osteuropäischen Juden", wie sein Biograf berichtet; bis zum frühen Morgen erzählt Becker ein letztes Mal Geschichten. Im März 1997 liest Manfred Krug in kleinem Kreis aus "Jakob der Lügner", als sein Freund beerdigt wird.
RAINER TRAUB
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Sander Gilman
Jurek Becker -
Die Biografie
Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Schmidt. Ullstein Verlag, München; 336 S.; 22 Euro
* Bei einem Autorentreffen in Scheveningen 1982.
Von Rainer Traub

SPIEGEL SPECIAL 4/2002
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