01.10.2002

Von Politik und Geschichte, Medizin, Meeresforschung und Globalisierung bis hin zum königlichen Spiel Schach reichen die Themen der von SPIEGEL special vorgestellten Sachbücher. Die Lektüre verspricht neue Einsichten und prägnante Analysen.Das Versagen der Spione

Der Terror vom September 2001 hat die aufgeblähten US-Geheimdienste in Frage gestellt. Mit ihrer Geschichte, ihrem Scheitern und mit manchen Rätseln des 11. 9. befassen sich vier Bücher zum Thema / Von Peter Münder
Rund 30 Milliarden Dollar verschlingen die Geheimdienste der USA jährlich, 22 000 Angestell-te soll die Central Intelligence Agency (CIA), 38 000 die elektronische Lauschbehörde National Security Agency (NSA) beschäftigen. Doch von den Terroranschlägen am 11. September wurden die Dienste völlig überrascht. Wie ist dieses totale Versagen zu erklären?
Schuldzuweisungen, Intrigen unter den Diensten und gegenseitiges Anschwärzen beim Präsidenten: Nach jedem großen US-Geheimdienst-Desaster spielen sich die gleichen Rituale ab, die vom wehleidigen Selbstmitleid ("Unser Etat ist zu klein, wir haben zu wenige Leute") bis zur harschen Kritik an den Rivalen reichen ("Das FBI / die CIA / die NSA hat unsere Warnungen nicht ernst genommen"). Genauso war es schon nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor (1941), nach der missglückten kubanischen Schweinebucht-Invasion (1961), nach dem Ende des Vietnam-Kriegs (1975) und beim Sturz des iranischen Schah-Regimes, den die CIA verschlief (1979). Mit schöner Regelmäßigkeit wurde das eigene Versagen instrumentalisiert, um noch größere Etats, schärfere Überwachungsgesetze, mehr Einfluss im Weißen Haus zu bekommen.
Auch nach den Terroranschlägen vom 11. September folgten die Schuldzuweisungen den alten Mustern. Alles bleibt, wie es war: Während die US-Geheimdienste sich immer gigantischer aufblähen, wird die Qualität der gelieferten Informationen zusehends kümmerlicher.
Ein vehementer Kritiker dieser Entwicklung ist der ehemalige CIA-Agent Robert Baer, der 1997 unter Protest seinen Dienst quittierte. Baer senkt den Daumen über die Schreibtischgeheimdienstler, die ganz auf Satellitenüberwachung und Computer ("Signal Intelligence" - Sigint) setzen. Seiner Diagnose zufolge sind sie vom Virus der politischen Korrektheit infiziert, von übermäßiger Gesetzestreue gelähmt und dadurch zu wahrer Geheimdienstarbeit unfähig geworden. Der von rechtsstaatlichen oder moralischen Skrupeln unberührte Fachmann fordert die Rückkehr zu "dirty tricks" und zur "Human Intelligence" (Humint). Darunter versteht er die Nachrichtenbeschaffung durch erfahrene Agenten vor Ort, die sich in der Landessprache verständigen und glänzende Kontakte zur brodelnden Basis haben.
Baer versteht sein zwielichtiges Handwerk: Er spricht fließend Französisch, Deutsch, Arabisch und einen Farsi-Dialekt, war an riskanten Einsätzen im Nahen Osten beteiligt und plädierte schon vor einigen Jahren für den Aufbau einer separaten CIA-Station im Irak - was rigoros abgelehnt wurde. Er hatte im Nordirak Kontakte zu kurdischen Oppositionellen hergestellt, die im März 1995 den Sturz Saddam Husseins organisieren wollten, wurde dann aber vom FBI beschuldigt, Mordpläne ausgeheckt zu haben. Als Baer Verhöre am Lügendetektor über sich ergehen lassen musste, quittierte er den Dienst.
Baer zufolge begann der Niedergang der CIA am 18. April 1983 mit dem verheerenden Selbstmordattentat auf die amerikanische Botschaft in Beirut. 63 Menschen, darunter 17 Amerikaner, kamen bei diesem bis dahin schlimmsten terroristischen Schlag gegen die USA ums Leben. Für Baer wurde dieses Attentat zur "lebenslangen Obsession" - so ist es in seinem von der CIA zensierten und mit geschwärzten Zeilen versehenen Enthüllungsbericht zu lesen.
Seiner Darstellung zufolge weigerten sich die CIA-Bürokraten, verdeckten Operationen und "schmutzigen Tricks" zuzustimmen, als er nach Abschluss seines Arabischkurses in den Nahen Osten versetzt wurde und die Spur dieser Attentäter aufnahm. "Ich dachte mir, dass es nur eine Sache von Wochen sein werde, bis man jemanden gefangen habe und das Komplott aufgedeckt sein würde" - doch da irrte Baer: Der Anschlag wurde nicht aufgeklärt, die Täter sind nie gefasst worden. Kein Wunder also, dass Baers CIA-Kollege Reuel Marc Gerecht schon 1998 konstatierte, die CIA sei eine "traurige Mischung aus Monty Python und Big Brother".
Wer aber nach der Lektüre des Baer-Buches an dessen Hauptthese glauben sollte, der Ausweg aus den Geheimdienstkatastrophen sei ausgerechnet mit "dirty tricks" zu finden, dem ist das schockierende Buch "Deckname Artischocke" von Egmont R. Koch und Michael Wech zu empfehlen. Die Autoren berichten, dass die CIA nach Kriegsende zu den "dirty tricks" auch den Einsatz von Drogen, Milzbranderregern und tödlichen biochemischen Mitteln rechnete. "Deckname Artischocke" ist auch die Geschichte des möglicherweise von der CIA umgebrachten früheren Biochemikers Frank Olson, der im November 1953 unter mysteriösen Umständen aus einem New Yorker Hotelzimmer stürzte. Olson hatte nach jahrelanger Mitarbeit an grausamen CIA-Versuchen Skrupel bekommen und wollte aussteigen. Als er der CIA zu gefährlich wurde, räumte sie ihn offensichtlich aus dem Weg. Koch und Wech sprachen mit Olsons Sohn Eric, der die Leiche des Vaters exhumieren ließ, um Klarheit über den angeblichen Selbstmord zu erhalten.
Sie kamen bei ihren Ermittlungen den geheimen Menschenversuchen der CIA auf die Spur. Im rechtsfreien Raum konnten die CIA-Agenten foltern und spritzen, Prostituierten und Kriegsgefangenen LSD und Benzedrin verabreichen, um Brainwashing-Methoden für Verhöre russischer Spione zu entwickeln. Man führte Gehirnoperationen bei Homosexuellen durch, infizierte Kriegsgefangene oder Gefängnisinsassen mit Milzbranderregern, Hasenpestbakterien und nahm den tödlichen Ausgang dieser "Experimente" in Kauf. Dass viele Versuche denen der deutschen KZ-Ärzte ähnelten, die als Kriegsverbrecher in Nürnberg angeklagt waren, ist kein Zufall: Die Amerikaner hatten nämlich einige der brutalsten deutschen Medizinmänner für diese sadistischen Praktiken angeworben und in den USA beschäftigt. Koch und Wech liefern auch deutliche Hinweise darauf, dass der vom FBI gesuchte Anthrax-Attentäter, der Milzbranderreger per Post verschickte, aus den Reihen dieser an Geheimwaffen laborierenden CIA-Biochemiker kommen könnte.
Dass die Amerikaner irgendwie selbst an den Attentaten vom 11. September beteiligt waren, steht für den ehemaligen "tageszeitungs"-Redakteur Mathias Bröckers fest. Er will dem vermeintlich einstimmigen Chor US-höriger europäischer Medien Paroli bieten - und hat sich eine phantasievolle Verschwörungstheorie zusammengebastelt. Da er es für denkbar hält, dass falsche Fährten gelegt wurden, um von den wahren Tätern abzulenken, sieht er überall konspirative Netzwerke und alarmierende Vorzeichen:
Bush und Bin Laden: Gab es da nicht vor einigen Jahren dubiose Geschäfte des Bush-Clans mit dem Bauunternehmer-Clan aus Saudi-Arabien? Hat Großvater Prescott Bush nicht Hitler unterstützt? Der selbst ernannte "investigative Konspirologe", der es an triftigen Beweisen leider fehlen lässt, hat sich seine Indizien vor allem aus dem Internet zusammengefischt.
Der US-Journalist James Bamford, Mitarbeiter der "New York Times" und der "Washington Post", will zwar, wie der Untertitel seines Buches behauptet, eine "Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt" liefern. Er berichtet aber eher aus der Froschperspektive des bewundernden Technik-Freaks, der all die Superlative aus der NSA-Zentrale "Crypto City" am liebsten im Guinness-Buch der Rekorde auflisten würde. Parkplätze für 17 000 Autos, über 400 Millionen Kilowattstunden Stromverbrauch, 210 000 Sprinklerdüsen, all die Supercomputer - das alles liest sich wie ein Werbeprospekt.
Die NSA kann mit ihren 120 Satelliten und elektronischen Systemen Telefone und Computer anzapfen, den Funkverkehr in Übersee abhören, Satellitenbilder liefern und - was Bamford nicht erwähnt - Industriespionage in großem Stil betreiben. "Auf Gott vertrauen wir - jeden anderen hören wir ab!" lautet das burschikose Motto dieser Big-Brother-Bruderschaft. Die Maschinerie kann zwar gigantische Datenmengen und gestochen scharfe Bilder produzieren, doch die Auswertung dieser Informationen ist das Problem: Der Satellit kann die Absichten des Gegners nicht erkennen. Die argentinische Invasion der Falkland-Inseln wurde daher trotz brillanter Aufnahmen argentinischer Kriegsschiffe ebenso verschlafen wie der Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei und Afghanistan sowie die irakische Invasion in Kuweit.
Der aktuelle Streit über einen amerikanischen Präventivschlag gegen den Irak erhält besondere Brisanz, wenn man Bamfords Rückblick auf provozierende US-Spionagemissionen in Korea, Vietnam und der Sowjetunion betrachtet. Der "Tonking-Zwischenfall" vom August 1964 lieferte Präsident Johnson den idealen Vorwand für einen Schlag gegen Hanoi. Damals war das Spionageschiff "Maddox" in nordvietnamesische Hoheitsgewässer eingedrungen; die Meldungen von dessen angeblichem Beschuss durch Nordvietnamesen, die von US-Geheimdienstlern und Militärs fabriziert waren, führten zu massiven amerikanischen Luftangriffen und zur vom Kongress gebilligten Resolution, die einer Kriegserklärung glich. Es dürfte nicht lang dauern, bis auch Bushs Regierung "schockierende" Informationen über irakische Umtriebe beschaffen und damit den Präventivschlag rechtfertigen kann.
Brauchen wir die Geheimdienste überhaupt? Der australische Experte Phillip Knightley ("Die Geschichte der Spionage im 20. Jahrhundert") bestreitet die Existenzberechtigung der Dienste in Friedenszeiten, und der ehemalige US-Senator Patrick Moynihan forderte sogar die völlige Auflösung "dieser überflüssigen Relikte des Kalten Krieges". Aber wer sonst kann die Schmutzarbeit der Enttarnung und Infiltration von Terrornetzen übernehmen? Die vielen Pannen, die riesige Informations-Überproduktion (500 Tonnen Geheimmaterial wöchentlich) illustrieren indes die desolate Situation der überforderten Dienste. Sie können echte Krisenherde nicht rechtzeitig erkennen, weil in ihrem Breitbandspektrum der gesamte Globus ein einziges diffuses Schnüffler-Territorium ohne spezielle Schwerpunkte darstellt. Nichts begriffen haben die US-Geheimdienste von den Spontannetzwerken islamistischer Terroristen. Selbstmordattentäter der Qaida vermeiden feste Strukturen, agieren in locker organisierten Verbänden, die punktuell für einzelne Terroraktivitäten gebildet und schnell wieder aufgelöst werden. CIA-Veteran Baer hat sicher Recht, wenn er fordert, die CIA müsse sich "wieder unters Volk begeben und mit den Leuten reden" und sollte "diejenigen, die wissen, wie sie an Geheimnisse kommen, ihre Arbeit machen lassen, so trübe der Sumpf auch sein mag, in dem sie fischen".
Aber der Laie fragt sich natürlich auch: Wenn ein unbedarfter amerikanischer Bengel wie der 21-jährige John Walker Lindh aus Kalifornien nach dem Besuch einer pakistanischen Koranschule als "echter Taliban" bei den Terroristen mitmischen kann - warum nicht auch ein professioneller Geheimagent?
Robert Baer
Der Niedergang der CIA
Der Enthüllungsbericht eines CIA-Agenten.
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Kuhlmann-Krieg und Michael Müller. C. Bertelsmann, München; 415 Seiten; 23,90 Euro
Egmont R. Koch, Michael Wech
Deckname Artischocke
Die geheimen Menschenversuche der CIA.
Bertelsmann Verlag, München; 352 Seiten; 23,90 Euro
Mathias Bröckers
Verschwörungen,
Verschwörungs-
theorien und
die Geheimnisse
des 11. 9.
Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main; 358 Seiten; 12,75 Euro
James Bamford
NSA
Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt.
Deutsch von Susanne Bonn, Helmut Dierlamm, Helmut Ettinger und Hans-Joachim Maass. Bertelsmann Verlag, München; 688 Seiten; 34 Euro
Von Peter Münder

SPIEGEL SPECIAL 4/2002
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