01.10.2002

BELLETRISTIKVOM SCHEITERN DER LEIDENSCHAFT

Die einsamen Helden des Hamburger Erzählers Wolfgang Schömel sind Stadtneurotiker, die zwischen Selbstironie und Verzweiflung schwanken.
Die Literatur des letzten Jahrhunderts hat beiläufig einen Heldentypus hervorgebracht, der zwischen Narretei und Unglücklichsein oszilliert und in dieser Mixtur die zeitgemäße menschliche (vor allem männliche) Banalität in all ihrer Bodenlosigkeit verkörpern konnte - den Junggesellen. Franz Kafka, Emmanuel Bove, Italo Svevo sind seine Erfinder, und jetzt hat der Hamburger Autor Wolfgang Schömel an diesem Muster weitergestrickt.
Er zeigt in seinen "überwiegend neurotischen Geschichten" (natürlich sind nur ihre Helden neurotisch, Großstadtneurotiker, das aber ganz und gar), dass dieser Typus, inzwischen zum Single geglättet, in der Traurigkeit und Komik seiner Asozialität noch immer Wiedererkennungseffekte hervorrufen kann. Schömels Hauptfiguren vertreten eine erotomanische Variante dieses Typus. Das heißt, sie leben nicht nur einfach ohne Frauen - diese Tatsache selbst ist für sie Symptom eines umfassenden Scheiterns. Das wiederum ist der Grund für ausgreifende Kompensationsanstrengungen, die sich in bizarren sexuellen Phantasien und, um sie zu realisieren, in akribisch ausgeklügelten Manövern äußern. Die sind in der Regel erfolglos.
"Insgesamt betrachte ich mich beruflich, fortpflanzungstechnisch und überhaupt existenziell eher als endgültig vergrabenes Pfund", beschreibt sich einer von diesen Männern, der seine Verzweiflung über misslungene Liebschaften beim wöchentlichen Endlos-Joggen pflegt. Denn am Zustand des Verlassenseins hängen diese Männer mit so viel selbstmitleidiger Intensität, dass sie das "erotische Dauerglück", dessen Abwesenheit sie ausufernd beklagen, mit und ohne Absicht unentwegt zu verhindern wissen. Dieses Paradox in allen möglichen Facetten vorzuführen, macht den Reiz von Schömels Geschichten aus.
"Alles in allem stand ich mehrere Jahre meines Lebens an Kneipentresen, ohne dass irgendeine erotische Leidenschaft sich angebahnt hätte", stellt einer der Helden resignierend fest. In einer der wenigen Geschichten, in der die phantasierten erotischen Sehnsüchte dann doch in Realisierungsnähe gelangen, gerät der entscheidende Moment allerdings zur Katastrophe. Nach ausgefeilten (und sehr komischen) Anläufen kommt es endlich zum Sex mit der einzig attraktiven Frau eines Esoterik-Wochenendseminars. Und da versagt nicht nur die Manneskraft, sondern vor allem die Fähigkeit, sich auf die Situation einzulassen: "Es war plötzlich, als sei ich Teil eines absurden und gänzlich lächerlichen Geschehens, mit dem ich in Wahrheit nicht das Geringste zu tun haben wollte." Dass die Realfrauen nie das erfüllen, was die Phantasiefrauen versprochen haben, ist eine Enttäuschung, über die Schömels Helden nie hinwegkommen.
Das gibt den Geschichten ihren melancholischen Zug. Ihre Komik ist angefüllt von der Trauer über die reale Abwesenheit des Glücks und über das Elend, ein "vereinsamtes Dreckschwein" zu sein.
Die einzelnen Geschichten sind von unterschiedlicher Qualität. Die besten sind die, in denen sich Selbstironie und Verzweiflung die Waage halten und zu aggressiv-genauen Beobachtungen des Terrains der erotischen Betriebsamkeiten führen. Manchmal wird diese Balance allerdings verfehlt, und der Autor verrennt sich in sexuellen Obsessionen oder existenziellen Traurigkeiten. Zum Glück ist das in diesem Buch eher selten der Fall. EBERHARD HÜBNER
Wolfgang Schömel
Die Schnecke.
Überwiegend
neurotische
Geschichten
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 210 Seiten; 17 Euro
Von Eberhard Hübner

SPIEGEL SPECIAL 4/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 4/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Veranstalter Scumeck Sabottka: Vom Blumenverkäufer zum Konzertdealer
  • Manipuliertes US-Video: Die "betrunkene" Nancy Pelosi
  • Trump vs. "Crazy Nancy": "Habe ich geschrien?"
  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil