01.07.2003

SAUDI-ARABIENOrientalischer Alptraum

Nirgendwo prallen Mittelalter und Neuzeit so gefährlich aufeinander wie in Saudi-Arabien. Seinem bislang mächtigsten Paten scheint das Königreich nun nicht mehr verlässlich genug: Die USA suchen neue Verbündete in der Region.
Saudi-Arabien ist die Heimat von Mekka und Medina, den heiligsten Stätten des Islam; in seinen Wüsten lehrte im 7. Jahrhundert der Prophet Mohammed und begründete damit eine Weltreligion, die auch durch Toleranz und Mitmenschlichkeit bestach. Kein Land fördert heute mehr Erdöl, keines hat größere Reserven: etwa ein Viertel der Welt. Keines importiert Waffen in solchem Wert - das meiste aus den Waffenschmieden der USA. Kein Land, mit der Ausnahme Israels, kann sich im Nahen Osten engerer Kontakte zu Washington rühmen.
Das Königshaus und das Weiße Haus, das schien nach dem Ende des Ölembargos von 1974 wie eine glückliche Interessengemeinschaft, fast schon Symbiose: Die Amerikaner sorgten für die Sicherheit der Monarchie vor Angriffen aus dem Ausland und ersparten dem bis auf die Knochen korrupten Reich der über 5000 Prinzen fast jede Kritik. Solange alles "stabil" schien, kümmerte sich Washington herzlich wenig um die mit Füßen getretenen Menschenrechte, den weltweiten Export islamistischer Ideologien durch Riad und das Fehlen jeglicher demokratischer Einrichtungen: Es gibt keine Parteien, keine Gewerkschaften, keine freie Presse.
Die Saudis sorgten im Gegenzug für einen steten Fluss erschwinglichen Erdöls und finanzierten mit ihren gigantischen Einkäufen ganz wesentlich die US-Rüstungskonzerne: Für F-15-Kampfflugzeuge, Awacs-Aufklärer, M1-Abrams-Panzer und anderes Militärgerät zahlten die Wüstenherrscher allein im letzten Jahrzehnt weit über 30 Milliarden Dollar.
Ein Herz und eine Seele sind sie spätestens seit dem 11. September 2001 nicht mehr - seit feststeht, dass nicht nur der Drahtzieher des Terrors ein gebürtiger Saudi-Araber ist: 15 der 19 Selbstmordattentäter, die in den Vereinigten Staaten die vier Flugzeuge zum Absturz brachten, besaßen Pässe des Königreichs, eingefärbt im Grün des Islam, verziert mit einem Koranspruch und dem Schwert des Propheten.
Einige der Mörder hielten sich nicht lange vor dem Anschlag noch in der Heimat auf, die meisten in der Südwestprovinz Asir. Außerdem sind mehr als hundert Saudi-Araber in Guantanamo interniert, die hochgradig verdächtig sind, für die Taliban oder al-Qaida gekämpft zu haben. Ihre Zahl, die zwischenzeitlich mehr als zwei Drittel aller auf Kuba Inhaftierten ausmachte, hat Riads Regierung selbst bekannt gegeben, als sie um Auslieferung bat.
Schon 1995 und 1996 waren bei Anschlägen auf US-Einrichtungen in Saudi-Arabien 26 Amerikaner getötet worden. Und im Mai dieses Jahres wurde das landeseigene Potenzial antiwestlicher Gewalt ein weiteres Mal ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebombt. In drei verschiedenen, bevorzugt von Ausländern bewohnten Wohnvierteln der Hauptstadt Riad sprengten sich Selbstmordattentäter in die Luft und töteten dabei noch 34 Menschen, darunter 8 Amerikaner. Die gewaltigen Explosionen der Häuser ereigneten sich fast gleichzeitig, nur die Betongerippe blieben stehen - zertrümmert wie die altvertraute Vorstellung vom streng geordneten Vorposten des Westens.
Saudi-Arabien: der wahre Kandidat für die "Achse des Bösen"? Die Heimat des Propheten: eine Brutstätte des Terrors? Das Königreich der Sauds: ein Alptraum aus Tausendundeiner Nacht?
Es geht um viel bei dem Poker um Öl und Macht und Sicherheit. Denn nicht nur die Türme des World Trade Center stürzten an jenem Tag im September 2001 in sich zusammen. Begraben wurde auch die lange als selbstverständlich betrachtete Sicherheit der Ressourcen. Die Anschläge der Islamisten machten die Verwundbarkeit der USA klar, die heute 22 Prozent (1973: 13,6 Prozent) ihres Erdöls aus der Golfregion beziehen. Ein blutiger Konflikt in Riad, der Ausfall größerer Mengen des Rohstoffs wären für die USA wie für die gesamte Weltwirtschaft ein Desaster.
Und die Gefahr ist da, die "Tankstelle der Welt" äußerst verwundbar. Für einen Terroristen wäre es sehr einfach, mit einem Flugzeug das saudische Ölterminal Ras Tanura zu zerstören - "dazu braucht man noch nicht einmal eine Boeing", sagt Robinson West, Chef der Washingtoner Petroleum Finance Corporation.
Immer stärker empfindet Washington die Saudis als unsichere Kantonisten, unmissverständlich lässt die US-Regierung den Wunsch nach einer neuen Nahost-Ordnung erkennen.
Dabei könnte ein neuer Irak das Königreich aus seiner Rolle als bester Verbündeter der Amerikaner verdrängen, wie Pentagon-Planer schon unverblümt ankündigen. Selbst als Öllieferant könnte das Land durch einen neu geordneten Irak zurückgedrängt werden. Mit den sechs Millionen Barrel am Tag, auf die Iraks Ölproduktion sich nach Wegfall aller Restriktionen steigern ließe, wäre das machbar.
Die Zahl hat für westliche Ölexperten einen magischen Klang - sechs Millionen markieren die kritische Größe, mit der sich Saudi-Arabiens beherrschende Stellung auf dem Weltmarkt und damit die Macht der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) brechen ließe. Davon träumen Politiker und Konzerne des Westens seit der Energiekrise von 1973. Unter dem irakischen Sand ist jedenfalls genug Öl vorhanden, "um den Weltmarkt von der Dominanz Saudi-Arabiens zu befreien", sagt der Direktor des Londoner Centre for Global Energy Studies, der Exil-Iraker Achmed Tschalabi.
Vier neue Militärstützpunkte wollen die USA im Zweistromland einrichten. Und die Ankündigung des Pentagon, seine bislang in Saudi-Arabien stationierten Soldaten abzuziehen, wird als weiteres Indiz verstanden, dass - trotz abwiegelnder Erklärungen auf beiden Seiten - der Umbau des Mittleren Ostens bereits konkret begonnen hat.
Auf den Straßen der saudi-arabischen Hauptstadt allerdings schert das kaum jemanden. Hier haben die Menschen mit ihren Alltagsproblemen genug zu tun. Sie kämpfen gegen die weit verbreitete berufliche Chancenlosigkeit; es wird immer schwerer, Jobs zu finden. Außerdem liegt über dem ganzen Land eine lähmende Langeweile. Riad gilt mit seinen breiten Durchgangsstraßen den Reiseführern als "autofreundlichste Stadt der Welt". Leider ist es keine menschenfreundliche.
Die Fußgängerwege am Dira-Platz sind mit kostbaren Marmorplatten ausgelegt, aber sie führen nach nirgendwo: keine Discos, kein Ballett, keine Kinos; außer den unzugänglichen, oft in schauerlichem Bonbonrosa gehaltenen Palästen der Prinzen ist die Hauptattraktion der Innenstadt eine 20 Meter hohe Steinsäule mit einer sprechenden Uhr, die alle 15 Minuten die Zeit ansagt - auf die Dauer nicht gerade aufregend.
Im Stadtbild fällt auf, wie sehr die Jugend überwiegt; etwa 65 Prozent der Saudi-Araber sind unter 25 Jahre - eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt. Und eine, die von gegenwärtig 21 Millionen so schnell wächst, wie dies kaum in einem anderen Staat der Fall ist: um 3,1 Prozent im Jahr.
Noch ist für die Grundbedürfnisse gesorgt. Aber es wird für den todkranken König Fahd Bin Abd al-Asis und den Defacto-Herrscher Kronprinz Abdullah von Jahr zu Jahr schwieriger, großzügige Sozialleistungen zu finanzieren und die Menschen mit Geschenken wie einer umfassenden kostenlosen Krankenversicherung und zinslosen Krediten ruhig zu stellen. Denn parallel mit der Bevölkerungsexplosion und einer Schwindel erregend steigenden Arbeitslosigkeit (von der Regierung zugegeben 20 Prozent, in Wahrheit womöglich 30 Prozent) sind die Einkünfte dramatisch weggesackt.
Außerdem haben die fetten Jahre mit ihrer großzügigen "Ölrente" zu einer Unkultur der Bequemlichkeit und Lethargie geführt; die meisten Saudi-Araber, besonders extrem die etwa 40 000, die über verwandtschaftliche Beziehungen zum Königshaus verfügen, sind es gewohnt, rund um die Uhr verwöhnt zu werden.
Im Wüstenreich verrichten mehr als sechs Millionen Gastarbeiter aus Indien, Pakistan und den Philippinen die niederen Arbeiten. Als die Regierung jetzt versuchte, ihre verwöhnten Landsleute, wenn nicht zum Kellnern und Putzen, doch wenigstens als Taxifahrer zu gewinnen, stieß sie auf Desinteresse - so schlecht geht es den Verwöhnten noch nicht, dass sie sich zu Dienstleistungen herabließen.
Politisch Engagierten ist jede Mitbeteiligung an Entscheidungsprozessen verwehrt. Das Zugeständnis an westliche Demokratievorstellungen erschöpft sich in einem Konsultativrat ("Madschlis al-schura"), dessen 60 Mitglieder der König ernennt und dessen Beschlüsse von ihm abgesegnet werden müssen. Die jungen Leute sind zynisch geworden gegenüber den Regierenden, von deren Korruptheit und Scheinheiligkeit sie überzeugt sind. Im Untergrund zirkulieren die Texte der heimlich aufgenommenen Telefonate aus dem Königshaus, die Amerikas National Security Agency dem US-Journalisten Seymour Hersh zugespielt hat.
In einem Gespräch befiehlt Prinz Naif, der Innenminister, eine aufgetauchte Liste von hochrangigen Kunden eines Prostituiertenrings schleunigst verschwinden zu lassen. In einem anderen äußert sich Prinz Sultan, der Verteidigungsminister, über die schwindenden Kräfte des hinfälligen Königs: "Ein Gefangener".
Besonders brisant: Die Mitschnitte beweisen, dass die Saudis noch 1996 Osama Bin Ladens Qaida mit Geldern unterstützten und darüber hinaus Terrorgruppen in Zentralasien, dem Jemen und Libanon. Mindestens zwei prominente Prinzen zahlten zudem direkt Schutzgelder an den offiziell längst verfemten Bin Laden. "Der Deal ging so: Du führst hier keine Operationen gegen uns durch, und wir stören dich nicht bei dem, was du im Ausland tust", berichtet ein auf Anonymität bedachter Fahnder in Washington.
Seit dem 11. September "beobachten Saudi-Watcher einen steilen Anstieg von Gewaltkriminalität und Drogenhandel - Zeichen eines Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung", schreibt das britische Nachrichtenmagazin "Economist". Noch sind es fast immer scheinbar ziellose Provokationen gegen die Obrigkeit.
Bei Straßenkrawallen Hunderter junger Männer gab es zahlreiche Verletzte, massenhaft griffen auch schon Fußballhooligans mit Steinen und Flaschen die Polizei an. Die Beerdigung des Scheichs Hamud al-Schuaibi, der als Erster gewagt hatte, wegen "Zusammenarbeit mit Ungläubigen" eine Fatwa (ein religiöses Rechtsgutachten) gegen das Königshaus auszusprechen, wurde zur größten Massenversammlung der letzten Jahre. Von der Regierung in Riad unter Verschluss gehaltene Schätzungen zeigen, dass mehr als 90 Prozent der Jugendlichen mit Osama Bin Laden sympathisieren. Sie sehen ihn als eine Art Robin Hood, der sich mit den Reichen und Mächtigen der Welt anlegt.
Für die meisten mag das Aufbegehren nur ein antiautoritäres Spiel sein, etwa der Nervenkitzel der allabendlichen Autoverfolgungsjagden der Studenten mit den Polizisten. Junge Frauen in Dschidda provozieren dadurch, dass sie öffentlich die traditionell nur den Männern vorbehaltenen Wasserpfeifen rauchen.
Einige träumen von Liberalisierung, anderen erscheint die Regierung zu gottlos, Religionsfanatiker räsonieren: "Wenn Wahhab wüsste, wie verrottet Arabien ist." Das ist eine verbreitete Klageformel und gilt einem Religionsgelehrten namens Mohammed Bin Abd al-Wahhab, der von der Regierung wie von ihren militantesten Gegnern als Vorbild und Schlüsselfigur Saudi-Arabiens beansprucht wird.
Sein Denken ist so etwas wie Staatsdoktrin - und Wurzel vieler Gewalttaten. "Natürlich sind nicht alle Muslime Selbstmordattentäter. Aber praktisch alle muslimischen Selbstmordattentäter sind Wahhabiten", schreibt der Islam-Experte Stephen Schwartz im britischen "Spectator". "Die Mörder in Israel wie ihre ägyptischen Gesinnungsgenossen, die jubelnd Touristen in Luxor niederstachen, die algerischen wie die in Kaschmir operierenden Guerrilleros. Auch die Taliban praktizieren eine Variante des Wahhabismus."
Wer ist der Mann, den Prinzen wie Terroristen als geistigen Wegbereiter akzeptieren, ja verehren?
Bin Abd al-Wahhab (1703 bis 1792) lebte in der Nähe des heutigen Riad als Religionsgelehrter in strengster Askese. Seine Anhänger gingen drakonisch gegen "modernistische" Einflüsse wie Alkohol und Rauchen vor. Er tat sich mit dem Clan der Sauds zusammen, den Blutsverwandten der späteren Königsfamilie.
Die gnadenlosen Puritaner verurteilten alle Nichtwahhabiten, auch die gemäßigteren Muslime, als "Nichtgläubige" und scheuten nicht einmal vor Massenmord zurück: Im Jahr 1801 töteten sie in Kerbela über 3000 der dort lebenden Schiiten auf den Märkten und in den Gassen.
Die Lehre lieferte das ideologische Rüstzeug für Eroberungsfeldzüge. Nach mehreren Rückschlägen eroberte die wahhabitisch-saudische Allianz zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast die gesamte Halbinsel einschließlich der heiligen Stätten Mekka und Medina. Bis heute ist der Staat Saudi-Arabien geprägt von einem Bündnis zwischen islamistischen Rechtsgelehrten und dem Herrscherhaus. Ein Ausgangspunkt des "Islamo-Faschismus", wie US-Professor Francis Fukuyama meint.
1932 konnte der geschickt taktierende Abd al-Asis Al Saud, genannt Ibn Saud, nach Kompromissen mit der britischen Kolonialmacht das Königreich etwa in seinen heutigen Grenzen proklamieren. Der Islam wahhabitischer Prägung wurde Staatsreligion. Nur zögerlich ließ der Herrscher 1933 die amerikanischen Ingenieure der Standard Oil of California ins Land. Er brauchte das Geld aus den Konzessionen.
Mehrere frustrierende Jahre lang bohrten die Amerikaner erfolglos am Dammam-Feld nahe der Küstengrenze zu Bahrein. Am 16. März 1938 dann schoss am Bohrschacht Nummer sieben eine Fontäne empor - und die Weltgeschichte nahm eine Wende.
Die 35 000 Pfund Lizenzgebühren in Goldmünzen ließ der Herrscher von seinem Finanzminister angeblich unter dem Bett verstauen: Die Vorstellung, dass öffentlicher Haushalt und Privatkasse zweierlei sei, war dem Monarchen fremd. Geld existierte, um Interessen durchzusetzen, und für Ibn Saud waren Familien- und Staatsinteresse identisch. Daran sollte sich bei seinen Nachfolgern nicht viel ändern.
Der Wohlstand der Saudis, der sich erst mit den ersten substanziellen Ölverkäufen nach dem Zweiten Weltkrieg in milliardenschweren Reichtum verwandelte, versickerte in Prestige-Bauprojekten und in den Schatullen diverser Stammesführer, deren Loyalität gesichert werden musste. In einer Beziehung aber war Ibn Saud ausgesprochen produktiv: Er zeugte 43 Söhne und eine unbekannte Zahl von Töchtern. Was seinen persönlichen Bedarf anging, war der König eher kauzig als gierig.
Winston Churchill wollte den Monarchen mit einem für den Wüstenbetrieb umgebauten Rolls-Royce verwöhnen, doch der gab ihn enttäuscht an seinen Bruder weiter: Die Staatskarosse war rechts gesteuert, der König hätte also an der linken, nach islamischer Sicht der Dinge unreinen Seite seines Chauffeurs sitzen müssen. Wie schon in Sachen Öl zog London gegenüber Washington den Kürzeren - spätestens als die Amerikaner in Dhahran mit dem Bau eines ersten Stützpunkts begannen, war die "besondere Beziehung" zwischen Saudi-Arabien und den USA geboren.
Dass Luxus nicht nur zum Repräsentieren taugt, sondern auch Spaß machen kann, dämmerte erst Ibn Sauds Erben, besonders seinem Sohn Saud, der ihm 1953 auf dem Thron folgte. Bis heute fehlt das Konterfei des korpulenten Königs in den Ahnentafeln manch offiziellen Druckwerks, denn mit ihm eroberte die Monarchie weniger neuen Ruhm als vielmehr die Klatschspalten der westlichen Presse.
Sauds kitschig-protzige Baudenkmäler wurden ebenso sprichwörtlich wie seine monatelangen "Kuraufenthalte" in Europa, wo er mit seiner Entourage Spesen in Millionenhöhe machte. Aber nicht nur seine Verschwendungssucht brach Saud politisch das Genick, sondern auch seine Neigung zu stümperhaft eingefädelten Intrigen. Er versuchte, den Amerikanern ausgerechnet mit Hilfe des skandalumwitterten griechischen Reeders Aristoteles Onassis das Transportmonopol für saudisches Rohöl streitig zu machen. Das unterminierte die "besonderen Beziehungen", Saud wurde zum Problem; zum ersten Mal trat der Familienrat zusammen, um eine dynastische Entscheidung zu treffen. Kronprinz Feisal übernahm im März 1964 die Regierungsgeschäfte und Ende des Jahres auch den Königstitel.
Ganze 317 Rial, unter 100 Dollar, soll der Neue bei erster Durchsicht der Bücher in der geplünderten Staatskasse gefunden haben. Sein radikales Sparprogramm und sein für die Saudi-Monarchie völlig untypischer asketischer Lebensstil fanden bei der Bevölkerung Anklang. Auch der Westen bekam die Entschlusskraft und Ernsthaftigkeit Feisals zu spüren. Nach dem Jom-Kippur-Krieg drehte Feisal aus Protest gegen die proisraelische Haltung der Amerikaner und Europäer den Ölhahn zu. Zum ersten Mal seit den Tagen des Propheten schienen sich alle Muslime hinter einen einzigen Führer zu scharen. US-Außenminister Henry Kissinger machte sich auf den Weg nach Riad, um "den mächtigsten Araber des Millenniums" zu treffen.
Die Explosion der Ölpreise spülte nach dem Ende des Embargos 1974 Tageseinnahmen von bis zu 100 Millionen Dollar auf die Saudi-Konten. Die überforderte Verwaltung in Riad suchte händeringend nach Möglichkeiten, das Geld wieder auszugeben. Sie verwöhnte die Bevölkerung mit großzügigen Sozialleistungen.
"Der Himmel über Riad ist schwarz von Geiern", beschrieb der damalige US-Botschafter James Akins den plötzlichen Ansturm der aggressiven amerikanischen Geschäftemacher. Aber ohne die entsprechenden Beziehungen zum Königshaus lief kein Deal: Es kam die große Zeit der saudi-arabischen Zwischenhändler, die sich für ihre Vermittlungsdienste fürstlich entlohnen ließen - allen voran Adnan Kaschoggi, "Bakschisch-Prinz" genannt. Er galt mit mehr als zwei Milliarden Dollar Privatbesitz vorübergehend als reichster Mann der Welt.
Als wahres Kind der überhitzten Siebziger zeigte sich auch König Feisals Neffe Feisal Bin Musaid. Der Prinzensohn war während seiner Collegejahre in Kalifornien als Frauenschläger und LSD-Konsument aufgefallen. Vom König nach Riad zurückbeordert, durchzechte er die Nacht zum 25. März 1975 mit Freunden. Am Morgen darauf verschaffte er sich im Gefolge einer kuweitischen Öldelegation Zutritt zu einer königlichen Audienz, zog eine Pistole und erschoss seinen Onkel.
Die Macht ging über auf den farblosen Feisal-Bruder Chalid, dann auf dessen Kronprinzen Fahd. Die Petrodollar flossen noch reichlich, doch das Königreich war nach dem Mord nicht mehr dasselbe. Die wahhabitischen Rechtsgelehrten, die dem Haus Saud von Anfang an religiöse Legitimität verschafften und mit ihnen verbunden waren, hatten ihr Menetekel. Sie gingen auf Distanz zu der Prinzen-Garde, die sie als Ausbund des moralischen Verfalls ansahen.
Viereinhalb Jahre später riss eine Maschinengewehrsalve im Vorhof der Großen Moschee zu Mekka das Land endgültig aus seinem Traum von der ungestörten Geldvermehrung. "Der Mahdi ist da, der Erlöser, der dieses Königreich von seiner Verderbnis befreit", rief ein bärtiger junger Mann und besetzte mit mehr als 200 bewaffneten Anhängern die heiligste Stätte des Islam. Erst nach zwei Wochen wurde der Aufstand niedergeschlagen. Und um die Blamage komplett zu machen, musste der König dafür "Ungläubige", nämlich französische Spezialeinheiten, um Hilfe bitten.
Im gleichen Jahr ging es auch im Osten Saudi-Arabiens los, wo fast das gesamte Erdöl gefördert wird und etwa die Hälfte der Bevölkerung Schiiten sind (landesweit: acht Prozent). Vermutlich von der Revolution Ajatollah Chomeinis im nahen Iran angestachelt, kam es zu Aufständen. Die Armee schlug sie blutig nieder. Die wahhabitische Geistlichkeit hatte wenig für die Schiiten übrig. Aber sie zeigte deutliche Sympathien für die Mekka-Besetzer. Unter den Aufständischen waren mehrere Zöglinge des Religionsführers Abd al-Asis Bin Bas. Der Großmufti, 1999 verstorben, war bekannt dafür, dass er die Erde für eine Scheibe hielt und über die Religionspolizei hinaus eine neue staatliche Inquisition einführen wollte: eine "Behörde zur Überprüfung des Gewissens". Seine Ideal-Gläubigen machte er später im Ausland aus - die Taliban.
Die Saud-Familie erkannte die Gefahr einer abbröckelnden Machtbasis: Als in den letzten Tagen des Schicksalsjahres 1979 die Sowjetunion Afghanistan angriff, ergriffen die Politiker in Riad ihre Chance. Mit Staatsgeldern wurden Tausende Freiwillige an die Front geschickt, unter ihnen auch Leute mit besten Beziehungen zum Königshaus - wie Osama Bin Laden, dessen Vater Bauunternehmer Nummer eins im Land war und auch in Mekka die Große Moschee renovieren durfte.
Die Regierung förderte nicht nur den Widerstand der Mudschahidin gegen die "gottlosen" Kommunisten, sondern machte sich auch ansonsten zur Speerspitze einer weltweiten Islamisierung. Zur Beruhigung der Radikalfrommen - und zur Absicherung gegen Attentate auf das Königshaus - flossen Milliarden, und die Islamisten hatten freie Hand. Neue Moscheen in Usbekistan, Nigeria, Pakistan und vor allem auf dem Balkan wurden erbaut und häufig mit feurigen Wahhabiten-Predigern bestückt. Der aggressive Export ihres mittelalterlichen Islam-Konzepts hält bis heute an.
Die Prinzen hatten sich eine Atempause erkauft - doch für die Zeit nach einem Sieg der Gotteskrieger in Afghanistan hatten sie kein Konzept. Bin Laden kehrte vom "Triumph über die Supermacht UdSSR" strotzend vor Selbstbewusstsein in die Heimat zurück, mit Hunderten "arabischen Afghanen" im Schlepptau.
Die Verwestlichung und Verweichlichung der saudischen Führungsschicht fiel ihm schmerzlich auf, aber noch setzte er auf Kooperation mit den Autoritäten. Als Saddam Hussein 1990 Kuweit überfiel und in Riad Panik ausbrach, bot er seine Hilfe an und die seiner Truppe. Das Königshaus entschied anders: Zigtausende amerikanische Soldaten - und Soldatinnen - strömten ins Land.
Das war der erste Wendepunkt für Osama Bin Laden. Er agitierte nun für einen Sturz der Monarchie, weil er das Königshaus für Verräter am Wahhabismus hielt. Die Ungläubigen seien zu Wächtern Mekkas geworden, zürnte er, obwohl die Regierung natürlich sichergestellt hatte, dass die Amerikaner nicht einmal in die Nähe der heiligen Stätten kamen.
König Fahd verfügte 1994 die Ausbürgerung Bin Ladens und ließ die beiden islamistischen Rädelsführer Hawali und Awda verhaften (sie kamen erst 1999 frei und halten sich jetzt, zumindest in der Öffentlichkeit, zurück). Kronprinz Abdullah versuchte, gefügige Muftis in Spitzenpositionen zu hieven.
In der Unterstützung der Taliban waren sich zunächst alle saudi-arabischen Kräfte einig. Der pakistanische Geheimdienst hatte mit saudischen Geldern in den Medresen und Flüchtlingslagern eine Miliz zusammengestellt, um den von Mudschahidin-Fraktionen in und um Kabul blutig geführten Bürgerkrieg zu beenden. Lange waren auch noch die Amerikaner dabei: Nur unter einer stabilen Regierung in Kabul konnte Washington hoffen, das Land als Transitstrecke für Gas- und Öllieferungen aus Zentralasien an den Indischen Ozean nutzen zu können.
Anfang 1998, nachdem monatelang klar war, welch unmenschliches Regime die Religionsfanatiker in Afghanistan errichtet hatten, änderte die US-Regierung ihre Politik. Es hatte sich herauskristallisiert, wie innig Taliban-Chef Mullah Omar und Bin Laden kooperierten. Erst mit seinem "Manifest gegen die Juden und Kreuzzügler" aber wurde aus dem saudi-arabischen Oppositionellen Bin Laden endgültig ein Propagandist des Dschihad gegen den Westen.
Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass es allmählich auch für das Königshaus eng werden könnte. Schwunghaft wird dort bereits über die Zeit nach König Fahd spekuliert. De-facto-Regent Kronprinz Abdullah genießt wegen seiner persönlichen Bescheidenheit, seiner tiefen Religiosität und seiner gelegentlich antiwestlichen Rhetorik noch ein gewisses Ansehen. Er soll 1990 vehement der Entscheidung des Königs widersprochen haben, die amerikanischen Truppen ins Land zu holen, und er verordnet in jüngster Zeit seinen Untertanen, auch den blaublütigen, einen vernünftigen Sparkurs; doch er ist weder in der Familie noch in der Geistlichkeit unumstritten.
Und dann tickt da noch die biologische Uhr, die einen reibungslosen Machtwechsel unwahrscheinlich macht. Die großen drei sind eine Greisenriege: König Fahd ist 81, Abdullah 79, Verteidigungsminister Sultan 78 Jahre alt. Das erinnert an das Szenario mit den Gerontokraten Breschnew, Andropow und Tschernenko - fast jedes Jahr ein neuer Sowjetführer.
Aber auch die Opposition verfügt über keine Persönlichkeit, hinter die sich alle scharen könnten. Sie sitzt in Bagdad, in Damaskus, in London. Sie ist zerstritten, wobei die Islamisten gegenüber den Demokraten in der Überzahl sind.
Und Saudi-Arabien ist längst nicht der homogene Staat, als der er sich in Anzeigen aller Welt gern präsentiert. Nur die Stämme aus dem Zentrum gelten als "edel", die Al Ghamid im Süden und alle Volksgruppen aus der Provinz Asir werden in Riad als "minderwertig" abgetan. Gerade von dort aber kommen die meisten Attentäter des 11. September. Die tribalen und regionalen Bruchlinien sind so gefährlich, dass der Islam-Wissenschaftler und Saudi-Arabien-Kenner Guido Steinberg sogar schon von einer "Revolte der Peripherie" spricht und ein Auseinanderbrechen des Staates nicht ausschließt.
ERICH FOLLATH, VOLKHARD WINDFUHR,
BERNHARD ZAND
Von Erich Follath, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

SPIEGEL SPECIAL 2/2003
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