01.10.2003

SACHBÜCHERDU SOLLST TÖTEN

Bestseller-Autor Jon Krakauer erkundet in einer Großreportage einen religiös motivierten Mord bei amerikanischen Mormonen - noch eine Form fundamentalistischen Wahns.
Am 24. Juli 1984 betrat Dan Lafferty das Zimmer seiner 15 Monate alten Nichte Erica. Die Kleine lächelte ihn aus ihrem Laufstall an, und er sagte zu ihr: "Ich weiß nicht genau, was das alles soll, aber anscheinend will Gott, dass du diese Erde verlässt; vielleicht können wir später darüber reden." Dann führte er einen so kräftigen Schnitt durch Ericas Kehle, dass er sie fast enthauptete.
Für diese Tat und den anschließenden brutalen Mord an Ericas 24-jähriger Mutter sitzt Dan Lafferty lebenslang in Haft. Er fühlt sich nicht schuldig, weil er einem göttlichen Plan gefolgt sei: Sein älterer Bruder Ron habe einen Befehl des Herrn empfangen, ihre beiden Verwandten zu "beseitigen".
Der Anstifter Ron wartet derzeit immer noch in Utah auf seine Hinrichtung. Die Geschichte dieses wahren Verbrechens nimmt der amerikanische Autor Jon Krakauer, 49, zum Anlass, um "die dunkle Seite religiöser Hingabe" zu untersuchen. Dan und Ron Lafferty sind fundamentalistische Mormonen, die von ihrer Kirche exkommuniziert worden waren, weil sie unter anderem die Vielweiberei vertraten, der die " Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (so ihre Selbstbezeichnung in Deutschland) schon 1890 unter massivem staatlichen Druck offiziell abgeschworen hat.
Ihre Schwägerin musste wohl vor allem deshalb sterben, weil sie sich - als einzige Frau in der Großfamilie der Laffertys - gegen die zunehmend fanatischen Überzeugungen der Brüder gewehrt hatte. Ron machte sie verantwortlich dafür, dass ihn seine Frau verlassen hatte. Da kam ihm die göttliche Aufforderung zum Mord sehr gelegen.
Krakauer, der mit der Mount-Everest-Reportage "In eisige Höhen" international bekannt wurde, sieht die Laffertys nicht als psychopathische Irrläufer, sondern stellt sie in den Zusammenhang einer blutigen Geschichte des Mormonentums. Seit der Gründung im Jahr 1830 durch den charismatischen "Propheten" Joseph Smith litten die selbst ernannten Heiligen unter Verfolgung, schreckten aber auch selbst vor Gewalt nicht zurück; vor allem ein Massaker an einem Siedlertreck ist in die Geschichte eingegangen (und Thema eines weiteren, gerade in den USA veröffentlichten Buches).
Gegen diese historische Einbettung hat sich die Mormonen-Kirche in den USA heftig gewehrt - und Krakauers Untersuchung gleich reichlich Publicity beschert. Die Mormonen sind eine der am schnellsten wachsenden Glaubensgruppen in der westlichen Hemisphäre, weltweit gibt es etwa elf Millionen Mitglieder.
In ihrer Heimat haben die Mormonen, deren Hauptsitz im Bundesstaat Utah liegt, einen Imagewandel geschafft: Statt als sektiererische Außenseiter gelten sie geradezu als Stützen der Gesellschaft, fleißig, rechtschaffen, optimistisch, erfüllt und gestärkt durch ihren Rückhalt in Familie und Kirche.
Dieses Idyll stören die rund 200 fundamentalistischen Splittergruppen, deren Zugehörigkeit zum Mormonentum von der Mainstream-Kirche bestritten wird. Fundamentalisten wie die Laffertys predigen Hass auf den Staat, verbieten Alkohol, Kaffee und Fernsehen, glauben, die Erde sei vor 7000 Jahren entstanden, und prophezeien die baldige Apokalypse.
Vor allem aber frönen mehr als 30 000 von ihnen der illegalen Vielweiberei, die auch der Kirchenvater Joseph Smith praktiziert hatte. Sie leben an abgelegenen Orten der USA, Kanadas und Mexikos in verzweigten patriarchalen Clans, in denen die Töchter bei Erreichen der Pubertät zwangsverheiratet werden: Mit 14 oder 15 Jahren erwarten viele dieser Kindfrauen ihre ersten Babys, gelegentlich von ihren eigenen Stief- oder Adoptivvätern.
Die Memoiren einer jungen Frau, die ihre Kindheit in einem solchen Clan verbrachte, sind ebenfalls gerade in den USA erschienen.
Wegen Inzest, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Bigamie sind in den letzten Jahren einige Fanatiker - Krakauer vergleicht sie mit den Taliban - verurteilt worden; doch die frauenverachtende Tradition bleibt ungebrochen.
Jon Krakauer ist ein ausgezeichneter Erzähler, aber kein Analytiker. Wenig aufschlussreich bleibt sein Ansatz, religiöse Fundamentalisten auf eine Stufe mit anderen Fanatikern zu stellen, etwa besessenen Bergsteigern (wie er selbst einer ist), die ebenfalls aus ihrer Monomanie einen Lebenssinn und "etwas wie Verklärung" zögen. Zugleich behauptet der bekennende Agnostiker allzu allgemein, dass gläubige Menschen besonders anfällig für die Verlockungen des Fanatismus seien, weil Glaube "die genaue Antithese von Vernunft" darstelle. Darüber hinaus liefert Krakauer keine Auseinandersetzung mit den psychischen oder gesellschaftlichen Ursachen religiös begründeter Gewalt und differenziert auch nicht zwischen Fundamentalisten verschiedener Religionen.
Den hochgesteckten eigenen Anspruch, dem " Wesen des Glaubens" auf die Spur zu kommen, erfüllt Krakauers Buch nicht. Was aber bleibt, ist eine große Reportage über die nahezu unglaubliche Geschichte und Gegenwart einer fundamentalistischen Bewegung im Herzen des aufgeklärten Westens.
SUSANNE WEINGARTEN
* Vater mit fünf Ehefrauen und Kindern.
Von Susanne Weingarten

SPIEGEL SPECIAL 3/2003
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