01.10.2003

BELLETRISTIKDER HOFRAT JAGT DIE MISSETÄTER

Ein Autor mit dem Pseudonym Boris Akunin fasziniert ein Riesenpublikum mit historischen Krimis, die im zaristischen Moskau spielen.
Millionen von russischen Krimi-Liebhabern begeistern sich, angeekelt von der brutalen Alltagsrealität, für einen Verbrecherjäger sonderbar anachronistischer Art: Erast Fandorin heißt der Gentleman-Detektiv, der im Rang eines kaiserlichen Hofrats zur Zeit von Zar Alexander II. beim Generalgouverneur in Moskau für hochbrisante Sonderermittlungen zuständig ist. Mit ruhiger Hand und scharfem Verstand sorgt er für Recht und Ordnung. Dass Fandorin als Mann von Welt nicht nur fließend Französisch und Englisch, sondern auch Japanisch spricht, hat er seinem 47-jährigen Schöpfer Grigorij Tschchartischwili zu verdanken, der ein studierter Japanologe ist.
Sein literarisches Pseudonym B. Akunin enthält eine doppelte Anspielung. Die eine, die auf den legendären Anarchisten Bakunin, liegt auf der Hand. Die andere erschließt sich nur Eingeweihten: Wer weiß schon, dass dem japanischen Wort "akunin" auf Deutsch ein "Missetäter" entspricht? In siebzehn Sprachen sind die zehn Fandorin-Thriller übersetzt - fünf davon auch ins Deutsche - , sechs Millionen Exemplare wurden bisher verkauft. Clevere russische Vermarkter wollen nun Fandorin-Champagner und Fandorin-Parfum produzieren; Fandorin-T-Shirts gibt es bereits. "Es ist eine Massenpsychose", erklärte Akunins Verleger Igor Sacharow, der keine Kopeke für Werbung ausgab, dem "Wall Street Journal": "Die Bücher verkaufen sich von selbst."
Während es im ersten Roman noch um eine suspekte Suizidwelle unter wohlhabenden Studenten ging, von der eine englische Stiftung für Waisenkinder profitierte, muss Fandorin in "Russisches Poker" einen Hochstapler und Verkleidungskünstler zur Strecke bringen, der in höchsten Kreisen große Unruhe stiftet.
Dieser "Pikbube" verkauft das Palais des Gouverneurs und streicht vom ahnungslosen Käufer, einem englischen Lord, den üppigen Kaufpreis ein. Er veranstaltet mit großem Aufwand eine betrügerische Lotterie und versucht, einem der einflussreichsten Plutokraten der Stadt dessen mit dubiosen Mitteln erworbenes Geld zu stehlen. Mit Hilfe seines schüchternen, aber geschickten Assistenten Anissi Tulpow gelingt es Fandorin, den "Pikbuben" zu überlisten.
Sicherlich ist die Beschwörung einer vermeintlich goldenen Ära, in der ein mächtiger Zar im europäischen Konzert noch tonangebend und Russland eine Großmacht war, für den Fandorin-Boom mitverantwortlich. Die wirkliche materielle und soziale Situation vieler Russen sieht so trüb aus, dass ihnen die Hoffnung auf eine mögliche Änderung dieses Zustands in naher Zukunft eher aberwitzig erscheinen mag. Die Wunschträume von einem besseren Leben suchen sich dann eben einen Ausweg in die andere Richtung, die Vergangenheit.
Der betuliche Erzähler, der "unseren Helden" bei der Lösung der kniffligen Fälle beobachtet, lässt Fandorin im edlen Ambiente aristokratischer Paläste agieren, in denen meist französisch parliert wird und ausgestopfte Bären silberne Tabletts für Visitenkarten präsentieren. In London, Paris und selbst unter undurchsichtigen Muselmanen auf dem Balkan ist Fandorin souveräner Herr der Lage. "Man hat den Eindruck, Puschkin hätte einen Krimi geschrieben", kommentierte die "New York Times" kürzlich Akunins Spiel mit der Nostalgie.
Der Autor bleibt da bescheidener - und realistischer: "Es ist einfach nur Entertainment."
PETER MÜNDER
Von Peter Münder

SPIEGEL SPECIAL 3/2003
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