30.03.2004

DAS KRIEGSENDE„Ein Buch wie ein Sprengsatz“

Der Historiker Konrad H. Jarausch über den Streit um Fritz Fischers Forschungen zur deutschen Kriegsschuld, die Haltung seiner Widersacher und die Frage, wie die Kontroverse die deutsche Gesellschaft verändert hat
SPIEGEL: Herr Professor Jarausch, die Fischer-Kontroverse hat die Bundesrepublik in den sechziger Jahren wie keine andere historische Debatte davor und danach bewegt. Wie konnte ein Streit unter Wissenschaftlern über die Kriegsschuldfrage im Ersten Weltkrieg so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen?
JARAUSCH: Fischers Thesen waren ein Schock. In Jerusalem stand Adolf Eichmann vor Gericht, in Frankfurt begannen die Auschwitz-Prozesse. Allen Deutschen wurde vor Augen geführt, welche schrecklichen Dinge im Dritten Reich passiert waren. Und nun sollten sie auch noch schuld am Ersten Weltkrieg sein.
SPIEGEL: Ging es in der Auseinandersetzung nur vordergründig um den Ersten Weltkrieg, tatsächlich aber um Auschwitz und den Nationalsozialismus?
JARAUSCH: Es ging um die Legitimität des deutschen Nationalstaats. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob ein deutscher Nationalstaat automatisch zum Ausbruch eines Weltkriegs führen muss. In den Geschichtskonstruktionen der Alliierten, die von Friedrich dem Großen über Bismarck zu Hitler reichten, war die gesamte neuere deutsche Geschichte ein Irrweg. Indem Fischer die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg herausarbeitete, stellte er auch die Frage nach der Kontinuität deutscher Geschichte.
SPIEGEL: Dieser Frage war die deutsche Historikerzunft bisher ausgewichen?
JARAUSCH: Ja. Ein Grund dafür war, dass es sich bei dem Streit auch um einen Generationenkonflikt handelte. Und zwar zwischen denen, die den Ersten Weltkrieg noch als Soldat erlebt hatten, wie etwa die Fischer-Kontrahenten Gerhard Ritter oder Egmont Zechlin, und den anderen, die entweder, wie Fritz Fischer, 1914 noch Kinder waren oder aber den Ersten Weltkrieg gar nicht mehr erlebt hatten.
SPIEGEL: Er lasse sich von dem "Kerl" - gemeint war Fischer - nicht das "Kriegserlebnis rauben", hat der Hamburger Historiker Egmont Zechlin gesagt.
JARAUSCH: Zu solchen aus der Biografie begründeten Aversionen kamen noch tief greifende wissenschaftliche Differenzen. Seit Bismarcks Reichsgründung verstand sich die etablierte deutsche Geschichtswissenschaft als national engagiert. Kritik an der Politik des Kaiserreiches, die es von Intellektuellen und Pazifisten im und nach dem Krieg gab, ist von den damals tonangebenden Historikern immer vehement zurückgewiesen worden. Sie stellten sich hinter die These des damaligen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, dass es sich allein um einen Verteidigungskrieg gehandelt habe.
SPIEGEL: Das klingt eher nach Propaganda als nach Wissenschaft.
JARAUSCH: Die Historikerzunft hat sich trotz aller Unterschiede - da gab es ja auch Liberale, Konservative und Völkisch-Radikale - als Verteidigerin des Vaterlandes verstanden. Das hing natürlich auch mit dem Artikel 231 des Versailler Vertrages zusammen, in dem die Siegermächte Deutschland für den Ausbruch des Krieges verantwortlich machten.
SPIEGEL: Blieben die deutschen Historiker auch nach 1945 bei dieser Sicht?
JARAUSCH: In gewisser Weise, ja. Zwar versuchten sie, Ursachen der nationalsozialistischen Katastrophe zu thematisieren. Zum Beispiel Gerhard Ritter, der einer der vehementesten Fischer-Kritiker war und der während der NS-Zeit als konservativer Protestant dem Widerstand nahe stand. Aber die Selbstkritik ging nicht so weit, dass sie den Ersten Weltkrieg in die Betrachtungen mit einbezog. Das war ein Tabu, das nicht angetastet wurde.
SPIEGEL: Wie wurde dann Hitlers Aufstieg erklärt?
JARAUSCH: Als Betriebsunfall der deutschen Geschichte. Die Verbrechen, die im Dritten Reich passiert waren, konnte man nicht leugnen, gerade deshalb fühlte sich die Historikerzunft zur nationalen Schadensbegrenzung aufgerufen. Und dafür wurde die Weimarer Republik als eine positive Entwicklung interpretiert, die dann sozusagen der Vorlauf zur Bundesrepublik war. Nach Weimar sei dann das Schreckliche im Dritten Reich passiert, das man eigentlich kaum erklären könne. Deshalb müsse man sich möglichst schnell der Bundesrepublik zuwenden, um die aufsteigende Linie vernünftiger deutscher Staatlichkeit wieder aufnehmen zu können. Vor dem Hintergrund dieser Interpretation wirkte Fischers Buch "Griff nach der Weltmacht" wie ein Sprengsatz.
SPIEGEL: Er habe die gesamte deutsche Geschichte mit Hitlers Schmutz beschmiert, ärgerte sich der Historiker Michael Freund, und Gerhard Ritter sah eine "Selbstverdunkelung deutschen Geschichtsbewusstseins".
JARAUSCH: Das war die gängige Meinung unter den national-konservativen Geschichtswissenschaftlern. Verstärkt wurde die Konfrontation noch durch den Kalten
Krieg. Die harten Urteile, mit denen ostdeutsche Wissenschaftler die Politik des Kaiserreichs verdammten, tabuisierten die Kriegsschuldfrage unter bundesdeutschen Historikern zusätzlich. Hinzu kam, dass die Frage nach der Legitimität des deutschen Nationalstaats immer auch die Frage nach der Legitimität einer Wiedervereinigung beider deutscher Staaten beinhaltete.
SPIEGEL: War das ein Grund, dass Fritz Fischer zunehmend auch von Politikern attackiert wurde? Der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier (CDU) griff den Hamburger Historiker sogar im Bulletin der Bundesregierung scharf an. Und Franz Josef Strauß rief die Bundesregierung 1965 dazu auf, die "Verzerrungen der deutschen Geschichte und des Deutschlandbildes" zu "beseitigen".
JARAUSCH: Einige Politiker waren wohl klug genug, um genau zu wissen, was da inhaltlich alles auf dem Spiel stand. Andere haben einfach aus einem populistischen Reflex heraus gehandelt, weil sie die Stimmung in der Bevölkerung kannten. Die älteren Bundesbürger, die beide Weltkriege mitgemacht hatten, sorgten sich vor dem Hintergrund immer neuer Berichte über die Nazi-Gräuel zunehmend um ihr Selbstwertgefühl und ihre Anständigkeit. Der Erste Weltkrieg musste deshalb unbedingt als Verteidigungskrieg erhalten bleiben. Die Briefseiten etwa im SPIEGEL oder in der "Zeit" waren damals gefüllt mit Wortmeldungen aufgebrachter Leser.
SPIEGEL: Tatsächlich hat die Bundesregierung 1964 versucht, eine Vortragsreise Fischers in die USA zu verhindern, indem sie dem Goethe-Institut die Mittel dafür strich. Erst nachdem amerikanische Wissenschaftler für ihren deutschen Kollegen Geld aufgetrieben hatten, konnte der dorthin reisen. Was waren die Folgen?
JARAUSCH: Nun wurde natürlich erst recht nach den dunklen Flecken auf der nationalen Weste gesucht, und die Sache bekam eine Publizität in den USA, die sie sonst nie erreicht hätte. Von heute aus betrachtet, hatte der Vorfall aber einen sehr positiven Effekt. Das Goethe-Institut lernte daraus. Die deutsche Kulturpolitik hat sich in den Siebzigern und Achtzigern sehr selbstkritisch präsentiert, obgleich es scharfe Auseinandersetzungen auch weiterhin gab.
SPIEGEL: Fischer war in seinem Auftreten und in seinen wissenschaftlichen Methoden alles andere als ein junger Wilder, sondern er entsprach ganz dem Bild des konventionellen deutschen Professors. Warum war er bei den aufrührerischen Studenten der Sechziger dennoch so beliebt?
JARAUSCH: In dem kritischen Generationenaufstand gegen die althergebrachte Ordinarienuniversität war auch ein anderes Geschichtsbild gefordert. Allerdings ging es vielen Studenten damals wohl weniger um Fischers Weltkriegsthesen als vielmehr darum, dass sich da jemand mutig gegen das Professorenestablishment stellte. Die Sympathie galt dem wissenschaftlichen Außenseiter, wie das in der deutschen Öffentlichkeit Jahrzehnte später während der Goldhagen-Debatte ganz ähnlich war. Und schließlich mag auch der lutherische Gestus Fischers, sein "Hier stehe ich, ich kann nicht anders", auf viele junge Leute sehr anziehend gewirkt haben.
SPIEGEL: Fritz Fischer war in der Nazi-Zeit Mitglied von NSDAP und SA. Jüngst ist aus seinem Nachlass ein Brief bekannt geworden, in dem er antisemitische Vorträge ankündigt. Sie haben in den achtziger Jahren über diesen Abschnitt seines Lebens mit ihm gesprochen. Wie weit hat er sich Ihnen offenbart?
JARAUSCH: In unserem Gespräch ging es eher um sein Saulus-Paulus-Erlebnis nach dem Krieg in amerikanischer Gefangenschaft. Dort sei er, erzählte er mir, mit Hunderten von SS-Leuten zusammengetroffen, die sich ihrer Verbrechen gebrüstet und sogar noch bedauert hätten, nicht noch mehr "Minderwertige" vernichtet zu haben. Geschockt von diesem Fehlen jeglichen Schuldgefühls sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, und er habe beschlossen, mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten alles zu tun, um eine Wiederholung solcher Untaten zu verhindern.
SPIEGEL: Fischer hat sich im Laufe der Kontroverse um die Kriegsschuldfrage radikalisiert. Anfänglich war von deutscher Mitschuld am Kriegsausbruch die Rede, später vertrat er dann die Auffassung, Deutschland habe den Weltkrieg bewusst ausgelöst, um seine Kriegsziele durchzusetzen. Ist die Verschärfung seiner Position Folge seines moralischen Rigorismus, der viele an ihm irritierte?
JARAUSCH: Es gab bei Fischer einen gewissen Bekennerzwang und ein Handeln aus einer ethischen Verantwortung heraus, das überzogen war. Beides war wohl Folge seiner Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit. Die Tatsache aber, dass er seine Thesen zum Ersten Weltkrieg verschärft hat, schreibe ich eher dem Einfluss seiner Doktoranden zu. Er hat das im Gespräch mit mir auch einmal zugegeben.
SPIEGEL: Heute sind Fischers Kriegsschuldthesen bei jüngeren Geschichtswissenschaftlern umstritten. Gibt es bleibende Verdienste des Hamburger Historikers?
JARAUSCH: Man tut Fischer unrecht, wenn man wörtlich an seinen Thesen klebt. Wichtig ist, seinen selbstkritischen Impuls aufzunehmen. Im Ausland war die Reaktion auf Fischer zunächst ja nur: Das haben wir doch schon lange gewusst. Es hat ungefähr 10 bis 15 Jahre gedauert, bis der Anstoß zur Kritik der eigenen Nation, den Fischer gegeben hat, auch dort wirkte. Inzwischen ist da vor allem in der englischen Forschung einiges passiert. Insgesamt hat sich die Diskussion internationalisiert.
SPIEGEL: Und in Deutschland?
JARAUSCH: Die deutschen Historiker entwarfen für sich ein neues Leitbild. Das des kritisch-engagierten Wissenschaftlers, der Machtpolitik jedweder Art in Frage stellt. Hierin liegt für mich allerdings auch eine problematische Folge der Fischer-Kontroverse. Da hat es sozusagen einen Überschuss an Lernen gegeben.
SPIEGEL: Inwiefern?
JARAUSCH: Deutscher Nationalstaat muss nicht gleich Krieg, gleich Holocaust sein, wie manche fortan postulierten. Anstatt darüber nachzudenken, wie Macht, die aus menschlichen Beziehungen doch gar nicht wegzuleugnen ist, gezähmt und rechtlich reglementiert werden kann, kam es zu einer Verweigerung, sich überhaupt mit Machtpolitik auseinander zu setzen. Dass es diese Überreaktion gab, ist allerdings nicht allein der Fischer-Kontroverse zuzuschreiben. Eine Ursache war sicher auch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust.
SPIEGEL: Spielten nicht auch die Erwartungen der alliierten Siegermächte an das geteilte Deutschland eine Rolle?
JARAUSCH: Ja, es war sicher ein historisch notwendiger Lernprozess, aber man sollte an diesem Punkt nicht stehen bleiben. Ansonsten hat die Fischer-Kontroverse entscheidend dazu beigetragen, dass sich in Deutschland bei den Intellektuellen, in den Medien und bei den Politikern ein selbstkritisches Geschichtsbild entwickeln konnte. Ein größeres Lob kann es für die Arbeit eines Historikers kaum geben.
SPIEGEL: Herr Professor Jarausch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Links oben: Auf dem Historikertag 1964 in Berlin; rechts oben: 1962 in Frankfurt am Main während der SPIEGEL-Affäre; links unten: als Angeklagter 1961 in Jerusalem; rechts unten: 1963 in Frankfurt am Main. Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteurin Karen Andresen. * Links oben: Schlacht bei Zorndorf im August 1758 (Kopie eines verschollenen Gemäldes von Carl Röchling); rechts oben: 1938 auf einer Wahlveranstaltung in Graz; unten: 1965 im Bundestag in Bonn.

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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