29.06.2004

DOSSIER: DIE TERROR-INTERNATIONALEKÄMPFERBÜNDNIS ISLAMISCHER DSCHIHAD

Wut in Gaza
Die Bezeichnung Palästinensischer Islamischer Dschihad ("Haraka al-Dschihad al-Islami al-Filastini") ist irreführend: Tatsächlich gibt es eine Reihe von militanten Kleingruppen, die unter dem martialischen Namen firmieren. Ihr Ziel ist der bewaffnete Kampf gegen das "zionistische Gebilde", und schon zu Beginn der achtziger Jahre waren sie verantwortlich für mörderische Attentate gegen Israelis. Gemein ist den verschiedenen Organisationen, die Geld aus Damaskus und Teheran erhalten sollen, dass sie maßgeblich vom Erfolg der iranischen Revolution beeinflusst wurden.
Politisch ist das knappe halbe Dutzend von Dschihad-Brigaden ohne großen Einfluss geblieben. Ihre Aktivisten, aufgeteilt in kleine, weitgehend unabhängig operierende Zellen, zählen nicht viel mehr als einige hundert Anhänger; Sympathisanten rekrutieren sie unter jungen Intellektuellen und fanatischen Gläubigen im Gaza-Streifen ebenso wie im besetzten Westjordanland.
Die wichtigste Fraktion wurde 1979 von Fathi al-Schakaki und einigen seiner Kommilitonen in Ägypten gegründet. Der 1951 im Gaza-Streifen geborene Schakaki hatte dort fünf Jahre zuvor ein Medizinstudium begonnen. Er wurde aktiv in der Muslimbruderschaft, trennte sich aber wegen ideologischer Zerwürfnisse von der Organisation.
Schakaki und seine Mitstreiter waren erbost darüber, dass die ägyptischen Glaubensbrüder dem Kampf der Palästinenser gegen die israelische Okkupation einen so geringen Stellenwert beimaßen. Unter dem Einfluss der Revolution in Iran 1979, von Schakaki in einem Buch als Vorbild für die arabische Welt gepriesen, entwickelten sie ein neues ideologisches Programm, mit dem sie die vorherrschende Lehre umkehrten.
Sie glaubten, dass nicht die Einheit der arabischen Welt Voraussetzung für die Befreiung des besetzten Palästina sei, sondern im Gegenteil: Der "Heilige Krieg" zur Befreiung von der israelischen Okkupation werde erst die Bedingungen für die Renaissance eines geeinten islamischen Großreiches sein.
Die Regierung in Kairo schickte die palästinensischen Studenten in ihre Heimat zurück, nachdem deren enge Kontakte zu radikalen ägyptischen Kommilitonen ruchbar wurden, die man 1981 für die Ermordung von Präsident Anwar al-Sadat verantwortlich machte.
Im Gaza-Streifen wurden sie zum Nukleus des Islamischen Dschihad, der lange vor Beginn der Intifada Attentate verübte. Aber auch in Ägypten blieben die Terroristen aktiv: so bei einem Anschlag auf einen Reisebus 1990, bei dem elf Menschen umkamen, darunter neun Israelis.
Mord am Chef
Schakaki wurde 1988 zusammen mit einem Mitstreiter in den Libanon zwangsexiliert. Von dort betrieb er die Neuorganisation seiner Gruppe und schuf enge Verbindungen zu den Revolutionären Garden Irans und den Hisbollah-Milizen. Dank dieser Beziehungen wurde der Kinderarzt zu einer der zentralen Figuren in der Ablehnungsfront, die sich nach dem israelisch-palästinensischen Übereinkommen von Oslo und Washington 1993 bildete.
In den besetzten Gebieten galten Dschihad und Hamas als Rivalen - bis sich die beiden radikalislamistischen Organisationen in ihrer Ablehnung der Palästinensischen Autonomiebehörde unter Jassir Arafat zusammenfanden: Seither gab es immer öfter operativ koordinierte Kommandounternehmen gegen israelische Soldaten und Zivilisten.
Nachdem der Dschihad-Gründer im Oktober 1995 in Malta von israelischen Geheimdienstleuten ermordet worden war, ist die Bedeutung der militanten Terrorgruppe verblasst. Seinem Nachfolger, Ramadan Abdallah Schalah, der 1996 aus Florida nach Damaskus übersiedelte, fehlt es an Charisma und organisatorischem Geschick.
An seinem radikalen Kurs hält der Islamische Dschihad trotz aller diplomatischen Friedensbemühungen jedoch fest: "Wir machen weiter, wir haben keine Wahl", erklärte sein Vertreter im Libanon Ende 2001, "Wir sind nicht zu Kompromissen bereit."
Selbstmordattentate, so wie am 4. Oktober 2003 auf ein Restaurant in Haifa, bei dem 19 Menschen starben, zeigen, dass die Islamisten ihre Ziele mit grausamer Entschlossenheit weiter verfolgen. STEFAN SIMONS
Von Stefan Simons

SPIEGEL SPECIAL 2/2004
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