29.06.2004

GESCHICHTE DES TERRORS„Furchtbare Moralisten“

Mit Bomben, Sprengfallen und Maschinenpistolen attackieren die Terroristen der Roten Armee Fraktion die Bundesrepublik und ihre Institutionen. Der „Krieg von 6 gegen 60 Millionen“ kostet über 50 Menschen das Leben und treibt den Staat an den Rand einer Krise.
Donnerstag, 15. Juli 1971, 14.20 Uhr. Bei einem Schusswechsel mit Polizisten stirbt in der Hamburger Reineckestrasse ein 20jähriges Mädchen, bildhübsch, bewaffnet mit einer belgischen Armeepistole. Eine Kugel trifft sie unter dem linken Auge.
Das Mädchen heißt Petra Schelm und wird von der Polizei als gefährliche Terroristin gesucht. Sie ist die erste Tote.
Ihr frühes Ende ist der Auftakt zu einem schaurigen Totentanz, der über 50 Menschen das Leben kosten, der Trauer, Leid und Verzweiflung über viele Familien bringen wird. Wirtschaftsführer und Personenschützer sterben, aber auch Untergrundkämpfer und Polizisten. Ein deutsches Trauerspiel.
Über ein Vierteljahrhundert wird die Bundesrepublik mit einer zuvor nie gekannten Herausforderung konfrontiert: Dem Bestreben einer winzigen, fanatischen Minderheit, den Staat und seine Institutionen zu zerstören.
Dieses Ziel bleibt zwar Illusion. Die Terroristen der selbst ernannten Roten Armee Fraktion, kurz RAF, schaffen es jedoch, Angst und Schrecken zu verbreiten und hektische Gegenreaktionen auszulösen. Ihre mörderischen Aktionen führen zu bis dahin undenkbar gehaltenen Gesetzesverschärfungen, ja sogar zur Einführung neuer Straftatbestände. 1977, auf dem Höhepunkt des Terrors, droht eine Staatskrise.
Begonnen hat alles mit dem Niedergang der linken Studentenbewegung. Ende der sechziger Jahre gehen Zehntausende gegen die Politik der USA auf die Straße, die Vätergeneration sieht sich mit lästigen Fragen nach ihrer Nazi-Vergangenheit konfrontiert, die Hochschulen werden zum Schauplatz provozierender Protestaktionen. "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren", skandieren die Studenten.
Nachdem die meisten Kommilitonen in die Hörsäle zurückgekehrt sind und der Rest in zahllosen linken Splittergruppen endlose Debatten über neue Strategien des Widerstands führt, bleibt eine Hand voll Ungeduldiger übrig. Die fordern, den vielen Worten endlich Taten folgen zu lassen.
In der Nacht zum 3. April 1968 ist es so weit. Da gehen im Frankfurter Kaufhaus Schneider zwei Brandsätze hoch, einer in der Möbelabteilung, einer bei der Damenkonfektion. Motto: "Burn, warehouse, burn."
Die Flammen, heißt es später, sollten als Fanal gegen den Vietnam-Krieg lodern, die Bombardierung der nordvietnamesischen Bevölkerung durch die US-Luftwaffe geißeln. Außerdem stehen Kaufhäuser als Symbol für kapitalistischen "Konsumterror".
Schon am Tag danach nimmt die Polizei mehrere Personen als Täter fest. Zwei von ihnen erlangen später traurige Berühmtheit: Die Germanistikstudentin Gudrun Ensslin, evangelische Pfarrerstochter von der Schwäbischen Alb, hoch begabt, hoch moralisch. Und der Anarcho Andreas Baader, eine Art Bürgerschreck und Bohemien, mit vielen Talenten und einer Vergangenheit als Autoknacker und Frauenheld.
Bei der Berichterstattung über den Brandstifterprozess fällt eine Journalistin durch besonders engagierte Artikel auf: Ulrike Meinhof vom Linksblatt "Konkret".
Die Kolumnistin aus dem vornehmen Hamburger Elbvorort Blankenese, Mutter von Zwillingen, Ex-Ehefrau des "Konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, gilt als brillante Schreiberin, die in geschliffenen Sätzen soziale Missstände anprangert. Vor allem linke Intellektuelle schätzen ihre Analysen.
Auch die sind schockiert, als die Autorin ihre Journalistenkarriere abrupt beendet: Am 14. Mai 1970 hilft sie in Berlin, den inhaftierten Brandstifter Baader mit Waffengewalt zu befreien, taucht mit ihm ab. Die Aktion gilt als Geburtsstunde der RAF. Ein Unbeteiligter wird dabei durch einen Schuss schwer verletzt.
Rund zwei Dutzend junger Frauen und Männer, vorwiegend Studenten aus gutem Haus, pfeifen daraufhin auf ihre bürgerliche Existenz, folgen Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in den Untergrund.
Als "Stadtguerilla" wollen sie den "kapitalistischen Unterdrückerstaat" und den "US-Imperialismus" angreifen, wollen in bewaffneten Kleingruppen heute hier und morgen dort zuschlagen, getreu dem Vorbild südamerikanischer Revolutionäre.
In einem jordanischen Palästinenserlager üben sie dazu Handgranatenwerfen, Schießen und Bombenbasteln, in Berlin beschaffen sie sich Waffen, stehlen Autos, überfallen Banken.
Ulrike Meinhof gilt als intellektueller Kopf im Hintergrund. Sie, die einst so fein formulierte, gibt mit einer brutalen Erklärung die Richtung vor: "Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch ... und natürlich kann geschossen werden."
Das Menschsein wird in der Geschichte der RAF noch vielen anderen abgesprochen, die als "Charaktermasken", "Funktionsträger" oder "Akteure des Systems" getötet werden. Und schon bald wird auch geschossen und gebombt.
Der 32-jährige Polizeimeister Norbert Schmid ist das erste RAF-Opfer. Er wird, eher ein Zufall, in der Nacht zum 22. Oktober 1971 während einer Personenkontrolle im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel erschossen.
1972 folgt dann Anschlag auf Anschlag. Innerhalb von zwei Maiwochen explodieren Bomben in den US-Hauptquartieren von Frankfurt und Heidelberg, im Augsburger Polizeipräsidium und im Hamburger Springer-Hochhaus.
Bilanz: 4 Menschen sterben, 74 werden verletzt, teilweise schwer. Leichenteile eines in Heidelberg Getöteten müssen aus einem Lindenbaum geborgen werden. Gerechtfertigt werden die Attentate mit Hinweis auf die amerikanischen "Verbrechen am vietnamesischen Volk".
Die Sympathie, die den RAF-Leuten anfangs gerade aus dem linksliberalen Bürgertum entgegengebracht wird und die vor allem Ulrike Meinhof gilt, schlägt nach der ersten Terrorwelle in Erschrecken und Ablehnung um. Die "Massen", für deren Heil sie zu kämpfen vorgeben, erreichen die Terroristen ohnehin nie. Durchschnittsbürger sind schon mit der verquast-elitären Sprache in den Verlautbarungen überfordert - durchaus beabsichtigt.
"Es konnte für uns von Anfang an nicht um Mehrheiten gehen", verrät die RAF-Aktivistin Irmgard Möller viele Jahre später in einem SPIEGEL-Gespräch. "Das Bewusstsein hier war so, dass nur eine Minderheit den revolutionären Prozess vorantreiben konnte."
Die Mehrheit will jedoch alles, nur keine Revolution, der Schriftsteller Heinrich Böll prägt den Begriff "Krieg von 6 gegen 60 Millionen".
Kein Zufall: Als im Juni 1972 die RAF-Aktivisten der ersten Generation, darunter Baader, Meinhof und Ensslin, nacheinander gefasst werden, haben jedes Mal Tipps aus der Bevölkerung zur Festnahme geführt.
Ausgerechnet im Knast kriegen die RAF-Kader eine politische Bedeutung, die sie zuvor nie hatten.
Unfreiwillige Hilfe kommt von außen. Der monströse Gefängnisneubau in Stuttgart-Stammheim mit seinen Betonmauern und Sicherheitstrakten vermittelt den Eindruck gnadenlos praktizierter Staatsräson. Strenge Einzelhaft, die Unterbringung in schalldichten Zellen und rigide Besuchsverbote scheinen die These zu untermauern, der Staat suche seine Gegner zu vernichten.
Gesetzlich beschlossene Einschränkungen von Verteidigerrechten, Änderungen der Strafprozessordnung, die Einführung neuer Straftatbestände und, beim Prozess gegen die Hauptangeklagten, total überforderte Richter und geifernde Bundesanwälte verstärken diesen Eindruck.
Folge: Deutliche Zunahme der linksradikalen Szene, Gründung so genannter Folterkomitees gegen die Haftbedingungen der "politischen Gefangenen", Misstrauen im Ausland. Sogar der greise französische Philosoph Jean-Paul Sartre sieht sich trotz Krankheit veranlasst, in Stammheim nach dem Rechten zu sehen.
Um ihr Ziel nach Zusammenlegung durchzusetzen, riskieren die Häftlinge während mehrerer Hungerstreiks ihr Leben. Der Ton untereinander ist rigide geworden, wer zweifelt, wird brutal niedergemacht. Doch davon dringt wenig nach außen.
Als der RAF-Häftling Holger Meins, der zuletzt noch 39 Kilogramm wiegt, am 9. November 1974 an Unterernährung stirbt, gehen in Köln, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und Berlin Tausende Demonstranten auf die Straße. Und als Ulrike Meinhof, längst zermürbt von der Haft und den Zerfleischungsritualen untereinander, am 9. Mai 1976 erhängt in ihrer Zelle entdeckt wird, glauben viele aus der harten Linksszene an staatlichen Mord. Bei ihrer Beerdigung wird ein Transparent hochgehalten: "Ulrike Meinhof, wir werden dich rächen."
Die zweite Generation der RAF hat sich da längst formiert. Und wieder, wie schon bei den RAF-Gründern, sind es vorwiegend Töchter und Söhne aus Bürgertum und Großbürgertum, die ihren Zorn auf Väter und Mütter im Hass auf den Staat ausagieren - oder der eigenen, behüteten Existenz überdrüssig sind. Die Hamburger Anwaltstochter Susanne Albrecht formuliert es drastisch: "Ich habe die Kaviarfresserei satt."
Alle eint die Empörung über die vermeintliche Folterung der RAF-Häftlinge. Und alle haben ein Ziel: "Die Gefangenen müssen raus!"
Kontakt zu den Inhaftierten besteht über ein Info-System, das mit Hilfe von Rechtsanwälten funktioniert - die Rolle der Terroristenanwälte wird zum Politikum. Einige Advokaten, wie etwa der heutige Bundesinnenminister Otto Schily, strapazieren die Verteidigerrechte bis zum Bruchpunkt, gehen aber nie darüber hinaus. Andere geraten in den Bann der Untergrundkämpfer, lassen sich wie der Stuttgarter Anwalt Klaus Croissant zu Komplizen instrumentalisieren. Croissant, ursprünglich ein bürgerlicher Scheidungsanwalt, muss sogar wegen Kassiberschmuggels ins Gefängnis.
Der erste Versuch, die Stammheimer Häftlinge freizupressen, endet am 25. April 1975 in einem Blutbad: Beim Überfall eines RAF-Kommandos auf die deutsche Botschaft in Stockholm sterben vier Menschen, zwei Botschaftsangehörige und zwei Terroristen.
Der zweite Versuch im Jahr 1977 wird, wie es der CDU-Politiker Heiner Geißler später formuliert, "die Seele der Republik verändern": Rund 20 RAF-Terroristen, unter ihnen Leitwölfe wie Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, fordern den Staat in bisher einmaliger Weise heraus.
Zunächst trifft es zwei typische Vertreter des verhassten "Systems". Generalbundesanwalt Siegfried Buback, in den Augen der RAF verantwortlich für den "faschistischen juristischen Unterdrückungsapparat", wird am 7. April 1977 in seinem Dienstwagen erschossen. Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, der eigentlich entführt werden soll, wird als Repräsentant des verhassten Kapitals mit mehreren Schüssen niedergestreckt.
Detail am Rande: Susanne Albrecht, eine Bekannte des Bankiers, hat sich und ihren Komplizen Dank ihrer Vertrauensstellung Zugang zu Pontos Privathaus verschafft.
Das ist der Anfang. Am 5. September 1977 beginnt ein wochenlanges Drama: die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, die Kaperung der Lufthansa-Maschine "Landshut" und die Befreiung der Passagiere durch die GSG 9, der Selbstmord der Häftlinge in Stammheim (siehe Grafik Seite 82).
Der sechs Wochen währende "Deutsche Herbst", in dessen Verlauf zwölf Menschen sterben, führt zum Ausnahmezustand. Die Bundesregierung verhängt, ein Novum, eine totale Nachrichtensperre über die Medien. Die Stammheimer Häftlinge dürfen nicht mehr mit ihren Anwälten sprechen.
In Bonn regiert faktisch eine Art Allparteienregierung. Neben den Spitzenpolitikern der Opposition sitzt auch BKA-Chef Horst Herold mit im großen Krisenstab, ein hochintelligenter Polizist, der in seinen Computern Unmengen von Daten über die RAF gesammelt und die Rasterfahndung eingeführt hat und der sich zwecks effektiver Bekämpfung der Terroristen in deren Psyche hineinzuversetzen sucht. Er weiß, dass die Entführer keine gewöhnlichen Kriminellen sind, wie manche Politiker suggerieren, sondern verblendete Idealisten - was sie noch viel gefährlicher macht.
Der Rechtsstaat wackelt. Weil Bundeskanzler Helmut Schmidt entschlossen ist, den Erpressern nicht nachzugeben, werden im Krisenstab "exotische Lösungen" diskutiert, vom Standrecht bis zur Todesstrafe.
Die erfolgreiche Geiselbefreiung verhindert eine Regierungskrise: Schmidt, der die Aktion angeordnet hat, will bei einem Scheitern zurücktreten. Als er die Nachricht vom Erfolg erhält, bricht er vor Erleichterung in Tränen aus.
Die Terroristen hingegen machen sich einmal mehr zu Herren über Leben und Tod. Die Ermordung Schleyers mit drei Kopfschüssen rechtfertigen sie als moralischen Akt. "Wir waren furchtbare Moralisten", gesteht später RAF-Mitglied Baptist Ralf Friedrich, eine der Randfiguren.
Dass die RAF-Häftlinge Baader und Jan-Carl Raspe im Stammheimer Hochsicherheitstrakt Pistolen besaßen, stößt in der Öffentlichkeit zunächst auf ungläubiges Staunen. Auch als klar wird, wie Anwälte die Waffen eingeschmuggelt haben, halten sich Zweifel an der offiziellen Selbstmordversion. Zumal Irmgard Möller, die einzige Überlebende (Gudrun Ensslin hat sich in ihrer Zelle erhängt), bis heute behauptet, ihre schweren Stichverletzungen hätten ihr Eindringlinge von außen zugefügt.
Führende RAF-Kader wussten jedoch, dass die Stammheimer Häftlinge eine "Suicide action" planten. Das Thema ist jedoch selbst in der Gruppe tabu. Das Festhalten an der Mordtheorie, eine Art Lebenslüge der RAF, hilft, das Überleben der Gruppe nach 1977 zu sichern.
Zwar setzen sich 1980 zehn Altkader, entnervt von Misserfolg und Fahndungsdruck, mit Hilfe der Stasi in die DDR ab, werden erst nach der Wende enttarnt. Außerdem gehen 1982 mit Christian Klar, Adelheid Schulz und Brigitte Mohnhaupt die führenden Köpfe der Polizei ins Netz.
Aber die Legende vom staatlich verordneten Mord sowie die Empörung über immer noch als unmenschlich empfundene Haftbedingungen treiben der RAF, einer Hydra gleich, immer wieder neue Untergrundkämpfer zu. Junge Menschen wie die Wiesbadener Studenten Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, die über die Betreuung von RAF-Häftlingen in den Sog der Gewalt geraten.
Anders als die zweite Generation, der es vorrangig um die Befreiung der inhaftierten Genossen ging, wollen die Mitglieder der dritten RAF-Generation eine revolutionäre Front aufbauen, zusammen mit anderen europäischen Terrorgruppen gegen die Nato und gegen das "multinationale Kapital" kämpfen, den "militärisch-industriellen Komplex" angreifen. Ins Fadenkreuz geraten dabei so genannte Funktionsträger - Menschen in Führungspositionen.
Zwischen 1984 und 1986 töten RAF-Terroristen den Rüstungsmanager Ernst Zimmermann, den Atommanager Karl Heinz Beckurts und Gerold von Braunmühl, Abteilungsleiter im Außenministerium. Die Täter, offenbar nur eine kleine Gruppe, bauen raffinierte Sprengfallen, hinterlassen keine Spuren, werden trotz riesigen Fahndungsaufwands nicht gefasst.
Vermittelbar sind die Aktionen auch in der Linksszene nicht mehr, klammheimliche Freude vermag nicht aufzukommen. Blankes Entsetzen erregt die Erschießung des amerikanischen GIs Edward Pimental (1985), der sterben muss, weil RAF- Aktivisten seinen Dienstausweis brauchen. Töten ist für die Propheten einer besseren Welt zum Selbstzweck geworden.
Die beiden letzten Mordanschläge, verübt am Bankvorstand Alfred Herrhausen 1989 und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder 1991, sind Reaktionen auf den Mauerfall. Der plötzliche Zusammenbruch des Ostblocks stand nicht auf der Agenda der Weltrevolution.
Herrhausen und Rohwedder wollten helfen, so der Verdacht der RAF, die Bewohner Osteuropas "dem Diktat und der Logik kapitalistischer Ausbeutung zu unterwerfen". Konsequenz: die Todesstrafe.
"Wir haben", heißt es mit beispielloser Hybris im Bekennerschreiben zum Herrhausen-Mord, "den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, hingerichtet."
Erst viele Jahre später, im Rahmen einer umfangreichen "RAF-Auflösungserklärung" vom 20. April 1998, klingt erstmals eine Spur von Bedauern an. "Revolutionäre sehnen sich nach einer Welt", heißt es da auf Seite 11, "in der niemand darüber entscheidet, wer ein Recht auf Leben und wer es nicht hat."
Eine Sehnsucht, die für die Opfer der RAF zu spät kommt. BRUNO SCHREP -------------------------------------------------------------------
Der "Deutsche Herbst" Chronik der Schleyer- und der "Landshut"-Entführung
Montag, 5. September 1977
In Köln überfallen RAF-Terroristen des "Kommandos Siegfried Hausner" den Wagen von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Sein Fahrer und drei Sicherheitsbeamte werden getötet, Schleyer wird verschleppt.
Dienstag, 6. September
Die Entführer schicken ein Foto Schleyers ("Gefangener der RAF") und stellen ein Ultimatum, bis zum Mittwoch die "Gefangenen aus der RAF", Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und andere, im Austausch gegen Schleyer freizulassen.
Der Genfer Rechtsanwalt Denis Payot, Ex-Generalsekretär der Internationalen Vereinigung für Menschenrechte, soll die RAF-Häftlinge begleiten. Doch Kanzler Helmut Schmidt sagt intern, es gelte, Schleyer lebend zu befreien, die Entführer zu ergreifen und die Handlungsfähigkeit des Staates nicht zu gefährden - das heiße auch, die RAF-Gefangenen nicht freizugeben.
Freitag, 9. September
Das Bundeskriminalamt (BKA) akzeptiert Payot als Kontaktperson zwischen Entführern und BKA.
Montag, 12. September
Schleyer wendet sich in einem Tonband an Oppositionschef Helmut Kohl, er beklagt "Menschenquälerei ohne Sinn".
Dienstag, 13. September
Die Entführer setzen der Bundesregierung im inzwischen schon fünften Ultimatum "eine letzte Frist bis heute Abend, 24 Uhr".
Sonntag, 25. September
Das BKA teilt Vermittler Payot mit, dass die von den RAF-Häftlingen angegebenen Zielländer Libyen und Südjemen eine Aufnahme der Terroristen abgelehnt hätten.
Donnerstag, 29. September
Der Bundestag verabschiedet das "Kontaktsperre-Gesetz". Es soll jeden Kontakt der RAF-Häftlinge zur Außenwelt unterbinden.
Samstag, 8. Oktober
Das Büro Payot übermittelt dem BKA einen Brief Schleyers und eine Polaroid-Aufnahme des Arbeitgeberpräsidenten mit der Aufschrift "Seit 31 Tagen Gefangener".
Donnerstag, 13. Oktober
Die Lufthansa-Maschine "Landshut" (mit 86 Passagieren und 5 Besatzungsmitgliedern an Bord) wird von zwei Männern und zwei Frauen auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt entführt.
Freitag, 14. Oktober
Die palästinensischen Entführer übermitteln der Bundesregierung ein Ultimatum, in dem die Freilassung der "Genossen der RAF aus westdeutschen Gefängnissen" und die Freilassung "palästinensischer Genossen aus dem Gefängnis in Istanbul" verlangt wird.
Sonntag, 16. Oktober
Nach einer Odyssee über Rom, Zypern, Bahrein und Dubai landet die "Landshut" in Aden im Südjemen. Der Chef des Kommandos, Zohair Akache, erschießt Flugkapitän Jürgen Schumann.
Montag, 17. Oktober
Die "Landshut" fliegt von Aden nach Mogadischu. Staatsminister Wischnewski trifft danach in Mogadischu ein und verhandelt mit der somalischen Führung. Nach Einbruch der Dunkelheit landet in Mogadischu eine Sondermaschine der Lufthansa mit einem GSG-9-Kommando an Bord.
Dienstag, 18. Oktober, 0.05 Uhr
GSG-9-Beamte stürmen die "Landshut". Um 0.12 Uhr meldet Staatsminister Wischnewski dem Bundeskanzler telefonisch: "Die Arbeit ist erledigt." Drei der vier Entführer wurden getötet, Passagiere und Besatzungsmitglieder in Sicherheit gebracht.
8.58 Uhr
Dpa meldet, dass Andreas Baader und Gudrun Ensslin sich in der Vollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim das Leben genommen haben. Jan-Carl Raspe stirbt um 9.40 Uhr.
Mittwoch, 19. Oktober
Die Leiche Schleyers wird im Kofferraum eines Audi 100 im elsässischen Mülhausen gefunden.
Von Bruno Schrep

SPIEGEL SPECIAL 2/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 2/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze