07.09.2004

REFORMBAUSTELLE SCHULEDie große Illusion

Mit einem Milliardenprogramm fördert die Bundesregierung die Einrichtung von Ganztagsschulen. Der erhoffte Bildungsumschwung bleibt aus. Viele Schulen entwickeln sich zu Verwahranstalten für den Nachmittag - besser lernen können die Kinder in den wenigsten.
Im Bremer Norden ist die Revolution vollbracht. An der Grundschule Borchshöhe läuft seit einem Jahr alles anders. Die Lehrer haben "Präsenzzeiten"; 37,5 Stunden pro Woche arbeiten sie in der Schule. Die Kinder lernen nicht in Klassen, sondern in "altersgemischten Gruppen". Mindestens sieben Stunden am Tag, von acht Uhr am Morgen bis drei Uhr am Nachmittag, verbringen sie mit ihren Lehrern.
"Es war hart, und es war anstrengend", sagt Petra Köster-Gießmann. Zwei Jahre lang hat die Rektorin das Modell vorbereitet, Dutzende Male mit den Kollegen über die Veränderungen diskutiert. "Viele waren verunsichert", erzählt sie. "Die neuen Aufgaben, die Unruhe und zwischendurch die Bauarbeiter. Aber jetzt sind wir eine richtige Ganztagsschule." Mit nahezu neuem Personal: Bis auf zwei sind alle ehemaligen Lehrer gegangen - in den Ruhestand oder in Schulen, wo alles so läuft wie gewohnt.
Die Rektorin ist eine Überzeugungstäterin, wie die Bundesbildungsministerin sie braucht. Seit zwei Jahren will Edelgard Bulmahn (SPD) Deutschland mit Ganztagsschulen bestücken, am liebsten flächendeckend. Bis 2007 sollen zahlreiche Grund- und weiterführende Schulen (Sekundarstufe I bis Klasse 10) umgewandelt oder ausgebaut werden.
Die Ministerin erhofft sich eine Menge: Ganztagsschulen könnten deutsche Schüler unter die Bildungsbesten der Welt katapultieren, sie könnten Kindern aller Eltern gleiche Chancen auf eine Hochschulreife ermöglichen - und Müttern den Freiraum für einen Job. Nur rund die Hälfte aller Frauen mit schulpflichtigen Kindern arbeitet; und die Frage, wer aufs Kind aufpasst, hält viele andere davon ab, es ihnen gleichzutun oder überhaupt Nachwuchs in die Welt zu setzen.
Bulmahn weiß Väter, Mütter und Wissenschaftler hinter sich. Hirnforscher und Entwicklungspsychologen meinen, Kinder könnten in Ganztagsschulen unter besseren Bedingungen lernen. Über 70 Prozent der Eltern wüssten ihre Sprösslinge gern auch am Nachmittag in der Schule. Sie erwarten neben praktischer Rundumbetreuung vor allem möglichst viele sinnstiftende Angebote für ihren Nachwuchs.
Vier Milliarden Euro hat die Regierung bereitgestellt und zahlt damit das teuerste Schulentwicklungsprogramm seit Gründung der Republik. Wie viel ein Bundesland bekommt, bemisst sich nach der Zahl aller Kinder in den Grundschulen und in Sekundarstufe I. Die Kultusbeamten in den Ländern entscheiden, welche Schulen sie fördern. Zehn Prozent muss jedes Land aus eigener Kasse zuschießen, außerdem für alles zusätzliche Personal aufkommen. Die Gabe aus Berlin ist allein für den Um- und Ausbau gedacht. Verprassen die Schulen die Spende, will der Bund sie zurückfordern.
So weit der schöne Plan.
Vielerorts hat ihn längst die Wirklichkeit eingeholt. Die Bremer Revoluzzer, gefördert mit dem Bundesgeld, gehören zu den Ausnahmen. Das Projekt Ganztagsschule droht im Machtkampf zwischen Bulmahn und der Kultusministerkonferenz zu zerbröseln. Monatelang schoben sich die Ministerin und ihre Kollegen in den Ländern den Entwurf einer Verwaltungsvereinbarung hin und her. Dann erst gelang es ihnen, sich darauf zu einigen, von was sie eigentlich reden.
Denn selten meinen zwei dasselbe, wenn sie Ganztagsschule sagen. Unter dem Label sammelt sich das Elitegymnasium Schloss Salem am Bodensee ebenso wie die Hamburger Gesamtschule Wilhelmsburg mitten im sozialen Brennpunkt. Darunter fallen "gebundene" Schulen, zu deren Nachmittagsunterricht alle Kinder kommen müssen, und "offene", in denen die Kinder entscheiden können, ob sie teilnehmen. Dazu zählen Mischformen, wo bloß an bestimmten Tagen Anwesenheitspflicht herrscht, oder solche, wo nur die Hälfte der Klasse den ganzen Tag lang bleibt. Es gehören Schulen dazu, die sich den Luxus einer eigenen Köchin leisten, und jene, denen Großküchen das Essen in Thermosbehältern liefern, aus denen sich bis zum Mittag alle Vitamine verflüchtigt haben.
Vor allem aber unterscheiden sie sich in ihren Angeboten: An einigen arbeiten rund um die Uhr Lehrer und Sozialpädagogen - an anderen überwachen ein paar Studenten die Hausaufgaben und teilen nachmittags Fußbälle aus.
In solch ambitionierten Neugründungen wie bei der Salzmannschule Schnepfenthal nahe Gotha lernen kleine Thüringer vier Fremdsprachen in acht Jahren, Arabisch, Chinesisch oder Japanisch ab der sechsten Klasse - und, immer mittwochs, den "Fußkuss auf dem Schwebebalken" in der AG Traditionsturnen. "Wa ta shi no" steht an der Tafel neben einem Kirschblütenposter, selbst die Lehrerin ist original japanisch. Mit ihrer kleinen Klasse - fünf Kinder - spricht sie kaum Deutsch. Nachmittags in der Kalligrafie-AG tuscht nur noch ein einziges Mädchen Blatt um Blatt das Zeichen für Fisch. Individualförderung ist die Regel.
Lange machte Bulmahn ein "integriertes pädagogisches Konzept" zur Bedingung für ihre Spende: ein sinnvolles, über den Tag verteiltes Programm mit Unterricht, Freizeitangeboten und Projektarbeit, möglichst von Montag bis Freitag und für alle Schüler. Nie zuvor hatte sich der Bund in der Schulpolitik so weit vorgewagt.
Die Kultusminister stritten daraufhin erst einmal ums Prinzip. Vor allem in den CDU-geführten Ländern pochten sie auf ihre ureigene, im Grundgesetz verbriefte Zuständigkeit in der Schulpolitik. Erst im Mai 2003 einigten sich Bulmahn und die Landesminister nach quälend langer Diskussion. Seither darf sich jede Schule Ganztagsschule nennen, in der an drei Wochentagen mindestens sieben Stunden unterrichtet wird, in der Kinder mittags essen können und deren Angebote am Nachmittag "in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem vormittäglichen Unterricht stehen". Welches Konzept, welcher Zusammenhang, wie überhaupt - das entscheiden die Kultusbeamten in den Ländern so, wie sie es für richtig halten.
"Ein Minimalprogramm", klagt Stefan Appel, Vorsitzender des Ganztagsschulverbands. "Das ursprüngliche Konzept ist völlig verwässert." Der Erziehungswissenschaftler Heinz Günter Holtappels von der Universität Dortmund, schimpft den Kompromiss ein "Bikini-Modell": Ohne Verbindung zwischen oben und unten decke er nur das Nötigste ab.
Manchmal noch nicht einmal das. "Die nächste Baustelle sind die Gymnasien", warnt Appel. In 14 Bundesländern machen Schüler künftig nach zwölf Jahren Abitur; zwangsläufig wird dadurch Unterricht in den Nachmittag verlegt. Alle Hamburger Gymnasien zum Beispiel gelten nun als Ganztagsschulen. Ein Drittel besitzt aber nicht einmal eine Mensa fürs Mittagessen.
Ministerin Bulmahn, die so viele ihrer ursprünglichen Ganztagsschulpläne nicht durchsetzen konnte, hält ihr Projekt dennoch für einen "Renner". Unbeirrt präsentiert sie ihre Idee als politischen Erfolg. Die Zahl der Ganztagsschulen sei im vergangenen Schuljahr um 64 Prozent gestiegen, erklärte sie jüngst. Allein in Sachsen schnellte die offizielle Zahl im Jahr 2003 von 0 auf 1328 - nach dem Bund-Länder-Kompromiss gehören jetzt auch alle Schule mit Horten zum Lieblingsmodell der Ministerin.
Der Verbandsvorsitzende Appel befürchtet, dass viele Schulen sich nun zu Verwahranstalten mit Suppenausgaben entwickeln könnten. Zudem lasse sich schwer kontrollieren, was Rektoren mit dem Fördergeld anstellten. "Niemand kann sicher sein, ob sie es für neue Ganztagsprojekte verwenden oder einfach nur die marode Turnhalle sanieren, die ohnehin dran gewesen wäre." Appel hofft, dass zumindest in einigen Schulen von Bulmahns Milliarden auch gute Konzepte finanziert werden.
Ein Thesenpapier seines Verbands liest sich ehrgeiziger: Ganztagsschule solle Freude beim Lernen vermitteln, Schulverweigerer bekehren, soziales Verhalten einüben, der Medienüberflutung entgegenwirken, individualisiertes Fördern ermöglichen, Hausaufgabenterror in den Familien abbauen, Tischsitten vermitteln und selbstbestimmtere Menschen hervorbringen.
Ein Füllhorn segensreicher Wirkungen - wissenschaftlich belegen lassen sie sich bislang nicht. Auch der beliebte Verweis auf die Pisa-Siegerländer hilft nicht weiter. "Zwischen guten Ergebnissen und Ganztagsschulbesuch lässt sich kein direkter Zusammenhang feststellen", resümiert Petra Stanat, die als Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung an der Studie beteiligt war. Selbst im Wunder-Finnland gehen keineswegs alle Kinder den ganzen Tag zur Schule. Gleichzeitig produzieren auch Länder mit Rundumbeschulung Mittelmaß.
Die Stärke erfolgreicher Staaten wie Finnland oder Schweden, meint Stanat, liege unter anderem darin, dass sie bereits in der Grundschule mit individueller, intensiver Förderung beginnen. Außerdem zeichneten sich einige Systeme durch abwechslungsreiche Unterrichtsformen aus. "Natürlich bietet eine gute Ganztagsschule dafür mehr Zeit als eine normale Halbtagsschule", sagt Stanat. Umgekehrt gilt aber: In acht schlechten Schulstunden lernen Kinder nicht mehr als in vier. Erst guter Unterricht führt zu mehr Erfolg.
Erfahrene Pädagogen wie Sigrun Mann, ehemalige Lehrerin an der Ganztagsgrundschule Ruhbank in Pirmasens, erzählen, dass manche Kinder abends völlig erledigt sind - vom Lärm, vom Lernen, von permanenter Ansprache. Dass ihre Konzentration zunehmend nachlässt, je später es wird. Dass vor allem die Kleinen nach Mama weinen und sich an den Nachmittagen krank melden, an denen sie ihre Eltern zu Hause wähnen. Andererseits toben sich die Lebhaften aus, Einzelgänger finden Freunde - und in vielen Schulen mehr Anregungen als vor dem Fernseher.
Das Zauberwort der Befürworterfraktion heißt "Rhythmisierung". Unterrichtsphasen, länger als 45 Minuten, wechseln sich ab mit Pausen zum Toben, mit Förderstunden, Freizeitangeboten und Arbeitsgemeinschaften, die den Unterrichtsstoff spielerisch, aber sinnvoll ergänzen (siehe Grafik). "Dann kommen die meisten Kinder gut über den Tag und lernen auch noch eine Menge", sagt Ingo Strutz, Rektor der Berliner Möwensee-Grundschule.
Strutz hat das Glück, eine Anstalt zu leiten, bei deren Planung vor 27 Jahren alle mitgedacht haben: Lehrer, Eltern, Architekten, Schulamtsvertreter. Der Rektor bekommt viel Besuch. Immer wieder pilgern Pädagogen in den Stadtteil Wedding, um zu sehen, was ihnen blühen könnte.
Die Staunenden sehen ein großzügiges Gebäude mit kurzen Wegen für die Kleinen: Neben den Klassenzimmern liegen Freizeiträume, ein großer Spielplatz mündet in einen Garten mit Schulteich. In den Werkräumen trocknen Tonfiguren, im Spielsalon kickern die Jungs, und in der Kantine bereiten Köchinnen so handfeste Gerichte wie Pellkartoffeln mit Quark, während Erzieherinnen die Tische decken.
Sechs Fußballfelder hätten auf dem Gelände Platz; "Die Kinder leben schließlich hier", sagt Strutz. Ihre Eltern entstammen der unteren Mittelschicht; mit 20 Prozent ist der Anteil ausländischer Schüler vergleichsweise niedrig.
Die Schulzeit dauert von 8 bis 16 Uhr, jeden Tag, für alle. 60 Pädagogen kümmern sich um 420 Kinder. Im ersten und zweiten Jahr wird jede Klasse von zwei Erzieherinnen und einer Lehrerin geleitet.
"Unsere Art von Lehrbetrieb funktioniert nur, weil wir alle Kinder in der achten und neunten Stunde bei uns haben", sagt Strutz. "Sonst müssten wir wie jede normale Halbtagsschule das ganze Pflichtprogramm vormittags abhandeln." So aber erobern sich die Schüler "im ineinander verzahnten Unterricht" ein Thema über den Tag verteilt mit wechselnden Methoden. Gewünschter Nebeneffekt: Die Lehrer müssen sich absprechen und tauschen sich dabei zwangsläufig über Bedürfnisse und Nöte der Kinder aus.
Erklärt die Klassenlehrerin etwa "Herbst" zum "Wort der Woche", schreiben die Schüler im Fach Deutsch eine Geschichte über Bäume, erkunden im Sachunterricht den Farbwechsel der Blätter und basteln in der Spielezeit Kastanienmännchen. Die Zahlen von 1 bis 20 beschäftigen sie nicht nur im Mathematikunterricht, sondern auch, wenn sie T-Shirts für die Sport-AG mit Nummern bedrucken. Das Thema Ägypten bedeutet neben Geschichtsunterricht auch Mumien basteln, Hieroglyphen malen und einen Besuch im Pergamon-Museum.
Der Hausaufgabenstress für die Eltern entfällt. In ihren "Sternchenstunden" erledigen die Kinder Übungen; der Lehrer sitzt ansprechbar im Klassenraum.
Halb drei, achte Stunde, Kunstunterricht. Auf den Tischen stehen Turnschuhe. Nico hat seinem Ohren aus Gips angepappt, einen Schwanz und Augen. Nun sieht der Schuh aus wie ein Kängurubaby. "Die Aufgabe war, ihn zu verändern", erinnert die Lehrerin Britta Neuse ihre Zöglinge. "Hat Nico sie erfüllt?"
Unfassbares geschieht. Sachlich loben die Mitschüler Schwanz und Ohren, kritisieren aber harsch das langweilige Einheitsbraun von Nicos Känguru. "Aufgabe zwei, die farbliche Gestaltung, hast du nicht erfüllt", zerpflückt ihn ein Mädchen. Der Junge trägt es mit Fassung. Neuse hat ihrer Klasse diesen Umgang mühevoll antrainiert. "Je öfter sie Kategorien für berechtigte Kritik entwickeln und sich ihnen stellen, desto besser", sagt sie.
Schulen wie Möwensee schweben Henning Scheich vor, wenn er für den Ganztagsbetrieb plädiert. "Sie bieten den Synapsen im Schülerhirn optimale Voraussetzungen", meint der Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg.
Diese Kontaktstellen der rund hundert Milliarden Nervenzellen im Gehirn verknüpfen sich vom Tag der Geburt an zu einem dichten, fein gesponnenen Netzwerk. Jeder Reiz, jeder Eindruck, dem ein Mensch ausgesetzt ist, verändert dieses Netz, indem er bestimmte Verknüpfungen stärkt und andere schwächt. Weil sich das Gehirn nie abschalten lässt, lernt der Mensch, was ihm angeboten wird - ob die Namen aller "Pokémon"-Figuren oder kyrillische Buchstaben. Mit Ende der Pubertät ist das Netz fein geknüpft. Lernen besteht dann vor allem darin, die bereits vorhandenen Synapsen zu stärken oder zu schwächen.
Neurologisch betrachtet hat Schule das Ziel, Informationen so im Langzeitgedächtnis der Schüler zu verankern, dass sie beliebig abrufbar sind. Doch es dauert mindestens 24 Stunden, manchmal Tage, bevor eine Vokabel, eine Formel oder grammatische Feinheiten dort landen.
Vorher verweilen sie im Kurzzeitgedächtnis - bis zu zehn komplexere Informationen gleichzeitig. "Für das Kurzzeitgedächtnis kann ein Mensch bewusst lernen", sagt Scheich. "Jeder, der mal für ein Examen gebimst hat, kennt das."
Dass manchem Prüfling bereits nach drei Tagen wieder jede Erinnerung an Namen, Daten, Fakten fehlt, liegt an einem harten Konkurrenzkampf: Alles, was auf den Menschen einströmt, erzeugt den Impuls im Gehirn, die Information zu verankern. Jede Vokabel muss ihren Platz also im täglichen Erfahrungsdurcheinander eines Schülers behaupten.
Was schließlich ins Langzeitgedächtnis übertragen wird, kann kein Mensch willentlich steuern. Die biochemischen Prozesse laufen unbewusst ab. Aber er kann Störungen ausschließen, meint Scheich, zum Beispiel eine Dauer-Multimedia-Überreizung durch Gameboy oder Fernseher. "Wenn eine Information die andere im Sekundentakt überlagert, ist das für Lernende geradezu teuflisch", sagt er. "Dann landet im Langzeitgedächtnis nur Chaos."
Andererseits können Wiederholungen den Übertrag ins Langzeitgedächtnis fördern. Beschäftigen sich Schüler wie die Möwensee-Kinder beim "Wort der Woche" auf unterschiedliche Weise mehrmals am Tag mit demselben Inhalt, verstärken sich die beteiligten Synapsen.
Den klassischen 45-Minuten-Unterrichtstakt, bei dem Mathe auf Bio auf Englisch auf Deutsch folgt, hält Scheich für ineffizient: Versuche mit Mäusen haben gezeigt, dass die Tiere am schnellsten lernen, wenn sie über den Tag verteilt dreimal die Gelegenheit dazu bekommen. "Und in ihren Gehirnen laufen ähnliche Prozesse wie beim Menschen ab, wenn sie generalisieren, abstrahieren oder ihre Umwelt in Kategorien einteilen", erklärt der Forscher.
Auch Elsbeth Stern, Entwicklungspsychologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, favorisiert das Modell Möwensee mit einem durchgängigen Konzept für den ganzen Tag. "Freie Angebote können Kinder sicher disziplinieren und zu sozialeren Menschen machen", sagt sie. "Doch wirklich lernrelevant ist es nicht, wenn einer nachmittags ab und an mal Plätzchen backt." Schulen müssten lernschwache Kinder in zusätzlichen Übungsstunden fördern, ohne sie gleich wie Problemfälle zu behandeln, und ihnen Arbeitsgemeinschaften anbieten, aus denen ein Hobby werden könnte. "Es muss eine Atmosphäre herrschen, die klar macht: Wenn ich mich hier für gar nichts interessiere, stimmt etwas nicht mit mir", fordert Stern. "Hat einer erst mal Erfolg in der Tanz-AG, kann er damit wunderbar andere Schwächen kompensieren."
Vor allem aber verlangt sie "ausreichend Raum und Zeit für intelligentes Üben, wo Kinder sich ausprobieren können, ohne gleich bewertet zu werden". Wie beispielsweise im "intelligenten Schwimmunterricht": "Jeder nimmt ein paar Gegenstände mit ins Wasser - Lego, Holz, Steine oder Schwämme - und kann selbst entdecken, welcher schwimmt und welcher untergeht. Hinterher spricht man dann über das Konzept der Dichte als Masse pro Volumen." Sie grinst: "Trick 17 klappt immer. Die Schüler lernen, meinen aber, sie vergnügten sich."
Das wissenschaftliche Ideal hat einen Haken. Es ist teuer. Die wenigsten der neuen Ganztagsschulen können sich lernfreundliche Konzepte leisten. Seit Jahren stagniert der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt. Ein Buch wird im Schnitt neun Jahre lang benutzt. In Geschichte und Erdkunde arbeiten Schüler oft mit Texten, an denen Glasnost spurlos vorbeigegangen ist. Viele Gebäude sind marode, schlimmer noch: In manchen Bundesländern fällt jede zehnte Schulstunde aus.
45,3 Milliarden Euro ließen sich die Deutschen im Jahr 2002 ihre Schulen kosten. Für den Ganztagsunterricht aller Fünft- bis Zehntklässler müssten sie jährlich mindestens 4,9 Milliarden Euro mehr investieren, so eine Rechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Wollten Politiker in Ländern und Kommunen ernsthaft Ganztagsschulen, sollten sie jetzt schon mal den Dauerauftrag einrichten. Eine Schule wie Möwensee verursacht jährlich 30 Prozent mehr Personalkosten. "Eine notwendige Investition", betont Pädagogikprofessor Holtappels. "Sinnvolle Nachmittagsangebote wie ein Physikprojekt lassen sich nicht allein mit Ehrenamtlichen machen."
Hinzu kommen die Kleinigkeiten, die sich übers Jahr summieren: Eine Ganztagsschule braucht mehr Klebstoff für den Werkunterricht, die Turngeräte verschleißen schneller. "Es ist ein Unterschied, ob ein Holzboden jeden Tag vier oder acht Stunden beansprucht wird", meint Grundschulrektor Strutz lakonisch. "Was ist da ein einmaliger Zuschuss vom Bund?"
Kaum mehr als eine Anschubfinanzierung. Das Geld reicht für eine Sportanlage oder eine Kantine mit hygienisch einwandfreiem Dunstabzug. Für Appel gehört ein ordentlicher Speisesaal zur Minimalausstattung. "Die Doppelnutzung von Klassenzimmern wie in der DDR, wo mittags die Wachstuchdecke samt Plastikblumenpott auf den Tisch kam, ist einfach Murks."
Der Verbandschef, der viele Ganztagsversuche an der Wirklichkeit hat scheitern sehen, kennt eine Menge tückische Details. Die Kantine ist so klein, dass die Schüler in mehreren Runden essen müssen und die Stundenpläne sich nach dem Schichtdienst der Köchin richten. Das als Toberaum gedachte Zimmer ist laut Bauvorschrift zu niedrig. Der Sportplatz ist nur mit dem Bus zu erreichen.
Sparversionen bergen vor allem dort Konflikte, wo Erfolg nicht nur mit Bildung, sondern viel mit Erziehung zu tun hat. Bis zu eineinhalb Stunden fahren die Letschiner Schüler durch das Oderbruch. In zwölf Orten hält der Bus, brettert durch Alleen inmitten weiter Wiesen, die von grauen kleinen Häusern gesäumt sind. Endstation Letschin: 2096 Einwohner, 43 Kilometer nach Frankfurt (Oder), ein Spar-Markt, ein Altenheim, ein Turm, errichtet vom preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel.
Die beiden DDR-Schulgebäude vom Typ "Erfurt 2" sind renoviert; im Hof ragt der Schornstein des ehemaligen Heizhauses auf - Relikt aus einer noch gar nicht so lange vergangenen Zeit, in der die Lehranstalt neben einem Hausmeister noch einen Heizer beschäftigte. Die Kunstlehrerin hat den Flur mit bunten Bildern und Holzskulpturen geschmückt. Dreimal in der Woche bietet die Schule am Nachmittag Förderstunden, Unterricht und Freizeitkurse an. "Wir hatten pragmatische Gründe", sagt Schulleiterin Ingrid Minnich. Der Bus fuhr nur zweimal am Tag, der Haltestelle fehlte ein Regendach. Viele Kinder besitzen zu Hause keinen eigenen Schreibtisch. Und mit den ehemaligen Jugendclubs verschwanden die Gelegenheiten, Gleichaltrige zu treffen.
Die Ansprüche von Appels Verband kann die Schule nicht einlösen. "Wir müssen eine Menge improvisieren", sagt die resolute Direktorin. Die Schüler der Cafeteria-AG verkaufen mittags Vollkornbrötchen und die Fünf-Minuten-Terrine zum Selbstkostenpreis. Während der Yoga-AG liegen die Kinder bei Atemübungen auf den Tischen im Biologieraum.
Einmal im Monat kommt eine Psychologin, und die Gemeinde Letschin schickt eine Sozialpädagogin vorbei. Ins Unterrichtsfach "Politische Bildung" laden die Schüler immer wieder "Menschen von draußen" ein. Vor allem die Mädchen suchen Kontakt mit den Alten im Dorf. "Die haben ein ganzes Leben zu erzählen", sagt die 16-jährige Nadine. Für die "AG Jung und Alt" melden sich immer mehr Schüler, als die Leiterin des Seniorenheims gebrauchen kann. Ob Minnich ihre Schule halten kann, weiß sie nicht. In nur zwei Jahren ging die Zahl der Schüler um ein Drittel zurück.
Ganztagsschule heißt für die Rektorin, ihre 260 Schüler aus "einer Glasglocke" zu befreien: "Auf dem Dorf lernen sie keine Weltläufigkeit, vielleicht nicht einmal Toleranz." Die Respekt einflößende Frau hat eine Partnerschule in Berlin aufgetan und eine in Weißrussland. "Damit die endlich mal Ausländer treffen und nicht immer nur über sie reden." Nach Letschin verirrt sich allenfalls ab und an ein Aussiedler.
Die überzeugte Ganztagsstreiterin warnt davor, in dieser Schulform ein Allheilmittel zu sehen. "Sie ist ein Segen für Kinder, deren Eltern ihrem Erziehungsauftrag nicht nachkommen", sagt sie. "Aber sicher profitieren andere, deren Eltern sich kümmern, zu Hause mehr."
Bulmahns Vorstoß hält die Direktorin für realitätsfern. Selbst wenn auf wundersame Weise plötzlich genug Geld da wäre, "das ändert nichts am Hauptproblem, dem Selbstverständnis vieler Lehrer".
Ihr Kollegium werde von vielen Halbtagslehrern mitleidig belächelt, erzählt Minnich, die einen Großteil ihrer Zunft für träge hält. Die meisten hätten sich zu sehr an ihren frei verfügbaren Nachmittag gewöhnt. Denn von der üblichen 40-Stunden-Woche muss ein Vollzeitpädagoge höchstens 28 Schulstunden mit Unterrichten zubringen. In der verbleibenden Zeit soll er seinen Stoff zu Hause vor- und nachbereiten. "Und es ist unmöglich, ein widerwilliges Kollegium zu überzeugen", sagt Minnich
Mehr noch als mit dem Schuleinsatz am Nachmittag hadern viele Pädagogen mit dem neuen Selbstverständnis. In Ganztagsschulen müssen sie Macht abgeben - an Sozialpädagogen, Erzieher, Trainer und alle anderen, die mit Kindern arbeiten.
Um Reibungsverluste an künftigen Ganztagsschulen möglichst gering zu halten, soll nun die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Auftrag von Ministerin Bulmahn "Ideen für mehr!" liefern. In "regionalen Service-Agenturen", jeweils einer pro Bundesland, sammeln Stiftungsmitarbeiter die Erfahrungen von Lehrern, erstellen Datenbanken und geben Anregungen für den Umbau von Schulen. Ihre Arbeit wird mühselig. Sie haben nichts zu entscheiden, können allenfalls beraten und müssen sich in jedem Bundesland auf eine andere komplizierte Kultusbürokratie einlassen.
"Immerhin hat Bulmahn dem Ganztagsmodell eine Öffentlichkeit gegeben", zieht der Vorsitzende des Ganztagschulverbands Appel Bilanz. "Ob sich das deutsche Schulwesen dadurch nachhaltig verändert, wage ich allerdings nicht zu sagen."
Die Ganztagsschule sei keineswegs das "Wundermittel zur Heilung der deutschen Bildungsmisere", setzt sein Stellvertreter Ulrich Rother nach. "Der Erfolg von Schule entscheidet sich in erster Linie im Unterricht - und hier liegt das Problem. Mehr vom Gleichen allein führt nicht schon zu besseren Ergebnissen." KATJA THIMM
Von Katja Thimm

SPIEGEL SPECIAL 3/2004
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