07.09.2004

LEHRER-PROBLEMEHorrortrip Schule

Resigniert, überfordert - oder einfach nur faul? Der Berufsstand der Lehrer steckt in der Krise. Die Ausbildung ist praxisfern, der Unterricht von vorgestern. Bildungsreformer wollen die Schule neu organisieren: mit mehr Freiheit, aber auch mehr Kontrolle. Machen die Pädagogen mit?
Manchmal setzt ausgerechnet das vorzeitige Ende einer Berufslaufbahn ungeahnte Kräfte frei - und eröffnet die Chance auf eine zweite Karriere. Der Hamburger Studienrat Karl-Heinz Winkler kennt das Phänomen.
Vor sechs Jahren ließ sich der damals 51-jährige Lehrer frühpensionieren - die Schule hatte ihn angeblich krank gemacht. Schon bald aber ging es Winkler wieder so gut, dass er sich 2001 als Abgeordneter der Schill-Partei in die Hamburger Bürgerschaft wählen ließ. Der wohl versorgte Jungpensionär fühlte sich sogar fit genug, den Bau-Ausschuss zu leiten - "erstaunlich souverän", wunderte sich das "Hamburger Abendblatt".
Der Essener Realschullehrer Jürgen von Gillhaußen hingegen wollte in seinem erlernten Beruf etwas bewegen: Selbst samstags werkelte er mit Schülern auf dem Pausenhof und verwandelte 500 Quadratmeter Asphalt in ein Biotop. Im Alleingang organisierte er einen Schüleraustausch; als eine Kollegin schwer erkrankte, übernahm Gillhaußen kurzerhand auch noch deren Klasse mit - und doch war der Mann hochgradig frustriert.
Manch ein Kollege habe ihn sogar gebremst, offenbar, weil er gezeigt hatte, dass man durchaus mehr arbeiten kann. Am Ende wechselte er entnervt die Schule.
Junglehrer Stefan J. ließ es von Anfang an viel ruhiger angehen. Er hatte sich an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg eingeschrieben, weil, "ehrlich gesagt, das Studium nicht das schwierigste ist". Statt Lernpsychologie zu büffeln, erforschte er lieber in Philosophiekursen die "Ästhetische Erfahrung der Natur" - alles erlaubt im Rahmen der Studienordnung.
Im Referendariat ereilte ihn dann der Realitätsschock. "Hilflos und unvorbereitet" habe er vor 30 lärmenden Kindern gestanden, völlig unfähig, "überhaupt wahrgenommen zu werden". Heute beschleicht den Lehrer das Gefühl, dass er in seinem alten Studentenjob wohl besser aufgehoben wäre: Da veranstaltete er Abenteuerreisen.
Drei Schicksale aus den Lehrerzimmern der Republik. Sie beschreiben Gemütsverfassungen von vielen der 676 000 deutschen Pädagogen. Ausgebrannt und überfordert fühlen sie sich, ihrer Aufgabe nicht gewachsen, für viele wird jede Stunde Unterricht zur Qual. Manche haben nur noch ein Ziel: so schnell wie möglich dem täglichen Klassenkampf zu entfliehen.
"Faule Säcke" nannte einst Bundeskanzler Gerhard Schröder die Lehrer, und der Populist durfte sich der Zustimmung des Wahlvolks sicher sein. Doch ebenso sicher ist, dass etliche aus der Pädagogenzunft kräftig daran arbeiten, dieses Vorurteil weiter zu verfestigen.
Es ist das Bild einer privilegierten Berufsgruppe: Arbeitnehmer, die längst zu Hause bei der Familie sind, wenn andere noch im Büro sitzen oder an der Werkbank stehen. Die mehr als doppelt so viele Ferientage genießen wie normale Angestellte. Deren Arbeitsplätze krisensicher sind. Von denen aber trotzdem gerade mal 15 Prozent bis 65 durchhalten. Und die vor allem gern jammern.
Nur in einer Kategorie liegen deutsche Schulmeister international in der Spitzengruppe: beim Gehalt (siehe Grafik Seite 61). Gleichzeitig aber gehören ihre Schüler zu den leistungsschwächsten weltweit - die Bezahlung der Lehrer top, das Wissen der Schüler ein Flop.
Natürlich ist das Versagen der Schule nicht allein den Lehrern anzulasten. Die vielfach beklagte Krise der Erziehung im Elternhaus und der Einfluss der elektronischen Miterzieher im Kinderzimmer erschweren die Arbeit enorm. Die Lehrer haben es heute mit Schülern zu tun, die mehr Zeit vor dem Flachbildschirm verbringen als im Klassenzimmer. Was sie denken, was sie sagen, was sie fühlen - MTV und RTL prägen ihr Bewusstsein und ihre Werte zuweilen stärker als Mama und Papa.
Sicher resignieren nicht alle Pädagogen vor solchen Herausforderungen. Viele mühen sich redlich, sind überaus engagiert, sitzen daheim bis tief in die Nacht und bereiten den Unterricht gründlich vor. Sie besuchen die Eltern ihrer Schüler, um sich ein besseres Bild zu machen. Sie kaufen für die Klasse Hefte und Stifte auf eigene Rechnung. Doch keiner dankt es ihnen.
Im deutschen Schulsystem werden gute Lehrer nicht belohnt und schlechte nicht bestraft. Leistung lohnt sich nicht, Anreize gibt es kaum. Wer zu eifrig ist, wird von den Kollegen oft sogar weggemobbt. Da schwindet jede Lust am Lehren.
Deutschlands Lehrer im Jahr drei nach dem Pisa-Schock: mal demotiviert, mal überfordert - und manchmal auch einfach nur faul. Ausgerechnet jener Berufsstand steckt tief in der Krise, der Verantwortung trägt für das wichtigste Gut, das ein rohstoffarmes Gemeinwesen wie Deutschland besitzt: die Köpfe seiner Kinder.
Lahme Lehrer, dumme Schüler: Warum das so ist, darüber wird seit Pisa heftig gestritten. Die Berufsverbände behaupten, es liege am Geld; reflexhaft fordern sie mehr Stellen und kleinere Klassen. Die Pädagogen hingegen beklagen unkonzentrierte, problembelastete Schüler aus Elternhäusern, denen der Lernerfolg ihrer Kinder ziemlich egal ist. Und alle zusammen machen das Schulsystem verantwortlich.
So läuft es seit Jahrzehnten: Immer wieder haben die Kultusminister am System gedreht in der vagen Erwartung, dass sich so die Schule und die Schüler verbessern ließen: Sie haben Gesamtschulen, Kurssysteme, Eingangs- und Orientierungsstufen eingeführt - und vieles davon bald wieder abgeschafft.
Einer der wichtigsten Faktoren kam meist zu kurz - die Lehrer und die Qualität ihrer Arbeit. "Man streitet sich endlos um Schulform und Betreuungszeiten, aber nie um das Entscheidende: Wie gut ist der Unterricht?", wundert sich Ronald Meka von der Gummersbacher Unternehmensberatung Kienbaum.
Der Wirtschaftsmann hat Bildungsstätten in Deutschland untersucht - und ist immer wieder verblüfft über die Defizite, die zu Tage kamen. Lange fanden sich nirgendwo verbindliche Vorgaben dazu, was die Kinder am Ende eines Schuljahres können müssen - ohne klar definierte Ziele aber ist kaum zu überprüfen, ob ein Lehrer seine Sache gut macht. "Das Klassenzimmer ist eine Art Black Box, in der auf wundersame Weise Unterricht geschieht", sagt Meka spöttisch.
Keine andere Berufsgruppe, mit Ausnahme der Hochschullehrer, muss über das Geleistete so wenig Rechenschaft ablegen - bislang jedenfalls. Erst langsam vollzieht sich ein Sinneswandel. Mittlerweile sind alle Kultusminister überzeugt, dass die Freiheit der Lehre nicht grenzenlos sein kann. Sie definieren nun bundesweit einheitliche Bildungsstandards. Die gibt es mittlerweile für die vierten, neunten und zehnten Klassen in Deutsch und Mathematik, für die letzten beiden auch in der ersten Fremdsprache. Die Schüler, so die Idee, müssten dann regelmäßig in einheitlichen Klausuren unter Beweis stellen, ob sie das Niveau erreichen. So wäre leicht zu bestimmen, welche Fortschritte eine Klasse gemacht hat.
Dann könnte man, wenn es gut läuft, nicht nur Länder, Schulen und Klassen miteinander vergleichen, sondern sogar die Lehrer. Welchen Weg die einzelnen Schulen dabei einschlagen, bleibt ihnen überlassen, entscheidend ist nur, dass das Ergebnis stimmt. Schulleiter beispielsweise bekämen freie Hand bei der Auswahl ihrer Lehrkräfte. Mehr Freiheiten, aber auch mehr Ergebniskontrolle, das ist die Formel für die neue Schulreform.
Doch statt dieses Ziel nun konsequent zu verfolgen, widmen sich die Bildungspolitiker der Länder jahrelang der Arbeitszeit der Lehrer - unter großer Anteilnahme der Elternschaft und lautem Geschrei der Berufsverbände - statt an der Lehrqualität zu arbeiten.
Beispiel Hamburg: Die Stadt führte im vergangenen Jahr ein neues Arbeitszeitmodell ein - es erfasst erstmals auch Zeiten für Vor- und Nachbereitung von Unterrichtsstunden. Wer weniger arbeitsintensive Fächer wie Sport oder Kunst unterrichtet, muss einige Stunden mehr leisten als etwa ein Englisch- oder Deutschlehrer. So sollte Mehrarbeit an den Schulen, die mit eingeführt wurde, gerechter verteilt werden.
Das Ergebnis: Statt Diskussionen um die Lehrqualität reihenweise Proteste, einige Lehrer sagten Klassenreisen, Projektwochen oder Sportfeste kurzerhand ab.
Paul Sachse etwa, Kunstlehrer am Hamburger Gymnasium Finkenwerder, musste danach vier Stunden pro Woche mehr unterrichten. Weil sein Einsatz nicht belohnt worden sei, entschloss er sich vorübergehend, das Fach "Grafik-Design", das er zusätzlich anbietet, wieder aufzugeben. Er glaubt, der angestrebte Effekt des Modells verkehre sich ins Gegenteil und verleite weniger engagierte Kollegen zu "Dienst nach Vorschrift".
Auch in Baden-Württemberg beschäftigt sich seit etwa einem Jahr eine Arbeitsgruppe um Kultusministerin Annette Schavan (CDU) mit der Arbeitszeitfrage. Der Vorschlag der Ministerin: Die Lehrer sollen 30 Tage Urlaub haben wie jeder andere Arbeitnehmer auch, den Rest der Zeit sollen sie präsent sein. Wie genau dieses Modell mit einem Jahresarbeitszeitkonto funktionieren soll, ist freilich noch unklar. Trotzdem hat sich Hessens Kultusministerin mit einer ähnlichen Initiative ihrer Stuttgarter Kollegin angeschlossen. Sie will vor allem die Korrekturzeiten berücksichtigen.
In Berlin wollte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) im vergangenen Jahr seinen Pädagogen drei Präsenztage vor dem Ende der Sommerferien verordnen. Doch nach heftigen Protesten der Lehrer blieb davon nur ein Tag übrig.
Der hartnäckige Widerstand in den Ländern zeigt, wie schwer es fällt, gegen Lehrer und ihre Standesvertreter, die Gewerkschaften und Berufsverbände, anzukommen. Die Lobby hat Macht und Einfluss, schließlich werden aus Pädagogen nicht selten Politiker: Rund zehn Prozent der Abgeordneten im Bundestag sind gelernte Lehrer.
Der Ursprung der Misere liegt jedoch woanders, sie beginnt bei der Berufswahl der angehenden Pädagogen: Zu oft entscheiden sich die Falschen für den Beruf. Das Lehrerzimmer wird zum "Auffangbecken für Studienversager, Mittelmäßige, Unentschlossene, Ängstliche und Labile", giftet die Ex-Gymnasiallehrerin und Autorin Marga Bayerwaltes, "kurz gesagt, für Doofe, Faule und Kranke".
Ganz falsch liegt die Frau nicht. Viele betrachten in der Tat das Lehramt nicht als Berufung, sondern schlicht als Job, der einige Annehmlichkeiten mit sich bringt: Von den etwa 30 000 Studenten, die jedes Jahr ein Lehramtsstudium beginnen, sind rund 75 Prozent Frauen. Sie wählten besonders oft solche Bildungsgänge, weil sie hier später Beruf und Familie besser verbinden können, hat der Tübinger Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann herausgefunden. Und Männer suchten einen sicheren Arbeitsplatz als Ernährer der Familie: "Beides sind keine genuinen Argumente für den Lehrerberuf." Vielmehr fürchteten gerade Lehramtskandidaten, "den Innovationsdruck der freien Wirtschaft nicht auszuhalten", vermutet Herrmann.
Dass sie später einmal jeden Vormittag sechs mal 45 Minuten lang mehr als 30 lärmende Kinder unterrichten sollen, machen sich die wenigsten bewusst. "Es gibt viele, die kommen, um möglichst viel Geld mit möglichst wenig Arbeit zu verdienen", so beschreibt ein 29-jähriger Referendar aus Pforzheim seine Kommilitonen. "Manche haben echte Angst, vor einer Gruppe in einem Seminar ein Referat zu halten", berichtet Gabriele Gut, 26, Studentin aus Augsburg: "Wie sollen die denn mal eine Klasse unterrichten?", fragt sie sich.
Was passiert, wenn solch ungeeignete Kandidaten erstmals vor einer Klasse stehen, war im Internet-Forum "www. referendar.de" nachzulesen: "Referendariat ist ein Höllentrip, dem ich mich nicht gewachsen fühle", schrieb ein Teilnehmer: "Ich krebse rum, wünsche mir dringend eine Auszeit, das ganze Wochenende verbringe ich schlafend."
Einer anderen wurde nach eigenem Bekunden schon schlecht, wenn sie nur an Schule denkt: "Immer wenn ich versuche, mir vor meinem geistigen Auge vorzustellen, wie ich wieder in das Referendariat gehe oder jahrelang als Lehrerin arbeite, bekomme ich Angstzustände." Nachwuchskraft Biggi klagte: "Vor der Tätigkeit fange ich langsam an mich zu ekeln." Kollegin Natalie hat dafür einen praktischen Tipp parat: "Lass dich krankschreiben." Schließlich tue das "fast jeder", und das sei "angesichts der Situation in unserer ,Ausbildung'' auch völlig okay".
Erziehungswissenschaftler wie Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, fordern Eignungstests oder eine Aufnahmeprüfung vor Beginn des Studiums. "Ein solcher Test wäre für alle Seiten gut."
In Finnland existiert so etwas längst. Dort ähnelt der Eingangstest den aufwendigen Auswahlverfahren, wie sie internationale Großkonzerne veranstalten. Der Lehrerberuf ist beliebt, auf jeden Studienplatz kommen zehn Bewerber.
In Deutschland verhält es sich eher umgekehrt: Die Schulen plagt akuter Lehrermangel, vor allem in den mathematischnaturwissenschaftlichen Fächern fehlt der Nachwuchs. Länder wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen behelfen sich schon mal damit, Quereinsteiger anzuheuern. Eine Not, aus der eine Tugend erwachsen könnte: Denn auf diese Weise gerät ein Typus Lehrer in den Schulbetrieb, der im Leben mehr gesehen hat als Schule, Uni und wieder Schule.
In jedem Fall, so empfiehlt Erziehungswissenschaftler Herrmann, sollte ein halbjähriges Praktikum Voraussetzung sein, um überhaupt zum Lehramtsstudium zugelassen zu werden. Dann erkennen die Studenten nicht erst nach fünf Jahren, dass sie den falschen Beruf gewählt haben.
Das ist der Kölnerin Natascha Bleckmann passiert. Warum die junge Frau Lehrerin wurde? "Weil ich als Kind gern zur Schule gegangen bin", so lautet ihre Begründung. Da wundert es nicht, dass ihre Karriere im Schuldienst von kurzer Dauer war: Die Frau begegnete Neuntklässlern, die im Unterricht aus Protest kein Wort sprachen, und Schülern, die sie hungrig um Äpfel und Bananen anbettelten. Erst da habe sie begriffen, sagt Bleckmann, "dass ich als Lehrerin vor allem erzieherisch tätig sein muss" - und das wollte sie nicht: Die Frau fand einen Job in einer Agentur für Bildungsmedien. Viele andere aber bleiben an den Schulen und besetzen frustriert ihre Planstellen, zum eigenen Schaden und dem ihrer Schüler.
Doch auch Studenten, die im Lehrberuf durchaus gut aufgehoben sind, werden im Studium auf eine harte Probe gestellt. Die Ausbildung ist praxisfern, voll gestopft mit Theorie und dauert im Schnitt knapp sieben Jahre - länger als jeder vergleichbare Bildungsgang in Europa.
Der Pädagogikprofessor Ewald Terhart aus Münster hat im Auftrag der Kultusministerkonferenz die Lehrerausbildung untersucht. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Was die Studenten in ihren Fächern, im Referendariat und im Praktikum lernten, stehe völlig "unverbunden nebeneinander". Ihnen fehlten praktische Erfahrungen in Didaktik, Psychologie, Sonderpädagogik, kaum einer wisse beispielsweise, wie ein Elterngespräch geführt wird.
Dafür verfügen die Studenten über profunde wissenschaftliche Kenntnisse - die für den täglichen Gebrauch ungeeignet sind. Der Essener Realschullehrer Friedrich Gerdes hatte im Biologiestudium alles über die Geschwindigkeit des Neuronenwachstums bei Heuschrecken gelernt, in seiner ersten Unterrichtsstunde fragten ihn die Kinder: "Können Bienen rückwärts fliegen?" Gerdes musste passen.
Die guten Lehrer, so scheint es, sind dies nicht wegen, sondern eher trotz ihrer Ausbildung. Miserabel vorbereitet stolpern sie ins Referendariat; auf einmal sollen sie unterrichten, motivieren, für Disziplin sorgen - wie das funktioniert, das haben sie nie gelernt. Plötzlich sind sie mit leibhaftigen Schülern konfrontiert, die sich "lautstark darüber unterhalten, ob ich einen Tanga oder einen normalen Slip trage", wie eine Referendarin hilflos klagt.
Einige Bundesländer haben inzwischen damit begonnen, ihre Lehrerausbildung zu reformieren: Sie soll verkürzt werden und praxisnäher sein. Die Initiative kann freilich eines nicht verhindern: Die neue Pädagogengeneration wird selbst in 15 Jahren erst zwölf Prozent der Lehrer stellen - zu wenige, um die Schulen wirklich zu verändern, und viel zu spät.
Denn das Studium, wie es heute aufgebaut ist, wirkt sich dauerhaft negativ auf das Selbstverständnis der Lehrer aus. Weil das Fachwissen im Vordergrund steht, begreifen sich die Jungpädagogen als Romanisten, Mathematiker oder Chemiker - nicht aber als Dienstleister für Schüler. Der wissenschaftliche Anspruch kollidiert mit dem Schulalltag, Frust ist programmiert. "Die angehenden Lehrer lieben ihre Fächer, nicht den Beruf", sagt der Berliner Pädagogikprofessor Lenzen.
Auch so ist es zu erklären, dass deutsche Lehrer so gern darüber klagen, wie unbegabt doch ihre Schüler seien, und sie die am liebsten auf eine andere Schulform abschieben würden. "Man trifft auf Schritt und Tritt Lehrer, die Kinder nicht mögen und weder gewillt noch im Stande sind, sich auf sie einzulassen", meint dazu Erziehungswissenschaftler Herrmann.
Entsprechend rüde ist zuweilen der Ton: "Wie doof bist du eigentlich, das kapiert doch jeder Straßenpenner", bekam der Hamburger Björn Maas, 18, an seiner Schule von seinem Mathematiklehrer zu hören, nachdem er eine Frage zu den Binomischen Formeln gestellt hatte.
Die OECD befragte Schüler, wie sehr sie sich von ihren Lehrern im Unterricht unterstützt fühlen. Ergebnis: Im Vergleich mit Kollegen aus 31 anderen Ländern landeten die deutschen Pädagogen auf dem viertletzten Platz. Besonders schlecht schnitten sie in zwei Kategorien ab: Nur 41 Prozent der Schüler meinten, ihre Lehrer zeigten "Interesse, dass jeder etwas lernt", und nur 34 Prozent sagten, die Lehrer würden ihnen beim Lernen helfen. In Kanada dagegen, Gewinner in dieser Kategorie, waren davon 75 Prozent überzeugt.
Austauschschülerin Antje Lahrz schwärmte vom kreativen Unterricht ihrer Geschichtslehrerin im kanadischen Ontario. Einmal, so erzählt sie, hatte sie den Kurs bei Kerzenschein unterrichtet, verkleidet als Ludwig XIV. Einen solchen Aufwand kann zwar kein Lehrer für jede Unterrichtsstunde betreiben, gleichwohl: So etwas bleibt im Gedächtnis haften.
Irina Seitz aus Hannover besuchte für ein Jahr eine Schule in Mittelfinnland; sie war tief beeindruckt davon, wie Schüler und Lehrer dort miteinander umgehen: "In Deutschland hat mein Mathe-Lehrer gesagt: ,Ich hab keinen Bock auf Mathe. Ihr habt keinen Bock auf Mathe. Aber wir müssen''s trotzdem machen.'' Auf die Idee würde da keiner kommen."
Warum also ist gerade hier zu Lande die Schule so oft ein Ort, wo gelangweilte Schüler auf resignierte Lehrer treffen, um sich gemeinsam durch die Stunden zu quälen? Wieso steckt ausgerechnet die Lehranstalt Humboldts, deren Leistung und Qualität einst weltweit gerühmt und geachtet wurde, in ihrer bisher schwersten Krise?
Mit der praxisfernen Ausbildung der Lehrer lässt sich die Misere nur zum Teil erklären. Nicht selten werden die Jungen auch ausgebremst, weil das Kollegium sie mit ihren neuen Ideen als Störenfriede empfindet. "In der Praxis läuft das leider häufig so ab", erzählt ein baden-württembergischer Junglehrer: "Im Referendariat erzählen sie dir, du kannst alles vergessen, was du im Studium gelernt hast; als Berufsanfänger erzählen sie dir, du kannst alles vergessen, was du im Referendariat gelernt hast. Und am Ende erinnern sich die Leute an ihre eigene Schulzeit und machen es ebenso wie damals."
Den Nachwuchslehrern fehlt nicht bloß die Förderung - sie werden auch nicht genug gefordert. Sie können sich abmühen, wie sie wollen, für ihre Karriere nützt der Einsatz nichts, bedauert Pädagoge Terhart: "eine Situation, die im Berufsleben ansonsten eher untypisch ist". Es lohnt sich nicht, sich abzustrampeln - erst recht nicht im Unterricht, denn was im Klassenzimmer geleistet wird, sieht kein Kollege oder gar Vorgesetzter.
Während japanische Lehrer ihren Unterricht auf Video aufnehmen und mit den Kollegen diskutieren, während in finnischen und kanadischen Schulen die Türen zumeist offen stehen, herrscht an deutschen Schulen eine Kultur, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Selten, dass Schulleiter den Unterricht der Kollegen besuchen; so etwas riecht nach Einmischung und Kontrolle. Und Eltern gälten, so Pädagoge Herrmann, sogar oft als "schulfremde Personen", die nicht in die Klasse dürften - angeblich, um die Persönlichkeitsrechte der anderen Kinder zu schützen.
Frische Impulse fehlen auch, weil viele Lehrer nicht den Drang verspüren, ihr Wissen immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Selbst junge Pädagogen verlieren schlagartig das Interesse an neuen Erkenntnissen, sobald sie das Referendariat beendet haben. Manche sind einfach zu träge, sich fortbilden zu lassen; andere betrachten schon den Vorschlag beinahe als Beleidigung - dann müssten sie ja ihr scheinbar bewährtes Lehrkonzept in Frage stellen.
So sitzen in vielen Lehrerzimmern noch immer zahllose elektronische Analphabeten, die vom Computer keine Ahnung und die noch nie im Internet gesurft haben. Gerade ältere Kollegen sehen keine Veranlassung, sich noch mit Maus und Monitor vertraut zu machen.
Mehr als 40 Prozent der Lehrer sind schon jenseits der fünfzig, in jedem normalen Betrieb wäre der Arbeitsdirektor für eine solch fahrlässige Personalpolitik gefeuert worden. In vielen Kollegien ist die Atmosphäre vergiftet, die Lehrkräfte flüchten ins Private. "Es ist egal, ob ich den Unterricht gut oder schlecht mache - befördert werde ich sowieso nicht", klagt Elisabeth K., Englischlehrerin an einem Kieler Gymnasium. Sie ist frustriert, weil sie nie Feedback bekommt: "Jeder macht so sein Ding."
In der Bildungsstudie 2002 befragte die OECD Schulleiter und Schüler, wie sie das Klima an ihrer Schule empfinden. Das Ergebnis: In sieben Kategorien lag Deutschland sechsmal unter dem Durchschnitt.
Einer der Gründe für die miese Stimmung: Die Schule ist falsch organisiert. Der Schulleiter, der die Lehrer täglich erlebt, ist nicht ihr disziplinarischer Vorgesetzter - der sitzt fernab im Schulamt. Die Schlussfolgerung der Kienbaum-Berater: "Es gibt in diesem Sinne kaum Notwendigkeiten
zur persönlichen Weiterentwicklung."
So werden selbst manche Lehrer behäbig, ja sogar faul, die mit Elan ins Berufsleben gestartet sind. Barbara Beutner, Hamburger Ombudsfrau für Schülervertretungen, hört immer wieder von solchen Fällen. Da werden Klassenarbeiten nicht zurückgegeben, "weil sie dem Lehrer angeblich aus dem Kofferraum geklaut worden waren", erzählt sie. Alkoholabhängige Lehrer könnten sich nicht auf den Stoff konzentrieren und stammelten an der Tafel zusammenhanglose Sätze.
Beutners Kollegin Sylvia Strubelt, Vertrauenslehrerin bei der Landesschülervertretung Düsseldorf, sind ähnlich abenteuerliche Geschichten bekannt. Manche Lehrer, die nur zwei Wochenstunden in einer Klasse unterrichten, vergeben fast durchweg die Note "befriedigend" - sie können Namen und Gesichter nicht zuordnen. "Das sind keine Einzelfälle", sagt Strubelt, "das ist an der Tagesordnung."
An fast jeder Schule gebe es wenigstens einen Lehrer, der ein stilles Übereinkommen mit den Schülern treffe, weiß Strubelt: "Solange der fürs Filmegucken auf dem Zeugnis Dreien gibt, machen die meisten Schüler das mit und schlafen sich in den Stunden ordentlich aus."
Oft sind es genau jene Lehrer, die mit großem Idealismus ins Studium gestartet waren, die nun an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. "Die versacken dann in einer Abwärtsspirale und entwickeln regelrechten Selbsthass", sagt Pädagoge Herrmann. Als Gegenmittel empfiehlt er, dass Lehrer regelmäßig in Gesprächsgruppen ihre Erfahrungen austauschen: "An jedem Gymnasium gibt es 15 Prozent Verhaltensneurotiker", schätzt der Professor, "die brauchen so etwas dringend."
Natürlich aber gibt es auch Schulen, an denen selbst die besten Pädagogen verzweifeln. Mit verhaltensgestörten Jungen und Mädchen aus kaputten Familien, die ohne Frühstück in die Schule kommen. Mit Kindern, die ihr Fieber auf einer Sofaecke im Klassenzimmer kurieren, weil sich zu Hause niemand um sie kümmert. Mit Gebäuden und Möbeln, die kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Und mit Schülern, die in die eigene Schule einbrechen. Hier wird Unterricht zur Schwerstarbeit. Dass sich die Lehrer an solchen Schulen überfordert fühlen, ist nur zu verständlich.
Doch nicht nur Lehrer, die mit solch widrigen Bedingungen kämpfen, macht der Schulstress kaputt. 30 Prozent der Pädagogen seien Burnout-gefährdet, lautet das Ergebnis einer Studie der Universität Potsdam, 29 Prozent zeigten bereits die klassischen Symptome: totale Erschöpfung und Resignation bei gleichzeitiger Nervosität. 20 Prozent leiden laut einer anderen Studie angeblich unter Panikattacken. Seit einiger Zeit verzeichnen Kliniken, die sich auf Lehrer spezialisiert haben, enormen Zulauf (siehe Seite 66).
Der hohe Krankenstand sei allerdings nicht allein auf die schlechten Arbeitsbedingungen zurückzuführen, meint Isabella Heuser, Leiterin der Psychiatrischen Klinik der FU Berlin. Der Lehrerberuf ziehe vielmehr Menschen an, die ohnehin schon "depressiv strukturiert" seien.
Allein 2002 ließen sich bundesweit 5795 Lehrer wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzen. Manche schon mit Anfang vierzig. Mehr als die Hälfte der ausscheidenden Pädagogen beklagten psychische oder psychosomatische Leiden, fand der Erlanger Arbeits- und Sozialmediziner Andreas Weber heraus, der 7000 Gutachten ausgewertet hat. Von den Betroffenen möchten viele keineswegs kuriert werden: Bei der Hälfte der Lehrer-Patienten von Psychiater Andreas Hillert von der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien "limitiert der geäußerte Wunsch nach Frühpensionierung den Erfolg der Therapie erheblich".
Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband hat errechnet, dass der vorzeitige Ruhestand allein den Freistaat jährlich rund 250 Millionen Euro kostet. Schleswig-Holstein zahlte für frühpensionierte Lehrer von 1996 bis 2000 insgesamt 56 Millionen Euro.
Um Drückeberger abzuschrecken, hat der Staat inzwischen Hürden aufgebaut. Seit 2001 wird dienstunfähigen Beamten für jedes Jahr, das sie vor dem 63. Geburtstag ausscheiden, die Pension gekürzt. Maximal werden ihnen aber nicht mehr als 10,8 Prozent abgezogen. In Schleswig-Holstein können frühpensionierte Lehrer auch für andere Tätigkeiten eingesetzt werden - was freilich bislang kaum geschah, wie der Landesrechnungshof moniert hat.
Dass Lehrer noch immer in den meisten Bundesländern verbeamtet werden, gilt Kritikern ohnehin als eine der größten Fehlentwicklungen im deutschen Bildungswesen. Ihre Besoldung hängt kaum davon ab, was sie leisten - was zählt, ist hauptsächlich das Dienstalter.
Selbst vorhandene Spielräume nutzen die Länder kaum aus. Prämien bis zur Höhe eines Monatsgehalts sind etwa in Sachsen möglich - dumm nur, dass das Land wegen leerer Kassen die Bonuszahlungen kurz nach der Einführung wieder gestrichen hat.
Dass der Verbeamtungsirrsinn bald gestoppt wird, damit ist kaum zu rechnen. Lehrer sind knapp, die Kultusminister schätzen, dass bis 2015 rund 74 000 Lehrkräfte fehlen werden, die meisten in den Klassen fünf bis zehn. Und wer im Wahlkampf versprochen hat, mehr Pädagogen einzustellen, lockt dann eben mit den Privilegien von Staatsdienern. Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) warb scharenweise Lehrer aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und den neuen Bundesländern ab. Aus Brandenburg flüchten immer wieder Lehrkräfte nach Berlin - zum Westtarif und zum Arbeitsplatz auf Lebenszeit.
Kleinstaaterei und Konkurrenzdenken behindern auch ein Projekt, an dem die Kultusminister derzeit mit Hochdruck arbeiten: die Entwicklung einheitlicher Bildungsstandards. Sie sollen messbar machen, was wirklich beim Unterricht an deutschen Schulen herauskommt, und kontrollieren, was jeder Lehrer leistet.
Solche Normen bedeuten nichts weniger als die Abkehr von einer Philosophie des Lehrens, die 200 Jahre lang die deutschen Schulen geprägt hat: Nicht mehr auf den Input soll es künftig angekommen - auf jene Inhalte also, die bislang in Rahmenrichtlinien und Lehrplänen bis ins Detail festgelegt sind -, sondern auf den Output, die Kompetenzen also, die ein Schüler am Ende einer Jahrgangsstufe erworben hat und nutzen kann.
Seit vergangenem Dezember liegen die ersten bundesweiten Bildungsstandards vor. Allerdings nur für wenige Jahrgangsstufen und wenige Fächer. Vielen Experten gelten sie zudem als zu unkonkret und deshalb wenig aussagekräftig. Außerdem ist längst nicht klar, wie das Erreichen der Standards überprüft werden soll.
In einigen anderen Staaten Europas, in Großbritannien etwa und in den Niederlanden, sind es Lehrer und Schüler schon lange gewohnt, dass eine eigenständige Behörde die Bildungsstandards formuliert und ihre Einhaltung überprüft. In den Niederlanden durchleuchten regelmäßig Inspektoren die Schulen und kontrollieren die Lehrqualität. Werden die Standards nicht erreicht, kann die Verwaltung der Schule Mittel streichen.
Schneidet in Großbritannien eine Schule bei Vergleichstests miserabel ab, kann sie sogar geschlossen, Personal entlassen werden. Für einen so genannten Fresh Start gibt es dann mehr Geld - und eine neue Mannschaft. Die britischen Schulen, die einst bei Vergleichstests ähnlich schlechte Ergebnisse erzielten wie Deutschland bei Pisa, haben sich inzwischen einen Platz im oberen Drittel erarbeitet.
Immerhin haben im vergangenen Jahr mehrere Bundesländer wie Hamburg, Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein Vergleichsarbeiten eingeführt: Etwa für Viertklässler in Mathematik. Die eine Hälfte der Aufgaben wird zentral ausgearbeitet, die andere wählen Lehrer der einzelnen Schulen aus einer Sammlung vorgegebener Aufgaben selbst aus. Doch Tests allein genügen nicht, wie die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen. Damit die Bildungsreform gelingt, müssen die wichtigsten Akteure, die Lehrer, stärker unterstützt, gefördert, motiviert und von dem Vorhaben begeistert werden. Das fällt oft schwer.
Wie schwer, zeigt ein Projekt in Hamburg: Dort haben Kollegien von 50 Schulen mit einer zweijährigen pädagogischen Generalüberholung begonnen. Das Ziel: weg vom Frontalunterricht, der zwar seit Jahrzehnten schon verpönt ist, aber in deutschen Klassenzimmern noch weithin praktiziert wird. Der Lehrer fragt, die Schüler antworten - die Methode ist so anstrengend wie ineffizient. Projektleiterin Kerstin Tschekan vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung will den Lehrern beibringen, wie sie Schüler selbständig Themen erarbeiten lassen können.
Mehrmals im Jahr werden die Pädagogen von ihr und ihren Kollegen trainiert, die Übungen wirken manchmal fast banal: Wie stelle ich eine Frage so, dass alle Schüler verstehen, was ich will? "Daran scheitern schon viele", berichtet Tschekan.
Auf welche Widerstände solche Projekte stoßen können, ließ sich in einem Musikraum des Hamburger Gymnasiums Osdorf beobachten. Die 50 Lehrer des Kollegiums, empört über das neue Arbeitszeitmodell, wurden per Dienstanweisung zur Veranstaltung verpflichtet.
Mit skeptischen Blicken und verschränkten Armen saßen einige Lehrer - Durchschnittsalter 52 - an Gruppentischen. Sie glucksten, sie kippelten, sie schwatzten. Eine Frau mit Kurzhaarschnitt, auf einem frotteebezogenen Keilkissen sitzend, blätterte demonstrativ ein Englisch-Schulbuch durch. Der Kollege neben ihr malte eifrig mit Bleistift Schaubilder aufs Papier.
Einer der Pädagogen, ein Mathematiklehrer, begründete, warum er sich verweigert: "Die Veranstaltung hat die Stufe der Banalität nicht überschritten."
Was würde denn mehr helfen?
"Wir könnten effektiver arbeiten, wenn wir von der Behörde nicht so gehindert würden."
Was hindert ihn?
"Die Bürokratie."
Was genau?
Der Mann überlegte lange. Na ja, die Notengebung sei so kompliziert, die Schüler könnten ja heutzutage alles anfechten.
Aha.
Auch ein Chemielehrer zeigte wenig Interesse am Training. Wieso?
"Wir können es. Wir machen es seit 30 Jahren."
Und warum sind die Schüler dann so schlecht?
"Weil wir ein viergliedriges Schulsystem brauchen", meint er. Was habe der Pisa-Gewinner Finnland denn schon hervorgebracht außer Nokia, murmelte er grimmig. Und überhaupt habe die Behörde ihm nicht zu sagen, "was ich machen soll".
Die Schulleiterin Heidrun-Angelika Susat ist dennoch entschlossen, an der Verbesserung ihrer Schule zu arbeiten: "Die Ressourcen werden nicht besser, und die Kinder nicht einfacher", sagt sie: "Also müssen wir uns bewegen."
Dass die Bereitschaft, sich der Öffentlichkeit zu stellen, nicht immer honoriert wird, erfuhr Direktorin Susat nach der Erstveröffentlichung dieses Artikels im SPIEGEL Anfang November vergangenen Jahres. Der Mut, auch über Schwachstellen zu reden, wie sie in vielen Schulen Alltag sind, ließ in den Köpfen vieler Eltern offenbar das Bild einer schwachen Schule entstehen: Die Zahl der Anmeldungen für das neue Schuljahr sank im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel. Susat: "Unsere Offenheit hat uns geschadet. Dabei ist die Mehrzahl unserer Lehrer sehr engagiert und will neue Unterrichtsformen sehr wohl lernen."
Oft hängt es gar nicht so sehr an aufwendigen Programmen, dass eine Schule gut funktioniert. Wichtiger sei die Frage, welche Gruppe von Lehrern sich an einer Schule durchsetze, die Depressiven oder die Optimisten, meint Sybille Volkholz, früher Berliner Schulsenatorin und heute Bildungsexpertin der grünen Heinrich-Böll-Stiftung: "Es hängt alles an einem Kern von Leuten."
An engagierten Kräften wie Bernadette Eberhardt etwa, Leiterin der Franz-Dinnendahl-Realschule in Essen. Ihre Schule liegt in einem Arbeiterviertel, kein sozialer Brennpunkt, aber die üblichen Probleme: übervolle Klassen mit 32 Schülern, verhaltensauffällige Kinder, ein hässlicher Ziegelbau mit einem Lehrerzimmer, in dem kaum Platz für genügend Stühle ist. Und doch ist hier vieles anders: An der Spitze steht ein Schulleiterteam, das die Schule verbessern will und das sich auch nicht scheut anzuecken.
Eberhardt organisiert für das gesamte Kollegium Fortbildungen, vorzugsweise mit privaten Dozenten: Die Angebote des Landes seien "einfach zu schlecht", meint sie. Manchmal kommt es vor, dass sie im Lehrerzimmer ein paar Euro sammelt, um dem Kollegen, der den Computerraum in Schuss hält, ein Abendessen mit der Familie zu spendieren. Am letzten Schultag findet jeder Lehrer ein Dankeskärtchen im Fach, für eine Leistung, mit der er sich besonders hervorgetan hat. Kleine Gesten nur, aber sie machen den Unterschied.
So schafft sie es, das gesamte Kollegium mitzureißen. Frontalunterricht ist hier schon lange passé. Mathematiklehrer Friedrich Gerdes demonstriert, wie selbständig seine Sechstklässler arbeiten: Er setzt sich nach hinten, während Moritz, ein Blondschopf mit Brille, die Aufgaben für den Kopfrechnentest vorträgt: "Verwandle in einen Bruch: 0,6", liest er. Danach korrigieren die Schüler die 14 Aufgaben gegenseitig.
Kontrollbesuche im Klassenzimmer? Für Lehrer Gerdes wäre das ein Ansporn, versichert er: "Dann würde man endlich sehen, was ich tue."
Auf solches Engagement setzen die Bildungsreformer, sie wollen einzelnen Schulen deshalb mehr Freiraum geben, ihre Ideen umzusetzen. Sie sollen freie Hand haben, wie sie ihren Unterricht gestalten. Sie dürfen sogar bestimmen, welche Lehrer sie befördern wollen. "Schulen müssen über ihr Schulprogramm, ihr pädagogisches Konzept oder ihre finanziellen Mittel selbst entscheiden können", fordert Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD).
Im Gegenzug allerdings müssen sich die Schulen kontrollieren lassen, ob das Leistungsniveau den Standards entspricht. Mehr Freiheit einerseits, die Pflicht, Rechenschaft abzulegen, andererseits: Dies ist der Weg, da sind sich die meisten Kultusminister einig, um mehr Qualität in die Klassenzimmer zu bringen. Das Ziel wird vorgegeben, welchen Weg die Schule dorthin nimmt, kann sie selbst bestimmen.
Fast alle Bundesländer sind bereits mit Modellversuchen gestartet. Schleswig-Holstein etwa gewährt Schulen das Privileg, selbst Lehrer auszuwählen. Ebenso können sie Psychologen oder Fachleute für Vorträge verpflichten.
Bayerische Lehrer dürfen seit dem vergangenen Schuljahr bei Bedarf vom üblichen Stundenplan abweichen: Weist eine Klasse Lücken im Rechnen auf, kann sie pro Woche eine Stunde Mathematik mehr absolvieren zu Lasten eines anderen Fachs, in dem es keine Probleme gibt. In 37 bayerischen Schulen geht das Experimentieren noch einen Schritt weiter: Sie können den 45-Minuten-Takt aufbrechen und selbst entscheiden, ob sie ihr Geld eher in eine Schulcafeteria investieren oder in einen Physikraum. Gleichzeitig wird das Niveau der Schulen regelmäßig überprüft, etwa durch Vergleichstests.
Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen ganzen Katalog von Veränderungen ausgearbeitet, die nötig wären: So sollen Lehrer nicht länger als zehn Jahre an einer Schule bleiben, damit sie nicht in Routine erstarren. Es dürften nicht nur Lehrer Schulleiter werden können, sondern auch Führungskräfte aus anderen Branchen. Junge Lehrer könnten nur auf Probe übernommen werden und würden verpflichtet, während der ersten zwei bis drei Jahre der Berufstätigkeit an Weiterbildungen teilzunehmen. Und: "Lehrer sollen während der Arbeitszeit am Arbeitsplatz Schule anwesend sein", fordert die Bil-
dungsexpertin Volkholz - also nicht nur vormittags.
Das Kalkül: Wenn Lehrer auch am Nachmittag präsent wären, könnten sie besser im Kollegium zusammenarbeiten, zudem hätten Schüler und Eltern jederzeit die Gelegenheit, in die Schule zu kommen. Und die Lästerei über den Halbtagsjob wäre ein für alle Mal vom Tisch. Bremens Bildungssenator Willi Lemke (SPD) ist fest entschlossen, diesen Reformweg einzuschlagen. Im vergangenen Jahr beschloss die Bürgerschaft, dass Lehrer zu 35 Stunden Präsenzzeit verpflichtet werden können. Lemke will seine Pädagogen "raus aus der Isolation" holen. Der Schönheitsfehler: Der Senator kann ihnen noch keine Arbeitsplätze für den Nachmittag bieten. Vor kurzem hat er sie trotzdem aufgefordert, doch als ersten Schritt schon einen Nachmittag pro Woche an der Schule zu bleiben.
In Schleswig-Holstein will Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) die Schulen noch besser kontrollieren. Seit diesem Frühjahr überprüft ein Schul-TÜV die Lehranstalten des Landes (siehe Seite 71). Und in Hamburg, so der Plan, werden die Schüler irgendwann die Leistung ihrer Lehrer beurteilen.
Kein Zweifel: Die Lehrer in Deutschland müssen sich auf einiges gefasst machen. "Der Druck zur Verbesserung wird immer größer", sagt Bildungsexpertin Volkholz, schließlich würden internationale Vergleiche jedes Jahr aufs Neue die Schwächen der deutschen Schule schonungslos offen legen. Doch sie weiß auch: Der Beharrungswille und die Reformresistenz ist in der deutschen Pädagogenzunft besonders ausgeprägt. Ihre Prognose: "Das wird noch ein heißer Kampf mit den Institutionen." PER HINRICHS, JULIA KOCH,
CORDULA MEYER,
BEATE PHILIPP, CAROLINE SCHMIDT
* Beim Aufnahmegespräch mit einem neuen Schüler und dessen Vater. * Bei einer Klassenreise nach Berlin; im Hintergrund das Bundeskanzleramt.
Von Per Hinrichs, Julia Koch, Cordula Meyer, Beate Philipp und Caroline Schmidt

SPIEGEL SPECIAL 3/2004
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