07.09.2004

LEHRER-PROBLEMEDie Rache der Igel

Als erstes Bundesland hat Schleswig-Holstein Prüfer in seine Schulen geschickt. Eine Revolution in den Klassenzimmern - doch Kritikern geht die noch nicht weit genug.
Im Musikraum proben 100 Grundschüler den kontrollierten Aufstand: "Po-po-liti, Politiker tralafitti. Wer labert mehr?", singen sie im Chor. Musiklehrerin Margitta Wulff gibt den Einsatz. Der Chor der schleswig-holsteinischen Grundschule Mollhagen studiert das Musical "Die Rache der Igel" ein.
Während die Dritt- und Viertklässler für ihren großen Tag üben, ist der für die Schule schon gekommen: Im Musikraum sitzen neben den Schülern einige Herren, machen Notizen, überlegen, wo im Bewertungsbogen die Kreuze hin müssen. Zwei Tage dauert ihr Job, der sie in alle Klassen der kleinen Landschule führt. Externe Evaluation im Team (Evit) nennt sich das Projekt, mit dem Schleswig-Holstein bildungspolitisches Neuland betritt.
Seit diesem Frühjahr muss sich jede Schule im nördlichsten Bundesland dem Schul-TÜV stellen. 45 Teams aus jeweils drei Prüfern sollen im Auftrag des Kultusministeriums alle 1055 Schulen des Landes bewertet haben und ihnen Vorschläge zur Verbesserung machen. Danach geht das Ganze wieder von vorn los.
Die Schulinspektion ist Teil eines grundsätzlichen Wandels der Bildungslandschaft: Schulen bekommen größere Freiheiten, müssen über ihre Leistung aber stärker Rechenschaft ablegen. In den Niederlanden und Schottland funktionieren ähnliche Modelle längst, doch in Deutschland mochten sich viele Lehrer bislang nicht in die Karten gucken lassen - Pisa hin oder her. Deshalb gleicht das Evit-Projekt von Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) einer kleinen Sensation. Andere Bundesländer ziehen nach, kaum eine Regierung, die künftig noch auf sie verzichten will (siehe Grafik). Brandenburg hat mit den Inspektionen sogar schon begonnen.
In Mollhagen lobt Inspektor Eckhard Aleidt, im Hauptjob der zuständige Schulrat, die "hervorragende Arbeitshaltung" der Schüler. "Sie lernen, für ein Ereignis monatelang zu üben." Er notiert, dass die Lehrerin 100 Kin-
der auf einmal bändigen kann. "Das setzt anderswo Kapazitäten für Förderunterricht frei." Aleidt, immer im Sturmschritt unterwegs mit Flanellsakko und Schottenkrawatte, hat den Bürgermeister nach der Rolle der Schule im Dorfleben befragt und den Hausmeister nach dem Zustand des Mobiliars. Er hat sogar die Toiletten inspiziert und Statistiken gewälzt. Wie viele Kinder sind sitzen geblieben? Wie viele haben eine Klasse übersprungen? Wie viele ausländische Kinder gibt es? Wie hoch ist der Unterrichtsausfall? Per Fragebogen wollte er von den Eltern wissen, ob ihr Kind Angst hat, in die Schule zu gehen. Und die Schüler mussten erklären, ob sie mit ihrer Schule zufrieden sind.
Drittklässler zeigen dem Prüfer, wie sie den Abc-Schützen aus der ersten Klasse helfen, lesen zu lernen. Beim Projekt "Gesunde Ernährung" arbeiten die Kinder selbständig: Die einen lesen aus Tabellen ab, wie viele Zuckerstücke in Cola und Gummibärchen enthalten sind und bauen dann aus dem Zucker Pyramiden. Andere testen den Fettgehalt von Lebensmitteln auf Löschpapier. "Alle machen mit, keiner guckt aus dem Fenster", notiert Aleidt.
Bei landesweiten Vergleichsarbeiten schnitten die Mollhagener schon zuvor meist weit überdurchschnittlich ab. Aleidts vorläufiges Fazit: "Die Schule ist noch besser, als ich dachte." Schulleiterin Leonore Martens strahlt. Nach der Inspektion bekommt sie einen Bericht mit den Stärken und wenigen Schwächen ihrer Schule.
Allerdings: Nur selten fällt das Urteil so positiv aus. Aleidt hat in der Pilotphase des Projekts im vergangenen Jahr auch schon eine Schule besucht, in der es "hauptsächlich Frontalunterricht und keine Änderungsbereitschaft" gab: "Da tat unsere Kritik richtig weh."
Kultusministerin Erdsiek-Rave hofft, dass die Ergebnisse der Prüfer die Schulen anspornen, denn direkte Sanktionen gibt es nicht. "Verbesserung können Sie nicht befehlen", glaubt der Projektleiter im Ministerium, Werner Klein. In den Niederlanden werden Prüfberichte im Internet veröffentlicht, damit Eltern sich informieren können und der Wettbewerb zwischen den Schulen verstärkt wird. Das jedoch traut sich das Kieler Ministerium noch nicht.
Auch deshalb lautet das Urteil von Eltern, Politikern und Wissenschaftlern: im Prinzip gut, aber noch nicht richtig umgesetzt. "Halbherzig" und "fragwürdig" sei, so Heike Franzen, Landeselternbeirätin in Schleswig-Holstein, wenn nach dem Prüferbesuch der Druck fehle, "die Fehler auch erfolgreich zu beheben".
Erdsiek-Raves niedersächsischer Kollege Bernd Busemann (CDU) will es ab 2005 besser machen. Schulen mit Problemen dürfen in seinem Land dann auf umfangreiche Hilfe hoffen, gerade wenn sie in sozialen Brennpunkten liegen. Sie müssen sich aber auch verbessern. "Der Schul-TÜV darf nicht wie der Besuch des guten Onkels sein." Schlechte Schulen sollen Auflagen erfüllen müssen und werden innerhalb eines Jahres erneut überprüft.
Noch mehr dürfte die Pädagogen beeindrucken, dass Busemann allen Eltern den Bericht geben will. Bis zur Veröffentlichung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. CORDULA MEYER
* Chorprobe mit Musiklehrerin Margitta Wulff (vorn), Inspektor Eckhard Aleidt (links auf der Bank im Hintergrund) mit zwei Prüferkollegen sowie Begleitern.
Von Cordula Meyer

SPIEGEL SPECIAL 3/2004
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