28.09.2004

ARABISCHE WELTSchmerzhafte Bilder

Der neue Held der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar verliebt sich, zerrissen zwischen zwei Kulturen, leidenschaftlich - und wird zum Opfer islamistischer Mörder.
Berkanes Vater zieht seine türkischen Pluderhosen an. Dann nimmt er die goldbestickte Weste, die er sonst nur an Festtagen trägt, setzt den roten Fez auf und sagt zu seinem Sohn: "Lass uns nun zu deinem Direktor gehen."
Ein paar Tage zuvor hat der Junge im Unterricht statt einer Trikolore die algerische Flagge gemalt. Doch eine französische Schule im kolonialisierten Algerien in den fünfziger Jahren ist der falsche Ort für derlei Strei-che - eine Beleidigung der französischen Republik, findet Berkanes Direktor. Unter den Augen des Schulleiters schlägt der herausgeputzte Vater nun demonstrativ auf Berkane ein. Nicht etwa, um den Jungen zu bestrafen, sondern weil er Angst hat, enttarnt zu werden: Der Vater ist selbst ein großer Kämpfer für Algeriens Unabhängigkeit.
In Szenen wie dieser bannt Assia Djebar die schmerzhafte Geschichte Algeriens in einem einzigen Bild.
Die Erzählerin, die vor vier Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, gilt heute als wichtigste Schriftstellerin Nordafrikas. Sie wurde 1936 in Algerien geboren, hat in Frankreich studiert und ist als Professorin für Geschichte und Journalistin nach Nordafrika zurückgekehrt. Heute lebt sie in Paris und New York. Ihr literarisches Werk, das mittlerweile über ein Dutzend Romane und Erzählungen, Gedichte und ein Theaterstück umfasst, hat sie von jeher auf Französisch verfasst.
Das Leben in und mit zwei Kulturen zeichnet auch Djebars Protagonisten. Ihr neuester Held Berkane kehrt nach 20 Jahren in Frankreich nach Algerien zurück. Doch zwischen damals und heute liegen dunkle Schatten: Berkane verbrachte mehrere Monate seiner Jugend in einem Gefangenenlager der Franzosen, die nicht davor zurückschreckten, auch Jugendliche zu foltern.
Aber nicht allein deshalb erscheinen ihm die Plätze seiner Erinnerung fremd und bedrohlich. Vieles hat sich verändert: in der Kasba, seinem alten Viertel in Algier, wohnen nicht mehr die jungen Sympathisanten der nationalen Befreiungsfront, die sich Ende der fünfziger Jahre - wie Berkane selbst - mit bloßen Händen den französischen Militärs entgegenstellten. Die Frauen tragen nicht mehr den algerischen weißen Schleier, der den Hüften schmeichelt, sondern verbergen "ihr Haar unter dem schwarzen Kopftuch der Iranerinnen". Die "Islamische Heilsfront", diese algerische Protestpartei religiöser Fanatiker, hat die Hegemonie in Berkanes Viertel errungen.
All das macht es dem Helden schwer, das Land seiner Kindheit und Jugend wiederzuerkennen. Das Algerien, nach dem er sich sehnt, findet er erst in der Studentin Nadjia wieder, die eigentlich im Exil lebt. Es entspinnt sich eine heftige und lustvolle, detailreich beschriebene Affäre, die tragisch endet: Berkane verschwindet plötzlich - ein Verbrechen der Fundamentalisten, wie sein Bruder vermutet.
Seit ihrem ersten Roman, den Assia Djebar mit gerade 20 Jahren veröffentlichte, gilt ihr zentrales Anliegen den algerischen Frauen: Sie lieh ihre Stimme den Berberinnen, einer algerischen Minderheit, den Partisaninnen, die gegen die Kolonialmacht kämpften, und ihren muslimischen Schwestern, die den regiliösen Fanatikern widersprachen oder sich einfach nur sexuell befreien wollten.
Es verblüfft, dass Djebar nun aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Leider wirkt ihr Held bisweilen allzu männlich, also zu sehr auf eine dominante Rolle reduziert. Vielleicht hat der nicht immer überzeugende Perspektivwechsel mit einer explizit politisch-sozialen Absicht der Autorin zu tun: Seit sie in den neunziger Jahren nahe Freunde durch Anschläge islamistischer Terroristen verlor, hat sie sich geschworen, zu "schreiben, um die unermüdlichen Verfolger einzukreisen".
Wie so viele von Djebars Geschichten lebt "Das verlorene Wort" vom subtilen Stil der Autorin, von ihrem Blick für unscheinbare Gesten, von ihrem feinen Sensorium für sprachlose Mitteilungen: "Nadja verstummte. Ihr Monolog stand zwischen uns, als hätte ich ihn unberechtigterweise mit angehört." Diese Hellhörigkeit prägte schon Djebars vielfach ausgezeichnete Arbeit als Dokumentarfilmerin in den siebziger Jahren. "Das verlorene Wort" ist ein temporeicher und intelligenter Zusammenschnitt von Erinnerungen, Dialogen und Briefen, der - nahezu filmisch - tiefe Einblicke in die jüngere und jüngste Geschichte Algeriens liefert.
HINDEJA FARAH
Assia Djebar Das verlorene Wort Aus dem Französischen von Beate Thill. Unionsverlag Zürich; 256 Seiten; 19,90 Euro
Von Hindeja Farah

SPIEGEL SPECIAL 4/2004
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