18.01.2005

1.02 Betriebswirtschaftslehre„Ich bin gierig und hyperaktiv“

Die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar gilt als eine der besten privaten BWL-Schmieden. In acht Semestern werden die Studenten zu Managern getrimmt.
Farzad Saidi sitzt in einem Übungsraum der Ohio State University in Columbus. Mit einer Chinesin, einem Inder und zwei Amerikanern tüftelt er an Cross-Border-Transaktionen. Er arrangiert Risikoszenarien und spielt Manager. Er lernt, wie er später Übernahmen einfädelt. Wie er Konkurrenten grillt und aus den Angeln hebt.
Die Ohio State University zählt zu den Top 20 in den USA. Viele deutsche Studenten der Betriebswirtschaftslehre (BWL) würden sich die Finger nach einem Auslandssemester dort lecken. Doch Saidi wirkt am Telefon nicht übermäßig begeistert. Amerika ist dem Deutsch-Iraner "zu viel Händchenhalten", die Universität zu verschult und praxisfixiert.
Saidi studiert an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar bei Koblenz. Er ist 21 Jahre alt, hat bereits zu Schulzeiten zwei kleine Start-ups gegründet, in Paris studiert und in London bei einer Investmentbank gearbeitet. Sein fünftes Semester verbringt er gerade in Ohio. Neben der European Business School in Oestrich-Winkel gilt die WHU als beste private Betriebswirtschaftsschmiede der Republik. Sie ist eine Art universitäre Mikrowelle, die ihre Absolventen in Rekordzeit gar kocht. Nach acht Semestern gehört man zu den "gefragten High Potentials" dieser Gesellschaft, verspricht zumindest der PR-Prospekt der Hochschule.
Im holzgetäfelten Treppenaufgang des Hauptgebäudes, früher eine Lederfabrik, hängen Fotos der Ehemaligen. Sie wirken wie die Ahnengalerie einer Burschenschaft, wie ein Netzwerk der Stützen der Gesellschaft. Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher oder Helmut Kohl gratulieren den Absolventen einzelner Jahrgänge. Die Diplomanden auf den Bildern sind Mitte zwanzig. Manche sehen jedoch aus wie Ende dreißig und würden das wahrscheinlich als Kompliment auffassen.
Sie seien "vergleichbar mit einem Wachstumsunternehmen", fiel einem ihrer Professoren zu den diesjährigen Absolventen ein. Nachdem sie vier Jahre Geld verbrannt hätten, sei jetzt endlich die Chance gekommen, "positive Cashflows zu erzielen", schrieb er in ihr Jahrbuch. Solche Sätze gelten in Vallendar als Zeichen von Zuneigung.
Wie "volatilitätsarm" (diesen Wunsch gab der Professor auch mit auf den Weg) die Karrieren der Abgänger tatsächlich verlaufen, untersuchte die "Wirtschaftswoche" am Beispiel der Klasse von 1993: Zehn Jahre später arbeiteten 72 Prozent in führenden Positionen und verdienten im Schnitt 224 000 Euro im Jahr.
Um überhaupt erst mal an der WHU landen zu können, durchlaufen die Kandidaten einen mehrstufigen Aufnahmetest. Zwei Fremdsprachen sind erwünscht, ein gutes Abitur ist nützlich. Entscheidend ist jedoch ein Assessmentcenter-Verfahren, für das jeder Bewerber zwei Kurzreferate vorbereiten muss. Farzad Saidi überzeugte mit dem Thema "Warum Ossis offen über Sex reden und Wessis einem nie die Hand geben". Das war so sehr neben der wirtschaftspolitischen Stromlinie der Veranstaltung, dass die Juroren verblüfft waren. Für den Einser-Abiturienten Saidi, der schon "unter der Schulbank Cashflows abdiskontiert hat", ist die Fixierung der WHU auf den reibungslosen Arbeitseinsatz in der Industrie etwas ermüdend. Gerade hat er ein Buch über Bewerbungsstrategien bei Investmentbanken geschrieben. In den letzten Semesterferien saß Saidi bei einer Ratingagentur und bewertete die Finanzstärke von Lebensversicherern. "Ich bin gierig, so'n Hyperaktiver", sagt er.
Am meisten faszinierte ihn bisher jedoch sein Auslandsaufenthalt an der Fondation Nationale des Sciences Politiques ("Science Po") in Paris. "Die haben da nicht über Wertschöpfungsketten gesprochen, sondern über Europa, über die interkulturellen Unterschiede bei der Interpretation von Kant", sagt Saidi.
Wie Saidi fühlte sich auch Peter Jost durch sein Wirtschaftsstudium nicht ganz ausgefüllt. Er belegte Vorlesungen in Kunstgeschichte und studierte zusätzlich Mathematik und Informatik. Seit Oktober ist der 44-Jährige Rektor der WHU. Bevor er 1995 nach Vallendar kam, habe er sich "strikt als Forscher definiert", so Jost. Nun müsse er die Theorie mit Leben füllen, denn für ihre Leistung müsse man den Spendern "auch eine Gegenleistung erbringen".
Die Spender sind etwa Altana, die Allianz oder die Telekom - und Metro-Gründer Otto Beisheim, dem überall gehuldigt wird. Die 50 Millionen Mark, die seine Stiftung 1993 spendierte, und drei von ihr finanzierte Lehrstühle sind der Tropf, an dem die 1984 gegründete Universität bis heute hängt. Etwa ein Drittel des Jahresbudgets von 14 Millionen Euro kommt über Studiengebühren herein - jeder Student zahlt 5000 Euro pro Semester. Wem das zu viel ist, kann bei der Sparkasse Koblenz einen Kredit aufnehmen. Als Sicherheit genügt der WHU-Studentenausweis. Um das Studium nicht nur Managersöhnen oder Chefarzttöchtern zu ermöglichen, werden etwa 20 Prozent der 90 Erstsemesterplätze an Kandidaten vergeben, die die Bafög-Kriterien erfüllen.
Sorgen, dass die Kaderschmiede die Kreativität ausbremse und am Ende eine Art geklonten BWL-Studenten vom Band laufen lasse, macht sich Jost nicht. Bei WHU-Veranstaltungen würden die Studenten Musiktheater und Comedy vom Feinsten zeigen. Gegenüber der Universität habe ein Student gerade ein eigenes Café aufgemacht. Zwei andere vermarkten bei der jungen Koblenzer Firma Minewolf ein Minensuchgerät. Längst nicht alle würden Banker oder Berater.
Jost selbst arbeitete drei Jahre lang für eine Unternehmensberatung. Er habe viel gelernt, sagt er, "aber mit stark abnehmenden Grenzerträgen". Dann erzählt er, dass eine andere Beraterfirma ihn anstellen wollte, wenn er seinen Ohrring abgelegt hätte. Er lehnte ab.
Auf den Gängen der Universität sitzen Studenten in kleinen Gruppen vor ihren Laptops. In Case-Studies simulieren sie ihr späteres Leben: Dürfen Automobilhersteller den Händlern vorschreiben, wie sie ihre Wagen in Showrooms präsentieren? Darf ein Porsche neben einem Ford stehen? Gegen die Freiheit der Händler wird die Aura der Marke ins Feld geführt. "Wir müssen hier in gewisser Weise schon als Kapitalisten argumentieren", sagt Robert Maier aus dem achten Semester. Maier hat kürzlich ein Praktikum bei der Firma Minewolf gemacht und in seiner Hausarbeit ein Modell für die jetzt anstehende Internationalisierung des Unternehmens entworfen.
Maier geht kurz in die Bibliothek. Sie ist 24 Stunden geöffnet, nachts finden die Studenten mit einer Chipkarte Einlass. Im Lesesaal sitzen ein paar Kommilitonen, das Untergeschoss ist wie ausgestorben. Viele Bücher und die gebundenen Zeitschriftenbände wirken so unberührt, als verirre sich kaum jemand in dieses Refugium der Theorie.
Vor lauter Aktivität kommen die Studenten anscheinend nicht zur Lektüre: Die Case-Studies, die Planung des WHU-Forums, die Vorbereitung von Sportturnieren - alles ist mit Absicht in ihre Hand gelegt worden. Die Firmenpräsentationen auf dem Campus "schafft man oft gar nicht mehr", sagt Maier.
Am Abend stellt sich die Abteilung Global Corporate Finance der Deutschen Bank vor. Der Hörsaal ist gut gefüllt. Sie hätten junge Analysten, die schon die Senatoren-Karte bei der Lufthansa haben, sagt der Referent. "Diejenigen, die ein gutes Praktikum machen, werden aktiv von uns verfolgt."
Ein junger Analyst spricht von seiner ersten "lead coverage" wie von einem Neugeborenen. Die Situation bei dieser Präsentation, wo er Hauptreferent war, sei "extrem demanding" gewesen. Der Abteilungsleiter führt noch andere Rekruten vor, die für die Deutsche Bank ins Feld ziehen werden. Ein junger Absolvent der WHU darf von dem ersten Börsengang berichten, den er für die Deutsche Bank betreut hat. "Bis 150 Millionen Euro machen wir eigentlich alles komplett selbst", sagt er stolz.
"150 Millionen?", fragt Robert Maier, der kurz mal reingeschaut hat. "Dafür haben die früher nicht mal die Finger krumm gemacht."
NILS KLAWITTER
Von Nils Klawitter

SPIEGEL SPECIAL 1/2005
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