18.01.2005

1.06 Soziologie + PolitikStärke durch Synergie

Nach drastischen Etatkürzungen suchen die beiden großen Berliner Universitäten, Humboldt und FU, ihre Zukunft in Kooperationen. Die Fächer Soziologie und Politologie profitieren von der Nähe zur politischen Macht.
Humboldt, ein Name von "mythischem Überschwang" - der habe ihn zum Studium nach Berlin gelockt, weg von der Universität Heidelberg. Das erzählt Magnus Rüde, 30, frisch promovierter Historiker, Nebenfächer: Politologie, Jura. Ein großer Name, eine Hochschule mit langer Tradition, beseelt vom frischen Wind der Erneuerung nach der Wende und vom Geist namhafter Professoren wie Herfried Münkler und Claus Offe.
"Top-Leute", schwärmt auch Floriana Müller, 24. "Humboldt klingt nach was, vor allem im Ausland", stellt Manuel Puntscher, 28, Student am Institut für Sozialwissenschaften (ISW), nüchtern fest. Weitere Pluspunkte seien die zentrale Lage im Herzen Berlins und die schönen alten Universitätsgebäude.
Der frisch sanierte ISW-Bau kann sich sehen lassen - ein altehrwürdiges Stück Berliner Architekturgeschichte.
Aber auf den "mythischen Überschwang" folgte nicht nur bei Magnus Rüde schnell die "Ernüchterung": "Ich war schockiert, wie wenig Geld da war. Es gab für den gesamten Fakultätsbereich einen einzigen Videobeamer, und der war geliehen. Der Neubau hinter dem Hauptgebäude stammt noch aus DDR-Zeiten und war total heruntergekommen - im Winter zu kalt, im Sommer zu heiß. Nach zwei Jahren wurden sämtliche Tutorenstellen gestrichen, eine Katastrophe für die Erstsemester, die keine Begleitung mehr für den schwierigen Studieneinstieg hatten."
Das war im Jahr 2000. Besser ist es seither nicht geworden. "Es fehlt an moderner Kommunikationstechnik", listet Manuel Puntscher weiter auf. "Die Bibliotheken sind schlecht ausgestattet, Fachzeitschriften werden kaum noch abonniert, in der vorlesungsfreien Zeit schließt die Institutsbibliothek schon um 16 Uhr, es gibt zu wenig Professoren-, Dozenten- und Doktorandenstellen, und die Seminare sind oft hoffnungslos überfüllt." Die Humboldt-Universität (HU) hat sich seit der Wende schnell zu einem Massenbetrieb entwickelt. "Ich glaube, man kann nicht sagen, dass wir gute Studienbedingungen haben", räumt Studiendekanin Karin Lohr ein.
Eine Negativbilanz, die mit ähnlicher Mängelliste auch die Freie Universität (FU) ziehen muss. "Bei bis zu 60 Teilnehmern pro Seminar ist ein vernünftiger Lehrbetrieb nicht mehr möglich", konstatiert Thomas Risse, Politologieprofessor am renommierten Otto-Suhr-Institut (OSI) und Dekan des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaft an der FU.
"Im Argen liegt alles, was mit Geld zu tun hat", moniert die Politologin Mareike Kleine, 26, "von den mangelnden Internet-Anschlüssen bis zur schlechten Mensa." Das Prüfungsbüro sei hoffnungslos überlastet, manche Professoren seien fachlich nicht auf dem neuesten Stand, und bei der Einführung neuer Studiengänge herrsche blankes Chaos.
Nicht nur an der FU. Auch Humboldt stellt derzeit massiv auf die neuen Studiengänge Bachelor und Master um, auch in den Sozial- und Politikwissenschaften. Mitunter geschieht dies auf Kosten der Magister- und Diplomstudiengänge, die zum Teil auslaufen oder nur noch im Nebenfach zugelassen werden. "Jedenfalls wird für uns Magister-Studenten das Angebot eingeschränkt", sagt Floriana Müller.
Die Krise der Soziologie und Politologie an HU und FU ist offensichtlich. Die Ursachen liegen aber nicht in den Fachbereichen selbst, sondern im harten Sparprogramm, das den drei Berliner Universitäten (neben FU und HU gibt es auch noch die Technische Universität) insgesamt verordnet wurde. 228 Professuren müssen sie bis 2009 abbauen, außerdem die dazugehörigen Mitarbeiterstellen. Ein Sparvolumen von 75 Millionen Euro sollen die Stellenstreichungen binnen fünf Jahren bringen. So will es der Berliner Senat. Sofort und einmalig müssen zusätzlich 54 Millionen eingespart werden. Die Stadt ist pleite.
Die FU wird der Planung zufolge bis 2009 auf rund 37 Millionen Euro verzichten und 86 Professuren streichen müssen, die HU auf rund 30 Millionen, was 80 Professuren kosten wird. Was die Universitäten nach dem Jahr 2009 erwartet, ist offen. HU-Studiendekanin Lohr befürchtet das Schlimmste: "Ab dann gibt es keine Planungssicherheit mehr, zahlreiche Professoren werden emeritiert."
Viele sind es in den Politik- und Sozialwissenschaften schon heute nicht mehr. Am Otto-Suhr-Institut waren es in den siebziger Jahren noch fast 50, heute sind es 13 Professuren. Das FU-Institut für Soziologie wird komplett abgewickelt. "Niemandem kann man empfehlen, hierher zu kommen", gibt Heiner Ganßmann, Direktor des Schrumpfressorts, offen zu. Das ISW der Humboldt-Universität hat derzeit noch 13 Lehrstühle, Anfang der neunziger Jahre waren es 18. Die Studienangebote schnurren zusammen, das einst breite Spektrum von Forschung und Lehre schmilzt ab.
"Wenn die Deutschen nichts zu jammern haben, dann sind sie nicht froh", hält der junge Manuel Puntscher den düsteren Einsichten und Aussichten ent-
gegen und lacht. Er ist Südtiroler, also Italiener, sieht die Welt seinem Naturell entsprechend in hellerem Licht und berät, neben dem eigenen Studienschwerpunkt Organisationssoziologie an der HU, seine Kommilitonen bei der Gestaltung ihrer Ausbildung. Berlin, schwärmt er, sei doch "ein heißes Pflaster": "Man muss nur das Uni-Fenster aufmachen, und schon hat man alle Theorie praktisch vor Augen."
Da hat er wohl Recht. Warum sonst sollten die Studenten nach wie vor in die Hauptstadt strömen? Allein an den guten Namen, an der kritischen Tradition und den "exzellenten Professoren" könne es nicht liegen, meint die ehemalige FU-Studentin Claudia Major, 28: "Es liegt an der Nähe zur Macht."
Die Studenten wissen, dass zu einem erfolgreichen Studium auch die Praxis gehört. Der Bundestag, das Abgeordnetenhaus, die Ministerien, Behörden, Landesvertretungen, außeruniversitäre wissenschaftliche Institutionen, zahlreiche Medien- und Wirtschaftsunternehmen bieten Praktika und Jobs. "Nirgendwo sonst kann man im Verlauf des Studiums die Profilierung der eigenen Interessen so gut mit seiner Berufsplanung verbinden", sagt HU-Politologe Herfried Münkler.
Claudia Major hatte sich zuerst als Praktikantin im deutsch-französischen Forschungszentrum Marc Bloch und in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik umgesehen, einem Think-Tank für deutsche Außenpolitik, und wurde dort später Assistentin. Floriana Müller war Praktikantin im Familienministerium und studentische Hilfskraft bei einer SPD-Bundestagsabgeordneten. Und Mareike Kleine hat drei Jahre lang am Institut für Europäische Politik gearbeitet, ebenfalls ein Think-Tank. "Beruflich sind die Think-Tanks auch deswegen interessant, weil sie selbst nicht ausbilden, aber ihre wissenschaftliche Kompetenz aus den Universitäten rekrutieren", erläutert Münkler.
In den meisten politik- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen von FU und HU ist ein mehrmonatiges Praktikum mittlerweile Pflicht. Ohne einschlägige Berufserfahrung erhalten die Studenten keine Zulassung zur Diplomprüfung. Beim Bachelor gibt es für "Berufsfeldbezogene Zusatzqualifikation" Extrapunkte. Die Kontaktbörsen der verschiedenen Fachbereiche werden gut besucht. Das neue Career Center der HU vermittelt Projektaufträge Berliner Unternehmen. IBM war das Erste. "Die Unternehmen sind spontan an einem interessiert", urteilte ein Teilnehmer nach der Projektarbeit.
Die Praxis geht aber auch in den Hörsaal. "Diplomatie als Beruf" hieß eine Lehrveranstaltung an der FU in Zusammenarbeit mit dem Außenministerium.
Abgesehen von den besonderen Praxismöglichkeiten in der Hauptstadt ist Berlin für den OSI-Politologen Risse "ein unglaublicher Wissenschaftsstandort, vor allem in den Sozialwissenschaften". Neben FU, HU und TU verfügen auch die Universität Potsdam und die Viadrina in Frankfurt (Oder) über sozialwissenschaftliche Kompetenz. Hinzu kommen, neben den bereits erwähnten Think-Tanks, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und die Stiftung Wissenschaft und Politik. "Eine Ansammlung von Experten, die es sonst nirgendwo in Deutschland gibt. In der Vergangenheit haben sie aneinander vorbeigeforscht. Jetzt beginnt die Vernetzung", schwärmt Risse. So wurde in Kooperation von FU, HU und der Universität Potsdam ein Master-Studiengang Internationale Beziehungen für 30 Studenten pro Jahrgang eingerichtet.
Die Vernetzung der Berliner Universitäten geht weiter. Die HU pflegt den Austausch mit Dutzenden Universitäten in Europa und Nordamerika.
Besonders geschätzt wird von den Politikstudenten der FU der deutsch-französische Studienzyklus. Eine Gruppe von jeweils 15 Studenten aus Berlin und vom Institut d''Etudes Politiques de Paris studieren zusammen über ein Jahr in jeder Stadt. "Eine sehr nützliche Einrichtung", berichtet Claudia Major, die an diesem Programm teilgenommen hat. "Das Studium geht sehr schnell. Man wird nicht bestraft dafür, dass man im Ausland studiert hat. Und das Abschlussdiplom wird in Deutschland und Frankreich anerkannt." Zurzeit promoviert Claudia Major an der britischen Universität Birmingham über europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Von ihren Arbeitsbedingungen können ihre Kollegen an deutschen Universitäten oft nur träumen. In Birmingham wird der Doktorand von zwei Dozenten bestens betreut, er hat keine Lehrverpflichtungen, hundertprozentige Konzentration auf die Arbeit, einen eigenen Arbeitsplatz.
Manuel Puntscher hellt den Berliner Campus jedoch fröhlich weiter auf: "Die Fachbereiche Soziologie und Politologie von HU und FU erkennen die Seminarscheine gegenseitig an. Viele Studenten von der HU belegen Seminare an der FU und umgekehrt. Was die eigenen Institute nicht bieten, findet man beim anderen. Jedes Institut hat sein Territorium."
"Ein komplementäres Angebot", nennt es Herfried Münkler. "Das bringt Vielfalt. So hat die FU ihre Stärken in der Außen- und internationalen Politik und die HU in der soziologischen und politischen Theorie."
Berlins Universitäten sind unter dem Druck der Politik zusammengerückt. Sie kooperieren, nutzen Synergien und gestalten die Folgen des Sparzwangs in eigener Regie. Die große Verbrüderung ist das nicht. Zu einer "University of Berlin" wollen sie keinesfalls verschmolzen werden. Der freundliche Wettbewerb autonomer Gebilde ist ihnen lieber.
Im Rennen um Bundesmittel für Eliteuniversitäten bastelt jeder an seinen eigenen Strategien. CHRISTOPH SCHMITZ
* Links: vor dem Kanzleramt in Berlin; rechts: an der Universität im britischen Birmingham.
Von Christoph Schmitz

SPIEGEL SPECIAL 1/2005
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