18.01.2005

1.09 Biologie„Ein richtiges Familiengefühl“

Die Biowissenschaften, zu DDR-Zeiten vernachlässigt, sind heute eine der Vorzeigefakultäten der Universität Leipzig.
Am Anfang war der Kohlenkeller. In dem stand der Biologe Christian Wilhelm zu Beginn der neunziger Jahre und trainierte sein Vorstellungsvermögen. Der Hochschullehrer war gerade aus dem beschaulichen Mainz nach Leipzig gekommen, um einem Ruf an die Fakultät für Biowissenschaften zu folgen. Der Fachbereich war zu Zeiten der DDR stiefmütterlich behandelt worden.
Der Raum, in dem Wilhelm stand, war feucht, dunkel und an der Wand zeichneten sich deutliche Risse ab. In diesem Keller, wurde dem entgeisterten Wissenschaftler eröffnet, solle sein Labor für Pflanzenphysiologie eingerichtet werden.
Der Biologe nahm den Leipzigern ihren unbedingten Aufbauwillen ab und blieb tatsächlich - heute ist die Fakultät eines der Vorzeigeobjekte der Leipziger Hochschule. Rund 50 Millionen Euro sind in die Sanierung der maroden Hörsäle, Labore, Gewächshäuser und Studierstuben geflossen. Bei den Studenten steht das Fach Biologie jetzt hoch im Kurs: Die Leipziger Hochschüler landeten, gemessen an ihren Fähigkeiten, bundesweit auf dem dritten Platz - nur die Universitäten Bayreuth und Stuttgart schneiden besser ab. 23 Prozent der befragten Studenten kamen sogar unter die besten zehn Prozent ihres Faches - damit liegen die Leipziger deutlich an der Spitze der 45 deutschen Hochschulen, die das Fach Biologie im Lehrangebot haben.
Für Kurt Eger, den Dekan der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie, grenzt das gute Abschneiden der Leipziger Universität fast an ein Wunder. "Wir haben 1992 hier ein Desaster vorgefunden", erinnert sich der Professor, der einst in Tübingen lehrte. Bei laufendem Betrieb wurde die ganze Fakultät Schritt für Schritt saniert und auf den neuesten Stand gebracht. Nun erntet die Hochschule die ersten Früchte der Aufbauarbeit.
368 Studenten sind momentan im Fach Biologie eingeschrieben, pro Jahr werden 58 Neulinge aufgenommen. Fünfeinhalb Bewerber kommen inzwischen im Durchschnitt auf einen Studienplatz - der Numerus clausus für das Fach liegt in Leipzig bei 1,4. Elf Semester brauchen die Studenten durchschnittlich bis zum Abschluss, hat Studiendekan Klaus Schildberger errechnet.
Doch was ist in Leipzig anders als an anderen Hochschulen? Und sind die Studenten wirklich besser?
Schildberger meint, seine Studenten seien einfach fleißiger als anderswo. Sie meldeten sich rechtzeitig zu Prüfungen an - und würden die dann auch ablegen. Dekan Eger glaubt, dass es an den Frauen liegen könnte. Biologie ist ein klassischer Frauenstudiengang, Männer sind hier in der Minderheit. "Frauen sind leistungsfähiger und disziplinierter", findet der Wissenschaftler. Die durchschnittliche Diplomnote liegt bei den Leipziger Biologen immerhin bei 1,7.
Christian Wilhelm hat eine andere These zum guten Abschneiden seiner Studenten. Eine Studienreise nach Frankreich, wo seine Absolventen mit Kommilitonen aus Westdeutschland diverse Feldversuche anstellten, habe ihm die Stärken der Leipziger vor Augen geführt. Während die nach der Feldarbeit noch bis 22 Uhr gelernt hätten, seien die Westdeutschen um diese Zeit längst in Feierlaune gewesen. "Die haben das wohl mehr als ein touristisches Angebot gesehen", staunt Wilhelm. "Unsere Studenten wollen schnell fertig werden und eine Berufsausbildung haben. Sie haben Angst, den Eltern auf der Tasche zu liegen, und spüren den Druck der drohenden Arbeitslosigkeit stärker." Die höhere Motivation führe letztlich zu besseren Studienergebnissen.
Dabei sind die guten Bedingungen hilfreich. Im Lehrbericht, den die Fakultät einmal im Jahr an das sächsische Wissenschaftsministerium schicken muss, haben die Studenten lobende Worte gefunden: Es gebe so gut wie keine Wartezeiten, selbst Praktikumsplätze seien ausreichend vorhanden. Für die nötige Breite in der Ausbildung sorgen in der relativ kleinen Fakultät die Großforschungsprojekte in der Nachbarschaft. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit dem Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle und den Max-Planck-Instituten der Messestadt.
Kurz ist der Weg zu den Lehrenden. Sprechzeiten haben die zwölf Professoren gar nicht erst eingerichtet, die Studenten können einfach anklopfen und werden beraten. "Das ist", findet Wilhelm, "ein richtiges Familiengefühl."
Doch es gibt Studenten, die es gern noch ein wenig effektiver hätten. Clarie Fabian ist im zwölften Semester, steht kurz vor dem Abschluss und findet, dass die Vorlesungen besser gestaffelt werden könnten und die Wartezeiten auf Praktikumsplätze auch schon kürzer waren. Grundsätzlich hält die angehende Biologin, die aus Bremen nach Sachsen kam, die Studienbedingungen in Leipzig jedoch für wegweisend: "Einem aktiven, selbständigen und starken Studenten stehen hier alle Möglichkeiten offen." Dabei hilft auch sanfter Druck von oben: Wer in Leipzig bis zum achten Semester keine Zwischenprüfung abgelegt hat, wird exmatrikuliert.
Die "Begeisterung für die Biologie" hat die Leipzigerin Theresa Treuner an die Fakultät gebracht, wo "niemand in der Masse untergeht". Sie blieb in ihrer Heimatstadt und will doch Deutschland nach dem Studium verlassen - wie es viele tun, die in Leipzig einen Abschluss geschafft haben. Die USA sind das Traumland der Biologen.
Dass die Bedingungen in Leipzig so optimal bleiben können, bezweifeln Professoren wie Studenten. Denn die finanzielle Ausstattung der Fakultät wird schlechter. In den Jahren 2003 und 2004 wurden die Haushaltsmittel um jeweils 25 Prozent gekürzt. Es kann jetzt nur noch am Personal gespart werden - das freilich gerade das Familiengefühl von Leipzig vermittelt. STEFFEN WINTER
Von Steffen Winter

SPIEGEL SPECIAL 1/2005
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