18.01.2005

1.11 PhysikSorgsam umhegt

Der Fachbereich Physik an der Universität Marburg gilt unter Studenten als Geheimtipp.
Aus dem Bürofenster blickt der Marburger Physikprofessor Ulrich Höfer auf beschauliches Fachwerk. Verlässt der Gelehrte das am Schlosshang gelegene Fakultätsgebäude, genießt er nach wenigen Schritten ein spektakuläres Panorama über die kleine Stadt im Hessischen und das Lahntal.
Verengt sich der Blick dann jedoch auf seine professionelle Perspektive, sieht Höfer plötzlich "rundherum nichts".
Hier liegt das Dilemma der Physiker in Marburg. Der nach Uni-Ansicht "kleine, aber feine Fachbereich" bietet Studenten beinahe paradiesische Bedingungen: 19 Professoren und rund 80 wissenschaftliche Mitarbeiter kümmern sich um gerade mal 280 Studenten. "Insel der Seligkeit" nennt Höfer das Institut am Renthof 5.
Zugleich leiden die Marburger Physiker unter akutem Aufmerksamkeitsmangel. Rings um die hügelige Universitätsstadt fehlt Industrie, die der wissenschaftlichen Potenz der Akademiker zu Anerkennung verhelfen könnte. Und weil auch Arbeitgeber in der Region rar sind, bleibt der Fachbereich Physik unter Studenten ein Geheimtipp.
"In Presse und Politik wird unterschätzt, was wir hier machen", klagt Höfer. Die Stadt wirbt bereits mit ungewöhnlichen Tricks um akademischen Nachwuchs: Seit August zahlt die Verwaltung jedem Studenten, der seinen Erstwohnsitz in Marburg anmeldet, 100 Euro. Dazu gibt''s noch einmal Kino und Spaßbad gratis.
Derweil bemüht sich auch der Fachbereich Physik um Neueinsteiger. "Die Außendarstellung war bislang sicher nicht optimal", räumt Dekan Wolfgang Rühle ein. Auf einem Poster buhlt ein freakiges Paar um Verstärkung. Dabei scheint Panik unangebracht. Laut SPIEGEL-Ranking ist der Anteil der Top-Studenten im Bereich Physik in Marburg so groß wie an kaum einer anderen deutschen Universität.
Die angehenden Physiker werden von den Lehrenden sorgsam umhegt. Christian Schwalb beispielsweise fragte vor ein paar Jahren vorsichtig bei seinem Professor an, ob ein Gastaufenthalt an einer Universität im Ausland denkbar sei. Er kenne da jemand in Arizona, war die prompte Antwort des Professors. "Zwei Wochen später hatte ich das Visum auf dem Tisch", erinnert sich Schwalb. Der 26-Jährige studierte dann ein
Jahr lang in Tucson. "Ich hätte da bleiben können, aber ich wollte wieder zurück." Zurück heißt in diesem Fall in die Obhut seines Doktorvaters Ulrich Höfer, unter dessen Anleitung Schwalb an einem Rastertunnelmikroskop experimentierte.
Die Rückkehr wurde ihm noch durch einen weiteren Umstand versüßt: "In Marburg betreiben Studenten schon während der Diplomarbeit aktuelle Forschung. Und die Professoren fordern einen auf, Vorträge zu halten."
Prodekan Peter Thomas ist begeistert vom Arbeitseifer seiner Studenten: "Wenn man hier nachts über das Gelände geht, sieht man noch in vielen Fenstern Licht." Wer jedoch zur umfassenden Naturwissenschaftlerpersönlichkeit reifen wolle, dürfe auf gar keinen Fall dem Klischee des weltfremden und in seine Versuchsanordnungen vergrabenen Physikers entsprechen. "Wer etwas Besonderes sein will", sagt Thomas seinen Studenten, "muss umfassend gebildet und weltoffen sein. Der darf keine Ängste vor fremden Kulturen haben."
Anja Grage beispielsweise verabschiedete sich rasch von der Vorstellung, in dem altehrwürdigen Institut mit Festkörpern oder Halbleitern zu experimentieren. Bald nach Beginn des Studiums empfahl ihr einer der Professoren die theoretische Physik. Dem Rat ihres späteren Doktorvaters mochte sich Grage nicht entziehen: Zu sehr war sie angetan vom "deutlich spürbaren Enthusiasmus" der Lehrenden. Sie schloss sich der Arbeitsgruppe Vielteilchentheorie an und hantierte fortan hauptsächlich mit Papier und Bleistift.
Wenn Grage demnächst ihre Promotion abgeschlossen haben wird, hat sie diverse Praktika absolviert, ein Graduiertenkolleg geleitet und ein Jahr an der University of Warwick in Großbritannien studiert. Die Aussicht auf eine Postdoc-Stelle an der University of Oxford scheint realistisch.
Dennoch hat Anja Grage wie die meisten ihrer Kommilitonen offensichtlich Hemmungen, das Wort Elite in den Mund zu nehmen. Nein, als künftige Leistungsträgerin der Gesellschaft sehe sie sich nicht unbedingt. Dabei hätte sie allen Grund, glaubt man Peter Thomas: "Wer bei uns das Grundstudium überlebt, gehört automatisch zur Elite", behauptet er forsch. Mitunter bleibe schon die Hälfte der Erstsemester auf der Strecke.
Wer sich jedoch erfolgreich durch den Protonenparcours gewunden hat, kann sich vergleichsweise große Hoffnungen auf einen Job machen. Die Arbeitslosenquote bei den Physikern lag 2003 unter vier Prozent. Die Absolventen in Marburg können zusätzlich auf das Netzwerk zwischen Professoren und Ehemaligen bauen. Vor allem zu Siemens in Erlangen bestehen gute Kontakte.
"Weg von der Uni", heißt die Losung von Kai Schubert. Endlich will der Grundlagenforscher "Projekte bis zum Ende entwickeln" und deshalb in die Industrie wechseln. Seinem Fachbereich ist er dabei in Dankbarkeit verbunden. "Nie habe ich erlebt, dass ein Professor eine Vorlesung zweimal gehalten hat. Nie hatte ich das Gefühl, als Bittsteller aufzutreten." FRANK THADEUSZ
* Mit den Doktoranden Christian Schwalb, Krisztina Stépán und Kai Schubert vor einer Vakuumkammer.
Von Frank Thadeusz

SPIEGEL SPECIAL 1/2005
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