30.03.2005

Braunes Netzwerk im Norden

Jahrzehntelang pflegte Schweden den Mythos des neutralen Landes, das Nazi-Verfolgten Zuflucht bot. In Wahrheit kollaborierten große Teile der Bevölkerung mit den Nationalsozialisten.
Der Bestseller bestach durch seine klare Gliederung und schnörkellose Schlichtheit: Nach einem knapp gehaltenen Vorwort folgten 534 Seiten lang Namen, nichts als Namen. Dazu, wie in einem Telefonbuch, oft noch Wohnadressen oder Berufsangaben, das war's.
In der Liste der bestverkauften Sachbücher Schwedens kletterte das Werk bis auf den zehnten Rang. In der Rangliste der am meisten verliehenen Titel in den großen öffentlichen Bücherhallen des Landes landete es sogar auf Platz drei.
Der Erfolg war nicht geplant. Eigentlich wollte Autor Tobias Hübinette, 33, nur die Rolle Schwedens während des Zweiten Weltkriegs näher untersuchen. Dann entdeckte der junge Forscher Mitgliederlisten von NS-Organisationen, schwedischen SS-Freiwilligen und Trägern des Eisernen Kreuzes - darunter lauter gut beleumdete Juristen, Lehrer, Ärzte, Journalisten.
"Ich war geschockt, wie hoch der Anteil berühmter und angesehener Mitglieder der gesellschaftlichen Elite Schwedens unter den NS-Mitläufern war", sagt Hübinette, und "sah es als Pflicht an, die Öffentlichkeit darüber zu informieren". Kommentarlos dokumentierte er deshalb 28 000 Namen von Schweden-Nazis und Sympathisanten, die in öffentlich zugänglichen Archiven vor sich hin gilbten.
Die Publikation im Sommer 2002 traf das Land wie ein Schock und spaltete die Nation wie kaum ein Geschichtswerk zuvor. Kritiker geißelten das Werk als "Polit-Pornografie" und unwissenschaftlich. Andere lobten die Dokumentation als "Provokation gegen Geschichtslosigkeit und Vergessenwollen".
Tatsächlich machte die Arbeit des jungen Wissenschaftlers endgültig Schluss mit dem Mythos, den viele Schweden bis heute nur allzu gern kultivieren: Den vom vermeintlich neutralen Nordland, das Hitlers totalem Krieg lange, unbeteiligt und unabhängig gegenüberstand. Und das erst, als Hitlers Völkermord allzu offenkundig wurde, Partei ergriff und sich großzügig an humanitären Rettungsaktionen für Verfolgte beteiligte.
Nun war es schlagartig vorbei mit dem "bezaubernden Pippi-Langstrumpf-Idyll", sagt der Autor und Filmemacher Bosse Schön. Der Journalist selbst gehörte zu den Ersten, die damit begannen, am schönen Schein zu kratzen. 55 Jahre nach Kriegsende brachte er eine bis dahin "unerzählte Geschichte" ans Licht - von den "Schweden, die für Hitler kämpften".
Mindestens 400 bis 500 Nordmänner, groß, blond und zumeist geradezu ide-altypisches Ebenbild des reinrassigen "Ariers", leisteten aus eigenem Antrieb den Eid auf den "Führer". Sie dienten als SS-Freiwillige in Divisionen wie "Wiking" oder "Nordland" und sogar in der "Leibstandarte Adolf Hitler".
Legendär das Foto eines zerschossenen "Nordland"-Schützenpanzerwagens aus den letzten Kriegstagen in Berlin. Am Morgen des 1. Mai 1945, nach Hitlers Selbstmord tags zuvor, hatte der Panzerwagen noch versucht, auf der Friedrichstraße den Kessel der Roten Armee zu durchbrechen. Neben dem gepanzerten Fahrzeug (SS-Nummer 900915) lagen Leichen der Besatzung - eine davon war der schwedische SS-Mann Ragnar Johansson.
Schweden hat zwar auch Hilfe geleistet und Nazi-Verfolgten Zuflucht geboten. Jenen rund 7500 Juden aus Dänemark etwa, die im Oktober 1943 vor allem mit Hilfe dänischer Fischer über die Ostsee in Sicherheit gebracht wurden. Oder jenen Zehntausenden Juden, die 1944 über die schwedische Gesandtschaft in Budapest, mit entscheidender Unterstützung von Raoul Wallenberg, schwedische "Schutzpässe" erhielten und sich damit außer Landes retten konnten. Der "Engel von Budapest" wurde zum Symbol schwedischen Widerstands gegen die Nazis.
Aber bis es dazu kommen konnte, betätigten sich Regierung und Bürger eben auch als Kollaborateure. Und ausgerechnet der Familienname Wallenberg spielte dabei eine besondere Rolle.
So lieferte Schweden jahrelang überlebenswichtige Rohstoffe und Vorprodukte für die deutsche Kriegsindustrie. Noch im Januar 1944 konnte das Hitler-Regime rund 70 Prozent seines Bedarfs an sieben wichtigen Kugellagertypen für den Flugzeugbau durch Käufe bei den zum Wallenberg-Imperium gehörenden Svenska Kullager Fabriken in Göteborg decken, fanden zum Beispiel niederländische Forscher heraus.
Auch sonst zeigte sich die neutrale schwedische Regierung zu weitgehenden Zugeständnissen an die Nazis bereit. Etwa zwei Millionen deutsche Soldaten konnten bis 1943 ungehindert aus dem von der Wehrmacht besetzten Norwegen durch Schweden nach Finnland an die russische Front verlegt werden. Deutsche Besatzer wurden über schwedische Häfen in den Heimaturlaub verschifft und zurück nach Norwegen. Die deutsche Marine operierte ebenso ungestört in schwedischen Hoheitsgewässern wie die Luftwaffe im nordischen Luftraum.
Politisch wurden solche Zugeständnisse stets mit dem Bemühen gerechtfertigt, eine drohende Besetzung wie in Dänemark und Norwegen abzuwenden. "Nichts sollte getan werden, was die Deutschen hätte irritieren können", umschreibt der Historiker Alf W. Johansson die Haltung seiner Regierung. Premier Per Albin Hansson galt bei vielen Landsleuten beinahe schon als Kriegsheld, weil er sein Land so vor einem Schicksal wie dem der Nachbarn bewahren konnte.
Doch das Opfer war groß. Schweden zahlte "einen beschämenden moralischen Preis", stellte Stig Ekman, Vorsitzender einer vom Parlament mit der Untersuchung der Beziehungen zu den Nazis beauftragten Expertenkommission, fest.
Tatsächlich war die moralische Verstrickung des Landes größer als lange zugegeben. Obwohl Schweden prominenten Hitler-Gegnern wie Willy Brandt, Herbert Wehner oder Bruno Kreisky Asyl gewährte und bedrängten Autoren wie Kurt Tucholsky oder Bertolt Brecht vorübergehende Zuflucht bot, war eine "ausländerfeindliche Stimmung" zwischen 1933 und 1945 weit verbreitet, stellte die Göteborger Historikerin Helene Lööw fest.
Fremdenangst und Antisemitismus gingen dabei Hand in Hand. Schon im Frühjahr 1938 führte Stockholm Visumzwang für österreichische und später dann für deutsche Staatsbürger ein, um eine Massenzuflucht von "Nichtariern", wie es offiziell hieß, zu verhindern.
Zusammen mit der ebenfalls neutralen Schweiz verständigte sich Schweden noch Ende 1938 mit Berlin darauf, Pässe ausreisewilliger deutscher Juden von den Nazis mit einem "J" stempeln zu lassen - um Juden an den eigenen Landesgrenzen leichter erkennen und schneller abweisen zu können.
Ihren Höhepunkt fand die antijüdische Stimmung im Norden in landesweiten Aktionen unter dem Motto "Lasst Moses nicht zur Tür herein". Die Kampagne wurde von der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei/der Schwedischen Sozialistischen Sammlung Ende 1938, gleich nach den Pogromen in Deutschland, gestartet und dauerte bis Kriegsende.
Die schwedischen NS-Studentenverbände trugen die feindselige Stimmung gegen Juden ab Januar 1939 auch an die Hochschulen, wo sie schon bald "von nahezu allen Studentenkorps des Landes unterstützt" (Lööw) wurde. Berüchtigt sind bis heute Resolutionen der Studentenschaften in Uppsala und Lund sowie der Medizinischen Hochschule in Stockholm, in denen sie im Februar 1939 gegen eine Einwanderung "intellektueller Flüchtlinge nach Schweden" aufbegehrten.
Konkret ging es, wie der Stockholmer Historiker Helmut Müssener herausfand, um die Einreiseerlaubnis für sieben deutsch-jüdische, wissenschaftlich hochqualifizierte Ärzte. Die würden, hieß es auf einmal, den Schweden "bisher unbekannte Probleme von schicksalsschwerer Art schaffen". Die Jahre nach 1933, schrieb Müssener, waren "kein Ruhmesblatt schwedischer Geschichte".
Das gilt nicht nur für die Flüchtlingspolitik. Die "Blut- und Schicksalsgemeinschaft" arischer Völker beschworen nationalgesinnte schwedische Bürger in mehr als 90 Nazi-Organisationen, die ein braunes Netzwerk quer über das ganze Land legten. Eine Gruppe Schweden habe bereitgestanden, so Autor Schön, auch in Stockholm eine Kollaborationsregierung wie in Norwegen zu bilden. Sogar eine Liste mit den Namen von 8000 schwedischen Juden zur Deportation in Konzentrationslager habe bereits existiert.
Die wirtschaftliche Kooperation mit Nazi-Deutschland funktionierte da erst recht wie geschmiert. Skrupellos erwarb etwa die schwedische Reichsbank zwischen Frühjahr 1940 und Sommer 1944 rund 20 Tonnen Goldbarren aus Berlin. Die tauschte sie großenteils gegen sauberes Edelmetall aus deutschen Beständen in der neutralen Schweiz - eine Art Geldwäsche zum Wohle der Nazis.
Dass es sich bei dem Nazi-Gold auch um Raubgut aus jüdischem Besitz handeln musste und somit um Geschäfte "auf Rechnung der Gestapo", wie es später vor Gericht hieß, konnte den schwedischen Bankern kaum verborgen geblieben sein. In internen Briefwechseln sprachen sie zum Teil offen von "verseuchtem Gold".
Scheinbar neutrale Geldinstitute und Großfinanziers waren den Nazis auch sonst gern zu Diensten, ihr Vermö- gen zu sichern. Dabei ging es zumeist darum, die wahren Eigentumsverhältnisse deutscher Unternehmen im Ausland, vor allem bei den alliierten Kriegsgegnern, zu verschleiern und so Beschlagnahme zu verhindern. Dazu wurden die Firmen von Nazi-Mutterkonzernen kurzerhand in schwedische Gesellschaften umgewandelt.
Die Stockholmer AB Planeten übernahm so in großem Stil Aktien der American Bosch Corporation - und sicherte zugleich dem Bosch-Mutterhaus in Stuttgart weitgehenden Einfluss zu. Dem deutschen Chemiegiganten I.G. Farben wurde ebenfalls Beistand aus dem Norden zuteil - zum Beispiel durch die AB Akont und die AB Caritas.
Hinter den karitativen Wohltätern steckte vor allem die Stockholmer Enskilda Banken. Die heutige Skandinaviska Enskilda Banken und andere Großfinanziers agierten quasi als Strohmänner der Nazis. So war das Finanzhaus während des Krieges auch verdeckt am Bau von 45 Minensuchbooten für die deutsche Kriegsmarine auf schwedischen Werften beteiligt.
Das renommierte Finanzinstitut, das 1856 als erste Stockholmer Privatbank seine Geschäfte aufnahm, war eine Gründung der noch heute berühmten Unternehmerfamilie Wallenberg. Für die zwielichtigen Geschäfte im Dienste der Nazis zeichneten vor allem die Gebrüder Marcus und Jacob Wallenberg verantwortlich - mit durchaus zweifelhaftem Erfolg.
Während die USA die Brüder wegen ihrer anrüchigen Geschäfte auf die "Schwarze Liste gesperrter ausländischer Staatsbürger" setzte, gab es aus Deutschland höchstes Lob. Für seine Verdienste um das Dritte Reich ernannte Hitler Jacob Wallenberg 1941 zum "Träger des Deutschen Adlerordens". MANFRED ERTEL
Von Manfred Ertel

SPIEGEL SPECIAL 2/2005
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