30.03.2005

„Absolutes Schweigen“

Die Opposition gegen Hitler suchte Kontakte mit den Westmächten - erst, um den Krieg zu verhindern, dann, um ihn unter günstigen Bedingungen zu beenden. Doch vor allem die Londoner Regierung ließ die Emissäre abblitzen - sie misstraute den Widerständlern.
Um den Frieden in Europa zu bewahren, sollten die Westmächte, sollte vor allem die britische Regierung nach Ansicht deutscher NS-Gegner vernehmlich mit dem Säbel rasseln. Die Regimekritiker entfalteten deshalb in den beiden Jahren vor Kriegsbeginn eine hektische Reiseaktivität.
Allein Carl Friedrich Goerdeler, in dieser Zeit der führende Kopf des deutschen Widerstands, fuhr zwischen Juni 1937 und Ende 1938 in 22 Länder. Unablässig warnte der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister vor den braunen Machthabern: "Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass wir es mit Gangstern der schlimmsten Sorte zu tun haben." Über Adolf Hitlers aggressive Außenpolitik sagte er, der Diktator brauche "jeden Morgen zum Frühstück ein neues Opfer".
Goerdeler beschwor die westlichen Regierungen, sich auf keinen Beschwichtigungskurs einzulassen. Aber er wurde von seinen Gesprächspartnern nicht ernst genommen. Sir Montagu Norman, der Gouverneur der Bank von England, wies ihn zurecht, ein guter Patriot denunziere nicht seine eigene Regierung. Und von Sir Robert Vansittart, dem Ersten Diplomatischen Berater im Außenministerium, musste sich Goerdeler den Vorwurf gefallen lassen, er betreibe Landesverrat.
Nachdem der "Führer" am 28. Mai 1938 vor höheren Wehrmachtoffizieren seinen "unerschütterlichen Willen" verkündet hatte, dass "die Tschechoslowakei von der Landkarte verschwindet", warnte der Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, ein Krieg gegen die Tschechoslowakei werde zum Weltkrieg führen und das "finis Germaniae" bedeuten.
Beck schickte, Mitte August, einen weiteren Emissär nach London: den pommerschen Gutsbesitzer Ewald von Kleist-Schmenzin. Dem geläuterten Deutschnationalen gab der Generaloberst als Auftrag mit auf den Weg: "Bringen Sie mir den sicheren Beweis, dass England kämpfen will, wenn wir die Tschechoslowakei angreifen, und ich will diesem Regime ein Ende machen."
Kleist-Schmenzin erklärte Vansittart und dem konservativen Politiker Winston Churchill, der die Appeasement-Politik seiner Partei ablehnte, dass die deutschen Generäle am Mobilmachungstag gegen Hitler losschlagen würden.
Es war ein bizarrer Plan, nach dem der Staatsstreich am 28. September ablaufen sollte. Ein Stoßtrupp unter Führung des ehemaligen Freikorps-Kämpfers Friedrich Wilhelm Heinz sollte in die Reichskanzlei eindringen und Hitler festnehmen. Erich Kordt, Leiter des Ministerbüros im Auswärtigen Amt, und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, stellvertretender Berliner Polizeipräsident, sollten die Doppeltür hinter dem Posten am Eingang zur Reichskanzlei von innen her öffnen, um dem Stoßtrupp den Weg frei zu machen.
Der Ex-Parteigenosse Heinz wollte ein Handgemenge provozieren, in dessen Verlauf Hitler erschossen werden sollte. Die geistigen Hintermänner des Putsches aber wollten den "Führer" lebendig; Hitler sollte vor Gericht gestellt oder von einem Ärztegremium für geisteskrank erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt werden.
Oberstleutnant Hans Oster, Leiter der Zentralabteilung im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht, hatte Heinz den konspirativen Auftrag erteilt. Und er hatte Kordt gebeten, der britischen Regierung vorab eine Botschaft zu übermitteln. Darin sollte London um eine "energische Erklärung" gegen Hitlers Kriegskurs ersucht werden, die möglichst "auch dem einfachen Mann einleuchte", und dann, fügte Oster hinzu, werde es "keinen Hitler mehr geben".
Goerdeler, Kleist-Schmenzin und Kordt waren nicht die Einzigen, die im Frühjahr und Sommer 1938 westliche Regierungen bedrängten, Hitler mit Gewaltandrohung entgegenzutreten. Es war, so der Publizist Joachim Fest, ein "seltsamer Pilgerzug", zu dem "in nicht abreißender Folge" Abgesandte der Opposition ins Ausland reisten*.
Doch der britische Premier Neville Chamberlain war, um des Friedens willen, bereit, den Deutschen das Sudetengebiet zuzugestehen. Wenige Stunden vor der geplanten Revolte flog er zur Münchner Konferenz, um der Annexion zuzustimmen - der Putsch wurde abgesagt.
"Krieg oder Staatsstreich war die Alternative gewesen", konstatiert Fest, "und München hatte sie außer Kraft gesetzt."
Freilich war es auch, wie der Freiburger Militärhistoriker Gerd R. Ueberschär feststellt, "paradox, den Kriegsbefehl Hitlers zu wünschen, um dann den Krieg verhindern zu wollen"**.
Dass es, auch später, nicht gelang, zwischen demokratischen Regierungen und deutschen Hitler-Gegnern ein Bündnis zum Sturz des NS-Regimes zu schmieden, lag auch und vor allem an dem Misstrauen gegenüber den Personen, die den Widerstand verkörperten. Denn sie gehörten, so der Historiker Hans Mommsen, einer "konservativen Funktionselite" an, "die nicht die expansiven Ziele des Regimes ablehnte", sondern nur "das Ungestüm, mit dem sie befolgt" wurden.
Goerdeler zum Beispiel war gewiss ein mannhafter Anti-Nazi. Von seinem Amt als Leipziger Oberbürgermeister war er 1937 zurückgetreten, weil das Denkmal des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy vor dem Gewandhaus gegen seinen Willen abgerissen worden war. Zugleich aber gab sich Goerdeler in den Gesprächen mit einem britischen Regierungsbeauftragten "als wilhelminischer Imperialist reinsten Wassers zu erkennen" (so der Historiker Lothar Kettenacker vom Deutschen Historischen Institut in London).
Fünf Wochen nach der Konferenz von München formulierte Goerdeler in einem Memorandum seine Gedanken über ein gedeihliches Zusammenwirken von Deutschen und Briten, wenn erst einmal das Nazi-Regime gefallen sei. In dem Papier meldete Goerdeler jedoch auch Ansprüche an, die ihn - und den deutschen Widerstand insgesamt - bei den Engländern ins Zwielicht rückten.
Noch bevor Hitler seine Aggression offen auf Polen gerichtet hatte, forderte der gebürtige Westpreuße Goerdeler, der den Verlust seiner Heimat nach dem Ersten Weltkrieg nie verwunden hatte, unter anderem die Beseitigung des polnischen Korridors.
Viele der deutschen Frondeure, die jetzt die NS-Diktatur in Absprache mit den Westmächten abschütteln wollten, hatten anfangs Hitler zugejubelt, waren Parteigenossen geworden oder zumindest Mitläufer, die sich an der neuen nationalen Größe berauscht hatten. Ihnen ging es in erster Linie darum, dass die Briten eine Putsch-Situation in Deutschland nicht zum eigenen militärischen Vorteil ausnutzen würden.
Diejenigen, die von Anfang an politische Gegner der Nazis waren - Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter, die gewarnt hatten: "Hitler bedeutet Krieg!" -, waren zur Ohnmacht verdammt: Ihre Organisationen waren verboten und zerschlagen, ihre Funktionäre saßen in Haft, mussten ins Exil oder versuchten, sich unauffällig durchzuschlagen, und ihre Basis, die Arbeiterschaft, war zum großen Teil den braunen Rattenfängern verfallen.
Ein Umsturz war nur mit Hilfe hoher Militärs möglich, mit denen sich nationalkonservative Diplomaten und Beamte verbündet hatten. Nur exponierte Wehrmachtoffiziere konnten gegebenenfalls Waffen und Sprengstoff besorgen sowie in Hitlers Nähe vordringen.
Das Personal der Opposition war aber zugleich das Dilemma, vor dem die britische Regierung stand: dass, so der Historiker Kettenacker, "ein Staatsstreich überhaupt nur von der preußisch-deutschen Generalität durchgeführt werden konnte, also von jener Führungsgruppe, mit der man es schon im Ersten Weltkrieg zu tun hatte und deren vollständige Entmachtung ein, wenn nicht das Hauptkriegsziel war".
Auch einem Mann wie Adam von Trott zu Solz, der als ehemaliger Oxford-Stipendiat über weitreichende Beziehungen auf der Insel verfügte und als Diplomat im Auswärtigen Amt relativ ungehindert reisen konnte, gelang es nicht, die Vorurteile auszuräumen.
Selbst einige seiner englischen Freunde mochten ihm nicht abnehmen, dass ein deutscher Patriot zugleich Regimegegner sein konnte - und verdächtigten ihn eines miesen Doppelspiels.
Nach dem schnellen Sieg über Polen wollte Hitler alsbald, schon im November 1939, Frankreich angreifen. Der Nachfolger des im Sommer 1938 zurückgetretenen Generalstabschefs Beck, Franz Halder, plante, mit Mitstreitern wie Beck und Goerdeler, den "Führer" festzunehmen, sobald dieser den Angriffsbefehl erteilt hätte. Doch aufgrund einer Bemerkung Hitlers fürchtete Halder, der Diktator sei über die Verschwörung informiert, und blies den Putsch ab.
Auch das am 8. November 1939 fehlgeschlagene Attentat im Münchner Bürgerbräukeller - der mit der KPD sympathisierende Schreiner Georg Elser hatte dort eine Bombe versteckt, doch Hitler verließ das Lokal, bevor der Sprengsatz detonierte - machte die zum Umsturz bereiten Militärs vorsichtig.
Der Abwehr-Offizier Oster informierte derweil die Westmächte fortlaufend durch den mit ihm befreundeten niederländischen Militärattaché Gijsbertus Jacobus Sas über Hitlers Absicht, die westlichen Nachbarn zu überfallen. Aber der Feldzug wurde bis Mai 1940 insgesamt 29-mal verschoben, weshalb Osters Warnungen zunehmend für unglaubwürdig gehalten wurden.
Volk und Wehrmacht gerieten angesichts der Blitzsiege in eine Euphorie, die es der Opposition zusätzlich schwer machte, den Sturz des "Führers" zu betreiben.
Die Stimmung für einen Staatsstreich schlug erst wieder um, als im Juni 1941 der Angriff auf die Sowjetunion bevorstand. Und mit Beginn des Jahres 1942 rückte mehr und mehr die Frage in den Vordergrund, ob ein Nach-Hitler-Deutschland mit Schonung rechnen könne.
Solche Zusagen hielten die Regimegegner für notwendig, um die militärischen Befehlshaber für einen Staatsstreich zu motivieren. Die außenpolitischen Köpfe des Widerstands, neben Trott vor allem der Ex-Botschafter Ulrich von Hassell, meinten, dass trotz der Grausamkeiten und Verbrechen in den unterworfenen Ländern vielleicht noch immer ein "annehmbarer Frieden" möglich sei.
Doch die Zeichen standen schlecht. Winston Churchill, der im Mai 1940 den Appeasement-Premier Chamberlain abgelöst hatte, gab die Parole aus, auf alle Friedensangebote aus Deutschland mit "absolutem Schweigen" zu reagieren.
Im September 1941 riet er seinem Außenminister Anthony Eden sogar ab, Nachrichten von neutralen Mittelsmännern entgegenzunehmen. So misslangen auch Versuche der Pastoren Dietrich Bonhoeffer und Hans Schönfeld, über den Bischof von Chichester, George Bell, den sie im Mai 1942 in Stockholm trafen, Friedensfühler nach London auszustrecken.
Eden schrieb dem Bischof, er wolle nicht an der Aufrichtigkeit der beiden Deutschen zweifeln. Er sei jedoch zu der Erkenntnis gekommen, dass eine Antwort "nicht im nationalen Interesse" Großbritanniens liege.
Am 8. Mai 1942 machte Eden unmissverständlich klar, dass man Taten sehen wollte: "Je länger das deutsche Volk die Unterstützung und Tolerierung eines Regimes fortsetzt, das es in die Zerstörung führt, desto schwerer wiegt seine eigene Verantwortung für den der Welt zugefügten Schaden. Wenn irgendeine Gruppe im deutschen Volk wirklich zu einem Staatswesen zurückkehren möchte, das auf der Achtung vor dem Gesetz und den Rechten des Einzelnen gegründet ist, dann muss sie verstehen, dass niemand ihr glauben wird, bis sie aktive Schritte unternommen hat, um sich vom derzeitigen Regime zu befreien."
Diskreditiert in den Augen der Engländer waren vor allem die deutschen Generäle. Zu oft und zu vage hatten ihre Sendboten Versprechungen gemacht. "Aus britischer Sicht", so der Historiker Kettenacker, "war auf diese Herren kein Verlass. Was immer sie über Hitler bei Feierabend sagen mochten, tagsüber führten sie getreu seine Befehle aus."
Als Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Januar 1943 in Casablanca die "bedingungslose Kapitulation" des Deutschen Reichs zum Kriegsziel erklärten, war jede Aussicht auf einen Kompromissfrieden zunichte geworden. Die
Niederlage von Stalingrad zeichnete sich ab, Gerüchte von einem bevorstehenden Putsch von Teilen der Wehrmacht kursierten im Foreign Office - da sollte eine deutsche Nachfolge-Regierung, wer immer sie repräsentieren würde, keine Chance haben, die Alliierten gegeneinander auszuspielen.
Die deutsche Opposition hatte ohnehin kein gemeinsames Konzept, wie es nach einem Sturz Hitlers weitergehen sollte. Trotz aller Querverbindungen bestand der Widerstand, wie Fest beschreibt, aus einer "Ansammlung höchst ungleichartiger, nach Herkunft, Denkweise, politischer Richtung und Methode vielfach voneinander geschiedener Einzelfiguren" - Konservative, Nationalliberale, Christen und Sozialisten, Adelige und Angehörige des Bürgertums.
Manche wollten die Monarchie wiederherstellen oder strebten ein autoritäres Präsidialsystem an, manchen schwebte eine supranationale europäische Staatengemeinschaft vor.
Verächtlich sprach etwa Helmuth James Graf von Moltke, der Kopf des aus Militärs, Kirchenleuten und Sozialdemokraten bestehenden "Kreisauer Kreises", vom "Goerdeler-Mist" und riet Regimegegnern davon ab, sich mit solchen "reaktionären Exzellenzen" einzulassen.
Differenzen gab es auch über die Zulässigkeit des Tyrannenmords. Die einen lehnten ihn aus christlich-ethischer Überzeugung ab, andere sahen darin die Voraussetzung, die Militärs von dem Treueid zu erlösen, den diese auf Hitler persönlich geschworen hatten.
Zwar unternahmen Offiziere der Wehrmacht mehrere Attentatsversuche, aber sie scheiterten alle an unvorhersehbaren Zufällen:
* Bei einem Frontbesuch Hitlers in Smolensk am 13. März 1943 schmuggelten Vertraute des NS-Gegners Oberst Henning von Tresckow eine Bombe in das Flugzeug des Diktators. Sie explodierte jedoch aus ungeklärten Gründen nicht.
* Bei einer Ausstellung im Berliner Zeughaus wollte sich am 21. März 1943 der Oberst Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff mit Hitler in die Luft sprengen. Der auf zehn Minuten eingestellte Zeitzünder war schon aktiviert, aber Hitler verließ das Gebäude bereits nach zwei Minuten.
* Am 11. März 1944 wollte der Rittmeister Eberhard von Breitenbuch, Ordonnanzoffizier bei Generalfeldmarschall Ernst Busch, Hitler bei einer Lagebesprechung auf dem "Berghof" erschießen. Doch Breitenbuch, der den entsicherten Browning in der Hosentasche trug, wurde am Eingang abgewiesen - anders als sonst wurden diesmal Ordonnanzoffiziere nicht zugelassen.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der über Hitlers Siege in Polen und Frankreich noch geschwärmt hatte ("Welche Veränderung in welcher Zeit"), empörte sich Anfang 1942 über ein SS-Massaker an Juden in der Ukraine: "Findet sich da drüben im Führerhauptquartier kein Offizier, der das Schwein mit der Pistole umlegt?"
Nachdem Stauffenberg 1943 bei einem Tieffliegerangriff in Nordafrika schwer verwundet worden war, sagte er zu seiner Frau noch auf dem Krankenbett: "Weißt du, ich habe das Gefühl, dass ich jetzt etwas tun muss, um das Reich zu retten."
Er wurde nun, als Chef des Stabs im Allgemeinen Heeresamt in Berlin, die treibende Kraft des Widerstands. Aber auch er täuschte sich über die Lage Deutschlands, als er sich am 25. Mai 1944 mit Goerdeler, der als künftiger Reichskanzler vorgesehen war, auf elf Forderungen verständigte, die den Westmächten bei Verhandlungen präsentiert werden sollten. Unter anderem wollten sie die "Reichsgrenze von 1918 im Osten, Erhaltung Österreichs und der Sudeten beim Reich, Autonomie Elsass-Lothringens, Gewinnung Tirols bis Bozen, Meran".
Dass Engländer und Amerikaner zu solchen Gesprächen weniger denn je bereit waren, ignorierten Goerdeler und Stauffenberg. Nach der Landung der Alliierten Anfang Juni 1944 in der Normandie und dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront Ende Juli 1944 gab es nichts mehr zu verhandeln.
Offen blieb nur, ob man angesichts der unvermeidlichen Niederlage auch ohne politische Erfolgsaussichten den Umsturzversuch weiter betreiben sollte. Auf eine entsprechende Frage Stauffenbergs antwortete Tresckow: "Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat."
Stauffenberg und seine Mitverschwörer haben ihn am 20. Juli 1944 riskiert und mit dem Leben bezahlt. Churchill höhnte über die Attentäter: "Die höchsten Persönlichkeiten im Deutschen Reich morden einander oder versuchen dieses."
Hätte das Attentat Erfolg gehabt, wäre auch einer Regierung aus NS-Gegnern die bedingungslose Kapitulation nicht erspart geblieben. Aber wahrscheinlich wäre mit dem Tod Hitlers der Kampf an allen Fronten rasch zu Ende gegangen. Ohne den "Führer" und den ihn umgebenden Mythos hätten die Deutschen kaum bis zum bitteren Ende gekämpft.
Es hätte viele Tote weniger gegeben. Über 4 Millionen Deutsche (fast doppelt so viele wie in den knapp fünf Kriegsjahren seit September 1939), rund 1,5 Millionen Rotarmisten sowie mehr als 100 000 Amerikaner und Briten starben in der Zeit zwischen dem Attentat und der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945.
Gegen 90 Beteiligte des gescheiterten Umsturzversuchs wurden Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt - meist binnen 48 Stunden. Carl Friedrich Goerdeler, verurteilt am 10. September 1944, durfte zunächst am Leben bleiben.
Denn nun, kurz vor dem Untergang, suchte SS-Chef Heinrich Himmler angeblich in letzter Minute durch Goerdelers Kontakte mit den Briten ins Gespräch zu kommen. Der Häftling, so sagte dessen damaliger Bewacher aus, sollte eine Verbindung zu Churchill anbahnen. Aber Goerdeler war dazu nur bereit, wenn ihn Himmler nach Schweden hätte reisen lassen.
Das erschien Himmler dann doch zu riskant. Am 2. Februar 1945 wurde auch Goerdeler in Berlin-Plötzensee hingerichtet. NORBERT F. PÖTZL
* Joachim Fest: "Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli". Siedler Verlag, Berlin; 416 Seiten; 19,90 Euro. * Oben links: beim Empfang auf dem Münchner Flughafen im September 1938; rechts: bei der Konferenz in Casablanca im Januar 1943; unten: mit Hitler auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, 1943. ** Gerd R. Ueberschär: "Für ein anderes Deutschland. Der deutsche Widerstand gegen den NS-Staat 1933-1945". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 400 Seiten; 29,90 Euro. * Oben: Beim "Heldengedenktag" am 21. März 1943 in Berlin, wo ein Sprengstoffanschlag scheiterte. Unten links: Reichsmarschall Hermann Göring (3. v. r.) und "Parteikanzlei-Chef" Martin Bormann (l.) bei der Besichtigung der verwüsteten Karten-Baracke; Mitte: mit Hitler am 15. Juli 1944 in der Wolfschanze. * Vor dem "Volksgerichtshof", 1944.
Von Norbert F. Pötzl

SPIEGEL SPECIAL 2/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 2/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter