30.03.2005

Gegenwelt im Wald

Im besetzten Weißrussland versuchen die Nazis, eine Musterkolonie aufzubauen. Doch Inkompetenz, Ausbeutung und Massenmorde der SS lassen eine gewaltige Partisanenbewegung entstehen.
Das Angebot an weißrussische Jugendliche zur Mitarbeit soll verführerisch wirken. Auf einem Plakat des "Bundes der weißrussischen Jugend" (russisch: SBM) in Minsk verspricht ein uniformierter Fahnenträger eine "leuchtende Zukunft unter heimischem Banner". Unter dem Symbol von Schwert, Spaten und Doppelkreuz lockt der Verband - bis 1944 gehörten ihm insgesamt mehr als 12 600 Jungen und Mädchen von 10 bis 20 Jahren an. Der SBM lädt zu Vorlesungen über weißrussische Geschichte und Kultur, zum Singen von Volksliedern und zur paramilitärischen Ausbildung.
Wer fleißig mitarbeitet, kann als Auszeichnung eine Reise durch deutsche Städte gewinnen. Bei Schulungen auf der SBM-"Landesführerschule" entwerfen deutsche und weißrussische Referenten dem Jungvolk im Osten vage Umrisse eines "neuen Europa".
Im Juli 1941 erobert die deutsche Wehrmacht in Kesselschlachten die Sowjetrepublik Weißrussland und zerstört dabei die meisten Städte, vor allem aber Minsk. Als Chef einer Zivilverwaltung im "Generalkommissariat Weißruthenien", wie die Deutschen das Gebiet nun nennen, ernennt Hitler zum 1. September 1941 den früheren NSDAP-Gauleiter Wilhelm Kube. Die neuen Untertanen sind für diesen "Weißruthenen, nicht Russen". Er umschmeichelt die Weißrussen als "gesundes Bauernvolk" und verheißt ihnen eine "Auferstehung des weißruthenischen Volksbewusstseins".
Doch hinter dem dünnen, durchsichtigen Schleier der Nazi-Propaganda tobt im Land ein beispielloser Terror der Besatzer vor allem gegen Juden und vermeintliche Partisanen. Die Einsatzgruppen B und A erschießen ab Juli 1941 Zehntausende von Juden bei "Sonderaktionen". Bis Jahresende werden ebenfalls mehrere zehntausend ehemalige Sowjetsoldaten als potentielle Partisanen von Wehrmachteinheiten ermordet. Das Polizeibataillon 316 bringt bei Mogiljow sogar Frauen und Kinder um.
Bald zeigen sich deutsche Helfer beim vermeintlichen Aufbau Ost frustriert und verunsichert. Viele der Zugereisten, so urteilt 1944 ein Beamter nach zweieinhalbjähriger Tätigkeit, hätten vor allem Sinn für "zwei große W - Weiber und Wodka". Hinzu kommt, dass dem Personal deutscher Dienststellen in aller Regel jegliche Sprach- und Landeskenntnisse fehlen. Zu den inkompetenten "Ostnieten" gesellen sich gescheiterte Existenzen und Abenteurer.
Ein Reichsrevisor kommt 1944 zu dem Schluss, ein Großteil der in Weißrussland verwendeten Beamten habe die Stellung nur genutzt, um sich zu bereichern. Deutsche Kolonialbeamte legen sich geräumige Dienstwohnungen zu und kommandieren Bedienstete wie Leibeigene. Währenddessen holen Landwirtschaftsfunktionäre den Kleinbauern vielerorts die letzte Kuh aus dem Stall: Die Besatzer treiben die Dörfler in den Hunger.
Im fernen Berlin schwant Propagandaminister Joseph Goebbels das Desaster der NS-Ostpolitik. Er vermerkt im Februar 1943 in seinem Tagebuch: "Wie sollte sich ein denkender Mensch aus den Ostvölkern für unsere Politik einsetzen können, wenn sie ihm nicht einmal das nackte Dasein lässt?"
Versprengte Rotarmisten bilden die Basis für Partisanentrupps, die Funktionäre der kommunistischen Partei und der Staatssicherheit schon im Sommer 1941 aufbauen. Nach sowjetischen Angaben wächst die Zahl der Partisanen im dicht bewaldeten Weißrussland von 12 000 im August 1941 über 122 600 im November 1943 auf 180 000 Kämpfer im März 1944 an.
Ab Herbst 1942 versetzt der Untergrund den Besatzern vor allem im "Schienenkrieg" schwere Schläge: durch das gezielte Sprengen von Bahngleisen und vor allem Lokomotiven. Der Sieg in Stalingrad 1943 beflügelt auch die Partisanen.
In den Wäldern Weißrusslands entsteht eine Gegenwelt des Widerstands mit Lazaretten, Schulen, Feldküchen und Druckereien. Zur Untergrundarmee gehören auch deutsche Kommunisten wie der gebürtige Kölner Peter Florin. Mit seinen Eltern vor den Nazis nach Moskau emigriert, springt der damals 22-Jährige im Oktober 1943 mit einem Fallschirm über einem Partisanengebiet nördlich von Minsk ab.
Florin will "die Deutschen in der Wehrmachtsuniform zum Nachdenken anregen" und verteilt unter Lebensgefahr konspirativ Flugblätter des "Nationalkomitees Freies Deutschland". Doch die Aufrufe an die Soldaten, den "aussichtslosen Kampf" einzustellen, sich gefangen zu geben und damit ihr "Leben für Deutschland zu erhalten", finden kaum ein Echo.
Umso mehr beeindrucken Florin, später DDR-Vizeaußenminister, die weißrussischen Freischärler. Nie werde er vergessen, erinnert sich der 83-Jährige, wie eine Bäuerin und ihr Sohn ihn nachts heimlich mit Brot und saurer Milch bewirteten, "obwohl sie selbst darbten".
Im März 1943 räumen die Besatzungsbehörden intern ein, in Weißrussland seien "ganze Gebiete völlig außer unserer Macht". Etwa 35 Prozent der Landwirtschaftsbetriebe in der Umgebung von Minsk, so Berichte vom Februar 1943, befänden sich unter Kontrolle der Partisanen.
Es hilft den Besatzern nichts, dass sie 28 Führer des Minsker Untergrunds im Mai 1942 öffentlich hinrichten und 251 erschießen. Es nützt nichts, dass der Sicherheitsdienst der SS von Lockspitzeln Partisanengruppen aufbauen und auffliegen lässt. Es rettet die Okkupanten nicht, dass sie Tausende einheimische Polizisten anwerben und Kollaborateure in "Wehrdörfern" zusammenfassen - ein Modell, dass die Amerikaner zwei Jahrzehnte später im Partisanenkrieg in Südvietnam ebenso erfolglos kopieren.
Die Kämpfer, die von der Besatzungsmacht nur "Banditen" genannt werden und sich selbst als "Volksrächer" bezeichnen, erhalten beständig Zulauf, auch durch Zwangsrekrutierungen. Nicht einmal jene zu Räuberbanden verrohten Partisanentrupps, die bei Bauern Schnaps erpressen, in Dörfern plündern und morden, treiben die Weißrussen in die Arme der Besatzungsmacht.
Auch eine von den Deutschen Ende Dezember 1943 eingesetzte Marionettenregierung unter dem früheren Gymnasialdirektor Radoslaw Ostrowski kann das nicht ändern. Sie bleibt isoliert und machtlos. Für die Partisanenbekämpfung ist nach einer Weisung Hitlers vom August 1942 Reichsführer-SS Heinrich Himmler "allein verantwortlich".
Die SS, darunter die aus Kriminellen rekrutierte Einheit des SS-Sturmbannführers Oskar Dirlewanger, sieht sich im Kampf gegen "Untermenschen" und geht ab Juni 1942 wahllos zum Massenmord an weißrussischen Zivilisten über. Unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung ermorden SS-Einheiten die Bevölkerung ganzer Dörfer. Die Mörder in Uniform erschießen oder verbrennen Frauen, Kinder und Greise bei lebendigem Leib in Scheunen und Häusern.
Der nationalsozialistische Bildungsträumer Kube, der mit einem "lebensbejahenden Geist kultureller Aufbauarbeit" die Weißrussen zu Verbündeten Hitler-Deutschlands machen möchte, kritisiert das wahllose Morden. In einem internen Bericht vom August 1943 klagt er, Dirlewanger führe mit den "Methoden des 30jährigen Krieges" einen "rücksichtslosen Vernichtungsfeldzug gegen die Zivilbevölkerung".
Zur Zivilbevölkerung rechnet er die weißrussischen Juden aber nicht - gegen deren Ermordung hat der kulturbeflissene Altnazi Kube nichts einzuwenden. Skrupel äußert er lediglich, als die SS auch jüdische Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs aus Deutschland erschießen will.
Angesichts des Terrors der Besatzer fällt es den Partisanen immer leichter, selbst bisherige Kollaborateure auf ihre Seite zu ziehen, der Boden brennt den Deutschen unter den Füßen. Kube ahnt nicht, dass auch seine Haushaltshilfe, Jelena Masanik, eine Genossin der Partisanen ist. Am 22. September 1943 legt sie dem Generalkommissar, der kurz zuvor noch vor "lichtscheuen Stalinbanditen" gewarnt hatte, eine Haftmine unters Bett, die ihn tötet. Ein Dreivierteljahr später, im Juli 1944, nehmen Partisaneneinheiten zusammen mit Einheiten der Sowjetarmee Minsk ein.
Den Anschlag auf Kube hat die Führung des sowjetischen Geheimdiensts NKWD monatelang geplant. Den Auftrag dazu erteilt der Dienst dem deutschen Kommunisten Karl Kleinjung, der per Fallschirm bei Minsk abgesetzt wird. Kleinjung, geboren 1912 in Remscheid, mit 19 Jahren KPD-Mitglied, war 1933 aus Deutschland geflüchtet und hatte ab 1941 bei Moskau eine Partisanenschule absolviert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Kleinjung seinem geheimdienstlichen Handwerk treu. In der DDR avancierte er zum Stasi-Generalleutnant und Chef der Hauptabteilung I (Militärabwehr). Noch bei Kleinjungs Beerdigung im März 2003 in Berlin rühmte ein Kampfgefährte die Verdienste des Altkommunisten bei der "Ausschaltung des Generalkommissars Wilhelm Kube". UWE KLUSSMANN
Von Uwe Klussmann

SPIEGEL SPECIAL 2/2005
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