07.04.2005

Tod eines Bankiers

Unter einer Themsebrücke starb 1982 Roberto Calvi, „der Bankier Gottes“. Nun will ein römisches Gericht einen der mysteriösesten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts endlich aufklären. In den Skandal ist auch der Vatikan verwickelt.
Ein Motorboot huscht über das dunkle Wasser der Themse. Leer und verlassen liegt die Black Friars Bridge, die Brücke der "Schwarzen Mönche", wie die Dominikaner hier genannt werden. Es ist fast zwei Uhr nachts, auch in London lässt der Verkehr um diese Zeit nach. Wie ein Schatten schiebt sich das kleine Boot unter die Brückenpfeiler. An Bord: Roberto Calvi und seine Henker.
Noch ist Calvi nicht tot. Mit einem rotorangenen Tau haben sie ihn gewürgt, bis er bewusstlos wurde, und dann aufs Boot verfrachtet. Mit demselben orangefarbenen Tau binden sie jetzt seinen Hals an ein Baugerüst unter der Brücke. Zwei Männer halten ihn am Bootsrand aufgerichtet, so als ob er stünde, bis der Dritte seiner Peiniger den Motor aufdreht und das Boot anfährt: Mit einem Ruck geht Calvi über Bord, mit einem Ruck schließt sich die Schlinge um seinen Hals. Seine nicht wasserdichte Patek-Philippe-Armbanduhr bleibt um 1.52 Uhr stehen.
Den Körper bis zum Bauch im schmutzig-kalten Themsewasser, die Taschen seines grauen Anzugs ausgebeult von Ziegelsteinen und Zementbrocken, so entdeckt ihn am nächsten Morgen, am 18. Juni 1982, kurz vor acht Uhr, der Londoner Postbeamte Anthony Huntley auf seinem Weg zur Arbeit.
"Selbstmord", befanden Britanniens Behörden nach der Autopsie der Leiche. Keine Giftreste, keine Spuren von Rauschmitteln. Auch keine Kampfspuren oder Würgemale, nur der Abdruck jenes orangefarbenen Taus, an dem sich, so sah es aus, der Bankier Calvi selbst erhängt haben musste - aus Verzweiflung über sein berufliches Desaster.
Als die Tageszeitungen den "Selbstmord" vermeldeten, gab es in Palermo, im Hauptquartier der sizilianischen Mafia, "ein großes Gelächter", enthüllte jetzt nach gut 20 Jahren der frühere Cosa-Nostra-Spitzenmann Antonio Giuffrè. Auf diese Art einen Mord als Selbstmord zu tarnen, sei damals eine beliebte und erfolgreiche Mafia-Technik gewesen.
Nach zwei Jahrzehnten ist auch die Gerichtsmedizin einen wichtigen Schritt weiter und kann belegen: Calvi kann sich nicht selbst erhängt haben. Der beleibte, unsportliche Bankier hätte kaum je das Baugerüst unter der Brücke erreichen können, zumindest aber hätte er Spuren der Rostfarbe an den Händen und am Anzug haben müssen. Die gab es aber nicht. Minutiös rekonstruierten Gutachter-Teams - dabei ein Deutscher, der Rechtsmedizin-Professor Bernd Brinkmann - die letzten Minuten in Calvis Leben. Die etwa fünf Kilogramm Ziegel- und Betonbrocken in seinen Jackentaschen, so fanden die Wissenschaftler heraus, waren auf einer Baustelle aufgeklaubt worden, von der Calvi, hätte er sie denn betreten, spurenübersät gewesen wäre. Das war er aber nicht. Nicht einmal an den Fingern fanden sich Bauschuttspuren. Auch das orangefarbene Tau, bewiesen die Experten, hatte Calvis Hände nie berührt. Stattdessen war es, das verrieten schwache Druckspuren unter dem Mikroskop, dem Opfer zweimal um den Hals gelegt worden.
Für die römischen Staatsanwälte Maria Monteleone und Luca Tescaroli lassen die Gutachten keinen Zweifel mehr, dass Calvi erhängt wurde. 160 000 Seiten Beweismaterial haben sie zusammengetragen. Neue Zeugen haben sie gefunden, vor allem Mafia-Bosse, die mit der Justiz kooperieren, und nun sagen, was sie über den Calvi-Mord wissen. Nun soll ein römisches Gericht das Dunkel endlich lichten.
Auch Scotland Yard hat seine längst archivierten Ermittlungen wieder aufgenommen. Manchem scheint das allerdings gar nicht zu schmecken. Als Scotland-Yard-Officer Paul Bernard Matthew im April 2004 zweimal nach Rom zum Faktenaustausch flog, wurde ihm beim ersten Besuch sein Laptop aus dem Hotelzimmer gestohlen. Als das Gerät später bei einem Hehler aufgespürt wurde, war die Festplatte mit den Daten zum Fall Calvi komplett gelöscht. Beim zweiten Trip, eine Woche später, nahmen Profi-Diebe Matthew die Aktentasche schon am römischen Hauptbahnhof ab.
In den Fall Calvi sind Bankiers und Politiker, Kirchenmänner und Industrielle verstrickt. Die Beziehungen und Kontakte des Geldmannes reichten bis hin zu Italiens heutigem Regierungschef Silvio Berlusconi und in den Vatikan. Calvi war nicht irgendein Banker. Sein Geldinstitut Banco Ambrosiano wusch Drogengelder des kolumbianischen Medellín-Kartells, sponserte Politiker und finanzierte illegale Aktivitäten der Kirchenzentrale, etwa zur Unterstützung der polnischen Solidarnosc-Bewegung. Calvi war, wie Italiens Premier Berlusconi, Mitglied der rechtsradikalen Geheimloge "Propaganda 2" (P2), und er machte zur gleichen Zeit Geschäfte mit dem heutigen Regierungschef und der sizilianischen Cosa Nostra.
Er musste sterben, so Staatsanwalt Tescaroli,
* weil er Mafia-Gelder veruntreut oder verspekuliert hatte;
* damit auch nach dem drohenden Zusammenbruch des Banco Ambrosiano seine Kunden und Geschäftspartner ungefährdet blieben und ihre profitablen Geschäfte weiterlaufen konnten;
* um zu verhindern, dass Calvi seine Drohung wahr machte, führende Politiker und hohe Vatikan-Würdenträger zu erpressen.
Die mutmaßlichen Mörder Calvis sind für die Justiz jedoch nicht greifbar: Zwei der drei dringend Tatverdächtigen sind tot. Mafia-Killer Sergio Vaccari wurde drei Monate nach dem Calvi-Mord in seiner Londoner Wohnung mit eingeschlagenem Schädel und zerstochenem Körper aufgefunden. Seinen Kumpel und mutmaßlichen Mittäter, Vincenzo Casillo, zerfetzte bald darauf in Rom eine Autobombe.
Nur der, möglicherweise, dritte Mann im Boot lebt noch. Er hat seine Ex-Kumpane preisgegeben, beteuert selbst seine Unschuld und kollaboriert mit den Antimafiaeinheiten des italienischen Sicherheitsapparats. Im Gegenzug wird er von denen wie ein Juwel gehütet - auch vor den Ermittlungen von Staatsanwälten.
Die halten sich deshalb an die Hintermänner. Angeklagt sind der sizilianische Unterweltpate Giuseppe Calò, 73, und sein römischer Partner Ernesto Diotallevi, 61, sowie der sardische Geschäftsmann Flavio Carboni, 73, und dessen damalige Mätresse Manuela Kleinszig, zur Tatzeit 21. Sie sollen gemeinsam den Mord organisiert, das Opfer in die Falle gelockt, die Killer engagiert haben. Alle Angeklagten bestreiten die Vorwürfe.
Von besonderem Interesse ist Flavio Carboni. Der war über Jahrzehnte ein schillernder Repräsentant der italienischen Business- und Glamour-Welt mit guten Beziehungen zur Politik und Kontakten zur Mafia.
In den siebziger Jahren kreuzten sich Carbonis Wege mit denen des Bankiers Roberto Calvi. 1947 hatte er beim kleinen, feinen, privaten Mailänder Geldinstitut Banco Ambrosiano seine Karriere begonnen. Eine Bank mit hohem moralischen Anspruch: Nur geprüfte Katholiken, mit bestem Leumund beim Pfarrer, waren hier willkommen. Alles war gediegen, penibel - bis Calvi 1971 zum Generaldirektor aufstieg und das betuliche Institut von Grund auf umkrempelte.
Er gründete eine Tochtergesellschaft in Luxemburg, die legte sich Dependancen in Zürich, auf den Bahamas und in weiteren Finanzparadiesen und Steueroasen zu. Riesige Geldmengen unklarer Herkunft strömten in die Bank. Ende 1981 war Ambrosiano die größte Privatbank Italiens.
Als ausgesprochen fruchtbar erwies sich vor allem die Partnerschaft Calvis zu einem gewissen Michele Sindona. Der - Anwalt, Steuerberater und Eigentümer der Banca Privata Italiana in Mailand, der Finabank in Genf und der amerikanischen Franklin-Bank - hatte beste Kontakte zum Vatikan, insbesondere zu Erzbischof Paul Casimir Marcinkus. Der aus den USA stammende, hünenhafte Kirchenmann organisierte die Reisen des Papstes und begleitete ihn oft als eine Art Bodyguard. Vor allem aber diente er dem Heiligen Vater als Chef des IOR, des "Instituts für die religiösen Werke", der vatikaneigenen Bank.
Die hatte in jenen Jahren heikle Aufträge zu erledigen. Papst Paul VI., das damalige Katholikenoberhaupt, wollte nur ungern die 20 Prozent Quellensteuer zahlen, die der römische Fiskus von den Einnahmen des kirchlichen Wirtschaftsimperiums in Italien abforderte. Er gab Order, die Italien-Anlagen aufzulösen und in andere Länder zu transferieren. Weil das gegen das italienische Devisenrecht verstieß, wurde Sindona eingeschaltet. Der machte aus Lire Dollar und Schweizer Franken, legte IOR-Kirchengelder hochspekulativ in den USA an. Und er verschaffte Erzbischof Marcinkus Millionen, so behauptete später ein Sindona-Vertrauter, "als Provision". Marcinkus war nie bereit, sich zu äußern.
Sindonas zweiter Großkunde neben dem Vatikan war ebenso katholisch, aber weniger gut beleumundet: Die sizilianische Cosa Nostra wusch Teile ihrer Einnahmen aus Prostitution, Heroin- und Waffenhandel in seinem Bankennetz.
Am Weihnachtsabend 1969, bei einem festlichen Essen in der römischen Wohnung des Anwalts Umberto Ortolani, beschlossen Sindona und Calvi fortan zusammenzuarbeiten. Mentor der Veranstaltung war Licio Gelli, Großmeister der Geheimloge Propaganda 2. Gelli versprach politische Rückendeckung für riskante Geschäfte jenseits der Rechtsordnung sowie Schutz vor einem Eingreifen der Justiz. Die Bankiers stellten im Gegenzug Geld für Politiker und Parteien in Aussicht.
In Italien lief alles bestens, in den USA dagegen krachte Sindonas fragiles Finanzimperium bald zusammen und er landete dort im Gefängnis. Calvi machte allein weiter, übernahm Sindonas Kunden, in Sizilien wie im Vatikan, und legte immer größere Mengen von Unterweltscheinen und Kirchenpfennigen an.
Die wiederholten, hohen Zuwendungen an die polnische Solidarnosc-Bewegung für ihren Kampf gegen den Kommunismus etwa kamen nach Aussage von Calvis ehemaligem persönlichen Referenten Francesco Pazienza direkt aus dem Vatikan, von Marcinkus. Im Kirchenstaat regierte inzwischen ein Pole: Johannes Paul II.
Aber auch im 0,44-Quadratkilometer umfassenden Katholikenreich waren die Geschäfte des Erzbischofs nicht unumstritten. Vor allem Außenminister Kardinal Agostino Casaroli missbilligte Marcinkus' Finanzgebaren und versuchte vergebens, es zu hintertreiben.
Auch Roberto Rosone, Calvis Vize und Nachfolger, berichtete später, bei einer Vernehmung im August 2002, von den Solidarnosc-Überweisungen - und von noch ganz anderen seltsamen Geschäften. Über den Banco Andino, eine 100-prozentige Ambrosiano-Tochter, sei man sogar an einem Maxi-Kredit für die argentinischen Militärs zur Vorbereitung des Falkland-Krieges beteiligt gewesen. Ob auch diese Geldspritze für die Latino-Diktatoren aus dem Kirchenreich kam, wusste der Zeuge nicht zu sagen, nur ganz generell behauptete er: "Der Vatikan hatte praktisch alles in der Hand."
Aber Calvi machte, wie man heute weiß, mit vielen Partnern Geschäfte. Sein Sohn Carlo erzählte in einem Interview mit der Tageszeitung "la Repubblica" am 13. Oktober 2002 von Geschäften mit dem inzwischen reichsten und mächtigsten Mann Italiens: Die Gelder, mit denen Silvio Berlusconis Fininvest-Imperium aufgebaut wurde, seien zum Teil von Ambrosiano-Konten geflossen, vor allem vom Banco Ambrosiano Bahamas. Und von einem fröhlichen Treffen mit Marcinkus auf den Bahamas habe Roberto Calvi, wie sein Sohn behauptet, im Dezember 1976 eine zukunftsfrohe Botschaft heimgebracht: "Wir werden die TV-Aktivitäten von Silvio Berlusconi finanzieren." Berlusconi hat es stets abgelehnt, sich zur Herkunft der frühen Fininvest-Gelder zu äußern.
Doch trotz des Beistands feinster Adressen - es ruhte kein Segen auf Calvis Geschäften. Seine Bilanzen färbten sich rot, er verspekulierte sich, zweigte womöglich Millionen für den Eigenbedarf oder fürs Alter ab. In dem undurchsichtigen Geflecht seiner Off-Shore-Institute verschwinden Millionen. Seine Kunden, allen voran die Mafia, machen sich Sorgen.
Im März 1981 fällt auch noch Calvis politischer Schutzpatron aus. Im Zuge der italienischen Ermittlungen gegen den in den USA inhaftierten Sindona macht die Polizei eine überraschende Razzia in der Villa des P2-Großmeisters Gelli. Der kann, von Freunden im Sicherheitsapparat gewarnt, zwar noch knapp entwischen und sich nach Südamerika absetzen. Aber das Geheimarchiv der Loge, Mitgliederlisten, Dossiers über die Top-Etage aus Wirtschaft, Politik und Militär fallen der Justiz in die Hände. Es gibt einen Skandal, die Regierung unter Arnaldo Forlani tritt zurück. Und auf der Basis des Logen-Fundes eröffnet die Justiz eine Serie von Gerichtsverfahren. Eines davon trifft Calvi: Im Juli 1981 wird er wegen Bank- und Devisenvergehen zu vier Jahren Haft verurteilt.
Noch einmal kommt er glimpflich davon. Nach einem Selbstmordversuch kann er die Haft gegen Hausarrest tauschen. Im Herbst darf er, dank seiner mächtigen Freunde, an die Spitze des Banco Ambrosiano zurück. Die finanzielle Misere vertuscht ein "Patronatsbrief" von IOR-Chef Erzbischof Marcinkus. Den nimmt die Bankenwelt als Sicherheit für weitere Millionenkredite an den "Bankier Gottes". Aber niemand sieht besser als der, dass das Ende nahe ist, zumindest wirtschaftlich.
Je größer die Löcher in Calvis Bankbilanzen werden, desto deftiger geht er seine Geschäftspartner nun um "fresh money" an, um sein Lebenswerk zu retten. In Briefen an den Vatikan droht er unverhohlen, er werde "auspacken", wenn man ihn hängen lasse. Der Fehlbedarf summiert sich inzwischen auf weit über eine Milliarde Dollar und macht auch andere Calvi-Partner nervös.
Anfang 1982, so die Aussage eines sogenannten pentito, eines Mafioso, der mit der Justiz kooperiert, trifft sich die "Cupola", das oberste Cosa-Nostra-Direktorium, in einem kleinen Dorf bei Mailand und beschließt: Calvi muss weg. Anschließend, so der pentito, habe er selbst gemeinsam mit einem Kumpel zwei Geldkoffer mit insgesamt zehn Milliarden Lire (damals umgerechnet 9,2 Millionen Euro) nach Rom gebracht. Einen, so jedenfalls die nicht überprüfbare Aussage des Mafia-Zeugen, habe ein Notar bekommen, den anderen der Präsident der Vatikanbank IOR, Erzbischof Marcinkus - wofür, warum, wusste das kleine Mafia-Licht natürlich nicht.
Ende April 1982 geht es Calvis Vize Rosone ans Leder. Auf den feuert Danilo Abbruciati, Chef der Mafia-nahen Gangstergruppe "Banda della Magliana", aus einer großkalibrigen Waffe, verletzt ihn, wird dabei aber selbst von einem Wachmann erschossen. Am 9. Juni 1982 empfängt Roberto Calvi den römischen Geschäftsmann Alvaro Giardili, der ihn mit einer vertraulichen Botschaft in Angst und Schrecken versetzt: "Ihre Frau und Kinder schweben in Todesgefahr."
Tags darauf taucht Calvi ab. Er ist längst nicht mehr der Herr seiner Handlungen, sondern getrieben von der Furcht vor seinen Gläubigern und einer vagen Hoffnung, das Ruder noch einmal herumreißen zu können. Flavio Carboni, sein langjähriger Geschäftsfreund, organisiert - nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft - seine fluchtartige Abreise nach Triest. Zuvor hatte der Geschäftsmann von einem Prälaten aus dem Vatikan "den Rat" bekommen, Calvi aus Italien wegzuschaffen.
Carbonis Sekretär Pellicani begleitet Calvi nach Triest, dort werden sie vom Zigarettenschmuggler Silvano Vittor erwartet, einem guten Bekannten Carbonis. Vittor ist der Freund von Michaela Kleinszig, der Schwester von Carbonis Geliebter Manuela. Ernesto Diotallevi, ein römischer Bekannter mit Unterweltkontakten, so die Staatsanwaltschaft, besorgt einen gefälschten Pass auf den Namen "Gian Roberto Calvini". Am Abend kommt ein enger Freund Vittors dazu, Eligio Paoli, auch er Schmuggler. Er ist heute einer der wichtigsten Zeugen der Justiz für die letzten Tage im Leben Calvis.
Der Bankier sei vor allem deshalb geflohen, erzählt Paoli zum Beispiel, weil einer seiner Angestellten, Sohn eines Direktors der Vatikanbank IOR, ihm einen gefälschten Haftbefehl gezeigt habe, angeblich, um ihn zu warnen, tatsächlich, um ihn zu erschrecken. "Alle wollten, dass Calvi aus Italien verschwindet", so der Zeuge Paoli, weil er "zur Gefahr geworden" war - für den Vatikan, die Mafia und andere Geschäftspartner.
Vittor bringt Calvi, am Samstag, den 12. Juni 1982, nach Klagenfurt, ins Elternhaus der Kleinszig-Schwestern. Tags darauf geht es weiter nach Innsbruck, von dort mit einem Privatjet nach London. Am 15. Juni ziehen Calvi, der größte Privatbankier Italiens, und Vittor, der Schmuggler, gemeinsam in die schäbige Absteige Nr. 881 des Apartmenthotels "Chelsea Cloister" - eine Demütigung für den Luxus gewohnten Geldmann.
Calvi ist außer sich über "diese Absteige", die Carboni für ihn gebucht hat. Seit Tagen redet er nur davon, etwa am Telefon mit seiner Frau, dass er jetzt alles mit einer "höchst wichtigen Operation" richten, oder alles zerschlagen werde: "Nach mir die Sintflut." Die Parteien und vor allem der Vatikan stehen im Zentrum von Calvis Ausbrüchen. "Wenn ich auspacke", hatte er schon vorher seiner Tochter Anna gesagt, "dann werden die Priester den Petersdom verkaufen müssen." Kein Stein im Vatikan werde dann mehr auf dem anderen bleiben.
Es kommt anders. Am 17. Juni, Bankier Calvi ist seit Tagen unauffindbar, wird der Handel mit Ambrosiano-Aktien ausgesetzt. Die Behörden verhaften Calvis Vize Rosone, durchsuchen Büros. Seine Sekretärin, in panischer Angst, ins Gefängnis zu müssen, bringt sich um.
Calvis Freund Carboni und dessen Manuela sind inzwischen auch in London, freilich standesgemäß im Hilton-Hotel, Zimmer 2307. Gegen 17 Uhr - in Mailand endet gerade die Verwaltungsratssitzung des Banco Ambrosiano mit der völligen Entmachtung Calvis - ruft Carboni bei Calvi an, er habe ein besseres Hotel gefunden und werde ihn abholen. Kurz vor 23 Uhr, sagt Vittor, habe er Calvi verlassen. Der habe in seinem Zimmer schlecht gelaunt auf Carboni gewartet.
Ein paar Minuten später holen zwei Italienisch sprechende Männer Calvi ab. Am Hinterausgang des Hotels wartet eine dunkle Limousine.
Knapp zwei Jahre später überweist das vatikanische IOR als "freiwillige Leistung" 240 Millionen Dollar an die Ambrosiano-Bank, um deren zornige Gläubiger zu beruhigen, die sich von Marcinkus' "Patronatsbrief" geprellt fühlen. Ein Haftbefehl der römischen Staatsanwaltschaft gegen Bischof Marcinkus wird nie vollzogen, der Vatikan schickt seinen Finanzmann in die Wüste nach Arizona. Michele Sindona, Calvis Partner, wird am 20. März 1986 in seiner Gefängniszelle vergiftet aufgefunden. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

SPIEGEL SPECIAL 3/2005
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