07.04.2005

Historische Rolle für Europa

Ohne den Staatsmann Karol Wojtyla wäre die Freiheitsrevolution der Jahre 1989 und 1990 wohl nicht so unblutig verlaufen. Mit seiner Ostpolitik und seiner moralischen Autorität hat Johannes Paul II. die Wende maßgeblich mit verursacht. / Von Hans-Dietrich Genscher
Wenn an die großen Veränderungen in Europa und in Deutschland der Jahre 1989 und 1990 erinnert wird, dann darf unter den Persönlichkeiten, deren besondere Verdienste in diesem Zusammenhang gewürdigt werden, ein Name nicht fehlen: der von Karol Wojtyla aus Polen, also des Mannes, der als Johannes Paul II. mehr als 26 Jahre als Oberhaupt der katholischen Kirche amtiert hat.
Johannes Paul II. war der letzte noch im Amt befindliche Akteur der großen geschichtlichen Umwälzungen, die das Ende des 20. Jahrhunderts kennzeichnen. Mit seinem Eintreten für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen und Religionen hat er sehr viel klarer als die meisten, die sich an der Globalisierungsdiskussion beteiligen, die geistige Dimension dieser
Revolution erkannt, die wir mit dem Stichwort Globalisierung beschreiben und die eben mehr ist als nur ein ökonomischer Vorgang.
Es steht mir nicht zu, über seine Wirkungen in und für die katholische Kirche zu sprechen und zu urteilen. Ganz gewiss wüsste ich als evangelischer Christ und als Liberaler dazu Anmerkungen zu machen. Dieser Papst aber hat in seinem Amt eine Wirkung entfaltet, die weit über die katholische Kirche hinausgeht. Er zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Dass wir in vielen Fragen weit voneinander entfernt waren, haben wir schon bei unserer ersten Begegnung im Vatikan am 16. April 1982 festgestellt. Es sei nicht zu erwarten, dass das aus Polen stammende Oberhaupt der katholischen Kirche und der protestantische Liberale aus der Heimat Luthers in allen kirchlichen und gesellschaftspolitischen Fragen zur Übereinstimmung kommen können. So hatte ich bei unserer ersten Begegnung das Gespräch eröffnet. Der Papst nahm das freundlich nickend und sichtlich erheitert zur Kenntnis.
Damit war aber auch der Weg frei, unbefangen über die Fragen zu sprechen, die für das Oberhaupt der katholischen Kirche und den deutschen Außenminister gleichermaßen wichtig waren. Bei einer späteren Begegnung erinnerten wir uns unseres ersten Gesprächs und kamen zu dem Ergebnis, dass wir uns wohl auch deshalb so gut verstünden, weil wir im Westen die beiden Einzigen seien, die eine große öffentliche und auch politische Verantwortung tragen und die ihre Erfahrungen, wenn auch unter ganz unterschiedlichen Bedingungen, mit der braunen Diktatur und mit der "Heilslehre" des Sozialismus gemacht haben.
Als Johannes Paul II. am 16. Oktober 1978 zum Papst gewählt wurde, war das ein wichtiger Hinweis für ein neues Denken in der katholischen Kirche. Ein nichtitalienischer Papst war für sich genommen schon höchster Beachtung sicher. Die Kommentare damals widmeten sich vor allem diesem Aspekt der bemerkenswerten Entscheidung. Aber die eigentliche Bedeutung lag in der Wahl eines Papstes aus Polen, also eines Mannes aus dem sowjetischen Machtbereich, der, wie sich zeigte, als Oberhaupt der katholischen Christenheit niemals seine polnische Herkunft und die Lage seines Volkes vergaß.
Die Wahl Karol Wojtylas sollte in der Tat tiefgreifende Wirkungen zeigen. Diese Wahl macht aber auch die Verknüpfung des deutschen und des polnischen Schicksals bewusst. Hatten schon beim Hambacher Fest 1832 die Teilnehmer die deutsche und die polnische Freiheit miteinander verknüpft, so brachte es Bronislaw Geremek, der langjährige außenpolitische Berater Lech Walesas und spätere Außenminister Polens, am Morgen des 10. November 1989 auf den Punkt, als er mir wenige Stunden nach der Öffnung der Mauer in Berlin in Warschau sagte: "Der Fall der Mauer, das bedeutet die Einheit Deutschlands. Deshalb ist dieser Tag auch ein großer Tag für Polen, denn wenn Deutschland vereint sein wird, dann wird Polen Nachbar sein der Nato und der Europäischen Gemeinschaft." Heute ist Polen Mitglied der Nato und der EU.
Mit der Wahl Johannes Paul II. wurde ein Zeichen gesetzt. Die Bedeutung der katholischen Kirche für das polnische Volk wurde wiederum sichtbar. Ihre besondere Stellung galt insbesondere in der Zeit nach 1939. Aber vorher schon, während der früheren polnischen Teilungen, bedeutete sie nationale Identifikation für alle Polen.
Orthodoxie im Osten und das protestantische Preußen im Westen - das gab hier der katholischen Kirche ein anderes Gewicht als etwa in Tschechien, wo die Gegenreformation mit dem Hause Habsburg verbunden wurde und wo Jan Hus unvergessen bleibt. Und wieder anders war die Lage in Ungarn, in einem Land, wo die katholische und die evangelische Kirche nebeneinander bestehen. Natürlich spielte nach dem Zweiten Weltkrieg auch die persönliche Autorität von Kardi-
nal Stefan Wyszyn ski und später auch von Johannes Paul II. eine besondere Rolle. Das gilt vor allem für die enge Verbindung von Solidarnosc und dem tiefgläubigen Lech Walesa mit seiner Kirche.
Der Besuch des Papstes in Polen 1979 glich einem Triumphzug. Dabei gab sich der Papst keineswegs konfrontativ. Ganz im Gegenteil, er legte Wert auf eine Zusammenarbeit zwischen der Kirche und dem Staat, aber eben nicht zu den Bedingungen des Staates.
Der Papst knüpfte bei dem Besuch auch an die vatikanische Ostpolitik an, die vor allem unter seinem Vorvorgänger Paul VI. Gestalt gewonnen hatte, die aber vor allem von dem vatikanischen Außenminister Erzbischof Agostino Casaroli - dem späteren Kardinalstaatssekretär - formuliert und entwickelt wurde. Casaroli hatte auf die Teilnahme des Vatikans an der multilateralen Entspannungspolitik gesetzt und zum Beispiel für eine Unterzeichnung des Atomsperrvertrages durch den Vatikan gesorgt. In besonderer Weise nutzte er den KSZE-Prozess, um sich für eine Verbesserung der Stellung der Kirchen und der Gläubigen im sowjetischen Machtbereich einzusetzen. Der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko war Gast im Vatikan.
Der Papst nutzte seine erste Polen-Reise, um am 4. Juni 1979 in Tschenstochau vor Hunderttausenden Gläubigen Casaroli als einen Mann vorzustellen, "der die Wege nach Polen, die Wege von Rom zum ganzen europäischen Osten kennt" und dieser "großen und schwierigen Aufgabe im Auftrag des Heiligen Stuhles diente und dient". Mehr noch, er berief Casaroli 1979 zum Kardinal und im gleichen Jahr zum Kardinalstaatssekretär. In meinen Gesprächen mit dem Papst erfuhr ich, dass er die maßgeblich von Deutschland gestaltete Entspannungspolitik eindeutig unterstützte. Dabei ließ er es in den prinzipiellen Fragen nie an Festigkeit fehlen.
Im Westen weitgehend unterschätzt wurde der Brief, den der Papst nach Verhängung des Kriegsrechts am 18. Dezember 1981 an den damaligen polnischen Ministerpräsidenten General Wojciech Jaruzelski richtete. Er sprach von den getöteten und verwundeten Landsleuten, er appellierte an Jaruzelski, mit Handlungen aufzuhören, "die das Vergießen polnischen Blutes zur Folge haben".
Wörtlich fuhr er fort: "Im Laufe besonders der letzten zwei Jahrhunderte hat Polen viel Unrecht erlebt, wurde auch viel polnisches Blut vergossen, indem man danach trachtete, die Macht über unser Vaterland auszudehnen." Und an anderer Stelle heißt es: "In dieser geschichtlichen Perspektive darf man nicht weiter polnisches Blut vergießen. Dieses Blut darf nicht auf dem Gewissen von Landsleuten lasten und ihre Hände beflecken. Der allgemein menschliche Wunsch nach Frieden spricht dafür, den Kriegszustand in Polen nicht fortzusetzen. Die Kirche ist Sprecher dieses Wunsches."
Und um keinen Zweifel daran zu lassen, wem er sich verbunden fühlte, heißt es in einem Postskriptum: "Diesen gleichen Appell übersende ich zu Händen von Herrn Lech Walesa, dem Vorsitzenden von Solidarnosc, und auch zu Händen des Primas Erzbischof Josef Glemp für den ganzen Episkopat Polens sowie an Kardinal Franciszek Macharski, den Krakauer Metropoliten. Von der vorliegenden Intervention verständige ich gleichzeitig die Vertreter der Regierungen."
In jenen schwierigen Monaten, in denen ich der einzige Außenminister eines westlichen Staates war, der auf einer großen öffentlichen Kundgebung unter freiem Himmel gegen das Kriegsrecht und für Solidarnosc Stellung nahm, habe ich mich, und das muss in diesem Zusammenhang erlaubt sein zu sagen, mit diesem polnischen Papst in besonderer Weise verbunden gefühlt. Rückblickend kann man sagen, dass die durch den Papst gestärkte und durch seine verantwortungsvolle und klare Haltung auch geschützte Solidarnosc-Bewegung von großer Wirkung auf den gesamten sowjetischen Herrschaftsbereich war.
Zwar konnten wir in den Fragen der Entspannungspolitik vom Beginn der Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel an, vor allem aber bei der Zustimmung zur KSZE-Schlussakte 1975 auf die Übereinstimmung mit der vatikanischen Ostpolitik zählen. Doch gab es vor dem Amtsantritt von Johannes Paul II. auch deutliche Gegensätze. Hier ging es um die Haltung des Vatikans zu spezifisch deutschen Fragen. Eine davon war die Bindung Berlins an den Bund, entsprechend dem Viermächteabkommen für Berlin, und hier insbesondere die Außenvertretung Berlins durch den Bund.
Wichtiger noch war die Frage der Diözesangrenzen. Die DDR versuchte, den Vatikan zu einer Teilung der Diözesen in Deutschland zu bewegen, die durch die deutsch-deutsche Grenze getrennt waren. Das hätte die Anerkennung der deutschen Teilung bedeutet. Für uns war das inakzeptabel. Der DDR-Führung war die Durchsetzung so wichtig, dass sie sogar mit etwas Besonderem lockte, nämlich mit der Möglichkeit, diplomatische Beziehungen zwischen der DDR und dem Vatikan aufzunehmen. Damit hätte ein päpstlicher Nuntius dem Diplomatischen Corps in Ost-Berlin angehört. Man kann davon ausgehen, dass dieses Angebot mit Moskau abgestimmt war. Casaroli dachte zumindest ernsthaft über eine solche Änderung der vatikanischen Deutschlandpolitik nach. Er versprach sich davon eine Verbesserung der Lage der katholischen Kirche in der DDR.
Meine ablehnende Haltung zu einer Neubestimmung der Diözesangrenzen war in der damaligen Koalition nicht unumstritten, mancher in der SPD war bereit, hier den Forderungen der DDR und wohl auch den Neigungen Casarolis entgegenzukommen. Uneingeschränkte Unterstützung fand ich bei meiner eigenen Partei, bei Kanzler Helmut Schmidt, bei der damaligen Opposition aus CDU und CSU sowie bei der Fuldaer Bischofskonferenz und den Bischöfen der DDR.
Diese lehnten es übrigens auch ab, sich als Bischofskonferenz der DDR zu etablieren. Auf Vorschlag des Berliner Kardinals Alfred Bengsch nannten sie sich Berliner Bischofskonferenz, und es konnte zudem sichergestellt werden, dass für ihn Sitz und Stimme in der Fuldaer Bischofskonferenz beibehalten wurden, auch wenn er sich bei deren Zusammenkünften vertreten ließ.
Mit der Wahl von Karol Wojtyla zum Papst beantworteten sich alle diese Fragen von selbst. Es spricht für das menschliche Format Casarolis, dass er mir unmittelbar vor meinem Besuch bei dem neuen Papst eröffnete: "Herr Bundesminister, über die Fragen, über die wir in der Vergangenheit gestritten haben, müssen wir in Zukunft nicht mehr weiter streiten. Bei diesem Papst bekommen immer Sie Recht." So war es denn auch. Der Vatikan stützte nun im deutsch-deutschen Verhältnis voll unsere Rechtspositionen.
Mit dem Auftreten Michail Gorbatschows wurden die Gesten der Annäherung zwischen Moskau und dem Vatikan deutlicher. Johannes Paul II. gab mir in einem Gespräch ausdrücklich Recht, als ich im Februar 1987 in Davos den Westen aufgefordert hatte, Gorbatschow ernst und beim Wort zu nehmen und eine historische Chance nicht zu versäumen.
Am 20. Februar 1988 sang ein Chor der Roten Armee im Vatikan vor dem Papst ein "Ave Maria". Im gleichen Jahr wurde in Moskau auf Veranlassung Gorbatschows die 1000-Jahr-Feier der Christianisierung Russlands und der Ukraine begangen. Gorbatschow zeigte damit, auch das wurde von vielen im Westen unterschätzt, wie tiefgreifend das neue Denken war, für das er eintrat. Unmittelbar vor der für uns Deutsche so wichtigen Gipfelkonferenz auf Malta zwischen US-Präsident Bush und Präsident Gorbatschow im Dezember 1989 traf Gorbatschow im Vatikan mit dem Papst zusammen. Sie sind sich seitdem immer wieder begegnet, sie sprachen gegenseitig voneinander mit größter Hochachtung.
Eine geschichtliche Würdigung der Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 wird das, was damals geschah, als europäische Freiheitsrevolution verstehen. Sie war nicht auf ein einzelnes Land beschränkt. Sie
wurde von den Völkern im sowjetischen Machtbereich bewirkt, sie bedurfte aber auch leuchtender Beispiele herausragender Persönlichkeiten. Hier ist Andrej Sacharow genauso zu nennen wie Lech Walesa und Vacláv Havel. Zu erwähnen sind aber auch die Bürgerrechtsbewegungen in allen sozialistischen Ländern und auch die reformkommunistische Führung in Ungarn. Papst Johannes Paul II. wurde zu einem Hoffnungsträger nicht nur für die katholischen Christen.
Bei der Nutzung der Möglichkeiten der KSZE hat Johannes Paul II. mit der Kraft seiner Persönlichkeit, mit seiner großen moralischen Autorität, mit dem Gewicht des Oberhaupts der katholischen Kirche und mit der besonderen Verbundenheit mit seinem polnischen Heimatland, aber auch mit seinem großen Verständnis für den Wunsch der Deutschen nach Einheit eine historische und unverwechselbare Rolle gespielt für Polen, für Deutschland und für Europa. Auch dieses Verdienst wird die geschichtliche Würdigung dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit bestimmen.
Hinzu kommt, dass Johannes Paul II. mit seiner Hinwendung zum Dialog der Weltreligionen, im Bewusstsein eigener Festigkeit im Glauben, dem Denken in den Kategorien des Zusammenstoßes der Kulturen und der Weltreligionen eine Absage erteilt und sich und seine Kirche am Beginn des 21. Jahrhunderts globaler Verantwortung gestellt hat.
DER AUTOR WAR VON 1974 BIS 1992
AUßENMINISTER DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND UND VIZEKANZLER.
* Neben dem Papst Bundespräsident Richard von Weizsäcker, rechts Außenminister Hans-Dietrich Genscher. * Beim KSZE-Gipfel in Helsinki 1975. * 1981 in Warschau, in der Mitte Lech Walesa. * Mit den Außenministern Alois Mock (Österreich) und Gyula Horn (Ungarn) am 27. Juni 1989.
Von Hans-Dietrich Genscher

SPIEGEL SPECIAL 3/2005
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