26.04.2005

Die Straße

Miteinander, nebeneinander oder gegeneinander? Die Wellritzstraße in Wiesbaden, in der Menschen aus 25 Nationen leben, ist typisch für die Entwicklung zahlreicher Wohnquartiere in Deutschland: ein Mikrokosmos an der Grenze zwischen Ghetto und Schmelztiegel. / Von Bruno Schrep
Nachmittags um 17 Uhr. Im Westend-Café, dem beliebtesten Treffpunkt der Straße, diskutieren ein paar Männer über Fußball, ausnahmsweise auf Deutsch. Ein kleiner, grauhaariger Mann mit stoppeligem Bart steht mittendrin und doch irgendwie abseits. Richtig Deutsch kann er nicht, nur ein paar Brocken, verständlich macht er sich mit lebhaften Bewegungen. Er lächelt freundlich. Vor über 30 Jahren kam der türkische Lebensmittelhändler Ramazan Özdemir aus einem anatolischen Dorf hierher, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Viele Jahre lang führte er gleich um die Ecke ein Lebensmittelgeschäft. Er brachte fremde Gewürze und fremde Gebräuche mit, beim Schlachten von Schafen achtete er streng auf die Vorschriften des Koran.
Jetzt ist er alt und abgearbeitet, den Laden hat er längst zugemacht. Zurück in sein Dorf, wo noch viele Verwandte und zwei seiner Kinder leben, will er jedoch auf keinen Fall. Er breitet die Arme aus, deutet hinaus auf die Straße. "Meine Heimat", versichert er.
Ein paar Häuser weiter. Der deutsche Rentner Ludwig Wondrak, der hier seit fast 50 Jahren lebt, deutet ebenfalls auf die Straße. "Nie hätte ich mir früher vorstellen können, dass es hier einmal so aussieht", gesteht er. Irritiert schaut er auf das bunte Gewimmel, auf die vielen Frauen mit Kopftüchern, auf die dunkelhaarigen Kinder, die Geschäfte mit den ausländischen Namen. "Manchmal fühle ich mich fremd hier", sagt er.
Die Wellritzstraße in Wiesbaden ist 460 Meter lang, benannt nach dem früheren Gemeindewald, erbaut zwischen 1860 und 1900. Klassizistische Fassaden. Enge Hinterhöfe. Über 100 Geschäfte. Zu wenig Parkplätze. Einbahnverkehr.
Nicht ein einziger Baum.
Eine Straße in Deutschland. 100 Jahre Geschichte. 1000 Geschichten. Von Häusern und ihren Bewohnern. Von Weggejagten, Zurückgekehrten und Neuzugezogenen. Von Zerstörung und Wiederaufbau. Von atemberaubendem Wandel.
Bis vor drei Jahrzehnten lebten hier fast nur Deutsche: Arbeiter, kleine Angestellte, Handwerker. Heute ist die Straße ein Zuhause für Menschen aus 25 Ländern: für Türken und Marokkaner, für Afghanen und Kongolesen, für Italiener und Pakistaner, für Polen und Albaner.
"Ein Ghetto", schimpfen Bürger, denen die ganze Entwicklung nicht passt. Sie machen lange Umwege, um hier nicht durchzugehen. "Ein Schmelztiegel", schwärmen andere. Sie gehen lange Umwege, um hier einzukaufen.
Ein Mikrokosmos, stellvertretend für viele ähnliche Straßen in Deutschland. Ein Gradmesser, ob das wirklich funktioniert mit dem Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern, zwischen Christen und Muslimen, zwischen vielen verschiedenen Minderheiten.
Es ist verdammt schwer.
Der Idealzustand, das harmonische Miteinander: eher die Ausnahme. Das Gegeneinander, der Zusammenprall unterschiedlichster Temperamente: seltener, als Skeptiker befürchten. Der Normalfall, ein halbwegs friedliches Nebeneinander: stets brüchig, stets gefährdet.
"Bei uns treffen sich Afghanen, Deutsche, Türken. Da wird geredet, gelacht, gestritten", versichert Erol Erdan, Chef des Westend-Cafés. Der stets modisch gekleidete 34-Jährige gilt als einer der Cleversten der Straße, hat sein Stehcafé schick aufgemotzt, serviert italienische Kaffeespezialitäten wie Latte Macchiato, Cappuccino, Espresso, kocht original türkischen Tee, setzt ganz auf den Multikulti-Effekt.
"Orientalische und deutsche Mentalität, das passt nicht zusammen", erklärt dagegen Rolf Eichert von der deutschen Bäckerei an der Ecke. Der große Mann, die Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, glaubt auch zu wissen, warum nicht: andere Sitten, anderes Temperament, andere Moral. An seinen Stehtischen diskutieren nur Deutsche.
"Wenn du hier als Deutscher in eine ausländische Kneipe gehst, wirst du komisch angeguckt und nicht bedient", behauptet er. Ein Miteinander sei nicht möglich. "Wir leben hier nebeneinanderher."
Ein kurzer Rums, dann langes Hupen. Schimpfen, Türenschlagen. Beim Zusammenstoß zwischen einem weißen Opel und einem roten Smart sind ein paar Kratzer entstanden.
"Nur ein Klacks, vergiss es", winkt die Opelfahrerin ab, eine junge Türkin, die beim Rückwärtsfahren nicht aufgepasst hat. Sie schlägt vor, den Fall durch Austausch der Adressen zu regeln.
"Nein, nein, nein", ruft der Smart-Fahrer, ein älterer Deutscher, "wir brauchen Polizei." Die müsse ein Protokoll aufnehmen, damit die Schuld eindeutig geklärt werde, er zu seinem Recht komme. Man wisse ja nie bei diesen Ausländern.
"Ich hab gleich gesagt, mein Mann soll hier nicht durchfahren", ergänzt die Ehefrau, "das ist hier die wilde Gegend."
Vor 60 Jahren sind in dieser Gegend schlimmere Schäden entstanden.
In der Nacht zum 3. Februar 1945 warfen britische Bombenflugzeuge schwere Sprengbomben, Luftminen und Brandbomben über Wiesbaden ab.
In einem Luftschutzkeller der Straße saß der achtjährige Hans-Peter Schickel aus dem Haus Nummer 47 und klammerte sich angstvoll an seine Mutter. Die hielt ihn fest, prophezeite ständig: "Uns passiert nichts, uns passiert nichts." An die Unerschütterlichkeit, die sie dabei ausstrahlte, erinnert sich der heute 68-Jährige noch immer: "Diese unglaubliche Zuversicht ließ mich durchhalten."
Dem Tod entging er seinerzeit nur knapp: Im wenige Meter entfernten Eckhaus schlug ein Volltreffer ein. Den Älteren in der Straße hat sich ein schauriges Detail ins Gedächtnis gebrannt: Eine Frau wurde vom Luftdruck mit gewaltiger Wucht gegen das Gebäude auf der anderen Straßenseite geschleudert. Der riesige Blutfleck blieb bis zum Kriegsende an der Hauswand.
250 Meter weiter zerfetzte eine Luftmine Gebäude auf beiden Straßenseiten, mehrere Bewohner starben, Dutzende verloren ihre Wohnung. Auch das Haus Nummer 18 wurde weggefegt.
Dort begann die Zerstörung schon vor dem Krieg. Am 9. November 1938 zerschlugen mit Äxten und Schaufeln bewaffnete SA-Männer das bekannte Bekleidungsgeschäft des Textilkaufmanns Julius Rothschild. Der 56-Jährige wurde erst misshandelt, dann von Gestapo-Leuten ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Von dort bekam die Ehefrau zwei Tage vor Weihnachten die Urne mit seiner Asche übersandt, per Nachnahme.
Die Witwe musste wenig später das Haus für einen Spottpreis an einen Bäckermeister verkaufen; sie wurde 1941 nach Polen deportiert. Retten konnte sich Sohn Helmut Rothschild, der damals 19-Jährige brach seine Drogistenlehre ab und flüchtete Ende 1938 nach Afrika.
Inzwischen 86 und fast blind, lebt er heute in einem jüdischen Altersheim bei Johannesburg. Die Straße, in der er aufgewachsen ist, hat er nie vergessen. Über ein Dutzend Mal reiste er nach 1945 nach Wiesbaden. Elisabeth Barneis hat er allerdings nie besucht.
Die heute 92-Jährige, gehbehindert, aber sonst noch rüstig, ist die Tochter jenes Bäckermeisters, der damals das Haus der Rothschilds kaufte. Nach dem Krieg, als vom Gebäude nur noch ein Schutthaufen übrig war, bewährte sich Elisabeth Barneis als Trümmerfrau: Sie organisierte Fahrzeuge, fuhr mit dem Lastwagen aufs Land, beschaffte Baumaterial, schleppte selbst Bretter und Steine für den Wiederaufbau. Im zweiten Stock des Neubaus wohnt sie bis heute, bis 1977 führte sie im Erdgeschoss einen Süßwarenladen.
Und der Name Rothschild, sagt ihr der noch was? Doch ja, sinniert die alte Dame, da sei etwas gewesen. Richtig: "Kurz nach dem Krieg musste ich 5000 Mark Wiedergutmachung zahlen, das war viel Geld damals. Aber mein Anwalt hat mir zugeraten."
Die ersten Italiener kamen Mitte der sechziger Jahre, Gastarbeiter im Wirtschaftswunderland. In der Straße, damals noch durch und durch deutsch, wirkten sie wie exotische Farbtupfer. 1968 wird die erste Pizzeria eröffnet. Die Epoche der Cavaleros, der Raffrenatos und der Ripellinos geht jedoch schnell vorbei; die Pizza-Bäcker müssen bald den Döner-Spezialisten weichen. Inzwischen dominieren längst die Türken.
Sonntagvormittag, 11 Uhr. Die Sonne scheint, lautes Motorengedröhn. Durch die Straße schiebt sich, wie sonntags häufig, langsam ein privater Autokorso. Unorganisiert, zufällig, laut. Chromblitzende Sportflitzer kommen drei-, viermal hintereinander vorbei, Mercedes, Porsche, BMW, aber auch alte Golf, alte Opel Astra sind dabei, die Scheiben heruntergekurbelt. Aus den Lautsprechern wummert orientalischer Pop.
Autos sind in der Straße das Statussymbol Nummer eins. Wer vor seinem Laden einen neuen Mercedes der S-Klasse parken kann wie der smarte Cafébesitzer Erdan, demonstriert allen, dass er es gepackt hat.
Eine Stunde später. Im Vereinsheim des Türkischen SV, Hausnummer 53, treffen die ersten Spieler ein. Die Fußballer sind der Stolz der Straße. Unter einem Foto von Staatsgründer Atatürk und Plakaten türkischer Spitzenvereine bereiten sie sich auf das Meisterschaftsspiel vor.
Fast alle Spieler sind Enkel türkischer Einwanderer, über die Hälfte besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Bei den Mannschaftssitzungen wird deutsch gesprochen.
Auf dem Platz jedoch fühlen sich die Spieler als Türken, entschlossen, für die Ehre ihres Herkunftslandes zu kicken. Die Zuschauer bringen türkische Fahnen mit. Jedes Match wird zum Länderspiel Türkei gegen Deutschland, auch wenn der Gegner nur Germania Schwanheim, FC Lorsbach oder FC Eschborn heißt.
Am Abend ist die Stimmung im Clubheim gedrückt: 1:3 verloren, zwei Mann vom Platz gestellt.
Schlimmer noch: Harun Erdogan, der erfolgreichste Stürmer, wechselt zu einem deutschen Konkurrenzverein. Der Türkische SV, klamm wie so viele Fußballclubs, kann Erdogans Tore nicht mehr bezahlen.
Das war früher anders. Da wurden im Hinterzimmer des Clubheims preiswert Haare geschnitten und teure Wetten abgeschlossen; ein Teil des Erlöses floss in die Vereinskasse - jedenfalls bis zu einem Tag im Mai.
Da schloss die Polizei über 30 türkische und marokkanische Vereinsheime in der Wellritzstraße und Umgebung; ausschließlich Männern vorbehaltene Clubs, in denen unter der Hand Wohnungen und Kredite vermittelt, in denen Bärte gestutzt wurden und in denen um viel Geld gezockt wurde. Vorwurf: Steuerhinterziehung und illegale Geschäfte.
Seit die Clubs geschlossen werden mussten, sind ein paar der Hinterzimmeraktivitäten vorn an die Straßenfront gerutscht. Plötzlich gibt es Wettbüros, Kreditbüros, Wohnungsvermittlungsbüros.
Die verbliebenen Deutschen zieht es, manchmal schon morgens, ganz woanders hin.
Zwei deutsche Kneipen - zwei Welten.
Dienstagmorgen, 6.10 Uhr. Polizeieinsatz im "Relax", Haus Nummer 37.
Eine Frau, völlig blau, beschuldigt einen Mann, völlig blau, sie vergewaltigt zu haben. Beide lallen. Gläser zersplittern, Geschrei. Die Frau rennt auf die Straße, knallt gegen ein Auto, stürzt, rappelt sich wieder hoch, fällt wieder hin, blutet.
"So was passiert hier ständig", beruhigt Harald Freeb, der Wirt, "Polizei und Krankenwagen kommen fast jeden Tag. Da kann man nix machen."
Das "Relax", das schon mal "Top-Kapi" und später "Dampfkessel" hieß, hat seinen Ruf als Suffkneipe für Verlierer beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen immer bewahrt, unberührt vom Wandel ringsum. Das kleine Pils kostet hier 1,80 Euro, geöffnet ist 24 Stunden. Wer pleite ist, lässt anschreiben, wer keine Bleibe hat, bleibt einfach über Nacht.
Mittags gegen zwölf kommt richtig Stimmung auf. Da tanzt der Bruder des Wirts mit dem standfestesten Zecher, die Frau hinter dem Tresen kippt einen Klaren, der Hund einer Punkerin bellt sich heiser, ein paar Betrunkene singen den Refrain aus der Musikbox mit. "Wir leben davon", sagt Wirtin Petra Möller.
Für Sylvelin Bernhardt, die resolute Wirtin vom "Bumerang" am anderen Ende der Straße, ist ihre Kneipe nur noch Hobby. Die Wirtin, inzwischen 69 und längst Großmutter, kann sich nicht von ihren Gästen trennen, und die Gäste können sich nicht von ihr trennen. Sie sind zusammen alt geworden.
Wenn es je eine deutsche Revolution gegeben hätte, sie hätte hier begonnen. In nächtelangen Diskussionen, unterbrochen nur von Schachpartien und Würfelrunden, wurden hier jahrzehntelang Theorien entwickelt und Strategien ausbaldowert, alle waren natürlich immer links, wo das Herz schlägt.
Diejenigen, die den Marsch durch die Institutionen packten, gehen inzwischen auf die Rente zu, diejenigen, die irgendwie gescheitert sind, machen dafür immer noch die Gesellschaft verantwortlich.
Mit den Alkis vom "Relax" verbindet viele "Bumerang"-Gäste nur eines: die radikale Beschränkung auf die eigene Welt. Kaum einer im "Bumerang" hat mitgekriegt, dass die türkische Männerkneipe gegenüber ein Treffpunkt von Anhängern der Grauen Wölfe ist. Und kaum jemand im "Relax" interessiert sich für die Menschen nebenan, im Haus Nummer 39.
Dort hatten es die Postzusteller früher leicht. Auf den Briefkästen standen Namen wie Kohler und Kratz, Meurer und Piel, Rebell und Schuldes.
Seit die deutschen Mieter ausgezogen sind, seit Post aus Afrika, Nahost und Kleinasien kommt, wird die Zustellung oft kompliziert. Ist der an einen kaum zu entziffernden ausländischen Namen adressierte Brief jetzt für die Kabambas im ersten Stock oder für die Assiris obendrüber? Oder für einen heimlichen Untermieter, dessen Name nicht am Briefkasten steht?
Im Hof und im Treppenhaus toben rund 20 Kinder, schwarze, braune, weiße, ihr Lärm überdröhnt spielend die Stimmen von Erwachsenen, die vergebens nach Ruhe brüllen.
Das 1865 erbaute Gebäude, eines der ältesten der Straße, ist heute Zufluchtsort für Verfolgte aus Pakistan, aus Afghanistan und aus dem Kongo.
Shada Assiri aus Jalalabad streift den Ärmel ihres Pullovers zurück, zeigt auf die Schussnarbe an ihrem linken Arm. Beim Krieg in Afghanistan ist die Mutter von sechs Kindern zwischen die Fronten geraten, in ihrem Rücken steckt noch eine Kugel der Mudschahidin. "Heute hilft uns Deutschland, morgen helfen wir den Deutschen", prophezeit sie. Ihre Söhne, alle halbwüchsig, seien ganz prima in der Schule, bis auf einen. Und der könne immerhin hervorragend Fußball spielen.
Abdul, ihr Ehemann, hat gerade Schicht. Er ist der Ernährer der Familie, jobbt in einer Putzkolonne, für 1000 Euro brutto im Monat. Andere hier haben noch weniger. Die Arbeitslosigkeit beträgt 25 Prozent, jeder Fünfte in der Straße lebt von staatlicher Unterstützung.
Mutiyaseh Kabamba verdient immerhin 1500 Euro netto. Er steht Tag für Tag an den riesigen Maschinen einer Gewürzfabrik, mischt per Knopfdruck Pfeffer und Senf, Meerrettich und Paprika zu Gewürzmischungen und Saucen zusammen. Im damaligen Zaire, aus dem er als Oppositioneller gegen Diktator Mobutu fliehen musste, war er Lehrer. "Deutsch hab ich hier auf der Straße gelernt", erzählt er. So gut, dass er den Sprachtest, Voraussetzung zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft, leicht bestand.
Ehefrau Veronique dagegen, die trotz sieben Kindern noch aussieht wie Tina Turner vor 30 Jahren, fiel durch. Wenn sie abends die Kinder im Bett hat, fehlt ihr die Ausdauer zum Büffeln.
Um Misstöne herauszuhören, versteht sie genug. Als sie neulich ein türkischer Gemüsehändler beim Disput um Tomatenpreise als "blöde Negerin" beschimpfte, raffte sie alle Sprachkenntnisse zusammen: "Warum behandelst du mich wie Dreck? Glaubst du, du bist was Besseres?"
Schwarze sind in der Minderheit in der Straße der Minderheiten, haben es schwerer als andere, werden öfter mal verächtlich angemacht, rücken deshalb enger zusammen.
Den Kurden ergeht es ähnlich. "Der benimmt sich wie ein Bauer vom Dorf", empört sich ein geschniegelter türkischer Gymnasiast im Westend-Café über den Kebab-Spezialisten von nebenan. "Wie der auf der Straße rumbrüllt, wie der schon geht, einfach peinlich." Von wegen Miteinander.
Die Türken, die meist aus anatolischen Kleinstädten stammen, sehen auf die Kurden herab. Die gelten ihnen als ungebildete Hinterwäldler, mit Schmuddelläden, die der Straße Schande machen.
Yüksel Topcu, der türkische Eigentümer der Nummer 39, hätte lieber deutsche Mieter. "Die besitzen Disziplin", glaubt er, "die halten sich an die Hausordnung." Diese vielen Ausländer dagegen machten ihm ständig Ärger: "Die trennen den Müll nicht. Die schmeißen ihre Kippen in den Hausgang. Die putzen die Treppe nicht."
Der Hausbesitzer, ein Immobilienmakler mit feinen Manieren und feinen Klamotten, kaufte das Anwesen zu einem günstigen Preis, ließ den maroden Altbau von oben bis unten renovieren.
In der Straße sieht der türkische Kaufmann riesige Chancen für risikofreudige Geschäftsleute. "Unsere Väter haben das verdiente Geld nach Hause geschickt", kritisiert der 38-Jährige. Damit sei jetzt Schluss. "Wir investieren hier."
Topcu besitzt bereits mehrere Häuser, gehört zur Gruppe ausländischer Unternehmer, die das Bild der Straße mehr und mehr prägen.
Da ist zum Beispiel die Familie Bucak. Drei Brüder. Zwei Häuser. Ein Café. Eine Bäckerei. Und ein Obst- und Gemüsegeschäft.
Mit dem hat alles angefangen, vor fast 30 Jahren. Die Auswahl ist auch heute noch beeindruckend: Es gibt Tomaten aus Italien, Kartoffeln aus Zypern, Birnen aus Argentinien, Karotten aus Deutschland, Trauben aus Chile, Orangen aus Israel, Bananen aus Ecuador.
Ertegrul Bucak, der jüngste und umtriebigste der drei Brüder, will viel mehr als nur Gemüse verkaufen. Zwar wuchtet er schon morgens um 6.30 Uhr als einer der Ersten die Kisten auf die Straße. Im Café hat er jedoch Bilder moderner junger Maler aufgehängt, ein Novum in der Straße. Er träumt von einem Künstlertreffpunkt mit Ausstellungen und Auktionen, will später einmal ein modernes, auf Expansion ausgerichtetes Unternehmen führen.
Beste Chancen haben da Familienbetriebe. Ohne die Verwandten und Bekannten aus dem Dorf, die für Niedriglohn oder Kost und Logis hinter der Theke stehen, im Lager malochen oder den obligatorischen Tee servieren, wären die meisten Geschäfte nicht konkurrenzfähig.
Das weiß kaum einer besser als Dieter Kumpf. Der kleine, untersetzte Mann gehört zu den wenigen, die fast jeden Hausbesitzer, fast jeden Geschäftsinhaber, fast jeden Bewohner kennen. Zeigt er Fremden die Straße, bleibt er manchmal plötzlich stehen und gibt bissige Kommentare ab.
"Schweinepriester", schimpft er, deutet auf das Büro eines in Verruf geratenen Wohnungsvermittlers; später, beim Anblick eines total heruntergekommenen Gebäudes: "Streitbarer deutscher Antiinvestor. Tut nix, kassiert nur hohe Mieten."
Der zornige Herr Kumpf ist Stadtentwickler. Er und sein türkischstämmiger Kollege Bülent Ekiz sind Angestellte einer Unternehmensberatung für Stadtsanierung. In ihrem Büro diskutieren sie täglich mit Architekten, Kommunalpolitikern und Bewohnern, was in der Straße alles geändert werden müsste, damit das Zusammenleben besser funktioniert.
Kann es je wirklich funktionieren? "Es muss", sagt Stadtentwickler Kumpf beschwörend. "Was wäre die Alternative?"
So wie vor sechs, sieben Jahren soll es jedenfalls nie wieder werden. Da war die Straße ganz unten, tiefer geht es nicht mehr.
Viele Läden standen leer, ältere Bewohner trauten sich kaum noch aus dem Haus. Wer es sich leisten konnte, ergriff die Flucht. Das waren vor allem die Deutschen.
Eine Ursache: Aktivisten der kurdischen PKK, die für ihren Kampf für ein unabhängiges Kurdistan Geld brauchten, erpressten die kurdischen Geschäftsleute. Wer nicht zahlte, riskierte sein Leben. In einem Laden um die Ecke explodierte eine Brandbombe; das Geschäft brannte aus, ein Mann starb.
Ursache zwei: die Discothek im Haus Nummer fünf. Als die noch "Pam-Pam" hieß, bis weit in die achtziger Jahre, prügelten sich dort am Payday, wenn es Sold gab, in Wiesbaden stationierte US-Soldaten bis zum Morgengrauen. Daran hatten sich alle gewöhnt.
Später jedoch schlichen Abend für Abend Dutzende ausgemergelte junge Frauen und Männer um die Disco, die jetzt "Anadolu" hieß und in der es Heroin zu kaufen gab, eingeschmuggelt über kurdische Kanäle und so billig wie nirgends sonst. Die Straße war zum städtischen Drogenumschlagplatz verkommen.
"Wenn ich morgens den Laden aufschloss, lagen manchmal Junkies vorm Schaufenster, die waren halbtot", erinnert sich ein Geschäftsmann aus der Nachbarschaft. Es wurde geraubt, gestohlen und gestochen. Der Alptraum endete erst, als Süchtige und Händler durch ständige Razzien der Drogenfahndung vertrieben wurden.
In der Wellritz-Apotheke an der Ecke, wo damals zitternde Abhängige um Ersatzstoffe wie Codein und Methadon bettelten, werden jetzt ganz andere Drogen verlangt. "Viele wollen Viagra ohne Rezept", berichtet Apothekerin Gabriele Fischer. "Ich könnte das Zeug für das Drei- und Vierfache kistenweise verkaufen."
Gabriele Fischer hat die illegale Weitergabe stets abgelehnt. In der fast 100 Jahre alten Theresien-Apotheke, einer Institution der Straße, war das anders. Der deutsche Besitzer, offenbar in Geldnot, stieg ganz groß ein.
Vergangenen Sommer kontrollierten Zollbeamte auf dem Istanbuler Flughafen seine Koffer. Inhalt: Tausende Schachteln Viagra vom Schwarzmarkt. Der Apotheker wurde festgenommen, musste in ein türkisches Gefängnis. Die Theresien-Apotheke existiert seitdem nicht mehr.
Wie winzige Inseln im Ozean halten sich in der Straße noch ein paar deutsche Geschäfte; spezielle Läden, die nicht abhängig von Laufkundschaft sind. Sie existieren seit Jahrzehnten.
Die Besitzer: knorrige Typen, stur, mit eisernem Beharrungsvermögen. Hans-Georg Schäfer, der streitbare "Angel-Schäfer", hat über 10 000 Angel-Artikel vorrätig: Haken, Köder, Ruten. Adi Rossel vom Farbengeschäft schräg gegenüber wirbt mit seiner neuen Maschine, die 170 000 verschiedene Farbtöne mischen kann. Hans-Jürgen Velte führt sämtliches Badminton-Zubehör, Hans-Peter Pischinger verkauft Berufsbekleidung vom Blaumann bis zum Dirigentenfrack.
Ausländische Kunden kommen allerdings nur selten: zu speziell, zu teuer. Stattdessen gibt's Konflikte.
Die neuen Cafébesitzer und Kneipenwirte, unterstützt von der Stadtverwaltung, wollen mehr Tische und Stühle auf die Straße stellen, wollen mehr Umsatz, mehr Leben, mehr großstädtisches Flair.
Weil der Plan auch Parkplätze kosten würde, sind die deutschen Geschäftsleute stinksauer: Ihre vorwiegend auswärtigen Kunden, fürchten sie, müssten dann noch öfter vergebens Runden drehen. Gegeneinander statt Miteinander.
Neueröffnete Geschäfte haben wenig Chancen, ähnlich lange zu existieren wie die alten deutschen Läden. Dafür gibt es einen Grund - die Welle.
"Wäre ich bloß in der Türkei geblieben", schimpft Muntaz Baki, während er einem Kunden den Bart einseift. Über 50 000 Euro hat der 41-Jährige in seinen Friseurladen gesteckt, in raffinierte Beleuchtung, in neue Stühle und neue Waschbecken, in eine separate Damenabteilung. Und jetzt das!
Kaum hatte sich in der Straße herumgesprochen, dass Bakis Laden brummt, fand die Geschäftsidee Nachahmer. Also: noch ein Friseur. Kurz darauf: noch einer. Und noch einer und noch einer.
Ergebnis: ein ruinöser Preiskampf. Verlangte Baki zunächst 15 Euro für einen Haarschnitt mit Waschen und Föhnen, ging er schnell auf 12 Euro runter, liegt jetzt bei 10. Konkurrenten bieten den Schnitt jedoch schon für 8 Euro an, die Kunden müssen sich selbst föhnen.
Vor der Friseurwelle tosten schon die Bäckerwelle und die Kebabwelle durch die Straße, zurzeit baut sich gerade eine neue Welle auf: Wo immer ein Geschäft schließt, öffnet kurz darauf ein Telefonladen.
Eigentlich ein guter Einfall: Die Tarife der Handys in den grellen Farben und mit den schrägen Klingeltönen, von denen jeder mindestens eins besitzt, sind für Anrufe nach Marrakesch oder nach Islamabad viel zu teuer, übers Festnetz eines Billiganbieters im Telefonladen müssen höchstens 20 Prozent des Handytarifs bezahlt werden.
Die geringe Gewinnmarge setzt aber ständig Hochbetrieb voraus. Seit in der Straße der vierte, dann der fünfte Telefonladen eröffnet hat, jeder um ein paar Cent-Bruchteile günstiger als der andere, herrscht nirgends mehr Andrang. Gegeneinander statt Miteinander.
"Den Leuten fehlt einfach richtige Beratung", glaubt Bernd Ohl, ein freundlicher grauhaariger Herr, Anfang 50. Er verteilt Visitenkarten mit der Aufschrift: "Ich berate wie ein Freund". Der Mann gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Straße. Er hat sich selbst erfunden.
Filialdirektor einer großen Versicherung war er, wurde wegen Krankheit frühverrentet, suchte eine Aufgabe. Jetzt hockt er in einer Hinterstube des Westend-Cafés, zwischen vorgefertigtem Brötchenteig und riesigen Kühltruhen, und heckt Umbaupläne für marode Läden und Strategien für lahmende Geschäfte aus. "Früher war ich ein großer Knecht", sagt er, "hier bin ich ein kleiner König."
Einer, der wie kein Zweiter in der Straße vom ersprießlichen Miteinander verschiedener Nationalitäten und Kulturen träumt und den Ehrgeiz besitzt, der Straße seinen Stempel aufzudrücken.
Ohl überzeugte einen Juwelier, einen Damenfriseur und den Besitzer eines Modegeschäfts zu investieren und ihre neuen Läden exklusiv auszustatten und aufeinander abzustimmen. Die teuren Geschäfte sollen mehr deutsche Kunden in die Wellritzstraße locken, vor allem Frauen. Name des Projekts: "only women".
Ob der Plan funktioniert, ist fraglich. "Als Frau wirst du hier ständig dämlich angequatscht", schimpft Nadine Durel, modern gekleidete Büroangestellte, lange Haare, hübsch. Drei Jahre hat sie in der Straße gewohnt, dann ist sie weggezogen. Sie hielt die täglichen Belästigungen nicht mehr aus.
Wütend ist sie vor allem auf die orientalischen Männer. "Wenn du enge Jeans trägst oder ein knappes T-Shirt, bist du für die eine Art Freiwild." Obwohl selbst türkischstämmig, ärgert sich die 23-Jährige auch über Doppelmoral. "Passantinnen mit Kopftuch bleiben unbehelligt", hat sie festgestellt, "muslimische Frauen sind natürlich tabu." Nicht alle.
Freitagabend, 23.30 Uhr. Durch die dicken Mauern der früheren Gewerbeschule, eines imposanten Gründerzeitbaus, in dem zahlreiche soziale Einrichtungen untergebracht sind, dröhnt Musik bis auf die Straße. Die lauten orientalischen Klänge kommen aus dem Restaurant "Aspendos".
Drinnen, im Halbdunkel, kreist eine üppige, nur mit Dessous bekleidete Schwarzhaarige mit den Hüften, wackelt mit dem Hintern, lässt ihre Brüste hüpfen.Über 20 Minuten fegt Donsaf, die junge tunesische Bauchtänzerin, durch das Lokal, ein Spektakel wie aus Tausendundeiner Nacht.
Die Männer sitzen im Halbkreis um sie herum, feuern sie mit rhythmischem Klatschen an, ein paar tanzen mit. Manche stecken ihr, wenn sie ihnen nahe rückt, Geldscheine in den BH.
Der Spaß an Donsafs Zuckungen gilt als Brauchtumspflege, nicht als Sünde. Und das Bier, das dabei getrunken wird? "Allah sieht's nicht", witzelt einer.
Viele muslimische Männer in der Straße haben noch eine Frau aus dem Heimatdorf geheiratet, teilweise auf Geheiß der Eltern. Viele brechen aber auch wieder aus, haben Freundinnen, lassen sich scheiden.
Ein bekannter Geschäftsmann, seit Jahren verheiratet und Vater dreier Kinder, hat jetzt versucht, Unvereinbares zu vereinbaren: Er ließ sich von einem Imam zum zweiten Mal trauen, diesmal mit seiner Freundin. Nun hat er zwei Frauen. "Eine vorm Standesamt, eine vor Gott", erklärt er. Ein heikles Miteinander.
Die meisten muslimischen Frauen haben noch nie allein eine Gaststätte besucht. Unter dem Motto "Frauen tauchen auf" planten einige, sich zusammen mit ein paar deutschen Frauen in eines dieser typischen, von Männern dominierten Lokale zu setzen.
Getraut haben sie sich dann aber doch nur ins Restaurant "Harput". Das Lokal gilt als Attraktion der Straße, als Symbol für den Aufschwung. Angelockt vom aufwendigen orientalischen Ambiente und von erschwinglichen Preisen, machen sich hier auch viele Deutsche, meist Berufstätige aus der Innenstadt, mittags über Siskebab (gegrillten Lammspieß), Kutteln und Pide Kiymali, einen gefüllten Brotfladen, her.
Ausgerechnet durch das Harput verläuft jedoch ein unsichtbarer Riss. Die beiden Inhaber des Lokals repräsentieren grundverschiedene Welten. An ihrem Beispiel zeigt sich die Kluft, die nicht nur Deutsche und Ausländer, sondern auch viele Einwanderer in der Straße trennt. Stichwort Religion.
Harput-Mitbesitzer Ali Cal, Typ strebsamer Jungunternehmer wie seine Landsleute Bucak und Topcu, lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in der Straße, hat sich völlig angepasst.
Stolz präsentiert er eine blaue Visitenkarte mit Farbfoto, die ihn als CDU-Kommunalpolitiker ausweist, als Mitglied eines Ortsbeirats. Und ebenso stolz erzählt er von seiner Rolle als ehrenamtlicher Fastnachtspräsident.
Und die Religion? "Ich glaube an Gott", sagt Cal. Aber das sei auch schon alles.
Sein Kompagnon Ebubekir Duran dagegen, ein strenggläubiger Muslim, lebt genau nach den Vorschriften des Koran. Er hat durchgesetzt, dass im Restaurant kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, was besonders abends dem Umsatz schadet, und dass Gäste mit Hunden draußen bleiben müssen.
Räume im Haus Nummer 14, schräg gegenüber, hat der fromme Muslim an andere strenggläubige Geschäftsleute untervermietet, die dort muslimische Bücher und muslimische Kleidung verkaufen. Im Schaufenster liegen Bücher mit Titeln wie "Allahs letzte Botschaft", "Warum ich ein Kopftuch trage", "Wie ich richtig bete".
Im Laden riecht es intensiv nach Räucherstäbchen, aus dem Hintergrund erklingen monotone Gesänge. Die Kunden, vorwiegend muslimische Frauen, kommen zu zweit und zu dritt, probieren kichernd Kopftücher an, drängeln sich um die Kleiderständer mit den Burkas, den traditionellen, mantelähnlichen Umhängen, die nichts von der Figur preisgeben.
Ladeninhaberin ist eine rotbackige Muslima: Susanne Seifert aus Mainz-Mombach. Die Deutsche, ehemals evangelisch, trug früher eine weltliche Uniform: Als Polizistin machte sie Jagd auf Diebe und Verkehrssünder. Seit sie einen Marokkaner heiratete und 1997 zum Islam konvertierte, achtet sie streng auf die Einhaltung der Koranvorschriften.
Ihr florierender Laden ist auch Anlaufstelle für konservative Islamisten. Junge sunnitische Koranstudenten treffen sich hier, manche mit langen Bärten und traditionellen Gewändern, die meisten marokkanischer Abstammung.
Nur vereinzelt kommen deutsche Kunden. Ungläubige erwecken Argwohn. Das Misstrauen ist groß seit dem 11. September, das Klima vergiftet. "Manche kommen hier einfach rein und fragen, was das denn solle mit diesem Terror", berichtet die deutsche Muslima. Sie entgegne dann: "Was hat das, bitte sehr, mit dem Islam zu tun?"
Im Geschäft wird das Buch "11. September. Ein Untersuchungsbericht" angeboten, zum Preis von 20 Euro. Der deutsche Autor legt nahe, das World Trade Center sei von innen gesprengt worden, bei den Fernsehbildern handele es sich um Fälschungen.
Liberale Muslime wünschen den islamischen Buchladen weit weg. "Er schadet dem Ruf der Straße", fürchtet einer. "Das hatten wir doch schon mal."
An einem Dezembermorgen: Um sechs Uhr stürmen Bereitschaftspolizisten die Hinterhofmoschee des Islamischen Vereins im Haus Nummer 34, durchkämmen jeden Quadratmeter, schlitzen sogar die Matratzen auf. Sie suchen nach Terrorpropaganda, die nach dem 11. September von dieser Adresse aus über die Internet-Seite dzihad.de in der ganzen Welt verbreitet wurde.
Islamische Bücher und Zeitschriften werden beschlagnahmt, die Moschee, regelmäßiger Treffpunkt von Anhängern des islamischen Extremisten und Kalifatsstaatsgründers Metin Kaplan, wird dichtgemacht.
Ins Zwielicht geriet auch Hausbesitzer Baki Yesilbas, bisher nur gefeiert als bester Döner-Spezialist der Straße. Hat der Chef des Stehimbisses "Ali Baba" wirklich nicht gewusst, was in seinem Hinterhaus vorging?
"Ich habe in dieser Moschee nie gebetet", versichert der 38-jährige Kurde. Er sei zwar sunnitischer Muslim, aber nicht sonderlich religiös, und Politik sei ihm völlig egal. Ihn interessiere nur sein Geschäft.
"Heuchelei", behauptet ein Juwelier aus der Nachbarschaft. "Die Muslime geben sich tolerant, aber sie sind ganz anders." Nach dem 11. September hätten sich viele Muslime heimlich gefreut. In der Straße kursierende Hetz-Zeichnungen zeigten Bin Laden, der US-Präsident Bush vergewaltige.
Der Juwelier, der zusammen mit seinem Bruder einen toprenovierten Laden betreibt, einen der schönsten der Straße, ist parteiisch: Als orthodoxer aramäischer Christ musste er mit seiner Familie aus dem Südosten der Türkei fliehen, erhielt in Deutschland Asyl.
Seinen muslimischen Nachbarn links und rechts traut er nicht.
Die Brüder, die sich zu den Nachfolgern der Urchristen rechnen, sind streng religiös. Sie besuchen regelmäßig ihre kleine Kirche, und mittags, zur besten Geschäftszeit, kommt schon mal der Priester zu Besuch.
Auch die alte Bettlerin, die am Mittwochvormittag ganz langsam, Schritt für Schritt, die Straße von vorn nach hinten entlanghinkt, beruft sich auf Gott, nur weiß keiner, auf welchen. Am Westend-Café spendet ihr ein Gast 50 Cent, vor dem türkischen Reisebüro bekommt sie einen Euro, am Mini-Money, dem chaotischen Supermarkt, macht ein Passant sogar zwei Euro locker.
Jedes Mal, wenn ihr jemand eine Münze schenkt, bleibt sie stehen und deutet mit ihrem Stock stumm nach oben: Der Herr wird die gute Tat belohnen. l
Von Bruno Schrep

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