04.10.2005

BELLETRISTIKDER GÄRTNER MIT FRAUEN-POWER

Der Schwede Kjell Eriksson schickt seine Kommissarin Ann Lindell wieder los - nicht nur bei ihm laufen die Frauen männlichen Krimi-Helden langsam den Rang ab.
Ann Lindell ist um ihre Situation nicht zu beneiden. Die Mittdreißigerin ist alleinerziehende Mutter und im Job zunehmend isoliert. Teamarbeit ödet sie an, bei Problemen rennt sie lieber in die Konditorei als zu Kollegen im Büro.
Als Frau im besten Alter fühlt sie sich, trotz Wonderbra und Stützstrumpfhose, um "dem Po ein wenig aufzuhelfen", nicht recht wahrgenommen. Und ein Liebesleben hat sie seit der Trennung von ihrem Ex auch nicht mehr.
Der attraktive Kollege Charles Morgansson will zwar gern mit ihr ins Kino oder die Kneipe gehen, aber eben auch nicht mehr. "Nicht mal die Chance, nein zu sagen", lasse der ihr, heult sich Ann Lindell an der Schulter ihrer Freundin und Babysitterin aus.
Ein schwieriger Fall also, erst recht, wenn frau leitende Kriminalkommissarin im Dezernat für Gewaltdelikte ist und sich als Ermittlerin literarisch gegen so prominente Konkurrenz wie Kurt Wallander oder Martin Beck behaupten muss.
Der neueste "Fall für Ann Lindell" (Untertitel), den sich ihr Schöpfer Kjell Eriksson, 52, ausgedacht hat, spielt wie immer in der schwedischen Universitätsstadt Uppsala und ihrer ländlichen Umgebung: Ein angesehener Literaturforscher verschwindet, und bald darauf findet das beschauliche Altenteil von drei unbescholtenen Bauern aus dem Umland ein jähes Ende.
Antworten auf die vielen Fragen könnte bestenfalls Laura, die Tochter des verschwundenen Gelehrten, geben. Doch die seltsame Eigenbrötlerin ist mehr daran interessiert, einem verheirateten Kollegen und Vater den Kopf zu verdrehen und ihn ins Bett zu kriegen.
Der gelernte Gärtner Eriksson, der sich noch heute mit Leidenschaft den Pflanzen zuwendet, gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Krimi-Autoren seines Landes. Und doch ist er ein eher heimlicher Star. Denn neben berühmten Kollegen beiderlei Geschlechts wie Mankell, Nesser, Edwardson, Marklund oder Dahl gehört er zu den weniger beachteten. Zu Unrecht, wie sein jüngster Roman wieder belegt.
Eriksson veröffentlichte seinen ersten Roman mit der Ermittlerin 1999 - da verkörperten noch meist männliche Helden den Krimi-Boom aus Skandinavien. Inzwischen ist die taffe Kommissarin Prototyp für den großen Auftritt von Frauen in der einstigen Domäne der Wallander & Co.
Kürzlich stieß Irene Huss, Kriminalinspektorin in Göteborg, zu den starken Frauen aus dem Norden: Ihre Erfinderin Helene Tursten hat es eben mit ihr bis in die Bestsellerlisten geschafft. Schon etwas länger dabei ist die feministische Ermittlerin Maria Kallio, Kultfigur der preisgekrönten finnischen Autorin Leena Lehtolainen. Die journalistische Spürnase Annika Bengtzon hat ihrer Schöpferin Liza Marklund Millionenauflagen beschert, und die lesbische Polizistin Hanne Wilhelmsen, erfunden von der norwegischen Ex-Ministerin und Polizei-Vizepräsidentin Anne Holt, tut es ihr nach.
Angesichts von so viel Frauen-Power ist Kjell Eriksson ein Sonderfall, weil er es als männlicher Autor riskiert, eine Kommissarin zur Heldin zu machen. Sein Plot in "Die grausamen Sterne der Nacht" ist am Ende vielleicht nicht besonders originell. Und manche Beschreibung seiner Protagonistin, etwa, wenn sie von heißkalten Gefühlswellen überrollt wird oder sich wieder einmal von ihrer weiblichen Intuition leiten lässt, trägt ein bisschen zu offenkundig eine etwas männliche Handschrift.
Und doch erzählt die Geschichte sensibel und höchst unterhaltsam von den banalen Wirren eines ganz normalen Lebens. Nebenbei zerplatzt bei der Lektüre wie eine Seifenblase das schwedische Lieblingstrugbild vom sicheren und solidarischen Volksheim, in dem alle gleichermaßen sozial umsorgt sind. Die Spannung aber hält bis zum filmreifen Ende und macht das Buch zu einem Lesevergnügen. MANFRED ERTEL
Kjell Eriksson Die grausamen Sterne der Nacht Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Zsolnay Verlag, Wien; 400 Seiten; 19,90 Euro
Von Manfred Ertel

SPIEGEL SPECIAL 6/2005
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