15.11.2005

Ein Moloch erwacht

Gallia est omnis divisa in Indien will die Weltmärkte erobern. Die Globalisierung könnte selbst die Elendsmetropole Kalkutta zu einer Hochburg des IT-Wunderlandes werden lassen - mit Hilfe kommunistischer Politiker und weltweit tätiger Investoren.
OKalkutta, Katastrophen-Kalkutta - selten in der Geschichte wurde eine Stadt von ihren Besuchern so mit Schmutz beworfen wie diese.
Der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss nannte sie "den Schauplatz all dessen, was wir auf der Welt hassen". Für den amerikanischen Filmemacher Woody Allen war sie "Heimat von hundert Krankheiten, die noch nicht einmal einen Namen tragen". Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul disqualifizierte sie als "deprimierendste aller Städte". Seinem deutschen Schriftstellerkollegen Günter Grass blieb es überlassen, nach monatelangem Aufenthalt vor Ort die schlimmste aller Kalkutta-Kränkungen zu finden: "Ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ." Und selbst Indiens ehemaliger Premier Rajiv Gandhi wünschte sich die Mega-City noch Mitte der achtziger Jahre am liebsten von der Erdoberfläche getilgt: "Kalkutta ist eine sterbende Stadt."
Ausgerechnet dieser Moloch taugt nun wie kaum eine andere Großstadt zum Symbol des Fortschritts durch die Globalisierung. Ausgerechnet dieser schmutzverkrustete Moloch mit seinen rund 15 Millionen Bewohnern, diese fiebrige, lepröse, gestern noch vorsintflutliche Metropole schickt sich an, Weltmärkte zu erobern, Investoren anzulocken und Morgenluft zu wittern - im scharfen Sturm des weltweiten Großkapitals, im Windschatten jener dramatischen Veränderungen, die bereits ganz Indien erschüttert haben.
Das durch sein Kastensystem und die Apathie der Milliardenbevölkerung angeblich "für immer" in die Rückständigkeit gezwungene Land hat nach der 1991 vom damaligen Finanzminister und heutigen Premier Manmohan Singh eingeleiteten Wirtschaftsliberalisierung gigantische Fortschritte gemacht. Im neuen Jahrtausend liegen die jährlichen Wachstumsraten mit bis zu acht Prozent auf fast schon chinesischen Höhen. Die Exporte steigen mit zweistelligen Raten. Und dabei geht es nicht mehr hauptsächlich um Billigtextilien, sondern um Computer-Hochtechnologie.
Neben Peking gilt Neu-Delhi als größter Gewinner der Globalisierungskräfte. Das Symbol dieser Revolution ist nicht mehr das Spinnrad, sondern der PC - Gates statt Gandhi. Idole dieser Bewegung sind die "neuen Maharadschas", die Dollar-Milliardäre Azim Premji und Narayana Murthy mit ihren IT-Firmen Wipro und Infosys.
"Indien kann eine Weltmacht werden", meint auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt lapidar. Von einer "kommenden Superpower des Wissens" spricht das Magazin "New Scientist" und verweist darauf, dass Indiens Fachkräfte in allen Zukunftstechnologien von Raumfahrt über Genforschung bis zur Computermedizin in der Weltspitze zu finden seien.
Und Bombays Wirtschaftsmagazin "Business World" rief schon triumphierend "das indische Jahrhundert" aus: "Bei der Industrie alten Stils mit ihren Anforderungen an die Infrastruktur können wir nicht mithalten. Aber eine technologische Revolution, so bahnbrechend wie die Erfindung des Rades, gibt uns jetzt alle Chancen: Internet - da ist unser Land Spitze."
Indien springt nicht nur nach vorn, so meinen die Optimisten, es überspringt: Fortschrittshemmende Kastenschranken verschwinden im Cyber-Raum, Daten-Highways lassen den Mangel an realen Autobahnen verblassen.
Nachweislich haben IT-Firmen und Outsourcing-Unternehmen Indien Glanzlichter verschafft. Bangalore im südlichen Bundesstaat Karnataka und Hyderabad (Spitzname: "Cyberabad") im zentralindischen Andhra Pradesh wurden zu prosperierenden Zentren, durch ihre brillanten Software-Ingenieure so erfolgreich im internationalen Geschäft, dass die Lufthansa in beide Städte Direktflüge startete. Um Kalkutta blieb es ruhig - bis vor kurzem.
Jetzt aber kommen plötzlich höchst erstaunliche Meldungen aus der Metropole am Hugli: Die kommunistische Regionalregierung von Westbengalen holt die für ihre knallhart kapitalistischen Sanierungskonzepte berüchtigte amerikanische Beraterfirma McKinsey in die Stadt.
Unternehmer wählen Kalkutta als Favoriten für Indiens nächsten IT-Schwerpunkt und nennen die dortigen Fortschritte in Sachen elektronischer Regierung ("E-Government") vorbildlich.
"Asiens überraschendes neues Tech-Zentrum: Kalkutta auf dem Vormarsch", schreibt die Hongkonger "Far Eastern Economic Review". Und Indiens wirtschaftsliberaler Ministerpräsident Singh bekennt, von allen Bundesstaats-Chefministern sei ihm Buddhadeb Bhattacharjee aus Kalkutta der Liebste, weil er "fähig, kompetent und für Investitionen besonders offen" sei.
Kann das sein - Kalkutta vor einem Comeback? Ausgerechnet die seit 28 Jahren von Marxisten kontrollierte Problemstadt mit ihren Slums und Dauerstreiks, mit ihrer Hinwendung zu Tod und Zerstörung als neues Investorenparadies und Profiteur der Globalisierung? Nun nicht mehr: O Kalkutta, sondern: E-Kalkutta?
In den Tempeln der Stadt regiert das alte Kalkutta, und seine Herrscherin heißt Kali. Vierarmig ist die Göttin, schwarzhäutig und nackt. Das Gesicht hat sie zur Grimasse verzerrt, die bluttriefende Zunge provozierend rausgestreckt, ein hypnotisches, alles durchdringendes drittes Auge leuchtet auf der Stirn, ein Kranz von abgeschlagenen Männerköpfen ziert ihren Hals. Mit dieser Göttin der Zerstörung, wissen die Gläubigen, ist nicht zu spaßen. Nicht einmal vor ihrer eigenen Vernichtung schreckte sie nach der Hindu-Legende zurück und wählte aus Stolz den Flammentod. Ihr Gatte Shiva begann einen verzweifelten Tanz mit dem versengenden Körper, bis die ganze Welt bebte. Die anderen Überirdischen fürchteten das Schlimmste, und so schleuderte Gott Vishnu seine heilige Rundsäge. In 52 Teile zerstückelt fiel Kalis Leiche zur Erde. Der kleine Zeh ihres rechten Fußes landete nahe dem Hugli-Strom. Dort entstand ein Ort, dessen Name sich wahrscheinlich von der Gottheit ableitet: Kalkutta.
Unter britischen Herren wurde daraus eine Weltstadt, bis 1912 Kapitale der kostbarsten aller königlichen Kolonialbesitzungen, nach 1947 ein Symbol für die in blutigen Wehen errungene Unabhängigkeit des neuen Indien.
Der zornigen Stadtpatronin Kali müssen ständig Opfer gebracht werden, um sie zu besänftigen. Zu Pyramiden gestapelte Orangen und Mangos, violette Hibiskusblüten, Zinnoberpulver. Und zweimal die Woche hat ein Zicklein dran zu glauben, den roten Punkt auf die Stirn gemalt, vor Panik zitternd.
Die scharfe Klinge des halb nackten Priesters fährt auf das Tier herunter, das in schwarze Steingabeln geklemmt ist. Blut spritzt in großem Schwall, vermengt sich mit dem Saft aufgeschlagener Kokosnüsse, in dessen reinigendes Nass die Gläubigen ihre Zehen tauchen.
Teresa dagegen, die andere, die zweite Patronin Kalkuttas: Die katholische Nonne aus Albanien war Anfang der dreißiger Jahre nach Kalkutta gekommen und gründete 1950 ihren Orden für die Ärmsten, die Leprakranken im Endstadium, die Schwerstbehinderten ohne Familie. Die "Heilige der Gosse" erhielt den Friedensnobelpreis, und schon bald nach ihrem Tod 1997 sprach der Papst sie selig.
Keinen Steinwurf vom Kalighat Mandir, dem Tempel der Hindu-Göttin Kali, steht am Ende einer Bordellstraße eine Christus-Figur über einem alten Kolonialgebäude, dem Sterbehaus der "Barmherzigen Missionare". Auch heute noch pflegen Nonnen hier im Nirmal Hriday die Kranken in ihren letzten Stunden, spenden Trost.
Die Strafende aus dem Pantheon des Hinduismus und die Barmherzige aus der Welt des Christentums: Erst der Tod hat ihnen ihre wahre Rolle gegeben, ihnen ewigen Ruhm verschafft. Erst der Tod hat ihnen ein ewiges Leben geschenkt.
Morbides, moribundes Kalkutta. Die Stärke dieser Stadt - so schien es immer - liegt im Management des Ablebens, nicht im Überleben oder gar im Neues-Erleben. Eine Gemeinschaft im Diesseits versagend, aufs Jenseits fixiert.
Für das neue Kalkutta steht der westbengalische Chefminister Bhattacharjee - er regiert über rund 85 Millionen Menschen.
Seine Mannschaft sitzt im Writers' Building am Dalhousie-Platz. Schon zu Zeiten Britisch-Indiens befand sich hier das Zentrum, das prächtige Kolonialgebäude datiert aus dem Jahr 1880. Der Verfall der Bausubstanz ist allgegenwärtig. Pockennarbig bröckelt der Putz, von modrigen gusseisernen Balkonen flattern nasse Saris wie Leichentücher. Immerhin haben kürzlich die Renovierungsarbeiten begonnen.
Drinnen bewegen altersschwache Ventilatoren träge die 40-Grad-Luft, gerade genug, um Aktenstaub von den Schränken aufzuwirbeln, jedoch zu wenig, um den wartenden Bittstellern Erleichterung zu verschaffen. Dutzende campieren in den langen Gängen, reiben sich müde die Augen, als hätten sie hier schon übernachtet.
Doch im Vorzimmer des Ministers herrscht die Moderne, eisig gekühlt durch eine auf Polarkälte eingestellte Klimaanlage, befeuert durch eine Computer-Armada. Chefminister Bhattacharjee, 61, seit dem Jahr 2000 im Amt, sagt freundlich: "Willkommen! Darf ich empfehlen, sich bei uns finanziell zu engagieren? Wir haben den roten Teppich für Investoren ausgerollt."
Mit seiner traditionellen weißen Baumwollkleidung und der altmodischen Brille wirkt er eher wie ein sanfter Chefarzt, der seinen Kollegen erklären muss, welche Fortschritte die Medizin gemacht hat und dass man nicht bei überkommenen Behandlungsrezepten bleiben darf. "Es ist eine Welt des globalen Wettbewerbs, in der wir bestehen müssen und in der es darum geht, Kapital anzulocken", sagt der KP-Chef. "Auch die Kommunisten in China haben sich geändert. Wir in Kalkutta sind nun mindestens so unternehmerfreundlich."
Dann erzählt er, mal seufzend, mal verlegen hüstelnd, von all den "Fehlern", die er und seine Genossen im letzten Vierteljahrhundert gemacht hätten: Ende der Siebziger unterstützte die KP beispielsweise noch einen Arbeiterstreik gegen die Einführung von Computern in Banken.
"Es war dumm von uns zu glauben, wir könnten technologischen Fortschritt aufhalten. Jeder muss begreifen, dass es zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern harmonische Beziehungen geben muss - sonst gehen Jobs verloren."
Der Ober-Kommunist bekennt sich zu seinem Misstrauen gegenüber den lange von der KP gehätschelten Gewerkschaften. Er werde nicht zulassen, dass die Funktionäre Arbeiter "einschüchtern oder in Streiks treiben", sagt Bhattacharjee. Damit die ersehnten IT-Investoren in Kalkutta vor Arbeitsniederlegungen sicher sein können, hat die Regierung kurzerhand alle Software- und Outsourcing-Firmen zum Bestandteil der "überlebensnotwendigen Industrien" deklariert und sie auf diese Weise mit Wasser- und Stromversorgern gleichgestellt. Folge: Ein Streik könnte mit Polizeigewalt niedergeschlagen werden.
Der rote Chefminister sieht alle Zeichen für eine glanzvolle Kalkutta-Zukunft (wobei er die Stadt "Kolkata" nennt, eine offizielle Namensänderung aus dem Jahr 2001, die kaum durchschlägt). "Wir haben hervorragende Universitäten und glänzend ausgebildete Ingenieure", sagt er. "Land und Arbeit sind billiger als in unseren indischen Konkurrenzstädten, als ausländische sowieso - und deshalb schaffen wir IT-Zuwachsraten von jährlich über 70 Prozent."
Sieht er sich als Bengalens Chefverkäufer? "Diese Kapitalistensprache behagt mir nicht", sagt er lachend. Aber de facto, bekennt er, handele er so. Jede Woche schneidet Genosse Bhattacharjee bei Firmen- oder Kaufhausneueröffnungen brav die zitternden Bänder durch.
Gleichzeitig fürchtet er, dass er in Staatsbetrieben Arbeiter entlassen muss; 58 solcher Betriebe sollen betroffen sein. "Wenn wir sie gesundschrumpfen müssen, werden wir anderswo Jobs schaffen", sagt er trotzig.
Der Kapitalismus und Herr Bhattacharjee, das ist keine Liebesheirat, sondern eine Vernunftehe. Dem Chefminister, der in einem kleinen Zweizimmerapartment wohnt und auf Konsumgüter wenig Wert legt, haben es Literatur, Theater und Film angetan. Bhattacharjee hat mehrere Bücher veröffentlicht, gerade eines über den Zweiten Weltkrieg, außerdem übersetzte er seine beiden Lieblingsautoren ins Bengalische: Gabriel García Márquez und - Günter Grass. "Haben Sie den Film ,Good Bye, Lenin!' gesehen?", fragt der Mann, der sich immer noch als Marxist bezeichnet, zum Abschied. "War das nicht amüsant und traurig zugleich, wie da ein künstliches kommunistisches Paradies aufgebaut wurde?"
Bhattacharjee hat inzwischen ein Team Gleichgesinnter um sich versammelt, allen voran den IT-Minister Manabendra Mukherjee und den Industrieminister Nirupam Sen. Beide reisten eigens zur Cebit nach Hannover. Doch diesen pragmatischen Cash-and-Curry-Kommunisten stehen im 41 Mann starken westbengalischen Kabinett auch Bremser gegenüber - Apparatschiks alten Schlages. Gerade erst hat einer der kommunistischen Kandidaten für Kalkuttas Bürgermeisteramt öffentlich die "bourgeoisen" Kräfte mit ihrer "dekadenten" Konsumkultur angegriffen und eine Rückkehr zum "egalitären, einfachen Lebensstil" gefordert.
In den Außenzonen der Großstadt, in den neuen Wohnvierteln der Reichen wie Diamond City oder in den Industrieparks wie Infinity, sind Bauarbeiter viel zu beschäftigt, um sich über solche vereinzelten Vorgestrigen Gedanken zu machen.
Da werden Tag und Nacht Glas- und Stahltürme hochgezogen, fast schon wie in Shanghai oder im chinesischen Perlfluss-Delta. Überdimensionale Schilder verkünden: "Hier entstehen Kalkuttas neue Wahrzeichen!"
Andere Schautafeln zeigen den Verlauf der Investitionstätigkeit in den letzten Monaten - Tendenz: stark steigend.
Von hier aus wird die Welt bedient, mit Serviceleistungen aller Art. Auf nagelneuen Sesseln, deren Plastiküberzüge noch nicht einmal abgenommen sind, sitzen junge Inderinnen und Inder in Jeans und hochgekrempelten Hemden. Jeder in seinem von drei Seiten mit Wandschirmen abgetrennten zwei Quadratmeter großen Block: Telefonanlage zugeschaltet, Blick auf den Bildschirm. Sie haben die ganze Erde am Ohr - die englischsprachige. 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche; im permanenten Schichtwechsel, die Zeitverschiebung hilft dabei. Die Zukunft Kalkuttas heißt auch Callcenter.
Australien ist morgens am besten zu erreichen, gefolgt von Europa, der Ostküste der USA, dann der Westküste. Die Flut der Anrufe stoppt nie, der Computer schaltet nach wenigen Sekunden Erholungspause digital eine neue Nummer zu, die Dienstleistung ist allumfassend: Incoming calls, outgoing calls, incoming, outgoing.
"Good Morning, Madam, wir möchten Ihnen ein besonderes Angebot der Telecom Melbourne nahe bringen ..."
"Sir, natürlich können Sie Ihre verlorene Kreditkarte in San Francisco sofort ersetzt bekommen. Sie gehen zum Union Square und dann ..."
"Hello, Kansas. Was genau meinen Sie, wenn Sie sagen, Ihr PC entwickelt ein böswilliges Eigenleben? Lassen Sie uns gemeinsam versuchen, ihn wieder vernünftig zu machen. Also ..."
"Gnädige Frau, auch für Sie in New York gelten unsere allgemeinen Kreditrichtlinien. Leider müssen wir Ihnen sagen ..."
"Nein, Sir, ich kann nicht mal schnell in Ihrer Wohnung im Londoner Westend vorbeikommen. Aber was das Ausfüllen Ihrer Versicherungsunterlagen betrifft ..."
Mehr als eine viertel Million Inder arbeiten landesweit für solche Callcenter - allein in Kalkutta sind es mittlerweile Zehntausende. Sie geben Kundendiensttipps, treiben Rechnungen ein, spüren verlorenes Airline-Gepäck auf. Sie machen all das, was eine Dienstleistungswelt am Telefon erledigen kann. Und sie machen es billiger, als es Amerikaner, Deutsche oder Engländer je könnten. Was im Westen Aushilfsjobs für Unterqualifizierte waren, wurden in Indien relativ gut bezahlte Prestigejobs für Universitätsabsolventen. Die Kunden merken meist nicht einmal, dass sie vom anderen Teil der Erde aus bedient werden: Die globalisierte Technik und das Lohngefälle machen es möglich.
Manche Dienstleister haben sich spezialisiert, auf britische Krankenversicherungen und ihre bürokratischen Hürden etwa. Oder auf amerikanische Steuerbescheide: Im Jahr 2003 wurden 25 000 solcher Formulare in Indien bearbeitet, vergangenes Jahr waren es um die 100 000, im Jahr 2005 sollen es schon über 400 000 sein. Geht es in diesem Tempo weiter, dürften in einem Jahrzehnt ganze Berufszweige wie der des Steuerberaters "ausgelagert" sein.
Es mag Kalkutta-Unternehmer geben, die ihre Telefonbediensteten schlecht anlernen und in heißen Hinterzimmern arbeiten lassen. Doch das sind die Ausnahmen, wird versichert. Denn die sogenannten Back-Office-Firmen werden von bengalischen wie auch von den internationalen Partnerunternehmen überprüft. "Wir haben keine Probleme mit dem Personal und können bei unseren Neuanstellungen sogar auf besonders gutes, akzentfreies Englisch achten", sagt Nirmal Bagaria, Chef der BNKe-Gruppe in Kalkuttas Industriepark. "Wir haben jetzt auch ein Team von deutschsprachigen Kollegen. Können Sie uns bei der Kundensuche behilflich sein?"
Die Outsourcer mögen die Hightech-Möglichkeiten besonders clever nutzen, Indiens wahre Helden sind diejenigen, die diese Zukunftstechnologien selbst und an vorderster Front mitgestalten. Besonders erfolgreich sind dabei die Software-Ingenieure. Fast jeder dritte IT-Experte weltweit kommt mittlerweile aus Indien, was vor allem an der Ausbildung liegt. Direkt hinter drei amerikanischen Universitäten - und vor jeder europäischen - wählten internationale Fachleute das Indian Institute of Technology (IIT) von Kharagpur bei Kalkutta gerade zur besten Technik-Hochschule weltweit. Und Kharagpur ist nur eines von sieben solcher Elite-Institute des Landes.
Die meisten Hightech-Firmen sind heute in Kalkuttas Software-Parks vertreten: über 200 Gesellschaften, darunter IBM, Siemens, Skytech. Erst vor einem Jahr hat Indiens Software-Gigant Wipro Corporation seine Anlagen für 1500 Mitarbeiter fertig gestellt, die schon wieder zu klein sind. In zwei Jahren sollen im bengalischen Werk der Firma 7000 arbeiten.
"Unsere Erfahrung in Kalkutta ist extrem positiv, die Wirtschaftspolitik der KP ist bewundernswert unternehmerfreundlich", sagt Wipro-Chef Azim Premji, 60. Der Unternehmer lobt besonders das schier unerschöpfliche Reservoir talentierter bengalischer Arbeitskräfte; außerdem die zuverlässige Stromversorgung - nicht selbstverständlich in Indien mit seinen zahlreichen Blackouts. Sogar in Bangalore gehen öfter die Lichter aus. Die Erfolgsstadt beginnt auch wegen mangelnder Verkehrsplanung und Überbürokratisierung allmählich an ihrem eigenen Erfolg zu ersticken. Vorteil: Spätstarter Kalkutta.
Das Wort des Wipro-Chefs hat Gewicht. Premji gilt als Indiens Antwort auf Bill Gates, als Idol, dem die Cyber-Jugend des Landes nacheifert. Nicht von einer Green- Card-Karriere in Deutschland träumen die meisten, sondern von einer Premji-Karriere in Indien. Zwischenzeitlich standen seine Firmenaktien so hoch, dass internationale Medien den mit 83 Prozent an seinem Unternehmen Beteiligten zum drittreichsten Mann der Welt kürten: Vermögen damals etwa 35 Milliarden Dollar.
Seine an Geiz grenzende Genügsamkeit ist sprichwörtlich. Premji fliegt nur Economy und achtet darauf, in Mittelklassehotels abzusteigen. Er besteht nicht einmal auf einem eigenen Parkplatz am Firmengelände. Der Chef kommt ohnehin früher als der Rest seiner Belegschaft und findet schon deshalb immer einen freien Platz.
"Indische Unternehmer müssen Vorbilder sein, sie dürfen nicht in Luxusgefilde abheben", sagt er. "Nur dann hat der Kapitalismus nach all den sozialistischen Experimenten eine Chance, als Modell zur Verbesserung der Lebensumstände akzeptiert zu werden." Westbengalens Chefminister Bhattacharjee gehört zu den Lieblingspolitikern des Milliardärs. Die beiden treffen sich häufiger und mögen sich.
Premjis Haar ist schlohweiß, das Kinn vorgereckt, die Nase kühn geschwungen. Wie seine Finger immer neue weite Kreise in der Luft drehen, das hat etwas von der Zielstrebigkeit eines Habichts. Er hat in seinem Leben lernen müssen zuzupacken, schneller und härter, als er es wollte. Nach der Schulausbildung in Bombay begann der Sohn einer Muslimfamilie an der amerikanischen Elite-Universität Stanford Ingenieurwissenschaften zu studieren. Er genoss das lockere Campus-Leben, träumte von einem gemütlichen Job, vorzugsweise bei der Weltbank. Doch dann starb sein Vater, und über Nacht wurde der 21-Jährige von seiner Verwandtschaft in die Pflicht genommen.
Er musste zurück in die Heimat und das kleine Familienunternehmen übernehmen, die Western India Vegetable Products. Er erweiterte die Palette des Angebots, bestehend hauptsächlich aus Speiseöl, um Produkte wie Badeseife und dachte sich: Das kann es noch nicht gewesen sein. Die Chance kam, als IBM, das den indischen Markt mit minderwertiger elektronischer Massenware zugeschüttet hatte, 1977 aus politischen Gründen des Landes verwiesen wurde. "Es entstand eine Marktlücke", sagt Premji schlicht.
Für einen Spottpreis kaufte er von einer kleinen Firma in Cincinnati Mikroprozessoren und baute zur Verblüffung der Amerikaner bald passable Elektronikgeräte. Schon dabei fiel ihm der hervorragende Wissensstandard seiner heimischen Jungingenieure auf. Als später die Internet-Revolution anbrach, war Premji mit seiner neuausgerichteten Firma Wipro wieder vorneweg. Bald begnügte er sich nicht mehr damit, den internationalen Konzernen, die nach der Wirtschaftsliberalisierung Anfang der Neunziger wieder ins Land geströmt waren, zuzuliefern. Mit Software-Know-how machte er aus seinem Kleinunternehmen eine Weltfirma, deren Aktien längst an der New Yorker Börse gehandelt werden.
"Ich fühle mich in der Pflicht, Indien etwas zurückzugeben", sagt der Milliardär. Premji gründete Anfang 2000 eine Stiftung, die landesweit in abgelegenen Gegenden Dorfschulen finanziert, "denn wir sind in Hightech Weltspitze und bilden nach den USA die meisten Computerspezialisten aus. Aber wir versagen dabei, den Ärmsten auf dem Land eine Chance zu ermöglichen".
Die Statistiken geben ihm Recht: Die Atommacht Indien, die Satelliten ins Weltall schickt, kann kaum die Hälfte seiner Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser und Strom versorgen. Noch immer sind über 40 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Die Geburtenrate fällt nicht stark genug. Ein Fünftel der Menschen gilt als unterernährt, dem Land droht eine Aids-Epidemie.
Bisher haben sich Indiens Probleme besonders dramatisch in Kalkutta gebündelt: Die Stadt wirkte wie ein Magnet für die Armen aus den Bundesstaaten Bihar und Orissa. Besonders aber 1971, beim Krieg gegen Pakistan und der blutigen Staatsgründung Bangladeschs, überfluteten Hunderttausende die Stadt - ein Menschen-Tsunami, der kaum zu verkraften war. Doch Premji ist sicher: Die schlimmen Zeiten sind vorbei. Er glaubt an Kalkutta, die Stadt, die von sich stolz behauptet, die größte Zahl von Indiens Internet-Nutzern zu haben. "Den Doppelkräften Informationstechnologie und Globalisierung gehört Indiens Zukunft", sagt der Modellunternehmer. "Sie werden uns beispiellosen Wohlstand bringen."
Ist er da nicht viel zu optimistisch? Ist das Software-Geschäft nicht nur eine winzige Insel der Seligen in Indien, die allenfalls einen Bruchteil der Arbeitskräfte auffangen kann und zur Gesamtwirtschaft eher einen marginalen Anteil beisteuert? Premji kann auf eine McKinsey-Studie verweisen, die für die nächsten Jahre erstaunliche Zahlen prophezeit: Die IT-Industrien Indiens werden demnach bis zum Jahr 2008 vier Millionen Menschen beschäftigen. Im vergangenen Jahr waren es etwa 900 000. Sie werden 2008 über 60 Milliarden Dollar Exportgelder einspielen (im Vorjahr: 17 Milliarden) und damit sieben Prozent des Bruttosozialprodukts liefern (heute: knapp vier Prozent).
"Fortschritt muss irgendwo beginnen, damit sich neues, flexibleres Denken ausbreitet - und dann setzt man auf den Schneeballeffekt", sagt Premji. Aber auch er weiß, dass diese Erfolgsbranche allein Indiens Probleme nicht lösen kann.
In Kalkutta hofft die bengalische Regierung bis 2010 sehr optimistisch auf 400 000 neue IT-Jobs. Gleichzeitig bemüht sie sich, die "klassischen" Industrien nach Kalkutta zurückzuholen. Eine große Jute-Produktion wie früher wird es wohl nicht mehr geben, aber Stahl wie Kohle könnten zum Comeback der Stadt beitragen, so die Hoffnung. Der Inder Lakshmi Mittal hat es im Stahlgeschäft schließlich weltweit zur Nummer eins geschafft und gilt heute ebenfalls als Multimilliardär. Und warten nicht auch bei der Nahrungsmittelproduktion neue Chancen? Der US-Multi PepsiCo hat im vergangenen Herbst in der Nähe Kalkuttas ein Riesenwerk speziell für Kartoffelverarbeitung aufgebaut, mit allerhand Steuervergünstigungen durch die KP-Regierung.
Westbengalens Industrieminister Sen meint glücklich: "Kalkutta braucht eben beides: Produktion von Kartoffelchips und Computerchips." Und weil zu seinen wichtigen Gesprächspartnern altkommunistische Gewerkschafter ebenso wie knallharte Konzernvertreter gehören, hat er - Kalkuttas duales System - auch sein Büro im Regierungsgebäude entsprechend ausgestattet: Auf dem Schreibtisch neben dem Computer liegt ein Leitfaden von Kapitalisten-Guru Jack Welch, an der Wand hängt ein vergilbtes Lenin-Porträt.
Die neue Hightech-Elite hat das Stadtbild verändert. Zwischen bröckelnden Fassaden sind neue glitzernde Einkaufszeilen wie das Forum mit seinen Designer-Läden entstanden, auch Pubs und Discotheken. Zum Zentrum der gutverdienenden "Techies" wurde die Park-Straße, nahe dem heruntergekommenen großen Stadtpark Maidan, jetzt offiziell zur Mutter-Teresa-Straße umbenannt. In cool gestylten Bars wie "Someplace Else" oder "Shisha" diskutieren sie bei Kingfisher-Bier die besten Aufstiegschancen und möglichen Gehaltserhöhungen. Und gelegentlich ist Stolz auf das neue Kalkutta zu spüren.
"Jetzt kommt auch noch der Multi Nortel in die Stadt", sagt ein junger Mann mit Dreitagebart und zeigt seinen Freunden die Meldung des "Telegraph" vom Tage. "Ob wir vielleicht doch noch China einholen?" Zwei andere, die gerade aus Shanghai zurückkommen, winken ab. "Mach dir keine Hoffnung, die spielen in einer anderen Liga: Kalkutta ist ein indisches Regionalzentrum, Shanghai eine Weltstadt."
Der Wettbewerb mit dem großen Konkurrenten aus dem Osten beschäftigt sie alle. Die Frage, weshalb die Volksrepublik es so viel besser geschafft hat, die Weltmärkte zu erobern. Sind es die bremsenden Kräfte der Hindu-Religion mit ihrem Kasten-Unwesen? Die lange vorherrschende "Red-Tape-Politik" der indischen Linken - oder gar die notwendigerweise langsameren Entscheidungsprozesse einer Demokratie?
Kalkuttas Jugend glaubt jedenfalls an morgen. Alle in der Kneipe sind sich sicher, dass Indien und China Großmächte werden, die sich ideal ergänzen und denen die Zukunft gehört: China produziert als "Fabrik der Welt" die Hardware, die Produkte zum Anfassen; Indien als "Entwicklungslabor der Erde" die Software. Die Techniker aus Kalkutta setzen auch auf eine Multiplizierung des Warenaustauschs zwischen den beiden Milliardenvölkern - und hoffen, dass dabei auch ihre erwachende Metropole zu den Gewinnern gehören wird. Im September soll der Nathula-Pass zwischen Sikkim und Tibet geöffnet werden. Das ist mehr als eine symbolische Wiederannäherung der beiden Riesenreiche. Denn dann können Güter aus dem Hafen der Westbengalen-Hauptstadt über Land direkt bis nach China rollen - und umgekehrt.
Die feuchtheiße Hitze schlägt über den jungen Männern zusammen, als sie die Bar gegen zwei Uhr morgens verlassen. In den letzten Stunden sind die politischen Diskussionen abgeebbt, denn nach Mitternacht haben sich junge Damen, jeweils paarweise, eingefunden: indische Schönheiten mit langen, schwarzen Haaren, Designer-gestylt. "In Sachen Beauty sind wir schon eine Großmacht", hat kürzlich eines der vielen neuen indischen Modemagazine geschrieben und die zahlreichen Miss-World-Titel aufgezählt, die an den Ganges gegangen sind.
Vom Türsteher hereingewinkt wurden aber auch zwei Blondinen, die sich auf Russisch unterhielten und professionell prüfend ihre Blicke schweifen ließen. Es sei eine Schande, dass Prostituierte aus dem Ostblock nach Bombay und Delhi nun auch Kalkutta entdeckten, hatte Anfang Mai eine örtliche Zeitung befunden. Ein anderes Blatt sah das weniger als Heimsuchung denn als Auszeichnung: "Offensichtlich ist eine Schicht von Kalkutta inzwischen reich genug, um als Kunden von Interesse zu sein."
Drei aus der Gruppe der jungen Ingenieure besitzen schon ihren eigenen Kleinwagen, nur Software-Experte Surendranath hat noch kein Auto. Der IBM-Angestellte spart auf eine Wohnung. Er wendet sich nach dem Barbesuch einem Rikscha-Fahrer zu. Umständlich steigt er auf das klapprige Gefährt, das der barfüßige Mann mit nacktem Oberkörper langsam in den immer noch starken Verkehr hineinschiebt.
Rikscha-Fahrer sind in Kalkutta Rikscha-Zieher, denn anders als in fast allen indischen Großstädten haben sie kein Fahrrad vorgespannt, sondern arbeiten barfuß am Boden, mit nichts als ihrer Muskelkraft - ein Berufszweig, der von der Globalisierung auf den ersten Blick wenig betroffen scheint. Wohl aber vom Sinn und Unsinn indischer Gewerkschaftspolitik.
Badal zum Beispiel zieht schon seit 22 Jahren eine Rikscha. Die harte körperliche Arbeit hat dem hageren Mann Hornhäute auf den Füßen und sehnige Muskeln verschafft, ihn aber auch schnell altern lassen. Obwohl er erst 40 ist, wirkt er ein Jahrzehnt älter. "Mein Vater war schon Rikscha-Fahrer", sagt er. "Unser Beruf ist weit älter als unser Staat." Badal ist stolz, dass er nicht mehr für einen "Malik" ("Boss") ackern muss, sondern auf eigene Rechnung. Quasi als Ich-AG stellt er unter seinen etwa 30 000 Kollegen eher die Ausnahme dar, nicht dagegen mit seiner Gewerkschaftszugehörigkeit: Für elf Rupien Jahresgebühr (etwa 20 Cent) ist er wie fast alle seiner Kollegen organisiert.
Die Gewerkschaft hat mit Generalstreiks immer wieder verhindert, dass in Kalkutta Fahrrad- oder Dreiradauto-Rikschas eingeführt wurden. Schon früh versuchte die KP-Regierung die "menschenunwürdige" Kuli-Tätigkeit abzuschaffen. Sie scheiterte an Protesten der Organisation, die ihre Mitglieder mit dem Gespenst einer drohenden Massenarbeitslosigkeit mobilisierte. Inzwischen versucht die Regierung es mit Zuckerbrot und Peitsche: Zieh-Rikschas werden strenger auf Straßentauglichkeit überprüft; sie dürfen nur auf Seitenstraßen verkehren. Wer sein Gefährt freiwillig abgibt, erhält umgerechnet 220 Euro.
Aber Badal will nicht. Für ihn ist sein altersschwaches Gefährt die Lebensgrundlage. "Entwürdigend" kann er seinen Job nicht finden, wenngleich die Variante mit dem vorgespannten Fahrrad "wohl nicht schlecht wäre, wenn wir dem zugestimmt hätten". Der Verkehr werde immer schlimmer, sagt er. Weiter zieht er seine Rikscha die Lenin-Straße hinunter, die Karl-Marx-Straße, die Ho-Tschi-minh-Straße und wie all die Revolutionserinnerungswege sonst noch heißen, auf denen nun "globalisierte" Renault- und Toyota-Modelle die einheimischen Autos abzulösen beginnen.
Kalkutta, hat Grass einmal gesagt, sei nichts weniger als der "Spiegel unserer Welt". 18 Jahre nach seinem letzten Trip ist der deutsche Schriftsteller im Januar dieses Jahres wieder in die Mega-City zurückgekehrt. Die IT-Parks und das neue Kalkutta hat er nicht besucht - und fand doch eine Stadt vor, in der sich auch seiner Meinung nach vieles zum Positiven verändert hat. Weniger Slums, weniger Obdachlose. Die Apokalypse, die er einst in seinen Büchern "Der Butt" und "Zunge zeigen" heraufbeschwor - sie ist zumindest vertagt.
Es lassen sich sogar Anzeichen einer aufkommenden Zivilgesellschaft beobachten. Als im Bundesstaat Gujarat vor drei Jahren die letzten schlimmen Unruhen zwischen Religionsgruppen Indiens tobten, da sind die Menschen gemeinsam zu Demonstrationen auf die Straßen gegangen: Hindus, Muslime, Sikhs, Christen. Alles andere als die von Grass einst beschriebenen Kalkutta-charakteristischen "Kadaver, die auf Verfall bestehen".
Vielleicht gewinnt eine verschüttete, aber im Untergrund immer vorhandene Strömung wieder die Oberhand - jetzt, da Informationstechnologie und Globalisierung die bisher traditionelle Trennung zwischen Kopfarbeit für Höherkastige und Handarbeit für Niederkastige aufweichen: die Lust am Lernen. Vorbilder gibt es genug. Die Stadt der Slums war immer auch Stadt großer Denker: Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore (Auszeichnung: 1913), Filmregisseur und Goldener-Bär-Gewinner Satyajit Ray (1973), Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen (1998) stammen aus Kalkutta oder der Umgebung. Und auch einige der progressiven Hinduismus-Reformer haben in der Bengalen-Hauptstadt ihre Gedanken entwickelt.
Rikscha-Mann Badal erledigt derweil seine letzten Fuhren in dieser Nacht. Schauplatz ist Sonagachi ("Goldener Baum"), das berüchtigte Rotlichtviertel der Stadt. Hier stehen wie in einem grotesken Ballett, wie in einem grausamen Jahrmarkt grellgeschminkte 14-Jährige aus Nepal Spalier, konkurrieren kusshandwerfend mit noch jüngeren Prostituierten aus Bihar. Und selbst dieses Chaos gehorcht einer geheimen Ordnung. Es gibt einen Strich für Hindus, für Muslime, für besserverdienende "Anglo-Indians".
Badal kommt mit seiner Rikscha gern nach Sonagachi. Die Freier schauen so spät nicht mehr auf jede Rupie. Und er hat Glück. Die letzte Fahrt bringt ihn Richtung Howrah-Brücke. Hier, am Hugli, unter den mächtig geschwungenen Eisenträgern, ist sein Slum. Früher hatte seine Familie nur ein Stück Wellblech, Pappe und alte Vorhänge zum Zuziehen. Jetzt ist seine Bleibe eine richtige Bretterhütte geworden. Auf die Wände sind Hammer und Sichel gemalt. Die kommunistischen Symbole konkurrieren mit einem Kalenderbild der Göttin Kali. Ein Transistorradio belegt bescheidenen Wohlstand. Auf dem Boden aber schlafen sie noch immer, Badal, seine Frau, vier Töchter und Chandra, der sechsjährige Sohn.
"Er kann schon lesen und schreiben", sagt Badal, der Analphabet ist, stolz in die Richtung seines schlafenden Stammhalters, während er sich den Schweiß des Tages von der Stirn wischt. "Er soll mal Computer lernen." Was es so ganz genau mit diesen modernen Kisten auf sich hat, weiß der Rikscha-Mann nicht. Aber er hat gehört, dass in der Beschäftigung mit dem Computer die Zukunft liegt. Das sagen sie alle, seine Kollegen, auch der Lehrer des Kleinen. Und deshalb spart er auf so einen Apparat für seinen Sohn.
Und weil Chandra ihr ein und alles ist, und weil er später auch für seine Eltern sorgen soll, beschützen sie ihn rund um die Uhr. Das heißt für Badal und seine Frau in Schichten schlafen. Denn jetzt, wenn die Regenzeit einsetzt, sind die Ratten besonders aggressiv. Sie kommen die Flussböschung herauf, drängen lautlos durch die Wasserrohre und machen sich ebenso systematisch wie bevorzugt über Kleinkinder her. Erst neulich haben sie ein Baby totgebissen, drei Slumreihen weiter.
Wenn man aber einen Stock bereithält und nicht eindöst, dann ist alles halb so schlimm. Die Biester lassen sich leicht vertreiben, leichter zumindest als alle anderen alten Geister dieser Stadt.
ERICH FOLLATH
MITARBEIT: PADMA RAO
Von Erich Follath Mitarbeit: Padma Rao

SPIEGEL SPECIAL 7/2005
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