04.04.2006

Das globale Spiel

Was Fußball über die Welt erzählt.
Ein Satz ist von jetzt an verboten. Bis zum 9. Juli steht er auf dem Index, wir wollen ihn nicht hören, nicht lesen. Der Satz heißt: Es ist doch nur ein Spiel.
Dieser Satz ist immer falsch. Der Fußballfan erlebt freitags, samstags, sonntags und montags, wenn die Ligen spielen, dienstags, mittwochs und donnerstags, wenn die Europapokale laufen, das Gegenteil. Er hält den Atem an, wenn der Ball auf die Eckfahne zurollt und ungewiss ist, ob er sie links oder rechts passiert. Weil es einen Unterschied macht, einen verdammt großen Unterschied, ob es Ecke gibt oder Einwurf.
"Ist doch egal", ist kein Satz aus der Fußballwelt. Es ist nie egal, in jeder Situation liegt der Kern von Triumph oder Depression. Sieg oder Niederlage entscheiden für den Fußballfan, welcher Mensch er ist, ein fröhlicher, umgänglicher oder ein grimmer, unleidlicher. Ein Spiel, das so stark über Befindlichkeiten herrscht, ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Macht. Da diese Macht weltweit herrscht, ist Fußball eine Weltmacht.
Es gibt noch ein paar andere Weltmächte. Politisch sind es die USA, und ansonsten sind es Firmen, die in den USA zu Hause sind: McDonald's, Coca-Cola, die Filmstudios in Hollywood, Microsoft, Google. Nichts gegen die USA, aber wir können uns glücklich schätzen, dass es wenigstens eine Weltmacht gibt, die Globalisierung nicht als amerikanisches Projekt betreibt.
Fußball, das sind Old Europe und New Europe, das ist Brasilien plus der Rest von Lateinamerika, das ist Afrika, Asien, Australien, das sind die USA, das ist die islamische Welt. Eine WM ist immer auch ein Fest der Globalisierung, einer besseren, als wir sie sonst erleben. Die Welt trifft sich zum herrschaftsfreien Diskurs. Fußball ist ein Beispiel für eine gerechte Weltordnung.
Ein Spiel, aber nicht nur. Wenn die WM gelingt, wenn Terror ausbleibt, wenn Iran mitspielen wird, wenn die Hooligans in Schach gehalten werden und Doping keine Rolle spielt, wenn es ein fröhliches Fest wird, ist das Auseinanderdriften der Welt ein bisschen aufgehalten. Ein bisschen ist viel, so wie die Lage derzeit ist.
Diese Macht des Fußballs überrascht, denn das Spiel ist nur noch ein Überlebender, ist durch tausend Feuer gegangen, wurde missbraucht und versehrt - und überstrahlt dennoch jeden anderen Sport. Der Fußball hat die gnadenlose Kommerzialisierung überlebt, die Explosion der Ablösesummen und Gehälter, die Dominanz der Sponsoren, die sich in den Stadien immer breiter machen. Der Fußball hat die Geltungssucht von Tycoonen wie Berlusconi oder Abramowitsch überlebt, die Vereine in Spielzeuge verwandeln. Der Fußball hat die Flatterhaftigkeit der Spieler überlebt, die heute ein rotes und morgen ein blaues Trikot überstreifen und von der Identifikation der Fans nichts zurückgeben können. Der Fußball hat überlebt, dass seine Akteure mehr und mehr zu Kraftmenschen werden, die sich nach strengen Mustern auf Ball und Gegner stürzen. Der Fußball hat sogar das deutsche Dosenpfand überlebt. Es liegen nicht mehr genug Dosen herum, an denen der Nachwuchs seine Schusstechnik üben kann.
All das wird verkraftet. Wenn der Spieltag gekommen ist, wenn das Stadion ächzt und brüllt wie ein Tier, wenn der Ball rollt, sind die üblen Geschichten vergessen. Der aufgeklärte Fußballfan kann sich hundert Gründe sagen, warum er beim Anpfiff nicht ins Fieber fallen soll, warum es nun reicht und nicht mehr mit ihm, nie wieder ... und fällt ins Fieber. Nach fünf Minuten ist er an dieses Spiel verloren, selbst wenn es schlecht ist, er schimpft und hasst, doch im nächsten Moment ist es wieder Liebe, große Liebe für einen Spieler, eine Mannschaft.
In Deutschland boomt der Fußball, obwohl es im vergangenen Jahr einen Schiedsrichterskandal gab. Die halbe Welt ist wütend, weil sie bei den Verlosungen der WM-Tickets nicht zum Zuge kam.
Es gibt viele Erklärungen dafür, dass ausgerechnet dieses Spiel so viel Leidenschaft in aller Welt auslöst. Fußball ist ein Spiel für alle. Die Kleinen haben ein Vorbild an Philipp Lahm oder Roberto Carlos, die Langen an Lúcio oder Luca Toni, die Dicken an Ronaldo. Größere Intelligenz ist weder nötig noch schädlich.
Fußball kann überall gespielt werden, in jedem Land. Es reichen eine freie Fläche und ein paar ineinander gewickelte Socken oder eine Dose. Es ist also leicht, Fußball zu spielen, aber warum schauen so viele zu? Zum einen, weil sie selbst spielen oder gespielt haben. Zum anderen hat es mit Räumen zu tun, mit Verdichtung und Öffnung. Es ist diese spezielle Mischung von Gewühl und Befreiung, die es nur auf großen Spielfeldern gibt.
Man mag den Fußball auch für das Gedribbel und Gegrätsche, aber die großen, erhabenen Momente sind die langen Pässe, die langen Läufe, die das Spiel öffnen. Nur im Fußball konnte Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes kommen. In keinem anderen Mannschaftssport gibt es eine solche Vielfalt an Spielsituationen.
Fußball ist dem Leben näher als Basketball oder Handball, wo das Spiel aus der sturen Konfrontation von Angriff und Abwehr besteht. Beim Fußball gibt es ein Mittelfeldspiel, und das Mittelfeld ist der Ort des Lebens. Aus dem Mittelfeld heraus entwickeln sich Sieg oder Niederlage, Triumph oder Depression, im Mittelfeld droht das Leben zu versacken, im Mittelfeld verbringt man wartend seine Zeit, gleichsam mit müßigem Ballgeschiebe, bis sich vielleicht doch eine Chance ergibt. Aber Tore sind selten, im Leben wie im Fußball.
Natürlich sitzt nicht jeder im Stadion und erkennt dort ein Gleichnis für seinen Alltag. Man kann es auch so sehen: Bierchen, Wurst, was zu gucken haben, mit 50 000 anderen tüchtig brüllen, macht immer einen guten Nachmittag.
Es ist aber nicht zu leugnen, dass der Fußball die Gesellschaft abbildet und in sie hineinwirkt. Frankreich hat sich als Einwanderungsland erst gemocht, als die Einwandererkinder Zinedine Zidane oder Marcel Desailly 1998 den WM-Titel im eigenen Land geholt haben, auch wenn die Kraft des großen Vorbilds nicht reichte, um die Aufstände in den Vororten im vergangenen Jahr zu besänftigen. In Deutschland wächst erstmals eine Generation von Kindern heran, die ihre Nationalmannschaft nicht am weißen Trikot und am weißen Gesicht erkennt. Patrick Owomoyela und Gerald Asamoah sind deutsch und dunkel. Wer sie verachtet, ist kein Patriot und ein Idiot sowieso. Es ist der Fußballplatz, wo gerade die weniger weltoffenen Bürger ihre Vorurteile überdenken müssen, wo Globalisierung eingeübt wird.
Wer einen Verein liebt, ist längst Internationalist oder müsste es sein. In einem Bundesligaspiel stehen manchmal nur drei, vier Deutsche auf dem Rasen. Schön wäre, könnte man jetzt schreiben, was logisch klingt: Wer Rassist ist, kann nicht mehr Fußballfan sein. Leider gilt das nicht für alle. Es gibt noch immer Rassismus im Stadion. Der Kameruner Eto'o vom FC Barcelona wollte kürzlich das Spielfeld in Saragossa verlassen, weil manche Zuschauer seine Aktionen mit Affengeräuschen begleitet haben.
Ein Stadion ist nicht nur der Ort des Schönen und Guten, sondern manchmal das Gegenteil. Es ist weniger ein Idyll als ein Abbild. Die Gesellschaft erkennt sich hier auch in ihren problematischen Seiten, Rassismus und Gewalt, aber gleichzeitig liefert das Spiel Instrumente dagegen. Weil Fußball so populär ist, sorgt er für etwas extrem Wichtiges in disparaten Gesellschaften, in einer disparaten Welt: Erreichbarkeit. Während Eto'o geschmäht wurde, zeigte der Torwart von Real Saragossa auf einen schwarzen Mannschaftskameraden. Das sollte heißen: Seht her, auch einer von uns. Die Welt wird so nicht gleich geheilt, aber die Rassisten sahen sich erwidert, herausgefordert. Wer von Politikern längst nicht mehr ansprechbar ist, ist es vielleicht noch von Fußballstars. Nur dieses Spiel dringt vor bis in die hintersten Winkel der Gesellschaft.
Diese unvergleichliche Kraft, Menschen zu erreichen, macht den Fußball und die WM auch zu einer kleinen Hoffnung für eine Welt, die sich gerade wieder in zwei Lager spaltet.
Als Osama Bin Laden 1994 in London war, ging er hin und wieder zu Spielen von Arsenal. Die Vorstellung, dass er da irgendwo gesessen hat in Highbury Park, vielleicht Osttribüne, Reihe 17, Sitz 4, schmal und unauffällig, holt ihn aus seiner Höhle zurück in die Welt. Er ist kein Dämon, kein Teufel, sondern einer von uns, einer der Miesesten und Schrecklichsten, aber wer zum Fußball geht, ist Mensch. Also sollte man ihn kriegen können.
Die andere gute Botschaft ist: Man kann den Westen offenbar nicht so sehr hassen, dass man deshalb darauf verzichten möchte, die Spiele einer Londoner Mannschaft zu erleben. Denn das Spiel gehört allen, den Iranern wie den Engländern wie den Chinesen wie den Amerikanern. Beim Basketball ist das anders. Basketball gehört den Amerikanern, die anderen können sie dabei nur nachahmen. Deshalb kann nur Fußball fast jeden erreichen, Amerikaner wie Amerikahasser.
Das ist die "soft power" der Weltmacht Fußball. Sie vereint uns in Momenten der Schönheit. Nun wird ein Zuckerpass Bin Laden nicht davon abhalten, Terror zu verbreiten. Er hat sogar einen Anschlag auf die Fußball-WM 1998 in Frankreich geplant. Aber allen, die noch nicht irrsinnig sind vor Hass, kann das Spiel Brücken bauen.
Im Kalten Krieg galt "der Russe" als böse. Irgendwie war, in der Wahrnehmung des Westens, jeder Russe ein kleiner Breschnew. Und dann kam Oleg Blochin und zauberte seine Tore. Plötzlich gab es zwei "Russen", Breschnew und Blochin, der eigentlich Ukrainer ist, aber das spielte damals keine Rolle. Und wenn es zwei Russen gibt, dann gibt es vielleicht sogar noch mehr. Am Ende, dachte man, ist sogar jeder Russe ein Individuum, und davon gibt's ja, wie man wusste, böse und gute. Fußball hat die Welt deshalb nicht vor verheerenden Kriegen gerettet, aber er hat dazu beigetragen, dass der Hass nicht überbordend wurde.
Was könnte der Welt also Besseres passieren, als wenn die großen Stars dieser WM ein Iraner und ein Amerikaner würden. Wenn Ali Karimi und Landon Donovan den Globus mit ihren Künsten verzauberten, die eigene Welt und die jeweils andere. Dann gäbe es plötzlich zwei Iraner, Karimi und Ahmadinedschad, sowie zwei Amerikaner, Donovan und Bush. Vielleicht wäre auch diesmal ein bisschen weniger Hass in der Welt. Das wäre ja schon was. Und schade, dass die Dänen nicht dabei sind.
Wahrscheinlich werden aber wieder die Brasilianer alle verzaubern. Brasilien, fünfmal Weltmeister, ist der Hegemon in der Fußballwelt, aber ein Hegemon, den alle lieben. Das geht auch. Er ist nicht so stark, dass nicht auch mal die anderen gewinnen könnten. Er tritt meistens fröhlich auf und nicht arrogant. Und wenn er gewinnt, dann oft so überzeugend, dass die ganze Welt ein gelbes Hemd anzieht und brasilianisch sein will. Das ist Globalisierung, wie sie sein sollte.
Von DIRK KURBJUWEIT

SPIEGEL SPECIAL 2/2006
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