09.05.2006

Pyramiden der Tiefsee

Fortschritte in der Ortungstechnik haben einen Goldrausch im Ozean ausgelöst: Wissenschaftler enthüllen die Geheimnisse vergangener Epochen, Schatztaucher durchwühlen legendenumwobene Wracks auf der Suche nach Ruhm und Reichtum.
Die Polizisten aus Jakarta waren nachts hinübergeflogen auf die Insel Belitung vor Sumatra. Am Morgen des 22. Dezember vergangenen Jahres sperrten sie gemeinsam mit Beamten aus der Region den sandigen Hohlweg ab, der vom Dörfchen Keciput Kelayan auf eine paradiesische Landzunge hinausführt. Dann rückten sie auf die freistehende Strandvilla vor.
Dort residierten die Leute der Firma "Seabed Explorations", die der deutsche Schatzsucher Tilman Walterfang, 49, mitbegründete. Das Haus war fein gewählt, verfügt es doch nicht nur über ein Dutzend Zimmer, einen Landungssteg und ein Bootshaus - es gibt dort auch einen wunderbaren Meerblick auf die Karimata-Straße: Indonesiens Dorado für Schatztaucher.
Zwei Tage lang durchsuchten die Ermittler das luxuriöse Anwesen, durchkämmten den Strand: Mit 168 Kisten und Körben voller antiker Fundstücke, vor allem wertvoller Keramik, verließen sie dann die Insel.
Die Beamten glauben, allerhand von dem, was die Schatztaucher mit den Kostbarkeiten ihres Landes getrieben hätten, sei illegal. "Das ist doch nur ein billiger Rachefeldzug meiner Gegner", behauptet hingegen Walterfang.
Es ist kein Wunder, dass in diesem Geschäft mit harten Bandagen gekämpft wird, geht es doch für den hemdsärmeligen Deutschen und die Indonesier um ein Vermögen. Denn der Wert von Walterfangs Beute liegt wohl irgendwo jenseits von 30 Millionen Dollar, es kursierten in Indonesien schon Gerüchte, das Ganze könne gar phantastische 80 Millionen Dollar wert sein.
Was vor ein paar Jahren wie ein Abenteuermärchen begonnen hatte, endet nun wohl in Rechtshändeln. Denn es ist noch gar nicht so lange her, da konnte Walterfang mit chinesischem Porzellan auf dem Meeresgrund so gut wie gar nichts anfangen. Der Mann leitete als Maschinenbaumeister ein Werk für Betonfertigteile in der Rhön.
Anfang der neunziger Jahre aber hatte ein indonesischer Arbeiter des Betonwerks wilde Geschichten von Goldschätzen und Schiffswracks erzählt. Walterfang war fasziniert, ging der Sache nach, schrieb Briefe und forschte in Bibliotheken. In den Sommerferien 1995 flog er dann nach Südostasien. Was nur ein Abenteuerurlaub werden sollte, geriet zum großen Beutezug.
Walterfangs Arbeiter stammten von Belitung. Die Insel liegt zwischen Sumatra, Borneo und Java. Die Böden sind sandig und karg, die Leute bitterarm, die jungen Männer auf dem Eiland fristen ihr Leben meist als Seegurkentaucher. Das bringt nicht viel Geld. Doch es gibt einen einträglichen Nebenverdienst: Vor der Insel liegt der größte Schiffsfriedhof Asiens. Hier kreuzten sich einst die Handelsrouten von China nach Indien, von Arabien nach Japan. Und die knapp unter der Wasseroberfläche gelegenen Riffe und Sandbänke wurden damals manchem Kapitän zum Verhängnis. Immer wieder finden die Seegurkentaucher von Belitung deshalb alte Scherben und Metallobjekte im Sand, die sie an Antiquitätenhändler in der Inselhauptstadt verhökern. Walterfang freundete sich schnell mit den ausgemergelten Gestalten an.
Im Herbst 1997 tauschte der Deutsche den grauen Alltag im Betonwerk gegen die wildromantische Strandvilla eines geschassten indonesischen Ministers. Die anfangs recht improvisierte Schatzsuche wuchs schnell zum halbwegs professionellen Bergungsunternehmen.
Und das brachte Walterfang Glück, sagenhaftes Glück. Unweit der Herberge stießen Taucher 1998 im Meer auf ein Wrack. Bald wurde allen Beteiligten klar, dass sie da auf etwas gestoßen waren, was sie reich machen könnte. Weil das Wrack neben einem schwarzen Felsen lag - auf Indonesisch "Batu Hitam" - nannten sie ihren Fund das Batu-Hitam-Wrack.
Die Keramik, die da in Bergen auf dem Meeresgrund lag, entstammte der Tang-Dynastie (618 bis 907), einer Blütezeit der chinesischen Kultur. Gut 60 000 chinesische Weinkrüge und Teeschalen bargen die Taucher. Der chinesische Antiquitätenexperte Geng Baochang, der Walterfangs Schatz in Augenschein nahm, brach beim Anblick der Fundstücke in Begeisterungsstürme aus. Zahlreiche "Nationalschätze" habe Walterfang da gehoben, Stücke, zu denen es nur wenig Vergleichbares gebe.
Neben der Keramik fanden Walterfangs Leute auch Gold - nicht viel, aber für Historiker interessant. Der Heidelberger Professor Lothar Ledderose konnte als einer der ersten Experten einen Blick auf den Glitzerkram werfen. Ledderose ist ausgewiesener Kenner der ostasiatischen Kunstgeschichte; der Fund, befand er, sei kulturhistorisch durchaus bedeutsam.
Ein Großteil der chinesischen Schätze ging nach Neuseeland - zur fachgerechten Entsalzung, wie es hieß. Und Walterfang selbst flog auch alsbald dorthin.
Walterfang arbeitet in einer boomenden Branche, die nichts für zarte Seelen ist. 20 große und mehrere hundert kleine Firmen versuchen derzeit fieberhaft, mit modernstem Suchgerät den Deckel zur Schatztruhe Ozean zu öffnen. "Wir sehen den Beginn des großen Zeitalters der Untersee-Entdeckungen", so Peter Hess, ein auf die oft hochvertrackten Rechtshändel um versunkene Schiffe spezialisierter US-Anwalt. Endlich gebe es "die Technik, um Objekte überall auf der Welt zu finden".
Mit Satellitenhilfe durchkämmen die Expeditionsschiffe von seriösen Wissenschaftlern aber auch jene von Schatztauchern den Meeresgrund, im Schlepp meist torpedoförmige Maschinen des Computerzeitalters. Sie können Wracks aufspüren, die noch bis vor kurzem auf immer in lichtloser Tiefe verschollen schienen.
Sogenannte nukleare Resonanz-Magnetometer entdecken versunkene Kanonen, wo jedes menschliche Auge versagt. Sub-Bottom-Profiler schauen durch Sandschichten hindurch, Side-Scan-Sonare senden Fächer von Schallwellen auf den Meeresgrund. Mit Hilfe von Teilchenbeschleunigern können Physiker das Alter etwa von Schiffsplanken bestimmen. "Die Technologie bringt uns jetzt zu den Pyramiden der Tiefsee", sagt der US-Taucher Robert Ballard, der 1985 die "Titanic" fand (siehe Seiten 46, 82).
Ballard selbst hat schon mit einem atomgetriebenen Spionage-U-Boot der US-Marine die Handelswege der Phönizier und Römer abgetaucht und kehrte begeistert zurück: "Das Ding hat ein Sonar, für das es sich zu sterben lohnt."
Die Maschinen bringen den Wissenschaftlern Erkenntnisse, von denen sie früher nicht zu träumen gewagt hätten. Ein Magnetometer, das die französische Marine für die U-Boot-Jagd entwickeln ließ, führte den Tauchexperten Franck Goddio etwa vor der ägyptischen Küste zur versunkenen und jahrhundertelang vergessenen Stadt Herakleion (siehe Seite 16); die Daten eines Teilchenbeschleunigers der Universität Kiel bestärken amerikanische Unterwasserarchäologen des "Institute of Nautical Archaeology" (Ina) der Texas A&M University in ihrer Vermutung, vor der Küste Panamas eines der Schiffe des Entdeckers Christoph Columbus gefunden zu haben (siehe Seite 68).
Doch die Technik muss bezahlt werden. Vorn mitmischen können prominente Forscher wie Ballard oder Goddio, der nicht nur die modernen Apparate so perfekt nutzt wie wenige, sondern der es auch schafft, millionenschwere Sponsoren für seine Projekte zu begeistern. Mit dabei sind auch einige wenige Top-Wissenschaftler und Universitäten, die allein aufgrund ihres exquisiten Rufes die nötigen Gelder herbeischaffen können - wie die weltweit führenden Ina-Experten (siehe Seite 40).
Aber ganz vorn liegen auch die Schmuddelkinder der Branche: die professionellen Schatzsucher. Mit dem Millionenkapital risikofreudiger Anleger im Rücken machen sich weltweit operierende Aktiengesellschaften auf die Jagd nach allem, was Profit verspricht - äußerst misstrauisch beäugt von den Unterwasserarchäologen.
Die Wissenschaftler sehen mit Grausen, wie manche Schatztaucher unwiederbringliche Denkmäler der Tiefe auf der Suche nach Gold, Silber und Edelsteinen hemmungslos sprengen, auseinanderreißen, unterpflügen: "Es ist wie im Wilden Westen: Eine wilde Schießerei um zwölf Uhr mittags, und nachher fragen alle: 'Wo war eigentlich der Sheriff?'", sagt Entdecker Ballard. "Jeder, der will, kann heute die Tiefen der Ozeane ausbeuten", so der amerikanische Schatztaucher John Lawrence: "Wenn da unten ein Basketball liegt, und du hast genug Geld, dann kannst du ihn finden."
Es gibt zwar inzwischen eine Unesco-Konvention, die verhindern soll, dass die Zeugnisse vergangener Epochen bei der schnöden Suche nach Gold und Juwelen vernichtet werden - aber noch längst haben nicht alle Küstennationen das Papier ratifiziert. Und gute Archäologie sei nun einmal sehr, sehr teuer, sagt Jim Delgado, Chef des Maritime-Museums im kanadischen Vancouver: "Und wenn man als privater Investor an das Gold will - warum soll man dann Geld ausgeben, um dies oder das zu konservieren? Sobald Profit das Motiv ist, geht die Archäologie unter" - manchmal sogar dann, wenn Parlamente und Minister mitmischen.
So verkündete die niederländische Regierung im vergangenen Dezember, nach 265 Jahren sei nun endlich ein Teil des Silberschatzes des großen holländischen Ostindienseglers "Rooswijk" geborgen worden. Ein Sturm hatte die "Rooswijk" 1740 vor der englischen Küste versenkt. Kein Mann überlebte, aber es war bekannt, was die "Rooswijk" geladen hatte: Tonnen von Silber, handlich verpackt in 1,8-Kilogramm-Barren, daraus sollten Münzen für die Kolonie Java werden.
Doch mitnichten waren es holländische seriöse Archäologen, die das Wrack aufspürten, das Silber bargen. Es war, in einer Art Joint Venture mit Den Haag, die Firma eines britischen Schatztauchers, der seinen Anteil an der Beute wollte, und der - so unterstellten Wissenschaftler - dabei das Wrack auch nicht archäologisch sorgsam genug untersuchte. Es sei geradezu "tragisch", dass die Regierung mit solch "unethischem" Verhalten durchkomme, erbost sich die Ina-Archäologin Wendy van Duivenvoorde.
Schatztaucher können derartige Kritik gar nicht verstehen. "Ich glaube nicht, dass gute Wissenschaft und Profitinteressen sich ausschließen", sagt Greg Stemm, Mitbegründer der US-Bergungsfirma Odyssey: "Es ist doch absurd zu sagen, alte Dinge dürften nicht verkauft oder gehandelt werden. Wenn im Jahr 1900 ein Schiff sank, das 50 000 Backsteine geladen hatte - müssen dann all diese 50 000 Backsteine in ein Museum gestellt werden?"
Nun, meistens geht es nicht um Backsteine: Einen regelrechten "Goldrausch im Ozean" prognostizierte schon der kalifornische Forscher Graham Hawkes: "Alles, was auf den Meeren verloren ging, wird in den nächsten 25 bis 50 Jahren gefunden werden."
Zehntausende Schiffe sanken in den letzten 2000 Jahren, sie liefen auf Riffe, wurden zerschossen, Stürme zerfetzten ihr Rigg, oder sie flogen in die Luft, als ihre Pulverkammern explodierten: spanische Galeonen und Galeassen, chinesische Dschunken, portugiesische Karacken, die schnellen Kutter und großen Brigantinen der Piraten, Goldtransporter der beiden Weltkriege, Ostindienfahrer aus ganz Europa.
Allein fast die Hälfte der spanischen Armada verschwand spurlos. Ihr heutiger Wert ist gar nicht abzuschätzen. Die holländische Ostindienkompanie verlor im Lauf ihrer Geschichte 250 Schiffe, davon 150 mit wertvoller Fracht.
Rund um die Keys vor Florida werden noch bei fast jedem Hurrikan Dublonen (Goldmünzen aus der Kolonialzeit) an den Strand gespült. Eine Flotte spanischer Galeonen verschwand hier in einem Sturm des Jahres 1554. An Bord hatten die Schiffe wahrscheinlich Schätze, die heute Milliarden wert sein könnten.
Die Nordwestküste Kubas, nur rund 80 Seemeilen von den Keys entfernt, gilt als einer der größten Schiffsfriedhöfe der Welt. Kenner schätzen, dass hier etwa 400 Frachtsegler aus jener Zeit, in der die Azteken niedergemacht und ihre Schätze nach Europa geschafft wurden, auf Grund sanken.
Der tiefe Hafen von Havanna war damals die Drehscheibe der Neuen Welt. Durch die Straße von Florida liefen die meisten Gold- und Silbertransporte - ein tückisches Revier, damals wie heute: voller Untiefen, jedes Jahr im Spätsommer von vernichtenden Wirbelstürmen aufgepeitscht.
Vor einem ganz großen Fund, es wäre der größte bislang, steht offenbar Stemms Firma Odyssey, die dabei mit der britischen Regierung kooperiert: Im Mittelmeer bei Gibraltar hat sie ein Wrack entdeckt, das wahrscheinlich einst die "Sussex" war - gesunken 1694 mit Gold im Wert von womöglich bis zu vier Milliarden Euro an Bord (siehe Seite 86).
Das Bernsteinzimmer der Tauchergemeinde aber, das ganz große Ding, liegt wohl vor der Ostküste von Sumatra: die "Flor de la Mar", ein portugiesisches Schiff, kommandiert von Alfonso de Albuquerque.
1511 stach der Gouverneur des indischen Goa in See, um den fabelhaft reichen Seehafen Malakka zu überfallen. Danach belud er die "Meeresblume" mit der Beute: Mit Blattgold überzogene Sänften sollen an Bord gewesen sein, dazu Löwen aus Gold - sowie der Thron der Königin von Malakka, angeblich mit Edelsteinen übersät.
Doch dann geriet Albuquerques Flotte in einen Sturm, und die "Flor de la Mar" sank. Schatzfreaks streiten seit Jahren, was ihre Ladung heute wert wäre. Phantastische Summen von bis zu 7,5 Milliarden Euro werden gehandelt.
Dass Schätze dieser Größenordnung nicht immer nur Träumereien von großen Jungs mit teuren Spielzeugen sind, belegen spektakuläre Funde - vor allem die Entdeckung des Schaufelraddampfers "Central America". Tonnenweise Gold in Münzen und Barren barg Tommy Thompson, König der Schatztaucher und Expeditionsleiter der Columbus-America Discovery Group aus Ohio, aus 2500 Meter Tiefe. Der Wert der Ladung: rund eine Milliarde Dollar (siehe Seite 49).
Die für die jahrelange Suche unabdingbare Sturheit hatte Thompson sich abgeguckt von einem Mann, für den er mal als Handlanger gearbeitet hatte - und das war jener Abenteurer, mit dem das Schatzfieber der Neuzeit erst so richtig begonnen hat: Mel Fisher, verkrachter Hühnerzüchter aus Indiana. 16 Jahre lang hatte Fisher nach der "Nuestra Señora de Atocha" gesucht, einer legendenumwobenen spanischen Galeone. Fishers Sohn starb bei der Suche, die Schwiegertochter ebenfalls, mindestens acht Millionen Dollar verpulverte der Besessene.
Kaum jemand außer Fisher selbst glaubte schließlich noch an die "Atocha" - bis sein Taucher Andy Matroci plötzlich gegen eine Wand schwamm. Es war eine Wand aus purem Silber: 984 Barren, groß wie Brotlaibe, nach Jahrhunderten noch sauber gestapelt. Vom Laderaum der "Atocha" hatte nur der Inhalt überdauert.
35 Tonnen Silber hoben Fishers Leute 1985, dazu Juwelen sowie Goldketten mit einer Gesamtlänge von rund 600 Metern - alles in allem ein Schatz von rund 350 Millionen Euro. Matroci: "Wenn du einmal Gold gefunden hast, träumst du jede Nacht von Gold."
Matrocis britischer Kollege Keith Jessop hat sein Vermögen mit einem weit neueren Wrack gemacht. Am 29. April 1942 stach das britische Schlachtschiff HMS "Edinburgh" vom russischen Murmansk aus in See. An Bord 4,5 Tonnen Gold, mit denen Stalin seinen Waffennachschub bezahlen wollte.
Tags darauf lief die "Edinburgh" in der eisigen Barentssee dem deutschen U-Boot "U 456" vor die Torpedorohre. Sie sank auf 245 Meter Tiefe - "weiter weg als der Mond", sagt Jessop. "Kaum jemand glaubte, dass ich es schaffen könnte. Alle waren fasziniert von diesen Geschichten über Tonnen von Gold - aber dann gingen sie weg und murmelten, was für ein mondsüchtiger Irrer ich doch sei."
Als Jessop mit einer Tauchglocke und einem Sonar an Bord auslief, steckte er bis über beide Ohren in Schulden. Als er zurückkam, wartete auf der Pier ein neuer, silberner Porsche auf ihn. Der mondsüchtige Irre hatte gerade Stalins Gold gehoben, rund 65 Millionen Euro wert.
"Der historische Wert eines Wracks interessiert mich nicht", so Rauhbein Jessop, "mich interessiert nur das Geld." Schatzsucher genau diesen Schlages fürchten Unterwasserarchäologen besonders: "Sie sprengen einfach Krater in den Meeresboden", entrüstet sich der US-Meeres-
experte Ole Varmer. Um die Bermudas und vor Australien wurden auf diese Weise leicht erreichbare Wracks regelrecht zerpflückt. Ein Jammer sei das, klagt der Franzose Goddio, denn "ein gesunkenes Schiff ist wie eine gut verkorkte Flaschenpost aus einer lange vergangenen Epoche".
Seit Jahrzehnten bekriegen sich Archäologen und Schatztaucher, doch inzwischen glauben manche Wissenschaftler, dass sie ohne privates Geld jene Technik gar nicht bezahlen können, die allein ihnen unerforschte Tiefen erschließen kann. Und viele Bergungsunternehmen kooperieren inzwischen gern mit den Forschern - allein schon, um das Image sauber zu halten. Zudem bringt eine Münze, deren Herkunft einwandfrei dokumentiert wird, unter Sammlern weit mehr ein als irgendein Stück Gold.
Schon als Stemm vor 15 Jahren Teile des "Tortugas"-Wracks barg, eines vor Florida gesunkenen spanischen Schiffes, holte er deshalb den Archäologen im Team alles hoch, was die haben wollten. Und Stemms Firma Odyssey ist nach eigenem Bekunden "weltweit Marktführer auf dem Gebiet der kommerziellen Ausbeutung von Schiffswracks" - was auf jeden Fall stimmen wird, wenn Stemms Leute jetzt tatsächlich die Fracht der "Sussex" bergen.
Wirtschaftlich sei nach wie vor "jede Operation ein Experiment, das einiges an Risiko birgt", meint Stemm. Und dabei verfügt seine Firma über ein großes Expeditionsschiff mit allen Schikanen, im Schlepp eines der besten Sonarsysteme, auf Deck wartet ein Tauchroboter. Das typische Budget für eine Suchexpedition allein belaufe sich schnell auf eine Million Dollar, ohne Bergung, versteht sich.
Doch selbst wenn eine Firma einen Schatz geborgen hat, ist das Geschäft noch nicht perfekt - dann legen meist die Anwälte los. Theoretisch ist die Rechtslage simpel: Liegt ein Schatzschiff innerhalb der Hoheitsgewässer eines Staates, kann der entscheiden, was mit den Artefakten passiert. Die meisten Regierungen nehmen sich die Hälfte oder ein Viertel des Fundes.
In internationalen Gewässern regelt die Brüsseler Konvention von 1910 das Problem: Wer ein herrenloses Schiff findet, dem gehört es. Nur: Wann ist ein Schiff herrenlos? Die "Central America" war herrenlos - bis Tommy Thompson das Gold hob. Da meldeten sich auf einmal Anwälte von 39 Versicherungsgesellschaften, die einst Bruchteile des Schadens beglichen hatten. Sie wollten das Gold, und zwar sofort.
Die Prozesse dauerten Jahre. Als Thompson gewonnen hatte und immerhin 90 Prozent des Schatzes behalten durfte, meldeten sich die Nachfahren jener Passagiere, die mit dem Dampfer untergegangen waren. Und damit gingen die Verhandlungen wieder los.
Um eine Goldmine ausbeuten zu können, kalauerte das US-Fachblatt "Treasure Quest Magazine", brauche man manchmal eben erst eine Silbermine. Oder reiche Aktionäre. In den USA werden längst Anteile von Schatzsucher-Gesellschaften öffentlich gehandelt. "Immer mehr Unternehmen, die nach wertvollem Gut auf dem Boden der Ozeane suchen", so das "Handelsblatt", "entdecken die Kapitalmärkte als Finanzierungsquelle."
Ein gefährliches Investment - etwa zwei von drei Expeditionen würden trotz gründlicher Recherche scheitern, so der deutsche Wrackforscher Carsten Standfuß. So wollten Schatztaucher 1993 das deutsche Weltkriegs-U-Boot "U 534" aus dem Kattegat ziehen. Doch statt der vermuteten Schätze fanden sie nur Kartoffelreste und Kondome. Umgerechnet über 15 Millionen Euro hat die Operation leichtgläubige Anleger gekostet.
Eine richtige Investorenfalle ist die britische Fregatte "Lutine": 1799 schickte die Admiralität das Schiff nach Hamburg, an Bord 1000 Goldbarren, 500 Silberbarren und 140 000 Pfund in Münzen. Die deutschen Banken standen durch die Französische Revolution und den Krieg zwischen Paris und London vor dem Zusammenbruch, die Engländer wollten ihre Verbündeten stützen.
Am 9. Oktober fuhr das Kriegsschiff in Yarmouth los, wenig später lief es auf eine Sandbank vor der niederländischen Insel Terschelling - die "Lutine" kenterte und verschwand.
Schon kurz nach dem Untergang hatten die starken Strömungen der Nordsee die Fregatte unter mehreren Metern Sand begraben. Doch eines Tages spülte die Tide den Rumpf wieder frei. Taucher bargen einen kleinen Teil der Ladung, dann schob die Flut auch schon wieder meterweise Sand über das Wrack. Man konnte ihn gar nicht so schnell wegbaggern, wie ihn die nächste Flut zurückbrachte.
Immer neue Bergungsunternehmer versuchten es in den folgenden Jahren. Schaufelbagger wühlten im Watt, riesige Taucherglocken sollten über den Ort der Katastrophe gestülpt werden, ein Amerikaner wollte gar eine Stahlröhre durch den Sand vorantreiben.
1980 versuchte die neuseeländische Bergungsgesellschaft Caribbean Marine Recovery (CMR), die "Lutine" freizuschaufeln, vergebens. "Ein Mann hat uns 65 000 Pfund gegeben", so CMR-Chef Henry Newrick, "und gesagt, es würde ihm nichts ausmachen, das Geld zu verlieren. Er beteilige sich pro Jahr an zehn solcher Unternehmungen. Wenn nur ein Projekt funktioniere, reiche ihm das."
Die Gier nach Gold oder Porzellan lockt auch viele schräge Typen an - kaum ein Gewerbe eignet sich so sehr zum Abzocken wie die Schatztaucherei. Die Investoren können nur selten kontrollieren, ob ihr Kapital genutzt wird, um in entlegenen Meeren nach Schätzen zu suchen - oder ob es in entlegenen Steuerparadiesen auf Nummernkonten landet. "Es gibt Firmen, die wollen gar nichts finden", sagt der britische Archivrechercheur Nigel Pickford (siehe Seite 32).
Manchen reicht schon eine malerisch zerfledderte Akte mit alten Dokumenten und Pickfords renommiertem Namen auf der Expertise. Die kommt dann oftmals einer Lizenz zum Gelddrucken gleich. Denn nichts ist leichter, als Goldfieber zu schüren - zumindest kurzfristig.
Anfang 1997 verkündete beispielsweise die norwegische Bergungsfirma La Capitana Invest, dass sie das Wrack der spanischen Gold-Galeone "La Capitana Jesús María" gefunden habe, die in einem Pazifiksturm sank. Seit fast 350 Jahren mühen sich Abenteurer aller Herren Länder, das Schiff zu finden, das wohl Inka-Gold an Bord gehabt hat. Die Botschaft an die Zocker: Es ist höchste Zeit zu investieren.
Dann musste Cheftaucher Anton Smith aber einräumen, bei dem georteten Objekt könne es sich auch um ein Fischerboot handeln. Schließlich wurde es still um das Projekt. Scharen von Capitana-Aktionären guckten in die Röhre.
KLAUS BRINKBÄUMER, CLEMENS HÖGES,
JÜRGEN KREMB, ERICH WIEDEMANN
* Gemälde von Rafael Monléon y Torres, 1873.
* Goddio-Experten an der 1600 gesunkenen spanischen Galeone "San Diego".
Von Klaus Brinkbäumer, Clemens Höges, Jürgen Kremb und Erich Wiedemann

SPIEGEL SPECIAL 3/2006
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