07.09.2006

Der Tag, die Trauer, das Trauma

Der 11. September 2001 war der Beginn einer Zeitenwende. Die Angst vor dem Terror gehört mittlerweile vielerorts zum Alltag. George W. Bush ist mit seinem Versuch gescheitert, die Welt neu zu gestalten.
Wenn die schlimmsten Ängste von der Realität eingeholt oder gar übertroffen werden, wenn die Welt einen bitteren historischen Einschnitt erlebt, dann versagen die Sinne, die Gerüche verschwimmen, die Geräusche werden zur Staffage, die Gesten wirken hilflos und schal. Aber die Bilder brennen sich ins kollektive Gedächtnis ein, sie wirken wie Menetekel, Flammenzeichen zur Mahnung der Menschheit. Sie geben einen nicht mehr frei, nie und nirgends, sie sind in Träumen, in TV-Dokumentationen, in Büchern, in Gebeten. Unvergesslich, unentrinnbar.
"Und wo warst du damals gerade?", geht eine weltweit an Nachbarn, Kollegen, Freunde gestellte Frage, in diesen Stunden, in diesen Minuten.
Die Ermordung John F. Kennedys, der 22. November 1963 in Dallas, war so eine Zäsur, als sich seine Frau Jackie im offenen Präsidentenwagen nach einer unwirklichen Schrecksekunde, in der die ganze Welt stillzustehen schien, über ihren von mörderischen Kugeln getroffenen Mann warf. Ungläubig starrte sie gleich danach auf ihre blutverschmierten Hände, realisierte wohl bereits in diesem Moment: Es gab keine Rettung mehr. Mit JFK sollte die Hoffnung einer ganzen Generation auf eine neue, gerechtere Politik ausgelöscht werden. Politischer Mord war in den USA nichts ganz Neues - aber ein Mord dieser Tragweite war es schon.
Die Stunden des 11. September 2001 waren so ein Einschnitt. Als sich die von Terroristen in Brandbomben verwandelten Passagiermaschinen in das Washingtoner Pentagon und die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Center hineinbohrten - in das Zentrum der amerikanischen Macht, in das Wahrzeichen des Kaptalismus. Als Verzweifelte sich in einem letzten Akt der Freiheit lieber aus 300 Metern Höhe in den Tod stürzten, um nicht im Flammenmeer zu verglühen. Als graue, ascheverklebte Menschen aus zusammenstürzenden Hochhäusern herauskrochen, nur weg vom Ort des Schreckens: Mit den fast 3000 Opfern sollte nach dem Willen der Täter der gesamte Westen gedemütigt, ein freiheitlicher Lebensstil ausgelöscht oder doch zumindest ernsthaft gefährdet werden. Politischer Terror war für die westliche Supermacht nichts Neues, aber diese Form von Terror, dieser Massenmord - und dazu im Herzen des eigenen Landes - war es schon.
Fünf Jahre danach: "Nine-Eleven" ist zu einem eingängigen Kürzel geworden, fast so locker gebraucht, als handle es sich um eine Pop-Gruppe oder einen neuen Softdrink, Copyright-geschützt. Und in gewisser Weise ist Nine-Eleven ja tatsächlich eine Trademark - das symbolische Kennzeichen für den neuen, weltumspannenden Terrorismus, der sich den Tod möglichst vieler Zivilisten auf die Fahnen geschrieben hat und keinerlei Skrupel kennt, das Leben als tödliche Waffe einzusetzen: Mord durch Selbstmordattentat, durch (un)menschliche Bomben. Mit Nine-Eleven ist die Welt verschwunden, wie sie bis dahin war.
Fünf Jahre danach: Wie haben wir auf diese ungeheure Herausforderung reagiert? Haben uns die Täter ihr Gesetz des Handelns aufgezwungen? Gibt es ihn überhaupt, den von einer zentralen Stelle geführten phänotypischen Terroristen, existiert ein "globaler Krieg gegen den Terror", wie US-Präsident George W. Bush immer wieder suggeriert - und wenn ja, wer gewinnt ihn?
Im Vergleich zum September 2001 hat sich die Welt im September 2006 erheblich verändert. Und in kaum einem Bereich zum Positiven. Das ist die Schuld einer perfiden Strategie der Terroristen, die ihre Angriffe auf weiche Ziele von U-Bahnen bis zu Marktplätzen über Madrid (11. März 2004, 192 Tote) und London (7. Juni 2005, 52 Tote) bis zu den Kofferbomben in Deutschland ausgeweitet haben. Die Angst, Angst und nochmals Angst verbreiten wollen. Der Vernichtungswettbewerb ist immer auch eine Schlacht um die "besten" TV-Bilder, denn nur höchste Medienaufmerksamkeit sichert "effektiven" Terror.
Dass vieles schief lief, ist aber auch die Schuld von Staaten wie Pakistan und Iran, von Saudi-Arabien und dem Sudan, die religiöse Fanatiker ausbildeten oder zumindest von ihrem Staatsgebiet in die Welt ziehen ließen.
Und nicht zuletzt hat an der negativen Entwicklung eine US-Regierung Schuld, die sich in der Außenpolitik unilateral von der Weltgemeinschaft abgewandt hat. Die sich das Recht anmaßte, nach Gutdünken Präventivkriege zu führen; die im Inneren einige ihrer wichtigsten demokratischen Ideale und bürgerlichen Freiheiten verriet. George W. Bush, sein mächtiger Vize Richard Cheney und der arrogante Verteidigungsminister Donald Rumsfeld haben aus der Tragödie des 11. September 2001 weitgehend die falschen Schlüsse gezogen und diese erst spät, gelegentlich auch gar nicht revidiert.
Mit überströmender Sympathie und Goodwill hat sich die Welt in den ersten Tagen nach der furchtbaren Tat hinter die Vereinigten Staaten gestellt. "Wir sind alle Amerikaner", schrieb die linksliberale französische "Le Monde". In Madrid, München und Moskau gingen die Menschen spontan auf die Straße, um ihre Sympathie auszudrücken - und selbst in Teheran gab es proamerikanische Demonstrationen. Der erste US-Feldzug, gegen das afghanische Taliban-Regime, das Osama Bin Laden und seinen Qaida-Terroristen Unterschlupf gewährte, traf dann noch auf viel Verständnis - und genoss die Unterstützung von Gesamt-Europa. Die Taliban wurden vertrieben, wenngleich, wie sich heute herausstellt, nur vorübergehend; die Terrortrupps der Qaida wurden geschwächt, wenngleich die Symbolfigur Bin Laden sich noch immer auf freiem Fuß befindet.
Doch schon der zweite Vorstoß ins Feindesland war der große Sündenfall. Der Krieg gegen den Irak - in Wahrheit begonnen zur Absicherung amerikanischer Ölinteressen und in der vagen Hoffnung auf einen positiven Demokratie-Domino-Effekt in der Nahostregion - wurde der Öffentlichkeit mit der Mär von den irakischen Massenvernichtungswaffen verkauft. Und mit einer glatten Lüge: Diktator Saddam Hussein sei ein Terroristenförderer und damit implizit verantwortlich für Nine-Eleven. Die Franzosen, Deutschen und Russen hielten die Kriegsgründe für nicht ausreichend, das "neue Europa" (Rumsfeld) im Osten unterstützte Washington.
Dem schnellen Sturz Saddams folgten furchtbare Blutbäder und immer mal wieder kurzfristig Strahlen der Hoffnung: wenigstens im Ansatz demokratische Wahlen, Annahme einer föderalen Verfassung, eine nach zähem Ringen gebildete Regierung aller Volksgruppen.
Doch all das wurde und wird überschattet von einem schwer erträglichen Alltag. Selbst in der Hauptstadt gibt es nur wenige Stunden am Tag Elektrizität, auf dem Land fehlt es an sauberem Wasser - ein schlimmes Versagen der immer noch als Besatzungsmacht empfundenen Amerikaner. Die täglichen Entführungen und Morde führen zusätzlich zum Exodus der gebildeten Schichten. Im Irak starben im Juli mehr Zivilisten als in jedem Monat seit Kriegsbeginn 2003, fast so viele wie am 11. September 2001 in den USA ums Leben kamen.
Sunniten und Schiiten kämpfen einen Bürgerkrieg. Das irakische Staatsgebilde ist dabei auseinanderzubrechen. Als Gewinner kann sich dabei der mächtige Nachbar Iran fühlen, der fast ohne eigenes Zutun zur entscheidenden Macht im ölreichen Süden des Landes wurde. Teheran zog aus der Schwächung der USA offenbar den Schluss, sein Atombombenprogramm ebenso aggressiv wie selbstbewusst weiterzuverfolgen. Und stachelte womöglich im Juni die Hisbollah-Miliz im Libanon zu Übergriffen gegen Israel an. Was folgte, war ein 33-Tage-Krieg, in dem Israels Militär große Teil der Infrastruktur des Zedernstaats in Schutt und Asche legte und "Kollateralschäden" bei der Zivilbevölkerung in Kauf nahm. Aber Israels Armee konnte die rücksichtslos operierenden Guerilla-Einheiten kaum entscheidend schwächen, geschweige denn all ihre Raketenstellungen ausschalten.
Die Nicht-Niederlage der Hisbollah, von der breiten Bevölkerung im arabischen Raum als glanzvoller Sieg gefeiert, hat die Gewichte in Nahost entscheidend verschoben. Hassan Nasrallah, Chef der "Partei Gottes", gilt als neuer Held, der radikale Islam mit seiner Dschihadisten-Taktik als beste Form des Widerstands gegen den übermächtigen Westen und zur Wiederherstellung der "Ehre" gegenüber dem militärisch haushoch überlegenen Israel. Säkulare und demokratische Kräfte verstummen. "Die Verlierer sind die arabischen Regime, USA und Israel", konstatiert das Zentrum für Strategische Studien an der Universität von Amman.
Die Vereinigten Staaten sind in Nahost für Jahre zurückgeworfen: Zum einen, weil sie völlig einseitig proisraelisch agieren und eine umfassende, "gerechte" Friedensregelung in der Region mit einem lebensfähigen palästinensischen Staat sowie der Rückgabe besetzter Gebiete in keiner Weise mehr forcieren.
Zum anderen haben sie aber auch gegenüber dem internationalen Terror eine Runde verloren: Ausgerechnet Bagdad, als Demokratisierungsmagnet gedacht, wurde zum neuen Zentrum und Rekrutierungsort des internationalen Terrorismus. Eines Terrorismus, der ständig sein Gesicht verändert und für den wohl kaum noch die bekannten Führer wie Bin Laden oder dessen Vize Aiman al-Sawahiri das Sagen haben. Sie sind der neuen Generation eher Inspiration denn Weisungsgeber; nicht eine Qaida-Zentrale bestimmt in der Nach-Nine-Eleven-Welt das Bild, sondern der amorphe Charakter vieler "kleiner Qaidas".
In den meisten islamisch geprägten Ländern hat das Ansehen der USA einen Tiefstand erreicht, die Sympathiewerte für den Terrorpaten Osama Bin Laden liegen höher als die für den demokratisch gewählten Präsidenten George W. Bush.
Zum Gesichtsverlust der USA hat wesentlich beigetragen, was nicht nur bei den Muslimen, sondern auch fast überall in Europa als moralischer Offenbarungseid empfunden wurde. Ausgerechnet das Land, das der Welt Bürgerrechte predigt und mit seinem demokratischen Modell der persönlichen Freiheiten wirbt, schuf sich mit dem Gefangenenlager Guantanamo einen rechtsfreien Raum und verhöhnte die Genfer Konvention, ließ Terrorverdächtige foltern und machte sich in Abu Ghureib und Haditha schlimmster Menschenrechtsverletzungen schuldig. Nicht nur der Selbstmordattentäter, der sich für die ultimative Smart Bomb hält und mit seiner "Heldentat" per Video prahlt, ist unfassbar: Auch Amerikas Antwort ist nicht zu fassen.
"Der Horror des 11. September wurde in verstörendem Ausmaß zu einer Entschuldigung, die präsidialen Machtbefugnisse auszudehnen. Das Ergebnis ist niederschmetternd", befand die "New York Times" und zählte die Sondervollmachten von uneingeschränkter Telefonüberwachung bis Zugang auf Konten auf, die sich Präsident Bush für die "Terror-Kriegszeiten" herausgenommen hat.
Es spricht für die Vitalität der amerikanischen Demokratie und für noch immer funktionierende Gewaltenteilung, dass Washingtons Oberstes Gericht den US-Präsidenten gleich zweimal in die Schranken wies. Und obwohl Bush Nine-Eleven immer noch mit seiner archaischen Wortwahl zum "Tag des Feuers" deklariert und Amerikas Feinde in Bagdad bekämpfen will, bevor sie nach Baltimore kommen, ist seine Außenpolitik im letzten Jahr vom Unilateralismus abgerückt: Die US-Regierung sieht China und Indien zu neuen Weltmächten aufrücken, beginnt zu begreifen, dass der Kampf um Ressourcen sowie der Umgang mit den gefährlichen Möchtegern-Atommächten Nordkorea und Iran einen multilateralen Ansatz erfordert.
Die Hardcore-Dschihadisten im pakistanischen Lahore und ihre radikalen Co-Fanatiker in den Londoner Vororten dürfte das gar nicht so sehr interessieren. Sie mögen das Lied von den Ungerechtigkeiten der Welt singen, sie mögen sich im Einzelfall auf tatsächlich erlittene Erniedrigungen im Westen berufen können (obwohl die Täter häufig, wie schon die von 9/11, nicht aus Slums und Unterschichtfamilien kommen).
Doch selbst eine ausgewogenere US-Politik oder ein gerechter geregelter Welthandel würde sie nicht besänftigen: Sie hüllen sich in die Missstände der Welt, um ihre wahren Motive zu bemänteln. "Was immer die Mörder erreichen wollen, eine bessere Welt zu schaffen, gehört sicher nicht zu ihren Zielen" , sagt der lange Zeit von muslimischen Glaubensfanatikern gejagte "Satanische Verse"-Autor Salman Rushdie.
Nein, wir kapitulieren nicht vor dem Terror, wenn wir uns auch in Zeiten der näherrückenden Bedrohung weiterhin bemühen, zwischen der Weltreligion Islam und den Islamisten zu differenzieren, wenn wir uns um Integration bemühen und einen staatlich geförderten und überprüften Islam-Unterricht für überlegenswert halten.
Ja, wir überreagieren, wenn wir uns hektisch amerikanische Gesetzesänderungen zu eigen machen, wenn wir, um das Böse zu bekämpfen, uns der Mittel des Bösen bedienen. Wenn wir unsere Rechte und unseren Lebensstil wesentlich einschränken lassen und dabei an den Kern unseres Selbstverständnisses gehen. Um sie vor Attentätern zu schützen, wurde in Philadelphia zwischenzeitlich die historische Freiheitsglocke ummauert, der Öffentlichkeit entzogen - und es schien nicht einmal aufzufallen, was doch offensichtlich ist: So sehen Siege für Terroristen aus.
Das Nine-Eleven-Trauma wirkt nach. Unser Sinn für "Normalität" wird jetzt ständig neu definiert, wir akzeptieren die Einschränkungen - keine Getränke im Handgepäck, Schuhe ausziehen beim Durchleuchten am Flughafen, Überwachungskameras an Bus- und Bahn-Haltestellen - zähneknirschend als notwendiges Übel. Und doch: Mit jeder neuen Drohung kommt der Terror näher, wird unser Leben von der unsichtbaren Gegenfront bestimmt, wird weniger frei, wird ähnlicher dem Alltag in Nahost, "israelischer".
Wir müssen die Balance finden zwischen dem Ausbau notwendiger Sicherheitsmaßnahmen und einer "heroischen Gelassenheit" (so der Berliner Kriegsforscher Herfried Münkler). Vielleicht ist dies das Vermächtnis jenes Tages im September, an dem massive Stahlträger durch Manhattan flogen wie die Blitze des Zeus, an dem Hunderttausende Tonnen Stahl mit Schutt und Leichenteilen zu einer furchtbaren Masse verschmolzen und sich auf die Erde als feiner Staub verteilten.
Jenes Tages, der ein großes Loch riss in unsere Welt.
ERICH FOLLATH
Von Erich Follath

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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