07.09.2006

Die Treppe der Überlebenden

In den Himmel ragende, halb zerstörte Stufen sind der letzte erhaltene Teil des World Trade Center. Über sie sind damals viele aus den brennenden Trümmern entkommen. Nun kämpfen die Überlebenden dafür, das Symbol ihrer dramatischen Rettung zu erhalten. VON FRANK HORNIG
Der kleine Bauernmarkt der Migliorelli-Familie hat etwas Skurriles. Maiskolben gibt es hier im Sommer zu kaufen, grüne Bohnen, Blaubeeren und Tomaten. Eine Landidylle, nur die Aussicht passt nicht dazu: Gleich im Rücken der Farmersfrau ist ein Bauzaun, dahinter tut sich Ground Zero auf, die immer noch größte Baugrube der Welt.
Wer von dieser Stelle nach Norden schaut, sieht am Rand, zwischen Müllcontainer und Dixi-Klo, einen unförmigen Betonklotz, mit Stufen, die sinnlos in den leeren Himmel führen. Wie eine Flugzeugtreppe, die vergessen auf der Rollbahn steht.
Es braucht eine Sondergenehmigung der Behörden und eine kurze Fahrt im Polizei-Jeep, dann steht man am Fuß der seltsamen Ruine. Genau 37 Stufen steigen hier nach oben, die untersten sind nur noch in Betonresten erhalten, Nummer 16 und 17 fehlen ganz, aber danach wird der Aufstieg leichter, der alte Granitbelag der Stufen ist kaum angekratzt. Links sind noch Chromreste des Geländers zu sehen, rechts gibt es eine schiefe Ebene, dort ist früher eine Rolltreppe gewesen. Ganz oben dann eine wenige Quadratmeter große Fläche, Gras wächst aus ihren Ritzen.
Einst ging es von hier zur Plaza, dem großen Platz, der die Zwillingstürme und die Randgebäude des World Trade Center miteinander verbunden hat. Heute reicht der Blick über ein mehr als sechs Hektar großes Bauloch hinaus, Vergangenheit und Zukunft an Ground Zero sind zu sehen, das immer noch zerstörte Deutsche-Bank-Gebäude und der neue Tower 7, der dieses Frühjahr eröffnet wurde.
Hunderte von Menschen, mindestens, haben sich am 11. September 2001 über diese Stufen hinab zur Vesey Street in Sicherheit gebracht. Nachdem um 9.59 Uhr als Erster der Südturm eingestürzt war, blieben sie der einzige Ausweg aus der Katastrophe.
Die Treppe der Überlebenden ist der letzte Rest, der vom World Trade Center oberirdisch übriggeblieben ist. Sie steht, wo sie immer stand, halb erhalten und halb zerstört, spiegelt sie die Vielschichtigkeit des Ortes: als Handelszentrum, Anschlagsziel und umstrittene Großbaustelle. Das und ihre Symbolkraft erheben sie zum nationalen Monument im Rang des Schlachtschiffs USS "Arizona", das auf Hawaii noch heute als Denkmal vom Angriff auf Pearl Harbor zeugt.
Dass sie nicht abgerissen wurde wie alles andere, das den Wiederaufbau in Ground Zero behinderte, ist einem technischen Zufall geschuldet. Denn die nutzlos gewordene Treppe überwölbt den Eingang zu einer ehemaligen U-Bahn-Station. Wo früher Pendler und Touristen hinunterströmten, stiegen noch lange nach den Anschlägen Ingenieure und Bauarbeiter in die verbliebenen Gewölbe hinab.
Heute aber steht sie im Weg, man könnte sagen, die Erinnerung steht im Weg. Denn im Masterplan für das künftige World Trade Center ist der "Survivors' Stairway" genannte Betonblock bislang nicht vorgesehen. An seiner Stelle soll ein neues Hochhaus in den Himmel wachsen.
Tom Canavan ist einer von denen, die es geschafft haben am 11. September. Die Stufen hinunter zur Vesey Street haben sein Leben gerettet, sie haben es über Jahre beschädigt, und irgendwann in diesem Frühsommer haben sie ihm einen neuen Sinn gegeben. Das war, als er zum ersten Mal von ihrer Existenz erfuhr. Er hatte keine Ahnung, dass sie noch da waren, er dachte, alles wurde zerstört oder weggeräumt. Einmal im Jahr, stets im Spätsommer, veranstaltet seine Firma eine kleine Gedenkfeier auf dem Gelände des World Trade Center. Ein Priester ist dabei, "Amazing Grace" wird intoniert, ein Kranz niedergelegt für jene vier Kollegen, die unter Canavans Führung den Nordturm verlassen haben, nur er hat es über jene letzten Stufen nach draußen geschafft. Seine Treppe, die Treppe der Überlebenden, war hinter Bauzäunen, Baggern und Geröllbergen nie zu sehen.
Canavan kommt nicht los von Ground Zero, seit Jahren nicht. Schon zwei Tage nach den Anschlägen war er wieder da, er musste sich dem aussetzen, sonst hätte er niemals hierher zurückzukehren vermocht. Viele Leuten haben die City für immer verlassen, den Job gewechselt, Canavan nicht, er ist hier geboren, "das hier ist meine Stadt", sagt er, "ich lasse mich nicht verjagen".
Wie ein Junkie hat er im ersten Jahr am Stoff gehangen, am Katastrophenstoff; hat jede Zeitung verschlungen und jeden Fernsehbericht, hat alles aufgesogen, was mit den Anschlägen zusammenhing. "Ich war völlig süchtig danach", sagt er. Doch dann ist die Geschichte, seine Geschichte, verblasst. Der Wiederaufbau rückte in den Vordergrund, die Tragödie wurde zur Farce, Versicherer stritten ums Geld, Behörden und Immobilienhaie rangen um neue Bürogebäude und deren Design.
Normalität kehrte zurück, zumindest nach außen. Seine Bank, First Union, wurde von einer anderen Bank, Wachovia, übernommen. Nach Provisorien - erst in Philadelphia, dann in Midtown - gibt es nun wieder Büros downtown im Finanzdistrikt; allerdings im 5. Stock und nicht im 47., wie damals, als First Union Räume im World Trade Center bezog, das war im Mai 2001, nur vier Blocks von den heutigen Räumen entfernt. Canavan arbeitet immer noch im "back office" seiner Bank. Täglich geht er an Ground Zero vorbei, jedes Mal sieht er die beiden Türme dort stehen, vor seinem inneren Auge. Alles ist dann wieder da, selbst die Straßenverkäufer von früher.
Seit 2000 wohnt Canavan mit seiner Frau und inzwischen zwei Kindern draußen auf dem Land, anderthalb Stunden braucht er morgens mit dem Zug zur Arbeit. Das ist die friedlichste Zeit am ganzen Tag, dann endlich schlummert er tief und fest, er weiß nicht, warum, aber es ist der beste Schlaf, den er kriegen kann. Zu Hause bekommt er für drei, höchstens vier Stunden die Augen zu, mehr nicht, zu sehr quält ihn die Erinnerung, zu sehr plagen ihn Zweifel und Wut.
Ich gehe schlafen, aber mein Verstand wacht, er spielt alles wieder ab. Tagsüber ist mein Kopf mit anderen Sachen beschäftigt, aber nachts, wenn man runterfährt, kommt alles zurück. Die Geräusche. Der Geruch. Und dann die Fragen: Warum habe ich überlebt? Wieso habe ich nicht ein anderes Treppenhaus benutzt? Jemand wollte mich umbringen. Ich habe niemandem etwas getan. Meine Frau war schwanger. Fast hätte ich meine Tochter nie gesehen, fast hätte ich meinen Sohn nicht beim Aufwachsen erlebt. Dabei habe ich nichts anderes gemacht, als jeden Tag zur Arbeit zu gehen.
Seine Frau hatte eine schwere Schwangerschaft, alles drehte sich um den verletzten Mann und seine verwundete Seele und nicht um das Baby in ihrem Bauch. Die Ärzte warteten, bis es gut zwei Kilo Gewicht erreichte, dann leiteten sie die Wehen ein; Wochen vor dem Geburtstermin. Die Wut hat Canavan nicht mehr losgelassen. Er wurde ungehalten, manchmal hat er die Geduld mit seinen Kindern verloren. Deshalb haben die Ärzte ihn auf Medikamente gesetzt, ihn, der vorher höchstens mal ein Aspirin genommen hat. Jetzt gab es schwere Tranquilizer zur Beruhigung. Er hat sich wie ein Zombie gefühlt. Dagegen wurden ihm Aufputschmittel gereicht, unterm Strich acht oder neun Pillen pro Tag, jahrelang.
Hinzu kam die Gesprächstherapie. Seine Psychiaterin fing jedes Mal zu weinen an, wenn er von seinen Erlebnissen erzählte; fast brauchte sie nach der Sitzung selbst einen Therapeuten. Der Patient mit dem 9/11-Trauma musste die Praxis wechseln.
Vorigen Oktober hatte er genug davon. Er nahm sich ein paar Tage frei, setzte sich allein ins Auto und fuhr runter nach Pennsylvania, nach Gettysburg, dem legendären Schlachtfeld aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Canavan liebt die US-Geschichte, Gettysburg ist für ihn ein friedvoller, besinnlicher Platz. Der richtige Ort, um alle Tabletten wegzuschmeißen und trotzdem ein ausgeglichener Mensch zu bleiben. Da hat der Mann, dessen Bild als blutverschmierte, zerschundene Gestalt vor fünf Jahren um die Welt gegangen ist, endlich etwas Ruhe gefunden. Von nun an brauchte er die Beruhigungspillen nicht mehr.
Die Planer für den Wiederaufbau haben an vieles gedacht. Sie haben den Freedom Tower entworfen, der für den unbeugsamen Freiheitswillen der Amerikaner stehen soll. Sie haben ein Memorial Museum vorgesehen und eine Gedenkstätte mit Wasserfällen im Grundriss der Zwillingstürme. Seit Jahren wird um fast jedes Detail gestritten - zuletzt zum Beispiel um die Frage, wie die Opfernamen auf den Gedenktafeln am besten anzuordnen seien. Die Familien der 2749 Toten melden sich zu Wort und die Kameraden der verunglückten Feuerwehrleute, Architekten, Behörden und Investoren.
Nur die Überlebenden, 16 000 sind es geschätzt, spielten lange kaum eine Rolle. Sie mussten ihre Gesundheit und ihr Leben in den Griff bekommen, mit ihren Firmen neue Büros beziehen, Abstand gewinnen. Man könnte erwarten, dass 9/11 für sie im Laufe der Zeit an Bedeutung verliert, dass ihre Schicksale im US-Alltag verschwinden; aber so ist es nicht gekommen.
Erst vor zwei Jahren haben sich einige von ihnen zusammengetan und einen Verein der Überlebenden aufgemacht, das Survivors' Network. Gerry Bogacz ist eines von vier Gründungsmitgliedern, inzwischen sind schon über 700 Menschen dabei, ständig kommen neue hinzu. "In unserem Network können wir über Dinge reden, die sonst keiner versteht", sagt er, "oder die keiner mehr hören will." Das Leben geht weiter, move on, blick nicht zurück: So ungefähr lauten die Botschaften aus der Gesellschaft. Nach fünf Jahren will oft selbst die eigene Familie nichts mehr von 9/11 hören. Doch wer damals dabei war, weiß, es hört niemals auf, es wird für immer Teil seines Lebens sein.
Deshalb auch ist die Treppe von Ground Zero für sie so wichtig. Treppen sind der zentrale Bestandteil in den meisten Überlebenden-Geschichten. Es sind nicht die herandonnernden Flugzeuge und die brennenden Türme, die ihr Bild von jenem Morgen prägen, sondern Treppenhäuser, verstopfte, versperrte, überflutete, mit Rauch gefüllte und schwach oder gar nicht beleuchtete Treppenhäuser, durch die sie sich nach unten kämpften - Erinnerungen, zu denen es kaum Fotos gibt oder Filmaufnahmen. Die Bilder von den brennenden Twin Towers sind allgegenwärtig; die 37 Stufen an der Vesey Street stehen für den persönlichen, intimen Teil der Tragödie, Geschichte von unten, authentisch und am Originalschauplatz.
Bogacz ist ein bedächtiger Mann, tagsüber kümmert er sich in einer New Yorker Behörde um Verkehrsangelegenheiten, abends organisiert er die Erinnerung. Er möchte, dass aus dem Gefühl der kompletten Machtlosigkeit, damals am 11. September, etwas Konstruktives entsteht. Network-Mitglieder bringen deshalb ihre Evakuierungserfahrungen in Studien ein, sie trainieren Touristenführer an Ground Zero, und sie treten in religiös und ethnisch bunt gemischten Gruppen in Schulen und Kirchen auf. "Es gibt Spannungen in unser Gesellschaft", sagt er, den Terroristen sei es darum gegangen, das Land zu spalten. "Wir wollen an der Basis etwas dagegen tun."
Sein wichtigstes Anliegen jedoch ist der Erhalt der Treppe. Vor anderthalb Jahren
haben die Networker von ihrer Existenz erfahren, seither haben sie Briefe geschrieben, Petitionen verfasst und Poster veröffentlicht; darauf führt die Treppe symbolisch in den Himmel auf die in den Hintergrund montierten Twin Towers zu. "Save the Survivors' Stairway" lautet der Slogan. Keiner von ihnen kann verstehen, dass es um ihren Bestand überhaupt noch Diskussionen gibt, dass am Ende die Interessen von Immobilieninvestoren womöglich vorgehen sollen.
"Lasst die Treppe, wo sie ist", sagt Bogacz, "rührt sie nicht an."
Die Port Authority von New York und New Jersey ist der Eigentümer von Ground Zero. Bis zum 11. September 2001 hat die Großbehörde in den Etagen 61 bis 74 des Nordturms residiert, 84 Mitarbeiter sind an diesem Tag gestorben.
Fünf Jahre später hat Kayla Bergeron ihr Eckbüro im 18. Stock, in einem Gebäude an der Park Avenue, nicht weit vom Union Square entfernt. Der Blick reicht bis nach Brooklyn, aber er ist ziemlich verbaut, nicht mehr so frei wie früher. Direkt neben ihrem Schreibtisch hängen vergilbte Zeitungsausschnitte und Fotos. Eines zeigt eine Gruppe zerzauster Menschen, die die Treppe zur Vesey Street hinabeilen, in der Mitte eine Frau, die ihre Tasche schützend vor die Brust hält, das ist Kayla Bergeron. Schräg hinter ihr sind die grauen Haare von Patty Clark zu sehen, ihre Freundin und Kollegin, die beredter ist und beim Interview für beide spricht.
Bergeron und Clark haben an jenem Morgen im Treppenhaus des Nordturms zusammengefunden. Sie waren schon ziemlich weit nach unten gekommen, als sie diesen gewaltigen, lauter werdenden Donner hörten. Das Gebäude bebte, die Lichter gingen aus - das war, als der Südturm zusammenbrach. Dann gingen die Lampen wieder an, "es war wie ein Wunder", sagt Clark.
Trümmer versperrten nun den Weg in ihrem Treppenhaus, sie fanden ein anderes, Wasser donnerte darin sturzbachartig hinab, der Abstieg war tückisch. Dann gelangten sie in einen Umkleideraum. Kabel hingen von der Decke, und das Wasser stand fast kniehoch. Die beiden Frauen tasteten sich an den Schränken entlang auf ein Licht zu, dort gab es eine Tür. Sie führte nach draußen, auf die Plaza.
"Es war merkwürdig. Es war hell, trotzdem konnte man nichts sehen. Wir hatten keine Ahnung, wo wir sind. Sah aus, als läge überall Sand. Aber wir konnten keine Fußspuren sehen", sagt Clark, "wir wussten nicht, was passiert war."
Wenige Minuten früher sind die Menschen noch im Schutz der Passage unterhalb der Plaza hinaus in Sicherheit gekommen. Jetzt hatte der eingestürzte Südturm Plaza und Passage unter sich begraben. Die Brücke zur anderen Straßen-
seite war intakt, aber sie führte auf ein brennendes Gebäude zu. Clark suchte mit den Augen die runde Bronzeskulptur "The Sphere" in der Mitte des Platzes, dort hatte ihr Mann ihr vor Jahren den Heiratsantrag gemacht. Sie konnte nichts erkennen. Da begann sie zu schreien. Jemand antwortete: "Kommt hierüber!" So fanden sie an den Nordrand der Plaza, zur letzten Treppe ihrer Flucht.
Nur etwa eineinhalb Stunden waren zu diesem Zeitpunkt vergangen seit dem Einschlag des ersten Flugzeuges. Aber die Menschen auf dem Foto in Bergerons Büro sehen aus wie Schiffbrüchige, die nach wochenlanger Odyssee das rettende Ufer erreichen.
An der nächsten Ecke rannten die beiden Frauen gegen einen Kollegen, der in den Himmel zeigte. Clark drehte sich um.
Wir konnten unseren Turm sehen, die Spitze stand in Flammen. Es klingt furchtbar, aber die Farben sahen brillant aus. Das Feuer, der Himmel, dieses intensive Gelb, Weiß, Lila und Blau! Meine Augen sahen, dass ein Turm fehlte, aber mein Gehirn hatte es noch nicht verarbeitet. Wir wussten es, aber wir waren uns im Stillen einig, nicht darüber zu reden. Dann haben wir wieder dieses laute Donnern gehört.
Wenn man mit Patty Clark heute über den 11. September spricht, dann lacht sie mitunter und berichtet auch die kleinen, absurden Geschichten. Von dem Mann zum Beispiel, der bei ihrem Anblick auf der Straße seine beiden Kinder in den Arm nahm und wegrannte. "Ich hatte keine Ahnung, dass wir so schlimm aussahen", sagt sie. Oder von der Dermatologenpraxis, in der sie telefonieren wollte. Als die Arzthelferin die Leitung für Patienten freihalten wollte, hat sie, die gerade dem Tod entronnen war, gebrüllt, "die haben doch bloß Pickel!" Da realisierte das Mädchen, was es gesagt hatte, brach in Tränen aus und lief ebenfalls davon.
Später im Gespräch kommen die großen Gefühle wieder hoch und sogar zärtliche Erinnerungen. Sie guckt dann fast verträumt und erzählt von ihrer sehr persönlichen Verbindung zum World Trade Center. Im 19. Stock hat sie ihren späteren Mann kennengelernt, auf der Plaza hat sie sich verlobt, und während ihrer Schwangerschaft war sie gerade in der 65. Etage als ihre Fruchtblase platzte.
"Der 11. September war wie eine Geburt", sagt sie, "man hatte keine andere Wahl, als es durchzustehen. Just go with it! Es ist schmerzhaft, es macht Angst, aber du hast eine Aufgabe, du musst dich konzentrieren." Der Mann kann nur daneben stehen und nichts tun. Manchmal denkt Patty Clark, dass der Tag der Anschläge für die Angehörigen schwerer war als für sie und ihre Kollegen. Sie waren beschäftigt, aber die Familien konnten nur hilflos vor dem Fernseher sitzen.
Neben dem Freedom Tower, der als höchstes Gebäude der Welt geplant ist, sollen bis 2012 drei weitere Hochhäuser entstehen, jedes ein bisschen niedriger als der Nachbar. Tower 2 wird von Norman Foster gebaut, er soll etwa 300 bis 350 Meter in den Himmel ragen und Büros und Einzelhandel über 230 000 Quadratmeter an Fläche bieten.
Viel mehr ist bislang nicht bekannt; abgesehen von der Tatsache, dass die Treppe der Überlebenden nach jetzigem Plan mitten in der Lobby des neuen Wolkenkratzers stünde. Streng genommen würde sie zum Teil sogar im Keller verschwinden.
Einer der Hauptakteure an Ground Zero ist Larry Silverstein. Er hatte das World Trade Center kurz vor den Anschlägen für 99 Jahre gepachtet, jetzt ist er Bauherr über das geplante Hochhaus-Trio. In diesem Mai hat er für die drei beteiligten Architekturbüros einen "war room" mit Blick auf die Großbaustelle eingerichtet. Unter hohem Zeitdruck sollen sie dort Pläne in Grundzügen entwickeln.
Mitte Juli hat Silverstein im 52. Stock seines schon gebauten Tower 7 mit Blick auf Ground Zero seine Pläne erläutert. Da schwärmte er vom künftigen Freedom Tower, "dem sichersten Gebäude der Welt". Er erinnerte an die 15 Milliarden Dollar, die hier in 2012 verbaut werden sollen und an die 300 000 Dollar Pacht, die er seit Jahren pro Tag für Ground Zero zahlt, ohne einen Cent zu verdienen. Aber was hat er mit der Treppe der Überlebenden vor? "Fragen Sie die Behörden", antwortet er dann, und um Missverständnisse zu vermeiden, erklärt sein Sprecher, was das heißt: "Da, wo sie jetzt steht, kann sie jedenfalls nicht bleiben."
Gerry Bogacz und sein Survivors' Network wollen trotzdem erreichen, dass Silverstein seine Pläne ändert. Vorerst bleibt ihnen die Hoffnung, dass mit Norman Foster der richtige Architekt bei der Arbeit ist: Er hat schon öfters das Alte, Bestehende mit Neuem verbunden, beim Reichstag in Berlin zum Beispiel oder beim New Yorker Hearst Building von 1928, auf das er in diesem Jahr einen neuen Wolkenkratzer setzte.
Wer mit Ken Lustbader Ground Zero und die Treppe der Überlebenden inspiziert, kann sich leicht an eine römische Ausgrabungsstätte versetzt fühlen, mit einem kundigen Führer zur Seite, der erklärt, wie seine liebste Tempelstadt einst aussah und funktionierte.
"Was Sie hier sehen, war früher eine verputzte Steinoberfläche", sagt Lustbader, ein studierter Denkmalschützer. Von Beton, Stahl und Granitresten in der Treppe spricht er, als handelte es sich um allerfeinsten Mamor und wertvollste Fresken. Wo nur ein großes Nichts zu sehen ist, erblickt er die Plaza und an ihrem Rand das Gebäude mit dem Kindergarten, er sieht Leute die Stufen hinauf- und abwärtssteigen, Menschen, die sich am U-Bahn-Eingang drängeln.
"Das hier ist eine archäologische Ruine", sagt er fast trotzig, wenn man vom durchaus hässlichen Anblick der gar nicht so alten Stufen spricht, "und davon hat unser Land nicht besonders viele."
Lustbader vertritt einen Zusammenschluss von fünf Organisationen, die sich in Lower Manhattan um den Erhalt historischer Stätten kümmern. Er hat dafür gesorgt, dass die gewaltigen Trägersäulen im Fundament der Zwillingstürme bestehen bleiben, als Teil des Memorial Museums. Ursprünglich sollten sie zerstört werden wie so vieles in und um Ground Zero herum. Für die Denkmalschützer ist die Geschichte an der Südspitze Manhattans eigentlich von jeher eine Abfolge von Abrissen und Neubauten. Gerade erst haben sie mit Mühe einen der ersten Wolkenkratzer-Vorläufer der Stadt gleich um die Ecke vom World Trade Center gerettet. "Wären wir in Rom und fänden bei Bauarbeiten eine antike Ruine", sagt Lustbader, "dann würde kein Mensch ihren Erhalt in Frage stellen."
Aber natürlich weiß er auch um die technischen Probleme am Standort der Treppe. Der gesamte nördliche Teil von Ground Zero muss noch ausgehoben werden, vier bis fünf Stockwerke tief soll die Baugrube werden, um Platz für Parkgaragen und Einkaufspassagen zu schaffen. Soll die fast 160 Tonnen schwere Treppe erhalten bleiben, würde sie während der Arbeiten wie ein großer grotesker Turm aus der Grube ragen.
"Wie gehen wir Amerikaner mit unserer Geschichte um, wenn der größte Anschlag auf unser Land minimalisiert wird, bloß weil jemand ein Bürogebäude bauen will?", fragt Lustbader. Er hält das für eine Schande. "Wenn die Treppe erhalten bleibt, habe ich meine Aufgabe erfüllt", sagt er, "dann bin ich ein glücklicher Mann."
Beim letzten Treffen des Survivors' Network haben sich gut 20 Überlebende am Arbeitsplatz von Gerry Bogacz versammelt, im 22. Stock eines Bürogebäudes am East River mit Blick über die Südspitze Manhattans. "Ich liebe diese Aussicht", sagte Tom Canavan. Würden sie die Zwillingstürme wieder aufbauen, er würde sofort dort arbeiten wollen.
Es wurde über Evakuierungsstudien gesprochen an diesem Abend und dann über die Fortschritte in der Treppen-Kampagne: Gremien und Anhörungsverfahren sind mit dem Erhalt der Stufen beschäftigt; der National Trust for Historic Preservation, Amerikas wichtigste Denkmalschutzorganisation, hat sie sogar auf die Liste der elf am meisten gefährdeten Stätten der USA gesetzt. "Wir brauchen die Survivors' Staircase als Erinnerung an den Tag, an dem Amerika seine Unschuld verlor", hatte der Trust erklärt, "und als Symbol für Amerikas Stärke, Widerstandskraft und Entschlossenheit zu überleben."
Solche Listen und Erklärungen sind wichtig für die Arbeit des Netzwerks, aber wenn Bogacz und seine Mitstreiter die Bedeutung der Treppe erklären wollen, dann lassen sie Tom Canavan seine Geschichte erzählen. Es wird dann ganz still im Raum, jeder hier hat seine eigene Tragödie erlebt, Canavans Bericht treibt trotzdem mehreren Tränen in die Augen. Dabei lässt er in dieser Runde die blutigen Details weg und die grausamen, die erzählt er nur, wenn man sich allein mit ihm für Stunden zusammensetzt.
Dann erzählt er, wie er sich mit ein paar Kollegen vom 47. Stock des Nordturms nach unten gearbeitet hat. Da war diese Frau, deren verbrannte Haut sich schälte, alles war pink und rot, "ihre Haut rollte sich wie eine Zeitung zusammen", sagt er. Da war dieser Blinde, den sie zusammen mit seinem Hund nach unten führten; der Arbeiter, dessen Gesicht so schwer verbrannt war, dass man das blanke Nasenbein sah. Trotzdem gab es keine Panik, auch nicht, als sie über die Walkie Talkies der Feuerwehrleute hörten, dass der andere Turm gleichfalls getroffen war. Alle gingen weiter ruhig nach unten, nur Kathy Robertson, seine Kollegin, nicht; sie bekam eine Angstattacke, begann zu hyperventilieren. Canavan sagte "komm weiter", aber sie schüttelte ihren Kopf, "I can't do this." Die Feuerwehrleute haben sich dann um sie gekümmert. Alle dachten, sie sei in guten Händen.
Solange der erste Turm noch stand, war die Einkaufspassage unterhalb der Plaza der sicherste Weg nach draußen, weil sie Schutz vor herabfallenden Trümmern bot. Die Lichter waren aus, die Sprinkler an: Canavan war der letzte in einer Gruppe von fünf Kollegen. Er war gerade ein paar Meter zurückgeblieben, um einem älteren Paar mit seinen Taschen zu helfen, als er einen mächtigen Windstoß verspürte. "Es hörte sich wie ein gewaltiger Güterzug an, nur viel lauter", sagt er. Dann vernahm er einen lauten Knall. In diesem Moment sah die Menschheit am Fernsehen den ersten der Twin Towers zusammenstürzen; für ihn, der darunter verschüttet war, klang es, als würde ein Käfer mit einer Fliegenklappe erschlagen.
Es wurde ganz leise. Meine Hände waren vor meinem Gesicht, ich konnte nichts erkennen, ich war vollständig begraben. Mein erster Gedanke: Ich kann nichts mehr fühlen, ich bin tot. Es ist gar nicht so schlimm, es tut ja nicht weh. Aber dann habe ich mir gedacht: Das hier ist New York City im Jahr 2001, so was passiert hier nicht und schon gar nicht mir.
Das war, als er den Dreck in seinem Mund spürte, den Rauch roch und das Feuer ganz in seiner Nähe; sein Hosensaum brannte, er versuchte, Dreck in diese Richtung zu werfen und ihn so zu löschen. Canavan begann, sich freizugraben, zusammen mit einem Mann, einem Wächter, der sich gleich hinter ihm befand. Aber je weiter sie buddelten, desto mehr Trümmerberge türmten sich vor ihnen auf. Dazwischen lagen Körperteile. Nicht einmal auf die Knie konnten sie kommen, alles war flachgepresst, man musste sich wie Schlangen bewegen. Weiter oben waren Geräusche zu hören, als fielen Wassermelonen zu Boden und platzten. Später erfuhr er, das war der Aufprall von Menschen, die aus seinem Turm gesprungen waren.
Nach 20 Minuten konnte er ein Loch erkennen, durch das Sonnenlicht fiel. Canavan streckte seinen Kopf nach draußen, "es war wie mitten in einem Tornado", sagt er. Das Loch war zu klein für ihn, um ganz hinauszukommen, aber der
Wächter war dünner und zwängte sich hindurch. Statt ihm zu helfen, ging er davon. Canavan schrie ihm nach, er warf ihm einen Stein hinterher, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, allerdings ohne zu treffen; der Wächter verschwand über glühend roten Trümmerhaufen. Er hatte keine Schuhe an.
Canavan musste sich selbst hindurchquetschen, und es gelang. Er stand auf der Spitze eines Trümmerbergs, dort wo früher die "Sphere"-Skulptur stand, in der Mitte der Plaza. Etwas prallte von oben auf seine Schulter, ein Schuh, vielleicht mit einem Körperteil; er weiß es nicht mehr genau. Die Sohlen seiner Turnschuhe schmolzen, er hatte keine Fingernägel mehr.
Zur Linken konnte er Sonnenlicht erkennen, so schlecht konnte es in dieser Richtung also nicht sein. Zwei Polizisten winkten ihn hinüber zur Treppe. Das Wetter war perfekt, nicht zu heiß und nicht zu kalt, die Sonne schien hell, alles war weiß, die Autos waren wie nach einem Schneesturm bedeckt. Es war wunderschön, es war sonnig, sagt er, dies war der richtige Weg für ihn, hier flogen keine brennenden Papiere durch die Luft, nichts stürzte von oben auf ihn herab. Canavan stieg die Stufen hinunter, ganz allein, niemand war vor oder hinter ihm. Endlich war er unten auf der Vesey Street.
An der nächsten Kreuzung lief er in ein Kamerateam. Das filmte und befragte ihn, der blutverschmiert und verwundet war. Seine Eltern haben ihn dabei im Fernsehen gesehen und erzählten ihm später davon. "Der arme Kerl", hatte seine Mutter zu seinem Vater gesagt. "Weißt du was?", antwortete der: "Das ist dein Sohn!"
Dann kam das FBI und schickte ihn und die Fernsehcrew davon. In diesem Moment hat Canavan wieder diesen Windzug gespürt, dieses Güterzug-Donnern vernommen. Er drehte sich um. Unmittelbar bevor der zweite Turm einbrach, sah er drei Menschen Hand in Hand aus dem Gebäude springen, sie sahen wie Puppen aus, sagt er. Dann sind sie in einer großen Staubwolke verschwunden.
Am nächsten Morgen rief Canavans Chefin bei ihm zu Hause an. Vier Kollegen wurden vermisst. Kathy war darunter, die sie im Treppenhaus zurückgelassen hatten. Später hat man von ihr einen Kiefer gefunden. Die andern drei, Antoinette, Carlos und Antonio, hatten unter seiner Führung den Nordturm verlassen; als er sich kurz umdrehte, um dem alten Paar zu helfen, waren sie weiter in die Passage gegangen. Sein Überleben war reiner Zufall, sagt Canavan, es ist eine Frage von ein paar Dutzend Zentimetern gewesen.
* Mitte, mit beigefarbener Jacke, Kayla Bergeron; rechts, verdeckt, Patty Clark.
* Von John Labriola, der den Anschlag überlebte.
* Aus dem Dokumentarfilm der Brüder Naudet.
* Mit einem Mitarbeiter der Hafenbehörde.
Von Frank Hornig

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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