07.09.2006

Rudys Rückkehr

New Yorks Ex-Bürgermeister ist eine der zentralen Symbolfiguren beim Gedenk-marathon zum 11. September. Für Rudolph Giuliani markiert der fünfte Jahrestag sein politisches Comeback - als potentieller Präsidentschaftskandidat.
Der Juni-Morgen ist klar und sonnig, Rudolph Giuliani sitzt auf einem Podium neben Manhattans Feuerwache 10 und wartet. Rechts von ihm tut sich Ground Zero auf, vor ihm sitzen Hunderte Menschen, junge Witwen, Halbwaisen im Grundschulalter, betagte Ehepaare; es sind die Angehörigen von 343 Feuerwehrleuten, die am 11. September 2001 ihr Leben verloren.
Giuliani soll zu ihrem Gedenken ein Bronzerelief enthüllen. Vorher singt ein Firefighter die Nationalhymne mit großem Tremolo, alle erheben sich, New Yorks früherer Bürgermeister legt die Hand aufs Herz und schaut in den Himmel, dorthin, wo früher die beiden Türme standen. Es ist von Patriotismus und Heldentum die Rede in den Videobotschaften und Grußworten von George W. Bush und anderen Würdenträgern.
Dann endlich ist der Mann an der Reihe, den sie "Rudy" oder "Amerikas Bürgermeister" nennen. "Es ist schwer", sagt er, "an diesen Ort zu kommen." Die Menschen im Publikum tragen Namen und Foto ihres Vaters, Sohnes oder Ehemanns auf T-Shirts und Baseballkappen. New Yorks Feuerwehrleute hätten die Würde der Staaten wiederhergestellt, sagt er. "Sie haben den schlimmsten Tag in der Geschichte unserer Stadt und unseres Landes zu unserem besten Tag gemacht."
Rudolph Giuliani ist wieder da. Pünktlich zum fünften Jahrestag der Anschläge vom 11. September kehrt der Mann in die Öffentlichkeit zurück, der Gesicht und Stimme New Yorks war, als dessen höchste Türme stürzten: "Ich möchte, dass die New Yorker dem Land und der Welt ein Beispiel geben, dass Terrorismus uns nicht stoppen kann." Mit solchen Aufrufen gleich nach der Katastrophe ist er zum Nationalhelden geworden.
Die Rolle als Symbolfigur, als Übervater ist ihm sicher beim anstehenden Gedenkmarathon, aber die reicht ihm nicht: Es geht um mehr, es geht ums Weiße Haus, um die Nachfolge von Präsident Bush. Der Republikaner, das zeigen Umfragen, gehört derzeit zu den aussichtsreichsten Politikern seiner Partei.
Es war still geworden um ihn in den letzten vier Jahren. Giuliani, 62, hatte sich ins Privatleben zurückgezogen, trotz attraktiver Angebote. Bush wollte ihn als Chef des Heimatschutzministeriums in seine Regierung holen. Die Republikaner wünschten ihn sich wahlweise als nächsten Gouverneur im Bundesstaat New York oder als Wunderwaffe gegen Hillary Clinton im Rennen um einen Sitz im US-Senat.
Giuliani schlug einen anderen Weg ein. Der Kampf gegen Terror, Mafia und Kleinkriminelle hatte den Mann mit der "Null Toleranz"-Politik weltberühmt gemacht, jetzt machte er im Stillen ein kleines Vermögen; gründete eine Consultingfirma für Sicherheitsfragen, erwarb eine kleine Investmentbank.
Seit diesem Frühjahr jedoch steht die Politik wieder im Vordergrund. Giuliani treibt öffentlichkeitswirksam Spenden für Parteifreunde ein und hält Vorträge über Energiepolitik, seit kurzem gehört er einer Irak-Kommission an. "Solutions America" lautet der Name seines politischen Aktions- und Fundraisingkomitees.
Spätestens seit einem Auftritt in Iowa, wo er Parteifreunde im beginnenden Wahlkampf zum US-Kongress unterstützte, sind seine Ambitionen klar: Der bevölkerungsarme Staat im Mittleren Westen gilt traditionell als Startort für jeden, der die Kür zum Präsidentschaftskandidaten gewinnen möchte. Er wolle herausfinden, "ob ich 2008 eine Chance habe", sagt Giuliani; seine Entscheidung soll nach den Wahlen zum Kongress im November fallen.
Giuliani, zum dritten Mal verheiratet, ist für die Schwulenehe und eine liberale Abtreibungspolitik. Bei den Republikanern ist so einer chancenlos - wäre da nicht das große, einende Erbe des 11. September, würde er nicht für das stehen, was Amerikaner als "strong leadership", als starke Führung bewundern, gäbe es nicht die Aussicht, mit ihm die Mitte - und nicht die fundamental-religiösen Ränder - des Wahlvolks anzusprechen.
Das Bronzerelief an der Feuerwache 10 ist 17 Meter lang, es zeigt die beiden rauchenden Türme, die Helden der New Yorker Feuerwehr und die Namen derer, die gestorben sind - über den Irak-Krieg und den zerrissenen Zustand der US-Gesellschaft sagt es nichts. Die Frauen und Mütter der Toten stehen Schlange, um ihren "Rudy" zu umarmen, für alle hat er ein Lächeln und ein gutes Wort. Irgendwann zeigt er in den Himmel und erinnert sich, wie Menschen aus dem 102. Stock gesprungen sind. Dann verlässt er die Veranstaltung, er geht am Bauzaun entlang, hinter dem Ground Zero noch immer als riesige Wunde klafft, und an einem Feuerwehrwagen vorbei, wo ihn die Fans fotografieren - mit einer Hingabe, als sei er schon ihr Präsident. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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