07.09.2006

Die traurige Heldin

Pia Hofmann wuchs in der hessischen Provinz auf und wanderte in die USA aus. Nach dem 11. September half sie, als Bagger- und Kranführerin Leichen in Ground Zero zu bergen. VON MARKUS FELDENKIRCHEN
Ihre erste Leiche hieß Gary. Er steckte noch in der Uniform der New Yorker Feuerwehr. Sie fand ihn am Tag nach Weihnachten.
Sie hätte Gary gern vor dem Fest ausgegraben. Es wäre ein Geschenk gewesen für die Familie. Die Angehörigen hätten dann Gewissheit gehabt, dass der Vermisste wirklich tot ist, gestorben beim Einsturz der Türme, begraben unter den Trümmern von Ground Zero. Sie hätte der Familie ein Stück Frieden schenken können.
Pia Hofmann steht gegen den Zaun gelehnt, das blondierte Lockenhaar offen, das Handy am Gürtel, schwere Schuhe an den Füßen. Sie hat die Finger über dem Kopf in die Maschen gekrallt, sie wippt auf den Zehenspitzen, um hineinzulinsen in das berühmteste Loch der Welt. Ground Zero. Sie guckt auf Betonflächen, die so sauber und unschuldig wirken, als sei nichts geschehen. Nichts erinnert mehr an das Chaos, den Schutt, die Leichen.
Pia deutet mit dem Finger in eine Ecke des Loches. Da hinten, da lag Gary.
Sie steht einsam im Gedränge. Neben ihr wuseln die Massen nach Hause, es ist später Nachmittag, Feierabendzeit, aber Pia Hofmann bemerkt das Gewusel nicht, sie ist allein mit sich und dem Loch, das ihr Leben veränderte.
Vier Jahre ist es her, seit sie Ground Zero verlassen hat. Es war ihr Arbeitsplatz, sie war gekommen, um aufzuräumen, mit ihrem Bagger und ihrem Kran, jeden Tag, fast neun Monate lang. Sie war eine der wenigen Frauen unter den Bauarbeitern von Ground Zero, die einzige mit schwerem Gerät, die einzige Deutsche.
Sie steckt sich eine Zigarette an und bläst den Rauch durch den Zaun. Es fällt ihr schwer zurückzukommen. Sie schüttelt den Kopf, dann seufzt sie. Auf Gary folgten weitere Leichen, 100 oder 300, vielleicht auch mehr. Es war ihr Auftrag, dort unten die toten Körper zu finden, damit sie nicht mit den Schuttbergen des World Trade Center abtransportiert werden. Sie war schon lange nicht mehr hier unten. "Ich vermisse diese Zeit", sagt sie. "Sehr sogar."
Pia Hoffman, geboren in Deutschland, aufgewachsen in Hommertshausen, Hessen, beschließt im Alter von 16 Jahren, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. 26 Jahre später meldet sie sich für den Einsatz an Ground Zero. Es sind die zwei großen Kurven ihres Lebens und irgendwie gehören beide Veränderungen zusammen, die Flucht aus Deutschland und das Leben in Ground Zero.
Ein Haus auf Long Island, am Rande von New York, zehn Minuten entfernt von Queens. Pia hat sich eine Terrasse aus Holz gezimmert, es gibt einen großen Grill. Im kleinen Wohnzimmer ist Platz für einen Billardtisch, für einen Papagei, der gern Schimpfworte sagt, und für eine schwarze Schrankwand. Im mittleren Regal hat Pia Hofmann ihren Schrein errichtet.
Sie hat ein paar Dinge zusammengestellt, eine Nachbildung der Twin Towers, geschweißt aus einem Stück Stahl vom Ground Zero, die Türme aus Plastik, die Türme aus Glas, gerahmte Fotos, auf denen "God Bless America" oder "United We Stand" steht, eine kleine amerikanische Flagge und eine Flasche Wein, die sie unversehrt zwischen den Trümmern fand. Der Schrein steht hier seit fünf Jahren. Pia sagt, sie werde ihn niemals abbauen.
"Piaaaaaa", krächzt Max, der Papagei. "Piaaaaa, fuck you!"
Pia geht ins Schlafzimmer und zieht einen großen Schuhkarton unter dem Bett hervor. Sie hat alle Erinnerungen an Ground Zero darin gesammelt und die Box seit Jahren nicht mehr geöffnet.
Sie zieht ein Dankesschreiben des New Yorker Bürgermeisters heraus. Einen Plastikrosenkranz, den ihr ein kleines Mädchen am Rande der Baustelle schenkte. Und viele Fotos. Sie zeigen Dreck und Stahl und Schutt und mittendrin Pia mit Helm in einem Bagger. "Ich habe oft versucht, die Zeit zu verdrängen", sagt sie. "Aber es gelingt nur für eine gewisse Zeit." Es stecken zu viele Erinnerungen in diesem Loch, die Erinnerungen sind wie eine Dia-Schau in ihrem Kopf. Auf den Dias sieht sie Körperteile.
Sie zeigt auf ein Foto und sagt: "Genau hier." Es ist die Stelle, an der sie den Oberkörper einer Frau zwischen den Trümmern entdeckte. Sie stieg von ihrer Maschine und suchte nach weiteren Teilen. Irgendwann fand sie die Hand der Frau. Am Finger steckte ein goldener Ehering.
Sie hat versucht, selbst im größten menschlichen Unglück noch nach dem Guten zu suchen. Wer auch immer der Ehemann dieser Frau ist, hat sie sich gesagt, er wird glücklich sein über diesen Ring.
Sie sagt, dass der 11. September, dass Ground Zero sie wohl nie wieder loslassen werde. Die Frage ist nur, warum sie überhaupt dort hinunter gegangen ist?
Sie holt noch ein Foto, ein kleines vergilbtes. Man sieht eine Familie, die sich auf einer Couchgarnitur drängt, am Bildrand eine rote Leuchte, die Tapete gemustert. Es ist eine deutsche Familie aus den siebziger Jahren, ein biederes Idyll.
Es ist das einzige Foto, das Pia Hofmann von ihrer Familie behalten hat. Sie sitzt dort als junges Mädchen in Hommertshausen auf der Couch, eingequetscht zwischen dem streng blickenden Vater, der Großmutter und den Geschwistern. Es ist ein Erinnerungsfoto. Es erinnert sie an die Gründe, warum sie Deutschland verlassen hat. Man sieht Enge und Strenge.
Nach der Realschule wollte Pia technische Zeichnerin werden, aber es gab keinen Ausbildungsplatz. Sie hatte das Gefühl, hier zu vertrocknen. Es fühlte sich nicht richtig an, in Hommertshausen zu bleiben. Sie liest eine Anzeige in der Lokalzeitung: "Deutsches Kindermädchen in New York gesucht". Für sie klingt es wie eine Einladung in die Freiheit.
Sie nimmt die Kurve. Mit 16 Jahren zieht sie von Hommertshausen nach New York, Stadtteil Bronx. Obwohl sie in Englisch immer eine Fünf hatte.
Als Pia am 15. Oktober 1975 über den Atlantik fliegt, hat sie noch nie etwas vom amerikanischen Traum gehört. Aber sie träumt ihn gerade. Sie wandert aus, wie es Hunderttausende Deutsche ein Jahrhundert vor ihr taten, getrieben von der Hoffnung auf Glück.
Sie lebt nun in einer Weltstadt, sie heiratet, bekommt zwei Söhne, und als die Söhne groß sind, erfüllt sie sich ihren eigentlichen Berufswunsch und macht die Ausbildung zur Bagger- und Kranführerin. Sie verbindet all das mit Amerika und deshalb denkt sie, dass Amerika sie befreit habe. Sie hat immer nach einer Gelegenheit gesucht, danke zu sagen.
Sie sitzt vor dem Fernseher als die Türme des World Trade Center fallen und die Weltgeschichte in ihr Leben tritt. Für Pia ist es nicht einfach eine Katastrophe, sie empfindet es als Angriff auf ihr eigenes Lebensmodell, auf ihren persönlichen amerikanischen Traum. Sie ist wütend und traurig, sie weint so viel wie nie zuvor in ihrem Leben. Drei Tage lang ist sie wie gelähmt.
Am vierten Tag schaltet sie den Fernseher aus und meldet sich als Freiwillige für Ground Zero.
Sie möchte der neuen Heimat helfen, ihre größte Wunde zu heilen. Sie will die Trümmer beiseite schaffen, die Leichen bergen, sie möchte New York wieder schön machen.
Ihr Chef fragt sie nur: "Hast du einen stabilen Magen?"
Schnell findet sie ihren Platz im Mikrokosmos Ground Zero. Es stört sie kaum, allein unter Männern zu sein. Sie kennt Schimpfworte, die selbst rustikale Arbeiter erröten lassen. Sie kann in ihr Handy brüllen, dass halb Ground Zero mithören kann. Wenn sie über die Baustelle schreitet, sieht sie aus wie ein moderner Cowboy, nur mit Helm. Die Männer begegnen ihr mit Respekt.
Aber es gibt Spannungen zwischen den Leuten auf der Baustelle, Neid liegt über Ground Zero. Die Polizisten und Feuerwehrleute sind neidisch, weil die Bauarbeiter mehr Geld verdienen. Die Arbeiter sind neidisch, weil die Polizisten und Feuerwehrleute von den Medien als Helden gefeiert werden und sie nicht.
Auch beim Umgang mit den Toten hat sich ein Zwei-Klassen-System herausgebildet. Die Leichen mit Uniform werden von ihren Kollegen würdevoll aus dem Loch gebracht. Sie werden von einem Priester gesegnet, man legt sie auf eine Bahre, bedeckt sie mit der US-Flagge, bildet ein Ehrenspalier und trägt sie hinaus.
Die Zivilisten werden in schwarze Plastiksäcke gepackt und mit dem Truck hinausgefahren. Bis zu einem Tag im Februar.
Eisiger Wind fegt über Ground Zero als Pia die Leiche einer Büroangestellten findet. Ein Feuerwehrmann ruft nach dem schwarzen Plastiksack, so wie immer, da steigt Pia aus ihrem Bagger. Sie stellt sich vor die Leiche und brüllt. "Finger weg! Niemand fasst sie an, ehe ich das Okay gebe." Sie ist aufgewühlt, sie klingt so entschieden wie nie zuvor in ihrem Leben. "Ich will einen Priester, ich will eine Flagge, und ich will ein Ehrenspalier!"
Schließlich kommt ein Priester, eine Flagge wird gebracht, und die Arbeiter bilden ein Spalier. Von diesem Tag an werden alle Toten von Ground Zero gleich behandelt.
Kollegen von damals begrüßen sie noch heute mit den Worten "American Hero" oder "American Angel". Für die Kollegen ist Pia dort unten im Loch zu einem kleinen Engel geworden, ein Engel, der am liebsten "Fuck" sagt. Pia ist stolz auf das, was sie am Ground Zero erreicht hat. Sie sagt "Ich liebe Amerika" und dass sie fast alles für dieses Land tun würde. Sie schaut einem tief in die Augen, um die Ernsthaftigkeit zu unterstreichen, dann sagt sie: "Ich wollte mich bei Amerika bedanken."
Ihr Patriotismus wirkt oft eine Nummer zu groß, er kommt ein wenig zu demonstrativ daher. Es ist ein Patriotismus der Heimatlosen, die sich bedingungsloser als alle anderen an die neue Heimat klammern, sie verteidigen und beschützen. Ihr Patriotismus ist auch eine Rechtfertigung für das eigene Leben. Es ist, als müsse Pia der Familie daheim beweisen, dass es richtig war auszuwandern.
Aber die Familie versteht bis heute nicht richtig, was die verlorene Tochter und Schwester drüben an diesem merkwürdigen Ort gemacht hat. Und was es ihr bedeutet.
Vergangenen Herbst besuchte Pia Hommertshausen. Es gab ein Klassentreffen ihrer Realschule, nach 30 Jahren. Man traf sich in einer Gaststätte im Nachbarort. Die Mitschüler von früher stellten viele Fragen, sie konnten gar nicht glauben, dass ihre Pia die berühmteste Baustelle der Welt aufgeräumt hatte.
Nach dem Klassentreffen blieb sie noch ein paar Tage bei der Mutter, auch die Geschwister kamen. Es war schön, die Familie wiederzusehen, aber es dauerte auch nicht lange, da stritten sie, über Amerika, über Bush und den Irak-Krieg.
Die Schwester sagte, Bush sei eine Bedrohung, der Irak-Krieg ein großer Fehler. Pia hat einen großen Aufkleber auf ihrem Pick-up, auf dem "Support our Troops" steht. Sie hat Bushs Kriege unterstützt. Sie hat beschlossen, ihren Patriotismus nicht mehr zu hinterfragen.
Die Schwester sagte, der 11. September möge ja schlimm gewesen sein. Aber, was man in Amerika für ein Drama draus mache, sei völlig übertrieben.
Pia lachte bitter. Sie sagte, die Schwester habe gut reden. Wer, bitte schön, wolle Hommertshausen in die Luft sprengen? "No one gives a shit about Hommertshausen!"
Es war plötzlich wie in der Weltpolitik. Die Deutschen warfen den Amerikanern Arroganz vor und dass sie sich als Nabel der Welt sehen und dass sie sich viel zu wichtig nehmen.
Die Amerikaner sagten, die Deutschen seien weltfremd und sähen die großen Gefahren nicht.
Es war ein kleiner Kampf der Kulturen, ausgetragen an einem Wohnzimmertisch in Hommertshausen. Der transatlantische Riss ging mitten durch die Familie. Und am Ende der Woche war Pia froh, wieder nach New York fliegen zu dürfen, zurück in die Heimat.
Das "Dakota Roadhouse" liegt in der Seitenstraße von Ground Zero. Es ist eine Bar, in der grelle Bierreklamen blinken und Bauarbeiterhelme wie Trophäen an der Wand baumeln. Dazwischen hängt ein Hirschkopf mit einem Büstenhalter vor den Augen. Auf der langen Holztheke stehen Mausefallen, in die die Gäste das Trinkgeld klemmen. Pia setzt sich an die Bar, sie umarmt Andy, den Chef des Roadhouses, wie man einen alten Bekannten umarmt. Sie bestellt einen Apfelmartini und einen üppigen Cheeseburger. Sie wollte noch einmal hierher. Es ist ein Abstecher in ihre Vergangenheit.
Während ihrer neun Monate im Loch hat sie unzählige Stunden an diesem Tresen gesessen. Jeden Abend ist sie mit ihren Kollegen hierher gekommen, um über das Erlebte zu reden und um zu vergessen. Sie hat getrunken, Glas für Glas, Apfelmartini oder Wodka mit Cranberrysaft, hat Tausende Zigaretten geraucht, hat Männer mit Muskelbergen weinen sehen über das, was vom Tage übrig blieb.
Aus den Kollegen wurden Freunde, weil die alten Freunde plötzlich in einem anderen Kosmos lebten. Pia lebte jetzt in der kleinen Welt von Ground Zero, einer Parallelwelt mit eigenen Regeln und eigenem Rhythmus. Sie machte Erfahrungen, die die meisten Menschen nie machen müssen: dass man Körperteile riecht, bevor man sie sieht, dass man nur die Feuerwehrleute "am Stück" bergen kann, wie Pia sagt, weil die feuerfesten Anzüge den Leichnam schützen.
Sie hat in den neun Monaten keinen Tag Urlaub genommen, hat gearbeitet, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag und dann noch ein paar Stunden im Roadhouse gesessen. Nur hier, im Kreise der Kollegen, hatte sie noch das Gefühl, verstanden zu werden. Sie hat sich immer stärker eingerichtet in der Parallelwelt zwischen den Trümmern, irgendwann erschien sie ihr völlig normal. "Nur der Rest der Welt, in der die Menschen lachen, essen, Kinder machen, dieser Rest wurde mir immer fremder."
Sie ist bis heute nicht richtig zurückgekehrt in die normale Welt. Einmal im Jahr lädt sie ihre Jungs von Ground Zero zur Gartenparty ein. Sie sagt, das seien die schönsten Stunden des Jahres. Ihren neuen Lebensgefährten hat sie unten im Loch kennengelernt. Vom Vater ihrer Kinder hat sie sich vor Jahren schon getrennt.
Richie sitzt in einem Plastikstuhl auf Pias Holzterrasse und trinkt Beck's-Bier. Er hat bemerkenswerte Oberarme und einen dicken Schnurrbart, der sich nach unten biegt wie bei einem Seelöwen. Um seinen Hals liegt eine dicke Silberkette. Richie raucht Zigarillos wie andere Zigaretten. Seine Stimme brummt wie der Motor eines Traktors.
Richie hat die Trümmer aus Ground Zero herausgebracht. Mehrmals am Tag fuhr er mit seinem Laster an Pia vorbei. Irgendwann hat er sie angesprochen, mitten im Schmutz. Er sagt, dass sich die Arbeit damals angefühlt habe wie ein Kriegseinsatz. Er sagt, dass keiner der Arbeiter so aus Ground Zero herausgekommen sei, wie er reingegangen ist.
Es gibt einen Untersuchungsbericht aus dem Herbst 2004. Der besagt, dass 60 Prozent der Arbeiter von Ground Zero schwere Lungen- und Atemwegsschäden haben, wegen der Staubwolke über der Baustelle. Mehr als die Hälfte leidet unter psychischen Schäden. Richie erzählt von einem seiner guten Freunde, der plötzlich harte Drogen nahm und jetzt im Gefängnis sitzt. "Ground Zero hat viele Leben zerstört", sagt Richie. Dann muss er Bier holen.
Pia war vor kurzem beim Arzt. Er sagte, dass sie die Lunge einer 65-Jährigen habe. Aber es ist nicht das Schlimmste, wenn der Staub die Atemwege verklebt. Schlimmer sind die Erinnerungen, die den Kopf verkleben. Es ist nicht leicht, ein Leben fortzusetzen, dessen Höhepunkt in der Vergangenheit liegt.
Ihr Traumberuf ist auf einmal zum Beruf verkommen. Sie sitzt noch immer jeden Morgen in ihrem Kran, an irgendeiner Ecke hoch über der Stadt. Aber es ist nicht mehr dasselbe.
"Am Ground Zero hatte ich ein Anliegen, eine Mission", sagt Pia. Der Einsatz habe einen tieferen Sinn gehabt. Jetzt gibt es kein Anliegen, keinen tieferen Sinn mehr, "jetzt bauen wir wieder Häuser".
Vor kurzem träumte sie, sie stünde vor einer 9/11-Gedenktafel. Es war das Jahr 2300, und sie freute sich im Traum, dass die Menschen immer noch der Katastrophe gedachten. Es ist vielleicht alles ein bisschen viel für ein kleines Leben.
Es gibt strahlende Helden. Sie können ihr Leben nach der großen Tat genießen. Und es gibt traurige Helden, die das nicht können, weil die Tat sie zwar zum Helden gemacht, aber gleichzeitig beschädigt hat. Pia Hofmann ist ein trauriger Held.
Man kann Erinnerungen nicht kontrollieren, aber Pia hat sich genau das vorgenommen. Sie hat sich vorgenommen, nur noch an die schönen Momente aus einer furchtbaren Umgebung zu denken. Es gibt diese Momente, und sie gibt sich wirklich Mühe.
Am Tag, als die Aufräumarbeiten nach neun Monaten endeten, gab es eine Zeremonie. Als Höhepunkt sollte eine leere Bahre die Rampe hoch getragen werden. Pia wurde als eine von zwölf Trägern ausgewählt.
2749 Menschen starben beim Anschlag auf das World Trade Center. Pia und die anderen Arbeiter bargen rund 20 000 Leichenteile, 1151 Menschen blieben vermisst. Die leere Bahre sollte ein Symbol sein für all jene, die nicht mehr identifiziert werden konnten, jene, die Pia Hofmann nicht finden konnte, obwohl sie so leidenschaftlich gesucht hatte.
Sie zogen die Straßen von Manhattan entlang. Sie liefen vorbei an Tausenden Menschen wie bei einer Prozession, und an einer Stelle verteilte ein Mann Zettel mit einem Foto und ein paar gedruckten Zeilen.
"Dies ist mein Bruder. Man fand ihn in den Trümmern des World Trade Center", sagte der Mann. Er wirkte sehr ernst, es schien ihm wichtig zu sein, dieses Andenken an seinen Bruder zu verteilen. Pia steckte den Zettel ein, sie hatte keine Zeit, sie musste weiterziehen.
Ein paar Tage später findet sie den Zettel in ihrer Hosentasche. Sie sieht das Gesicht, sie liest den Namen und erkennt ihn wieder. Es war Gary, ihre erste Leiche.
Von Markus Feldenkirchen

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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