07.09.2006

Die lange Flucht

Alexander Osang über sieben New Yorker, die wie er vor den einstürzenden Türmen in einen Keller flohen und danach nur schwer wieder ins Leben zurückfanden
Theatre Alley hat nur Hintertüren. Es gibt keine Geschäfte, keine Schaufenster, keine Eingangshallen, alle Gebäude wenden der schmalen, kurzen Gasse ihren Rücken zu. Deshalb auch trifft man hier vor allem Ratten, Tauben und Penner.
Wer Theatre Alley betritt, fällt aus dem schnellen Leben Manhattans wie in einen dunklen Brunnen. Von der Mitte der Straße aus sieht man an den Rändern schnelle, geschäftige Menschen vorbeihuschen, wie Geister aus einer anderen Welt. Theatre Alley hat kein Straßenschild, und auch auf vielen Stadtplänen New Yorks ist sie nicht verzeichnet. Solche Straßen sucht man nicht, ich bin zufällig in sie geraten.
Am 11. September 2001 rannte ich die Ann Street hinunter, auf meinen Fersen folgte die Lawine des zusammenfallenden World Trade Center Nummer zwei. Als sie nur noch 50 Meter weg war, bog ich in die kleine Straße ein, weil ich dachte, dass der Staub die breiteren Straßen bevorzuge. Aber als ich in der Mitte von Theatre Alley angekommen war, stellte ich fest, dass es so nicht funktionierte. Von links und rechts näherten sich turmhohe Staubwände und schlugen über mir zusammen. Dann war alles schwarz. Theatre Alley war jetzt eine Sackgasse. Ich hielt den Atem an. Bis es hell wird, atme nicht, dachte ich. Aber es wurde nicht hell. Irgendwann konnte ich die Luft nicht mehr anhalten, ich atmete den dicken, warmen, schwarzen Staub ein und wartete darauf, das Bewusstsein zu verlieren.
In diesem Moment entschloss ich mich, meinen Beruf aufzugeben.
Andere wurden zur gleichen Zeit als Christen wiedergeboren, beschlossen Kriege zu führen, Kinder zu kriegen, Morde zu begehen, Bücher zu schreiben oder vielleicht auch nur, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Irgendetwas musste man machen.
Ich habe in diesen Stunden so viele E-Mails aus Deutschland bekommen wie nie zuvor, wahrscheinlich hat mir jemand auch genau in diesem Moment geschrieben, in dem ich in der Theatre Alley im Staub versank. Leute, von denen ich seit Jahren nichts gehört hatte, wollten wissen, wie es mir geht. Viele beschrieben, was sie gerade machten, als die Türme zusammenfielen, wo sie waren, was sie dachten. Jeder wollte sich zum Unvorstellbaren in Beziehung setzen. Sie waren jetzt ganz dicht bei mir, die ganze Welt war zusammengerückt auf diesen kleinen Flecken an der Spitze der Insel Manhattan. Es war ein richtiges, echtes Millennium, nicht so langweilig und ereignislos wie das im Jahr 2000.
Später, als der Irak-Krieg vorbereitet wurde, erzählte mir die Sängerin Patti Smith von ihrem Plan, Menschen auf der Welt zur gleichen Zeit das Wort "Peace!" rufen zu lassen. Der 11. September wäre ihr Tag gewesen.
Aber lange können sich so viele Menschen nicht einig sein. Die E-Mails aus Deutschland, die mich in den nächsten Tagen erreichten, waren schon nicht mehr so herzlich, sie sorgten sich nicht mehr um mich und New York, sondern um den Weltfrieden und sich selbst. Aber in diesem Augenblick in der Dunkelheit, Sekunden, nachdem der zweite Turm fiel, waren alle Gewissheiten vorbei, nichts war mehr, wie es ist, es war ein Moment für gute Vorsätze.
In meinem Fall dauerte er fünf Minuten, vielleicht zehn.
Ich wohne in Brooklyn, auf der anderen Seite des Flusses. Ich sah den ersten Einschlag im New Yorker Lokalfernsehen. Während ich mit meiner Frau noch darüber diskutierte, ob es notwendig sei, deswegen loszufahren, schlug das zweite Flugzeug ein. Meine Frau holte die Kinder aus der Schule. Ich nahm unser Auto und fuhr der kleinen schwarzen Wolke am strahlend blauen Himmel entgegen. Ein Blau, das inzwischen immer wieder beschrieben wurde, wahrscheinlich, weil es für unsere Unschuld stand, unsere Naivität, für das Gute.
Ich stellte den Wagen im Parkverbot in Brooklyn Heights ab und drängte mich an den Polizisten vorbei auf die Brooklyn Bridge, die mit Menschen in staubiger Bürokleidung gefüllt war. In meiner Erinnerung bin ich der Einzige, der nach Westen läuft. Als ich in der Mitte der Brücke war, fiel der erste Turm. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich in diesem Moment überhaupt wusste, was passiert war. Aber ich dachte an Geschichte, den Absturz der "Hindenburg", die Explosion des Space Shuttle, nur größer, viel größer. Ich lief weiter, dem noch stehenden Turm entgegen. Manhattan war weiß und still, fast weihnachtlich, ich lief immer weiter, bis ich direkt vor dem brennenden Turm stand. Ein Feuerwehrmann stellte sich vor mir auf und fragte: "Was willst du hier, Junge?" Ich sagte: "Dichter ran".
Und das genau wollte ich, dichter ran. Keine Ahnung, was ich dort, ganz dicht, vermutete, Exklusivität wahrscheinlich, oder Wahrheit. Ein paar Sekunden später schrie der Feuerwehrmann: "Rennt! Wir verlieren den zweiten Turm!" Und ich rannte, vom Gefühl beseelt, so dicht dran gewesen zu sein, wie es ging.
In dem Moment, als ich die schwarze, giftige Luft in der Theatre Alley einatmete, verstand ich, dass ich wie eine Motte dem Licht entgegengerannt war. Ich war kein Zeuge der Weltgeschichte, ich war ein Insekt. Das war alles nichts für mich. Ich musste ein neues Leben anfangen. Irgendwann brach jemand eine der verrammelten Hintertüren auf und führte mich über verschlungene Kellergänge zu einer Tür, unter der ein schmaler Lichtschein lag. Hinter der Tür befand sich ein Hausmeisterzimmer, in dem etwa 15 Menschen hockten. Es gab einen Schreibtisch, auf dem ein großes, schwarzes Telefon stand und ein kleines Radio.
In einer Ecke weinte eine Frau, in einer anderen saß ein stiller Mann mit einer jüdischen Kipa, zwischen seinen Beinen eine Aktentasche. Ein kleiner Asiate rannte hin und her, auf dem Boden saß eine kräftige schwarze Polizistin und erbrach sich, am Schreibtisch stand ein Mann mit dem Footballjersey New York Jets und einer dicken Goldkette, an der eine Polizeimarke hing. Der Mann mit der Marke schien die Kontrolle zu haben. Er spülte mir die Augen aus und riet mir, den Dreck auszuhusten. Ich ging in den Waschraum, und als ich wieder rauskam, entschied ich mich, doch noch diese eine Geschichte aufzuschreiben. Die letzte Geschichte. Ich holte meinen Block heraus.
Die Zeit, in der nichts mehr war, wie es ist, war verstrichen.
Die weinende Frau in der Ecke hieß Eileen McGuire, eine Technologin von Marsh, des größten Versicherungsmaklers der Welt, der auf acht Etagen im Nordturm arbeitete. Mitten in diese Etagen war das Flugzeug eingeschlagen. Eileen McGuire arbeitete im 96. Stock, ihr Mann John im 99. Er fing gewöhnlich früher an als sie. Er hatte ihre Wohnung in der Upper East Side um 7 Uhr verlassen. Eileen erst um 8.15 Uhr. Als sie aus der Subway stieg, brannte der Turm bereits. Sie rannte ihm entgegen, wollte hinein, zu ihrem Laptop, ihren Kollegen, ihrem Mann, aber die Polizisten hinderten sie. Sie lief hin und her, dann fiel der erste Turm und hüllte sie ein. Minutenlang stand sie orientierungslos im Staub, bis Steve Weiss sie mit sich riss und in das Foyer eines Bürogebäudes schob, von wo sie in diesen Keller kam.
Steve Weiss, Sohn einer Philippinerin, war in Manhattan, um Wahlkampf für Mark Green zu machen, den demokratischen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl, die an diesem Tag stattfand. Steve Weiss war 18 Jahre alt, studierte an der Penn State University und fuhr an jenem Morgen mit zwei anderen jungen Wahlkämpfern durch Manhattan, um Flyer zu verteilen. Als sie am Rathaus waren, begriff Steve Weiss, dass die Wahlen heute wohl nicht das Wichtigste waren. Er beschloss, nach Hause zu gehen, nach Staten Island. Auf halbem Weg zur Fähre brach der Turm zusammen, Weiss irrte durch die Wolke, sah Eileen McGuire und brachte sie in Sicherheit. Er rief vom Hausmeistertelefon seinen Vater an, der ihn zusammenbrüllte, weil er die Universität schwänzte. Steve gab das Telefon an Sammy Fontanec weiter, den Mann mit der Polizeimarke und dem grünen T-Shirt der New York Jets.
"Seien Sie froh, dass Ihr Sohn am Leben ist, Mann", sagte Fontanec und legte auf.
Fontanec war ein Polizeibeamter aus dem Rauschgiftdezernat von Harlem. Er war an diesem Morgen mit ein paar Kollegen in Downtown, weil er vorm Staatsanwalt gegen einen Crackdealer aussagen sollte, den sie in der Woche zuvor in Harlem gefasst hatten. Sie standen auf den Stufen des Gerichtsgebäudes, als das erste Flugzeug kam. Sie steckten sich ihre Polizeimarken an die Zivilsachen und rannten zur Unglücksstelle. Sie verloren sich in der Staubwolke. Fontanec tastete sich durch die Dunkelheit, bis er eine Tür fand, die zu einem Foyer führte, wo sich sieben, acht Leute versammelt hatten, die ihn ansahen. Er führte sie in den Keller und lief dann nach draußen, um zu sehen, ob noch jemand seine Hilfe brauchte. In der Wolke des zweiten Turms fand er zwei Kollegen.
Officer Tonya Daire, eine kräftige schwarze Frau, war mit ihrem Captain und einem Kollegen aus ihrem Polizeirevier in East New York nach Manhattan gerast, um zu helfen. Sie parkten das Auto zwei Blocks neben dem World Trade Center. Der Captain sagte ihr, sie solle auf den Wagen aufpassen, dann rannte er mit seinem Kollegen weg. Aus dem Funkgerät kamen Notrufe. Menschen flehten um Hilfe, schrien, wimmerten, husteten.
Tonya Daire wusste nicht, was sie ihnen sagen sollte. Sie war ja nur die Sekretärin eines Polizeihauptmanns aus East New York. Sie wartete. Kurz bevor der erste Turm zusammenbrach, rannten Menschen an ihrem Auto vorbei, sie überlegte, ob sie sich ihnen anschließen sollte, aber ihr Chef hatte ja gesagt: "Bleib hier Tonya", und sie wollte den Job nicht verlieren. Sie hatte drei Kinder, keinen Mann und brauchte das Geld. Dann war alles schwarz. Sie wartete weiter. Die Luft klärte sich. Kurz bevor der zweite Turm fiel, kam der Captain zurück und schrie: "Was machst du denn noch hier Tonya? Renn!" Sie rannte, bis die Wolke sie stoppte.
Officer Daniel Velasquez, ein Rauschgift-Cop aus Williamsburg, wurde von einem Kollegen über den Haufen gefahren, als alle vor dem zweiten Turm wegrannten. Das Auto kam aus dem Staub, rammte ihn und fuhr einfach weiter. Velasquez flog über eine der blauen Polizeiabsperrungen. Als er sich aufrappelte, konnte er nicht mehr sehen und nicht mehr atmen. Halb bewusstlos taumelte er durch die Dunkelheit. Irgendwann sah er im Rauch das schwache Licht der Stabtaschenlampe von Sammy Fontanec. Da brach er zusammen. Fontanec und Weiss schleppten den schweren Polizisten die Treppen runter in den Keller, banden ihm den Pistolengurt und all die anderen schweren Dinge ab, die an einem New Yorker Cop befestigt sind. Sie zogen ihm die Uniformjacke aus, wuschen ihn. Und da lag er, auf dem Rücken, wie ein Käfer.
David Liebman und Steven Garrin wurden auf dem Weg zur Arbeit vom zusammenfallenden Turm überrascht. Liebman ist ein Programmierer, der im Gebäude der Deutschen Bank Software installierte. Garrin ist Jurist, der ein Büro am Ground Zero hat. Letztlich hatte uns alle unsere Arbeit hierhergeführt. Nur der Hausmeister, der Mann, der hier eigentlich arbeitete, war nicht da.
Etwa eine Stunde verbrachten wir in seinem Raum, benutzten sein Telefon und sein Radio. So erfuhren wir, dass Terroristen die Flugzeuge gesteuert hatten, dass es weitere entführte Flugzeuge gab. Dass auch Washington getroffen wurde und Pennsylvania. Dort oben schien ein Krieg ausgebrochen zu sein, und wir saßen in einem Luftschutzkeller.
Eileen McGuire weinte um ihren Mann. Steven Garrin erzählte mir leise, dass er vor einer Woche aus Israel zurückgekommen sei, wo er einen philosophischen Vortrag gehalten habe. Er habe ein paar Verwandte getroffen, die nach Tel Aviv kamen, weil er nicht in die Siedlungen der West Bank fahren wollte. Er habe es für zu gefährlich gehalten, sagte er und lachte vorsichtig. Er bekam schlecht Luft, weil er Asthmatiker ist. Irgendwann erreichte Eileen McGuire ihren Mann, er hatte einen Arzttermin, den sie vergessen hatte, er war in ihrem Apartment in der Upper East Side.
Sie saß wie versteinert am Telefon.
"Hey, Eileens Mann ist am Leben, Leute", rief Fontanec. Und wir jubelten und klatschten, als sei jetzt alles wieder gut. Kurz danach wurde Steven Garrin von zwei Männern abgeholt und in ein Krankenhaus gebracht. Fünf Minuten später gingen wir nach oben.
Es war wieder der helle, strahlend blaue Tag. Der Boden war mit weißem Staub bedeckt. Die Nacht war vorbei. Wir standen vor dem Gebäude und warteten einen Moment. Dann sagte Sammy Fontanec: "Los. Ihr könnt jetzt gehen, Leute." Es klang, als treibe er Kühe von der Weide. Eileen McGuire verteilte ihre Visitenkarten, wie nach einem Business-Meeting. Auf der Karte stand eine Adresse, die es nicht mehr gab. Dann gingen alle langsam los, zurück in ihre Leben, vorsichtig, als würden sie den Mond betreten. Ich drehte mich noch einmal um und notierte den Namen des Gebäudes, in dem wir Zuflucht gefunden hatten. Temple Court Building.
Abends, nachdem ich meine letzte Geschichte aufgeschrieben hatte, rief mich ein Redakteur aus Hamburg an und überlegte, was die nächste Reportage sein könnte. "Das wird jetzt wie nach dem Mauerfall", sagte er. "Es wird ein halbes Jahr lang Geschichten geben, Hunderte Geschichten." Ich fühlte mich müde. Ich hatte eigentlich alles aufgeschrieben, was ich wusste. Ich hätte jetzt aufhören können. Dann ging ich schlafen, und am nächsten Morgen fing ich an, die Geschichten aufzuschreiben. Und genau genommen mache ich das jetzt, fünf Jahre später, immer noch.
Ich interviewte fünf Männer, die in einem Fahrstuhl im Nordturm festgesteckt hatten. Eine Frau spielte mir immer wieder die Nachricht vor, die ihr Mann auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, bevor er starb. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Die rote Lampe meines Diktiergeräts zitterte leicht dazu. Im Wohnzimmer der Witwe spielte ihr Kind, ein zweites trug sie im Leib. Ich besuchte vier Trauerfeiern. Ich sprach mit Rudolph Giuliani, dem New Yorker Bürgermeister, der die Stadt nach dem Anschlag beruhigte, als wäre sie ein Baby. Er war inzwischen weltweiter Berater im Kampf gegen das Böse und bewohnte eine halbe Etage eines Hochhauses am Times Square. In den Zimmern neben ihm residierten seine Gefährten des Katastrophentages, sein Polizeichef, sein Feuerwehrhauptmann, seine Pressesprecherin. Sie reisten mit ihm in eine Zukunft, die ihn vielleicht zum nächsten amerikanischen Präsidenten machen wird.
Der 11. September hörte nicht auf.
Als ich zu den Olympischen Winterspielen 2002 nach Salt Lake City flog, durften wir uns aus Sicherheitsgründen eine Stunde vor der Landung nicht mehr von den Sitzen erheben. Zur Eröffnungsfeier arbeitete ich mich durch so viele Stacheldrahtzäune und schwerbewaffnete Soldaten vor, dass ich aus Angst das Stadion verließ, als die amerikanische Mannschaft gerade einmarschierte. Zweimal floh ich auch aus der New Yorker Subway, weil ich davon ausging, dass der Mann mir gegenüber sich gleich in die Luft sprengen würde. Dreimal war ich bei meinem Hausarzt in Brooklyn, weil ich überzeugt war, Krebs zu haben. Der Doktor redete mit mir über meine Arbeit, maß meinen Blutdruck, beruhigte mich und kassierte jedes Mal 120 Dollar. Vier Jahre später sagte mir der Leiter eines Therapiegruppe für Kriegsveteranen in Massachusetts, dass ich wahrscheinlich unter posttraumatischem Stress leide. Er selbst war im Drogenrausch durch den vietnamesischen Dschungel geschlichen. Wir meditierten zusammen in seiner Garage.
Zehn Minuten bevor ich im November 2001 im Deutschen Theater in Berlin ein paar New-York-Texte vorlas, begann die amerikanische Armee, Afghanistan zu bombardieren. Aus Solidarität - mit wem, wusste ich auch nicht genau - überlegte ich, die Lesung abzusagen, machte sie dann aber doch. Am Ende erhob sich eine Frau im Publikum und fragte, wie ich hier lustige Kolumnen aus New York vorlesen konnte, während in Afghanistan Menschen starben. Ich wusste es auch nicht. Der 11. September wurde immer größer.
Im Winter 2003 saß ich im Saal des Uno- Sicherheitsrates, als die Amerikaner ihren nächsten Krieg verkaufen wollten. Wieder war New York die Kulisse. Die Fernsehreporter standen in ihren blütenweißen Hemden und steifgesprühten Frisuren vorm East River in der Wintersonne. Niemand glaubte mehr an die Gründe für diesen Krieg, aber alle wussten, dass er trotzdem stattfinden würde. Eine Woche lang taten die Diplomaten so, als kämpften sie.
Ein Vierteljahr später interviewte ich im Irak Soldaten und Offiziere, die hierhergekommen waren, um Massenvernichtungswaffen zu finden, die es offenbar nicht gab. Sie hatten keine Ahnung, worauf sie sich eigentlich eingelassen hatten. Viele von ihnen hatten sich nach dem 11. September zum Dienst gemeldet, weil sie irgendetwas tun wollten. Man musste ja reagieren. Sie standen im Wüstensand, die dicken Oberarme vom Oberkörper abgespreizt. Bereit. Die meisten waren nie in ihrem Leben in New York gewesen.
2004 nutzte George W. Bush New York noch einmal - um wiedergewählt zu werden. Ich sah ihn auf einem Acker in Ohio vor zehntausend Leuten die Schrecken des 11. September heraufbeschwören. Die Landbevölkerung hielt den Atem an. Der Wahlparteitag der Republikaner fand im Madison Square Garden statt, der abgesperrt war wie ein undichter Atomreaktor. Alles, was Bush brauchte, war die Kulisse der Stadt. Am Auftaktabend des Parteitages marschierte Rudolph Giuliani wie eine Museumsfigur auf die mit Fahnen geschmückte Bühne und spielte noch einmal den Heldenbürgermeister. Giuliani benutzte Bush, Bush benutzte Guiliani. Später kam noch Arnold Schwarzenegger und beschimpfte die grübelnden Demokraten als "girlie men".
Der 11. September war zu einem Totschlagargument geworden. Ein Vorwurf. Die New Yorker wandten sich angewidert ab. Sie wählten mit großer Mehrheit John Kerry. Es hat nicht gereicht. Die Landbevölkerung von Ohio war wichtiger als sie. Am Tag nach der letzten Präsidentenwahl wirkte die Stadt so müde und niedergeschlagen wie nach dem Anschlag.
Die Politiker, Leitartikler, die Soldaten, Verschwörungstheoretiker, Filmemacher und Architekten hatten den Tag ausgeweidet, bis er jede Würde verloren hatte. Die unendliche Baulücke am Ground Zero illustriert das.
Im Frühjahr 2006, als sie das erste Haus am World Trade Center wiedereröffnet haben, sang Lou Reed hier mit grimmigem Gesicht auf einer Bühne, die direkt neben dem Loch stand: "Just a Perfect Day". Es klang in meinem Kopf wie die perfekte 9/11-Hymne, ein New-York-Lied über das Blau, die wunderbare Stadt, die kleinen Pläne für den Tag, den heraufziehenden Schrecken und all die verpassten Chancen. Ein perfekter Tag. "Du erntest, was du säst", sang Lou Reed. Hinter ihm wehte das Tuch der verhängten Fassade des Deutsche-Bank-Gebäudes wie ein Leichentuch im Frühlingswind. Sie finden dort immer noch Knochen.
Ich bin nicht wieder in die Theatre Alley gegangen, obwohl ich oft am Ground Zero war. Weil wieder irgendwelche Architekturmodelle enthüllt wurden, Jubiläen anstanden oder ich im Discountkaufhaus Century 21 einkaufte, wo es die billigsten Paul-Smith-Hemden und Kenzo-Socken auf der Welt gibt. Ich kannte fünf Jahre lang nicht mal den Namen der Straße.
Im Dezember 2001, nach einer Weihnachtsfeier, die in einer Bar am Ground Zero stattfand, wollte ich meiner Frau die Stelle zeigen, in der mein Leben von vorn anfangen sollte. Wir irrten in unseren Weihnachtsfeiersachen durch die mit Bauscheinwerfern ausgeleuchteten Straßen, bis uns ein Polizist mit mitleidigem Lächeln wegschickte. Ich kam mir vor wie ein Katastrophentourist, wie George W. Bush, Gerhard Schröder und all die anderen Politiker, die mit Tränen in den Augen am Rande des Abgrunds standen.
Fast fünf Jahre nach dem 11. September lief ich zum zweitenmal im Leben in die Theatre Alley. Es war ein heißer, heller Juli-Tag. Die Hälfte der Straße war mit Baugerüsten gefüllt. Ein Penner, der auf einem Klappstuhl in einer Ausfahrt saß, schaute ausdruckslos zu, wie ich an den Hintertüren entlanglief und schließlich vor einer stehenblieb, die meine hätte sein können. Ich sah auf die Tür, durch die ich mich gerettet hatte, und hoffte, dass vielleicht irgendetwas passiert mit mir, dass ich meinen Frieden finden oder noch mal von vorn anfangen kann oder etwas in der Art. Aber es passierte nichts.
Es roch nach Urin, und auf der Schwelle der Tür lag eine halbverweste Ratte. Ich fühlte mich wie Noodles, der in "Es war einmal in Amerika" nach über 30 Jahren in ein New York zurückkommt, das er nicht mehr kennt.
Ich entschloss mich, die Leute zu besuchen, mit denen ich damals im Keller ge-
steckt hatte. Vielleicht hatten sie einen Weg gefunden, das Loch zu füllen.
Steve Weiss schlug ein Café im East Village vor, wahrscheinlich, weil er mich nicht in seinem Kinderzimmer in Staten Island empfangen wollte, wo er immer noch lebte. Sein Kandidat Mark Green wurde bei den Wahlen, die ein paar Wochen nach dem 11. September wiederholt wurden, von Michael Bloomberg geschlagen. Bloomberg hatte sich den Sieg über millionenteure Werbespots gekauft, aber er ist ein guter Bürgermeister für New York geworden, entschieden, aber nicht so fiebrig wie Giuliani. Steve Weiss lächelte mitleidig, als ich ihm das sagte. Ihm war jetzt klar, dass Politik institutionalisiert ist, machtlos. Er würde künftig nicht mehr wählen, sagte er. Es sei sinnlos. Höchstens Barak Obama, den schwarzen Messias aus Chicago. Aber nein, nicht mal den.
Steve Weiss' Weg aus dem Keller in diesen Juli-Tag 2006 erinnert an ein Tischfeuerwerk. Zuerst ist er mit Eileen McGuire in die Upper East Side gelaufen, 90 Blocks weit. Ein großartiges Paar, die 43-jährige Versicherungsbrokerin und der 18-jährige Wahlkampfhelfer. Er hat eine Nacht bei seinem Onkel in der 86. Straße geschlafen und ist dann zurück nach Staten Island gefahren. Am 13. September hat er sich da in einem Army Shop eine kleine amerikanische Fahne gekauft und sie an seinem Rucksack befestigt. Damit hat der Streit mit seiner Freundin begonnen, die das lächerlich fand. Sie haben sich wenig später getrennt. Am 14. fuhr er nach Pennsylvania, um weiterzustudieren. Er sprach der Redakteurin einer Studentenzeitung auf den Anrufbeantworter, dass er am 11. September mit mehreren Menschen in einem Keller festsaß, aber sie rief nie zurück. Danach hat er seine Geschichte nicht mehr erzählt.
Im Sommer 2002 arbeitete er für den grünen US-Aktivisten Ralph Nader. 2003 organisierte er den Widerstand gegen den Irak-Krieg an seinem College. 2004 arbeitete er ein paar Wochen lang beim demokratischen New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer und bei einer Modezeitschrift. Das letzte halbe Jahr verbrachte er in Spanien, wo er ein Mädchen kennenlernte, das ihm vielleicht nach New York folgen wird, vielleicht aber auch nicht. Jetzt ist er gerade ohne Arbeit. Er interessiert sich für Journalismus, und er mag Amsterdam.
Hat ihn der 11. September verändert? "Er hat mich politischer gemacht", sagt Weiss.
Wenig später erzählt er, dass er Investmentbroker werden will. Als ich ihn frage, ob das nicht ein Widerspruch sei, sagt er, dass er das viele Geld an die Leute verteilen werde, die es wirklich brauchen. Steve Weiss will Robin Hood werden. Er ist jetzt 23 Jahre alt.
David Liebmans und Steven Garrins Wege aus dem Keller wirken dagegen fast langweilig. Sie sind nach Hause gegangen. Liebman nach Long Island, Garrin in die Upper West Side. Sie haben geduscht und sind nach ein paar Tagen wieder nach Downtown gefahren, um weiterzuarbeiten. Es hat bei beiden ein wenig gedauert, Fuß zu fassen, denn die meisten ihrer Mandanten waren nach New Jersey verschwunden. Aber jetzt, sagen sie, sei eigentlich alles wie immer.
Sie besuchen mich hintereinander in unserem Büro, Liebman am Vormittag, Garrin am Nachmittag, und obwohl sie sich nicht ähnlich sehen, könnte man sie verwechseln. Zwei mittelalte, unaufgeregte Männer mit Aktentaschen und Hobbys. David Liebman, der Software für Finanzinstitute entwickelt, hat eine 60 Jahre alte Cessna, mit der er jedes Wochenende die Küste von Long Island hoch und runter fliegt. Steven Garrin verdient sein Geld mit Patentrecht, aber seine Leidenschaft sind Thomas Mann und Stefan Zweig. Er unterrichtet nebenberuflich deutsche Literatur und Geschichte an einem staatlichen College in Manhattan.
Garrin und Liebman sind Juden, Liebmans Vorfahren kamen aus Russland und Polen nach Amerika, Garrins Mutter stammt aus Berlin. Sie haben beide zwei Kinder - Liebman zwei Jungs, Garrin zwei Mädchen - und arbeiten beide gern allein. Liebman ist der einzige Angestellte seiner Software-Firma, Garrin der einzige Anwalt seiner Kanzlei.
Sie erzählen beide, dass sie nie seelische Schwierigkeiten nach dem 11. September hatten. Terroranschläge sind zufällige, willkürliche Akte, sagt Garrin. Die Menschen waren zur falschen Zeit am falschen Ort, sagt Liebman. Es hätte genauso gut den Sears Tower in Chicago treffen können. Sie hätten sich beide gewünscht, dass New York wütender, ärgerlicher auf den Anschlag reagierte. Aber sie haben nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, New York zu verlassen. Garrin hat immer auf der Upper West Side gelebt, Liebman auf Long Island. Eigentlich hat sich ihr Leben nicht verändert, sagen sie.
Aber man kann sie dann doch unterscheiden. Liebman ist Demokrat, Garrin Republikaner. Steven Garrin war für den Irak-Krieg. Er mag George W. Bush. "Er ist ein anständiger Präsident", sagt er. "Jemand, der sich von seinen tiefen religiösen Überzeugungen leiten lässt. Es gibt verschiedene Arten von Intelligenz. Bush hat eine intuitive Intelligenz. Wie Reagan. Das war ein brillanter Präsident. Kein brillanter Mann."
David Liebman war gegen den Krieg. Er findet Bush gefährlich. "Sie haben den 11. September ausgenutzt, um unsere harterkämpften bürgerlichen Freiheiten zu beschneiden. Der Patriot Act ist eine Katastrophe. Wenn wir so weitermachen, enden wir als eine Diktatur", sagt er.
Am Ende nehmen sie ihre Aktentaschen und gehen zurück zur Arbeit, vorbei an dem schwerbewaffneten Soldaten, der an diesem Tag vor unserem Haus in Midtown steht, weil sich wahrscheinlich irgendjemand bedroht fühlt. Zwei mittelalte Männer aus New York. Sie können sich nicht aneinander erinnern, sagen sie.
Officer Tonya Daire weiß noch, dass sie am 11. September dreimal duschen musste; einmal in einem Krankenhaus in Manhattan, einmal zu Hause und dann noch einmal abends, als sie sich auf ihrem Revier in East New York zurückmeldete. Sie musste all ihre Sachen abgeben und die kleinen Zöpfe öffnen, die ihr ein Friseur erst zwei Tage zuvor geflochten hatte. Aber die Stimmen in ihrem Kopf waren nicht rauszuwaschen. Es waren die Stimmen aus dem Funkgerät.
"Die Leute flehten um ihr Leben, sie wollten unsere Hilfe, aber ich saß da im Auto, sah nichts, wusste nichts. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so hilflos gefühlt", sagt sie.
Die Stimmen gingen nicht weg. Sie waren am 13. September 2001 da, als sie ihren 38. Geburtstag feierte. Sie hörte sie, wenn sie die Briefe für ihren Captain tippte, wenn sie ihre Töchter ins Bett brachte und auch, wenn sie die beiden weckte. Sie war manchmal wütend, ohne zu wissen, warum. In einer Therapiegruppe für Polizisten erfuhr sie, dass sie unter posttraumatischem Stress leide. Sie solle alles meiden, was mit dem 11. September in Verbindung stehe. Sie hielt sich daran, sie sah keine Filme über den Tag, las nichts und war nie wieder in Downtown.
Die Stimmen wurden leiser, und als sie im Jahr 2004 noch mal ein Kind bekam, verstummten sie. Es war wieder eine Tochter. 2005 hörte Tonya Daire als Sekretärin des Captains auf, und damit war die letzte Verbindung zum 11. September gelöst. Sie kümmert sich jetzt um die Kriminalstatistiken von East New York. Es ist keine besonders gute Gegend. Die Kriminalitätsrate fällt, wenn sie die Verbrecher ins Gefängnis stecken, sagt sie, und steigt, wenn sie wieder draußen sind. Die Bewegung dieser Kurve ist die heftigste Welle in Tonya Daires Leben. Sie hat den Tag hinter sich gelassen, sagt sie. Aber in der letzten Woche, als sie zum Lungentest war, hat eine Ärztin ihr ein paar Fragen zum 11. September gestellt, und Officer Tonya Daire hat angefangen zu weinen und konnte nicht mehr aufhören.
Wenigstens sind ihre Lungen in Ordnung.
Viele der Polizisten, die am 11. September und danach am Ground Zero halfen, haben Atembeschwerden. Einige sind an Krebs erkrankt, das erste offizielle Todesopfer der Staubwolke war ein Polizist aus New Jersey. Ein Gerichtsmediziner fand Giftstoffe aus dem World-Trade-Center-Staub in seinen vernarbten Lungen. Niemand weiß genau, wie giftig die Wolke wirklich war. Vor ein paar Monaten hat die "New York Post" das Hemd eines Mannes, der am Ground Zero half, analysieren lassen. Es hatte viereinhalb Jahre in einer Plastiktüte gelegen und war immer noch hochgradig mit Asbest verseucht, schrieb die "Post". Die Polizeigewerkschaft bereitet eine Sammelklage gegen die Stadt vor.
Tonya Daire sagt, sie habe mehr Allergien als früher, Sammy Fontanec leidet unter Atemnot, und David Liebman hat vor einem Dreivierteljahr eine Nasennebenhöhlenentzündung bekommen, die nicht mehr weggeht. Steve Weiss und Eileen McGuire sind gesund, soweit sie wissen, Steven Garrins Asthma hat sich nicht verschlimmert, aber Daniel Velasquez hat der 11. September krank gemacht.
Velasquez ist 34, empfängt mich im Apartment seiner Mutter, die in einem Sozialbau in Williamsburg, Brooklyn wohnt. Seine Mutter starrt auf den kleinen rauschenden Fernseher, wo eine mexikanische Schlagerparade läuft. Sie ist sehr dick, zahnlos und spricht kein Englisch. Velasquez sinkt vorsichtig auf das Sofa, ein Zweisitzer, den er allein füllt. Er ist groß, schwer und so ziemlich überall tätowiert. Velasquez hat sich am 12. September am Rücken röntgen lassen, dort, wo ihn der Polizeiwagen traf, er hatte sich ein paar Rippen gebrochen und blieb für einen Monat zu Hause, bis alles geheilt war.
Als er wieder einsatzfähig war, schickten sie ihn auf die Müllkippe in Staten Island, wo die Reste der Türme nach den Überbleibseln menschlichen Lebens durchsiebt wurden. Es war ein richtiges großes Militärcamp, das sie da in Staten Island aufgebaut hatten, mit Leichenschauhaus, Pathologiezelt, Ruheräumen und Kantine. Als alles durchgesiebt war, ging er zurück auf sein Polizeirevier in East New York und arbeitete ein Jahr weiter als Drogen-Cop. Aber dann wurden die Schmerzen im Rücken zu groß. Er wurde operiert und wechselte zu Internal Affairs, eine Abteilung, in der Polizisten sich gegenseitig überprüfen. Niemand will da arbeiten, aber es war ein Schreibtischjob, und so machte er ihn. Es wurde nicht besser. Er wurde wieder krank, zuletzt kamen Atembeschwerden hinzu. Er war praktisch nur noch die Hälfte der Zeit im Dienst, sagt Velasquez. 2005 schickten sie ihn in den Ruhestand. Mit 33.
Er wohnt jetzt bei seiner Mutter in Williamsburg und manchmal bei seiner Freundin in Queens. Er kann nicht schlafen, sagt er. Er hatte alle Sorten von Schmerztabletten ausprobiert, 90 Besuche beim Chiropraktiker hinter sich, das letzte Mal durchgeschlafen hat er, als er sich fast eine Überdosis der Schmerzmedikamente gab.
Er sitzt da, festgeschweißt in seinen Sessel. Er hat noch die riesigen Oberarme aus seiner Footballer-Zeit, aber damit kann er jetzt wenig anfangen. Der Kollege, der ihn umgefahren hat, habe nicht mal angehalten, sagt er. Seine Mutter schaut in den Fernseher, und auch seine Freundin, die später noch kommt, hört nicht zu, als er seine alten Geschichten erzählt. Vielleicht hat sie sie schon zu oft gehört, vielleicht versteht sie sie auch nicht. Sie war ja nicht dabei.
Eileen McGuire und ihr Mann John McLane sitzen auf der Terrasse ihres Hauses an der Nordküste von Long Island. Sie haben es zwei Jahre nach dem 11. September gebaut, um Ruhe zu finden. Es ist ein großes Haus, das man über eine lange, geschwungene Kiesauffahrt erreicht. Der Blick geht über Weingärten, aber Eileen McGuire beschreibt die Aussicht aus dem 96. Stock des World Trade Center. Sie sahen nach Süden auf die Freiheitsstatue, sagt sie, den Hafen, die Verrazzano Bridge, das Meer.
John McLane erzählt, dass er einmal beobachtete, wie einer der Falken, die auf dem Dach des Nordturms nisteten, an seinem Fenster vorbeischoss und eine Taube riss. Sein Schreibtisch stand direkt am Fenster. Auf den Knien seiner Frau liegen die Etagenpläne von Marsh, alle acht Etagenpläne. Jeder Schreibtisch ist dort verzeichnet, jeder Schreibtisch, jedes Waschbecken. Es sind die Karten einer untergegangenen Welt.
Am Abend des 11. September, als Eileen McGuire nach Hause kam, fingen sie und ihr Mann an, Kollegen anzurufen, um festzustellen, wer am Leben war. Dann schrieben sie auf, wer fehlte und gingen am nächsten Tag zu einem der Vermisstenstützpunkte. Als die Frau hinterm Schreibtisch die lange Liste sah, bat sie das Ehepaar in ein Hinterzimmer und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Eileen McGuire weiß noch, dass sie ihnen riet, viele Vitamine zu essen. Am 13. September fingen sie wieder an zu arbeiten. Marsh richtete provisorische Büros in Midtown ein.
An seinem ersten Arbeitstag erfuhr John McLane, dass er seinen Chef ersetzen soll, der im World Trade Center gestorben war. Wahrscheinlich gestorben war, muss man sagen, denn zu diesem Zeitpunkt gab es ja noch keine Gewissheit. McLane nahm den Posten an. Fünf Tage später ging er zur Trauerfeier seines Vorgängers. Das machte die Sache etwas einfacher für John McLane, obwohl der Sarg seines Chefs leer war. Er ging insgesamt zu 4 Trauerfeiern, seine Frau besuchte über 50. Sie hätte gern noch mehr besucht, aber viele der Feiern überschnitten sich. 295 Mitarbeiter von Marsh starben am 11. September. 12 von ihnen waren Gäste auf Eileen und Johns Hochzeit gewesen. Eileen McGuire wollte sich angemessen verhalten.
Es war schwer. Die Versicherungsbranche ist ein hartes Geschäft. Etwa eine Woche nach der Katastrophe begann das Gerangel um die freigewordenen Stellen. Eileen McGuire beobachtete, wie Mitarbeiter sich vor ihren Vorgesetzten mit der Arbeit ihrer verstorbenen Kollegen schmückten. Sie wechselte ihre Abteilung, weil sich ihr Chef von ihr immer nur die Trauerfeiern raussuchen ließ, an denen seine Vorgesetzten teilnahmen.
Marsh ist eine riesige Firma, die pausenlos kleinere schluckt, die Fluktuation im Versicherungswesen ist hoch. Die toten Kollegen wurden schnell ersetzt. Nur ein Fünftel der Mitarbeiter ihrer Abteilung war schon am 11. September bei Marsh, sagt Eileen McGuire. Immer öfter fragt jemand, wo ist denn die und die Akte, und wenn Eileen McGuire dann sagt: "Auf der Müllkippe in Staten Island", versteht sie keiner mehr.
2003 zog das Unternehmen nach Hoboken, New Jersey, um. 2004 begann der New Yorker Staatsanwalt gegen Marsh
wegen Versicherungsbetruges zu ermitteln. Die Firma nutzte das, um 3000 Leute zu entlassen. Eine neue Katastrophe. Der 11. September geriet immer mehr in Vergessenheit. Im vorigen Jahr ging dann auch John McLane zu einem Konkurrenzunternehmen.
Eileen McGuire will in dieser flüchtigen Welt des Versicherungswesens ein Anker sein. Sie trifft sich regelmäßig mit ein paar Kollegen von damals zum Essen. Manchmal schaut sie sich die Etagenpläne aus dem World Trade Center an und überlegt, wer wo saß. Sie hat all die Zeitungsausschnitte mit den Kurzbiografien ihrer verstorbenen Kollegen gesammelt, auch Programme von den Trauerfeiern, die sie besucht hat. Einige Zeit hatte sie noch Kontakte zu Familienangehörigen der Toten. Aber es wurde immer schwieriger. Vielleicht, weil sie und ihr Mann gewissermaßen ein Vorwurf sind.
"Es ist ja schon fast übersinnlich, dass wir beide überlebt haben", sagt sie.
Sie glaubt, manchmal Kollegen auf der Straße zu sehen, die in Wahrheit tot sind. Erst neulich hat sie sich wieder eingebildet, eine junge, tote Frau aus ihrer Abteilung im Supermarkt zu sehen. Gertrude. Sie hat Schwierigkeiten, sich auf Dinge zu konzentrieren. Ihr Mann kommt besser mit all dem klar, vielleicht weil er vier Jahre lang Offizier auf einem Nuklear-U-Boot war, bevor er in die Versicherungsbranche einstieg. Aber auch er hat sich den Zettel aus einem chinesischen Glückskeks aufgehoben, den er eine Woche nach dem Unglück auf der Straße fand. "Du bist der Auserwählte", steht auf dem kleinen weißen Papierband. McLane zeigt es wie einen Beweis für seine Unschuld.
Eileen McGuire sieht auf den Weingarten, vielleicht sieht sie die späte Sonne auf den Long Island Trauben, vielleicht das Meer.
Anderthalb Jahre nach dem 11. September hat sie eine Schatulle aus Sterling-Silber gekauft und den Namen von Sammy Fontanec hineingravieren lassen. Sie hatte plötzlich gespürt, wie wichtig Fontanec für sie gewesen war, die einzige Autorität im Chaos. Sie ist nach Harlem gefahren und hat die silberne Schatulle auf Sammy Fontanecs Polizeirevier abgegeben. Es ist schwer, sich die hellhäutige Irin mit den glattgefönten Haaren und dem Business-Kostüm im Drogendezernat von Harlem vorzustellen. Aber sie war da.
Fontanec weiß nicht, wo die Schatulle abgeblieben ist. Er sieht auch nicht aus, als habe er Verwendung für Sterling-Silber-Döschen, auf denen sein Name steht. Er sitzt auf einem Ledersessel in seinem Wohnzimmer. Ein Drittel des Raums ist von einer Hausbar gefüllt, ein weiteres Drittel von einem riesigen Fernseher.
"Ich hätte Eileen aber sowieso nicht vergessen", sagt er. "Ich dachte immer, ihr Mann muss glücklich sein. Die Frau sorgte sich mehr um ihn als um sich selbst. Außerdem erinnere ich mich noch an ihren Seidenschal. Ich hab ihn zerrissen, nass gemacht und an verschiedene Leute als Atemmaske verteilt. Das Ding war bestimmt 200 Dollar wert, fühlte sich gut an. Eileen hat nicht mit der Wimper gezuckt. Gute Frau."
Fontanec hat die heisere Stimme, die sich New Yorker Polizisten antrainieren. Er trägt eine hellblaue Trainingshose mit Schlag, seine Arme sind tätowiert, seine dunklen Haare sind zurückgepeitscht, er hat die dicke Goldkette am Hals, an die er sich damals seine Marke klemmte. Als die anderen aus dem Keller zurück in ihre Leben trabten, ging Fontanec zum Ground Zero, um dort zu helfen. Das machte er drei Monate lang, meistens stand er am West Side Highway und kontrollierte die Leute, die in die Sperrzone wollten, die man um das Loch in Manhattan gezogen hatte. Die Aussage gegen den Crackdealer, derentwegen er damals am 11. September nach Downtown gekommen war, hat er erst viel später machen können. "Es war die perfekte Zeit für Verbrecher", sagt Fontanec und grinst.
2003 haben sie ihn aus dem Rauschgiftdezernat in die Mordkommission geschickt und zum Detective befördert. Er trägt jetzt keine Football-T-Shirts und tiefsitzende Jeans im Dienst, sondern Anzüge und Krawatten. Die Arbeit ist härter geworden, er sieht schlimmere Sachen als damals. Aber nach seiner Schicht setzt er sich in seinen Honda und fährt am Hudson hoch, 100 Kilometer bis nach Middletown, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern seit zehn Jahren lebt. Sie wohnen in einem schönen zweistöckigen Holzhaus, weiß, mit einem gepflegten Garten davor. Es sind jeden Tag drei Stunden Fahrt hin und zurück, aber er kann die ganze New Yorker Scheiße hinter sich lassen. In sieben Jahren will er das für immer tun. Das ist der Plan.
Sammy Fontanecs Eltern kamen aus Puerto Rico nach New York, er wuchs in Harlem auf und in der Bronx. Sein älterer Bruder wurde Cop, deswegen wurde auch er Cop. Er wollte kein Held werden, er wollte die Rente, die man nach 20 Jahren beim New York Police Department bekommt. Er ist jetzt seit 13 Jahren Polizist, 7 Jahre hat er noch. Dann ist er 42. Kein schlechtes Alter, um noch mal von vorn anzufangen. Vor ein paar Jahren hat er ein Haus in North Carolina gekauft. Da könnte er sich vorstellen zu leben. Es ist nicht so heiß wie in Florida und nicht so kalt wie in New York. Das ist sein Klima, mittelwarm.
An einem Sommermorgen im Jahr 2006 treffen wir uns alle im Keller wieder. Dort oben fliegt die Welt auseinander wie damals. Schlimmer noch. Nordkorea baut Atomwaffen, der Libanon versinkt im Krieg, der Irak im Chaos. Die Leitartikler nennen es die "Post 9/11-World". Der Tag ist immer noch da.
Hier unten ist es kühl, still und dunkel.
Es ist seltsam, ein bisschen wie ein Klassentreffen. Eileen McGuire hat ihren Mann John mitgebracht, weil er ja dazugehört. Alle suchen in den Gesichtern der anderen nach vertrauten Spuren. Aber wir waren staubig damals, verzweifelt, jünger, anders. Wir gehen mit Taschenlampen durch den leeren Keller. Das Hausmeisterzimmer ist weg, es wurden neue Mauern hochgezogen, alte abgetragen. Das Temple Court Building ist eine Baustelle, es wird in ein Apartmenthaus umgewandelt. Downtown wird zur Wohngegend, New York erfindet sich immer wieder neu. Es sieht anders aus, aber David Liebman weiß sofort, wo der Schreibtisch stand, er findet sogar noch die Telefonleitung. Eileen McGuire stöckelt vorsichtig über den bröckelnden Boden. Steve Weiss rennt wie aufgezogen durch den Keller, erklärt alles, fotografiert mit seinem Handy jede Ecke. Tonya Daire ist nicht gekommen, vielleicht wegen der Kinder, vielleicht wegen des Captains. Steven Garrin steht still an der Seite, seinen Aktenkoffer in der Hand, hüstelt, der Staub ist nicht gut für sein Asthma. Nach zehn Minuten weiß niemand mehr richtig, was er sagen soll.
Wir kennen uns ja nicht. Wir hatten nichts miteinander zu tun.
Eine schwarze Polizistin aus East New York, ein jüdischer Anwalt von der West Side, eine irische Versicherungsmanagerin von der East Side, ein philippinischer Student aus Staten Island, ein dominikanischer Vorruheständler aus Queens, ein puerto-ricanischer Mordkommissar aus Harlem, ein jüdischer Software-Entwickler aus Long Island und ein deutscher Journalist aus Brooklyn. Eine New Yorker Gesellschaft, zufällig zusammengewürfelt wie auf einer Subway-Fahrt. Der Hausmeister, der uns in den Keller ließ, sieht uns interessiert an. Es ist ein schwarzer Mann aus der Bronx, der erst seit zwei Jahren hier ist.
Was ist aus seinem Vorgänger geworden, in dessen Zimmer wir damals unterkamen?
Der ist tot, sagt er. Er kam aus Indien und hat 30 Jahre in dem Haus gearbeitet. Als er zum ersten Mal wieder nach Hause fuhr, hat er einen Herzinfarkt bekommen. Einfach umgefallen.
Nach einer Stunde gehen wir wieder nach oben. Wir bestaunen noch ein bisschen das wunderschöne alte Treppenhaus, eine Art Atrium mit einer riesigen Glaskuppel. In anderthalb Jahren werden hier Menschen wohnen, sagt der Hausmeister. Dann schließt er uns die Tür auf, und wir gehen ins Licht. Es ist ein heller, heißer Morgen, Manhattan dampft. Ein perfekter Tag. Eine perfekte Stadt. Gleich treten wir in unsere Leben zurück. Nur einen Moment lang noch stehen wir auf der Schwelle.
* Bei ihrem Treffen im Juli.
* Im Juli vor dem Temple Court Building.
Von Alexander Osang

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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