07.09.2006

Der Weltarchitekt und das Loch

Seit fünf Jahren ist Ground Zero eine Baustelle. Es gibt Modelle, Entwürfe und jede Menge Intrigen. Der Architekt Daniel Libeskind, der das Jüdische Museum in Berlin entworfen hat, möchte einen 540 Meter hohen Turm bauen, der die Form der Freiheitsstatue aufnimmt.
Larry Silverstein ist zum Ground Zero gekommen, um die Nummer sieben wiederzueröffnen, die am Abend des 11. September 2001 zusammensackte wie ein müdes Pferd.
Es war das letzte Haus des World Trade Center, das fiel, und es ist das erste, das wieder steht. Larry Silverstein hat es bauen lassen. Das Haus ist 52 Stockwerke hoch, in seiner Glasfassade spiegelt sich der New Yorker Himmel, aber auch wenn man es lange anschaut und sich noch mal voll auf den 11. September konzentriert, ist es letztlich nicht mehr als ein Hochhaus.
Nur ein Haus. Nach all dem, was passiert ist, nur ein Haus.
Das liegt daran, dass das World Trade Center sieben direkt neben der Baugrube des Ground Zero steht, aus der seit fünf Jahren nichts wächst. Das liegt an den vielen verwirrenden Nachrichten, Modellen, Entwürfen und Architektennamen, die uns in den vergangenen fünf Jahren um die Ohren flogen. An all dem Streit um Büroflächen, Gedenkstätten und Unsterblichkeit. Es liegt an den hohen Erwartungen, an den eitlen Architekten, den machthungrigen Politikern, den geldgeilen Immobilienmaklern und natürlich auch daran, dass der Chef des zerstörten World Trade Center aussieht wie eine Figur aus dem Comic "Dick Tracy". Larry Silversteins Haare sind orangefarben, er hat keinen Hals und steckt in einem zweireihigen Nadelstreifenanzug mit riesigem Revers. Man sieht ihm immer an, dass er etwas verkaufen will, heute ist es dieses Haus in seinem Rücken.
Larry Silverstein muss was machen. Er holt einen Sänger nach vorn, den er "Ronan" nennt. Ronan hat auch auf der dritten Hochzeit von Rudolph Giuliani gesungen sowie beim 80. Geburtstag von George Bush. Er singt die amerikanische Nationalhymne, anschließend dankt Larry Silverstein noch ein paar alten Freunden, Politikern, Bauleuten, seiner Frau sowie ein paar Architekten. Er nennt Norman Foster, Richard Rogers and Fumihiko Maki. Daniel Libeskinds Namen nennt er nicht.
Das ist seltsam, denn Libeskind ist ja der Masterplaner der Bebauung des Ground Zero. Und auch, wenn man nicht genau weiß, was das eigentlich heißt, Masterplaner, so klingt es doch wichtig.
Vor gut dreieinhalb Jahren sah Daniel Libeskind aus wie der große Gewinner eines weltweiten Architektenwettkampfes um die attraktivste Baulücke der Welt. An einem strahlenden Dezember-Tag 2002 stand er im Wintergarten am Rande der Katastrophe und enthüllte seinen Entwurf. Libeskind wirkte emotional, geschichtlich und patriotisch, aber auch schnell und energiegeladen. Eine Figur, in der sowohl die Hinterbliebenen des 11. September als auch die Immobilienmakler von Downtown Manhattan eine Hoffnung sahen. Der Himmel über ihm war grenzenlos, Daniel Libeskind war der berühmteste Architekt der Welt.
Er beschrieb vor Hunderten von Fernsehkameras, wie er als Junge mit dem Schiff in Manhattan ankam. Er beschrieb seine Jugend in der Bronx, seine Worte, gefärbt vom osteuropäischen Akzent, schossen aus ihm heraus. Er tanzte um sein Modell herum, in dessen Mitte ein hoher Turmsplitter stand, der aus einer Spirale aufstrebender Splitter kleinerer Türme wuchs, ein Turm, der die Form der Freiheitsstatue aufnahm, mit einer Art Garten in der Spitze. Es gab einen Wasserfall, ein Museum, offene Straßen und viele Bäume. Libeskind sprach von einem Platz des Lichtes, der jedes Jahr am 11. September für eineinhalb Stunden - dem Zeitraum zwischen dem ersten Flugzeugeinschlag in das World Trade Center und dem Einsturz des zweiten Turms - schattenfrei bleiben sollte. Er sprach von einem Garten der Helden, von knirschendem Kies unter den Sohlen der Besucher ganz unten auf dem Grund der Gruben, von Leben, Erinnerung, Trauer.
Hinter ihm hing die amerikanische Flagge. 540 Meter, also 1776 Fuß hoch soll sein Turm werden, 1776 war das Jahr der Unabhängigkeitserklärung. Man konnte sich vorstellen, wie der kleine Daniel in den sechziger Jahren an die Reling des Ozeandampfers lief, um die Freiheitsstatue zu sehen.
Die Architekten, die nach ihm auftraten, um ihre Modelle für den Ground Zero vorzustellen, wirkten gegen Libeskind wie Technokraten. Es waren die angesehensten Architekten der Welt darunter, aber eben nur Architekten. Sie murmelten, stotterten, schienen nicht zum Punkt zu kommen.
Daniel Libeskind war der Mann der Stunde, er gewann den Wettbewerb, löste sein Berliner Büro auf und zog nach New York. Er hatte den größten Architekturwettbewerb der Welt gewonnen. Ausgerechnet in seiner Heimatstadt. Er war der Masterplaner, der Dirigent.
Aber schon ein Jahr später, als in der Federal Hall die finalen Entwürfe für die Gedenkstätte enthüllt wurden, wirkte Daniel Libeskind zwischen all den anderen Architekten und Politikern auf der Bühne wie ein alter pensionierter Kollege, den man aus schlechtem Gewissen immer noch mit zur Betriebsfeier einlädt. Der Gouverneur des Bundesstaates New York, George Pataki, und Bürgermeister Michael Bloomberg hielten Reden, lobten sich gegenseitig und einen jungen Architekten namens Michael Arad, der die Gedenkstätte am Ground Zero gestalten wird. Libeskind saß gedankenverloren in der zweiten Reihe, stumm, irgendwie nicht bei der Sache.
Sein Name fiel nicht ein einziges Mal. Von knirschendem Kies war nicht mehr die Rede, nicht mehr vom Wasserfall, nicht vom Garten der Helden, jemand hatte festgestellt, dass der Platz des Lichtes nicht funktioniert, wie Libeskind es sich ausrechnete, weil das Millenium Hilton der Sonne im Wege steht, und der New Yorker Architekt David Childs wollte auch das Kernstück von Libeskinds Modell verändern, den 1776-Turm. Ihm gefiel die Form nicht und auch nicht die Höhe.
Der Masterplan schien zu zerfallen. New York war nicht so leicht zu kontrollieren wie Berlin. Die Stadt war zur Tagesordnung übergegangen. Libeskind konnte sich weiter Masterplaner nennen, aber Titel zählen in New York nicht viel.
Larry Silverstein, der mächtige Mieter des World Trade Center, wollte mehr Bürofläche. David Childs, der New Yorker Hausarchitekt, wollte seine Handschrift auf dem höchsten Gebäude der Welt hinterlassen. Herbert Muschamp, der wichtigste Architekturkritiker der Stadt, fand Libeskinds Entwurf kitschig. Und Talk-Master Bill Maher zeigte in seiner Show ein Lichtbild des aufgedrehten kleinen Mannes mit der eigenartigen eckigen Brille und sagte: "Er hat sich gerade von Elton John getrennt." Die Boulevardzeitung "New York Post" druckte die fiesesten Beispiele aus einer Sammlung erotischer Gedichte, die Libeskind einst geschrieben hatte. In der "New York Times" wurde ein Artikel unter der Überschrift "Der erstaunlich schrumpfende Daniel Libeskind" vorbereitet.
Ist es nicht so, dass man ihn in New York immer nur als Eindringling sah?
"Ich weiß nicht. Komisch ist, dass mich viele New Yorker für einen Deutschen hielten, obwohl ich ja in der Bronx aufwuchs", sagt Libeskind und schaut aus den schmalen Fensterschlitzen des Jüdischen Museums auf den niederschmetternden November-Himmel von Berlin, wo er auf seiner unendlichen Weltreise für einen Tag und eine Nacht haltmacht. Von den letzten acht Tagen hat er drei im Flugzeug verbracht. 60 Stunden. Gestern war er noch in Korea, wo er die Firmenzentrale des Hyundai-Konzerns neu verkleidet, davor in in Toronto, in San Francisco und in Indien, wo er als US-Botschafter für Architektur eine Rede hielt. Morgen wird er wieder in New York sein. "Und vielleicht haben sie ja recht. Ich kam ja aus Deutschland, dieses Haus hier war meine Eintrittskarte. Ich habe ja bislang nirgendwo richtig Zeichen hinterlassen wie andere Architekten. Ich hatte ja ein nomadisches Leben, Leute wissen oft nicht, wo ich herkomme", sagt er und kichert.
Daniel Libeskind gab nicht auf. Er engagierte den Anwalt, der Pate für die Juristenfigur in Tom Wolfes "Fegefeuer der Eitelkeiten" war, er räumte seine Fabriketage in Berlin und zog in ein Großraumbüro in der Rector Street nahe am Ground Zero. Er diktierte der "New York Post": "In zehn Jahren, wenn alle anderen weitergezogen sind, werde ich immer noch in meinem Büro in der Rector Street sitzen, auf den Ground Zero schauen und überwachen, wie mein Masterplan umgesetzt wird." Und während ihm hinter verschlossenen Türen ein Detail nach dem anderen aus seinem Masterplan gepflückt wurde, zog er mit seinem Modell Libeskind übers Land wie ein Handelsreisender.
Er redete an Schulen, auf Architekturkongressen, in Synagogen, Universitäten. In einer kalten Winternacht, Anfang des Jahres 2004, sprach er im Hörsaal eines kommunalen Colleges von Long Island. Es war der Höhepunkt seiner Krise, er hatte sich mit David Childs total verkracht, er hatte Larry Silverstein verklagt, es hieß, er nehme an vielen Architektursitzungen überhaupt nicht mehr teil. Aber in Long Island sprang Libeskind auf die Bühne wie einst im Wintergarten, als er zum ersten Mal seinen Entwurf präsentiert hatte, und klammerte sich an das Modell seines Lebens. Er jagte Dias all seiner symbolischen Ideen wie Blitze in den Hörsaal. Den Platz des Lichtes, die Dammwand zum Hudson River, die Flucht von Freiheitsstatue und Freedom Tower. Er schrumpfte nicht, er wuchs sogar noch.
"Wie viel von dem, was wir heute Abend sahen, wird denn wirklich so gebaut?", fragte anschließend jemand aus dem Publikum.
"Architektur ist ein Gewerbe, in dem man viele Kompromisse machen muss", sagte Libeskind. Dann sprach er noch eine halbe Stunde von Liebe, Licht, Hoffnung und Glauben, bevor er mit seiner Frau in eine schwarze Limousine stieg, die ihn zurück nach Manhattan brachte. Am nächsten Morgen flog er wieder los.
Den dritten Jahrestag des 11. September hat Libeskind nicht in New York verbracht, sondern in Italien. Er enthüllte das Modell einer Gedenkstätte in Padua, die an den Tag der Katastrophe erinnern soll. Es war eine internationale Tragödie, keine amerikanische, sagt er. Menschen aus 90 verschiedenen Nationen seien bei dem Anschlag ums Leben gekommen. Warum nicht Padua?
Zwei Monate nach seiner Europa-Reise wandert Libeskind an den vielen Modellen vorbei, die in der Lobby seines New Yorker Studios ausgestellt sind. Er hat die Etage in einem alten Hochhaus am Ground Zero gemietet. Viele Modelle sehen aus wie Kristalle, stachlig, verschachtelt, kippend. Er bebaut die Welt mit seinen Modellen.
Libeskind hat sich am Rande des Großraumstudios, in dem auffallend junge Menschen an großen Schreibtischen arbeiten, ein kleines Arbeitszimmer eingerichtet. Es ist zu zwei Dritteln mit schlichten Bücherregalen gefüllt. Dicke Architekturbände stehen in den Regalen, aber auch Kinderbücher, antike Dramen und philosophische Schriften. Ganz vorn stehen die Shakespeare-Bände. Auf dem Schreibtisch liegen Mappen mit asiatischen Schriftzeichen. In der Ecke, vorm Fenster, steht ein hölzernes Pult, auf ihm liegt ein dickes großes enzyklopädisches Lexikon, das mit winziger Schrift gefüllt ist. Das kleine Zimmer wirkt wie die Studierstube eines Philosophen.
Das ist kein Zufall.
Am Tag, als in New York zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachten, wurde das Jüdische Museum in Berlin für die Bevölkerung eröffnet, jenes Bauwerk, für das Libeskind Jahre geplant und gekämpft hatte.
"Auf eine seltsame Weise fühlte ich eine Verbindung zwischen beiden Ereignissen. Für mich war ja mit der Eröffnung des Museums ein geschichtliches Kapitel beendet, der Horizont war klar, und plötzlich taucht das Dunkle auf, und man begreift, dass man Geschichte nicht abschließen kann, nicht vorhersehen. Für mich gibt es eine Verbindung, obwohl die Ereignisse natürlich in ihrer Gewichtung nicht vergleichbar sind. Das Böse verbindet etwas, wie auch gute Dinge verbunden sind", sagt er. Seine Worte klingen vermessen, aber vielleicht möchte der kleine Mann mit der Bürzelfrisur wirklich so etwas sein wie das Bindeglied zwischen Alter und Neuer Welt. Der polnische Jude, der in der Bronx aufwuchs, ein musikalisches Talent schon als Kind, die lange, quälende Suche nach einer adäquaten Form, sich in der Architektur ausdrücken zu können, das Nomadenleben, die Wucht der Geschichte, die Kraft der Metapher. Schon in das zerrissene, durchgerüttelte, identitätssuchende Berlin nach dem Mauerfall passten Libeskinds metaphorische Predigten ganz gut.
Sein eigenes Schicksal schien zum Gegenstand seiner Projekte zu werden. Daniel Libeskind selbst war zu einer Art Metapher geworden. Er verkaufte der Weltöffentlichkeit das Modell Libeskind.
Er hat sein Leben lang Projekte entworfen, die niemand realisieren konnte, es waren architektonische Meditationen über Heraklit darunter, in einem Zyklus versuchte er, Musik und Architektur miteinander zu verbinden. Schon bei seinem Studium in New York interessierten ihn mehr philosophische Aspekte der Architektur als das eigentliche Bauen. Er unterrichtete ein paar Jahre in Michigan, London und Toronto, gründete irgendwann eine private Architekturschule in Mailand und gewann 1987 zum ersten Mal eine Ausschreibung für ein Wohnhaus in Berlin, das jedoch nie gebaut wurde. Als er später den Auftrag bekam, ein Jüdisches Museum in Berlin zu entwerfen, dachte auch niemand so richtig daran, dass es einmal Realität werden würde. Womöglich nicht mal er. Nachdem das Modell fertig war, nahm Libeskind ein Stipendium in Los Angeles an, schiffte die Möbel aus, aber als sie Berlin verließen, sagte ihm seine Frau: "Wenn du jetzt gehst, wird das Museum nie gebaut."
Libeskind blieb. 13 Jahre lang.
Er fühlte sich fremd in Berlin, er lernte nie Deutsch, obwohl sich seine Kinder in der Sprache unterhielten. Er ist nicht stolz darauf, er kam einfach nicht an die Sprache heran, sagt er. Er ist ein Sohn polnischer Juden, die den Holocaust knapp überlebten und 1957 das kommunistische Polen verließen, um für drei Jahre in Israel und später in New York zu leben. Er hat sich in Berlin immer verspannt gefühlt, sagt er, allein die Gesichter der Menschen bedrückten ihn. Als 2002 Architekten für den Ground Zero gesucht wurden, sagte er zu seiner Frau: "Lass uns nach Hause fliegen."
Mit 58 Jahren hat er sich zum ersten Mal in seinem Leben eine Wohnung gekauft. In New York. Nicht in der wohnlicheren Upper West Side, in die seine Frau Nina gern gezogen wäre, sondern Downtown, in der Chambers Street mit Blick auf den Hudson und auch auf den Ground Zero.
Es ist der Platz New Yorks größter Katastrophe, aber auch seines Ursprungs. Libeskind tritt an das Fenster zur Ostseite, wo man im hellblauen Winterhimmel den Turm der Trinity Church vorm Hintergrund der ältesten New Yorker Hochhäuser sehen kann. "Ich habe in keiner Wohnung, in der ich bislang lebte, so eine Sicht gehabt", sagt er. "Es ist zu jeder Tageszeit inspirierend. Es ist schockierend, im positiven Sinne, weil ja alles, was man sieht, innerhalb von 100 Jahren gebaut wurde. 100 Jahre, das ist doch nichts. Wir denken immer, das steht dort schon eine Ewigkeit. Aber vor 100 Jahren war der Turm der Kirche dort unten der höchste Punkt New Yorks. Ich habe einen Reiseführer von 1890. Da heißt es, der höchste Punkt in der Stadt ist dieser Turm. Großartig."
Alles fließt in dieser Stadt. Es gibt keine Gewissheiten. Es ist beruhigend und bestürzend zugleich. Wie viel von seinem Masterplan wird nun eigentlich wirklich gebaut?
"Der Turm wird 1776 Fuß hoch sein und die Form der Freiheitsstaue aufnehmen, den Platz des Lichtes wird es geben, es wird die offenen Straßen geben, die ich vorschlug, die Wiederbelebung des ehemals toten Areals um das World Trade Center, meine generellen Ideen werden einfließen und auch mein Zeitplan. In vier Jahren wird der Hauptturm stehen, man wird bald etwas sehen. Darum ging es in meinem Masterplan", sagt Libeskind schnell.
Es ist nicht ganz klar, ob das so stimmt, aber Libeskind scheint keinen Zweifel zu haben. Er steht ruhig da, die Füße fest geschlossen, den Rücken durchgedrückt, den Kopf im Nacken, lächelnd, im totalen Gleichgewicht. Ein bisschen Weltarchitekt, ein bisschen Hannibal Lecter.
Vielleicht besiegt er New York, vielleicht verliert er den Verstand.
Es ist wohl immer noch nicht entschieden.
Am Wochenende, bevor sein Widersacher Silverstein das erste Haus am Ground Zero eröffnet, druckt das Magazin der "New York Times" eine Homestory von Daniel Libeskind. Es gibt Fotos vom Küchentisch, der Heimsauna, und Libeskind erzählt, warum er seine Brille so mag. Er wirkt wie jemand, der sich in sein Privatleben zurückgezogen hat. Aber das muss nicht viel heißen. Auch die anderen sind ja im Moment nicht zu sehen, als Larry Silverstein das erste Haus am Ground Zero eröffnet. Der Gouverneur Pataki ist nicht gekommen, der Bürgermeister Bloomberg nicht, und auch Michael Arad, der Architekt des Mahnmals für die Opfer des 11. September ist an diesem warmen Frühsommertag 2006 nicht erschienen. Aber Jeff Koons ist da.
Koons enthüllt eine rote Plastik, die aussieht wie eines der Luftballontiere, die Clowns auf Kindergeburtstagen zusammenknoten. Um den roten Ballon schießen kleine Springbrunnen aus der Erde. In diesem Moment wird die Ohnmacht der Stadt, mit diesem leeren Platz in ihrer Mitte umzugehen, vielleicht am deutlichsten. Aber weil wir in New York sind und die Stadt keine Ohnmacht und Stille erträgt, beginnt auf einer Bühne am Bauzaun das Kulturprogramm. Sieben Musiker treten hintereinander auf. Der zweite ist Lou Reed. Er sieht grummlig aus und singt zwei Lieder, mitten im zweiten, "Sweet Jane", hält er inne und macht ein paar geringschätzige Bemerkungen über den New Yorker Immobilienmarkt und den republikanischen Politiker John McCain, der Präsident werden will.
"Lou Reed for President", schreit jemand im Publikum.
"Ja, die Zeit ist reif", ruft Reed zurück.
Später singt Suzanne Vega "Luka", "Tom's Diner" und ein Lied, das sie gerade erst geschrieben hat. Es heißt "New York ist eine Frau", und im Refrain singt sie: Sie bringt dich zum Weinen, aber du bist nur einer von vielen Kerlen. Die sechste Band sind die Brazilian Girls - die Sängerin ruft: "Schluss mit dem patriotischen Mist." Über ihr flattert die Werbung von Larry Silverstein Immobilien in Regenbogenfarben, aber der Alte ist lange verschwunden. Vor der Bühne stehen jetzt Touristen und Büroangestellte, die Mittagspause haben und sich freuen, Popstars kostenlos zu sehen. Der kleine Mut der Brazilian Girls verweht zur Lunch Hour.
Nach dem Konzert ist das gerade eröffnete Word Trade Center Nummer sieben wieder allein. Nur ein Haus. Niemand stellt sich in den Weg zu den Fahrstühlen, die Sicherheitspforten arbeiten nicht, es gibt keinen Wachdienst, nur hinter einem langen Tresen einen einsamen schwarzen Mann, der lächelt. Die Aufzüge sprechen mit sanfter Frauenstimme: Bitte wählen Sie eine Etage. Im letzten Moment schlüpft eine kleine ältere Frau mit in den Lift, wir surren gen Himmel, in den 52. Stock.
Sie heißt Shobha K. Shah, kommt aus Indien und arbeitet seit 18 Jahren bei der Wohnungsverwaltung der Stadt ganz in der Nähe. Sie hat Mittagspause. Die Fahrstuhltüren summen auf, Shah betritt einen riesigen leeren Raum. Es stehen ein paar Werkbänke herum und schwarze Plastiksäcke mit Dichtungsmaterial. Es ist gespenstisch, später halten wir in anderen Etagen, auch die sind leer. Die Fahrstühle sprechen, die Toiletten funktionieren, aber es gibt keine Bewohner.
Das World Trade Center sieben ist eine Hülle, eine Vorstellung. Der Blick geht in alle Richtungen, Shah läuft eine Runde, schaut aufs Meer, nach Uptown, nach New Jersey und nach Brooklyn. Am Schluss beugt sie sich auf der Südseite vorsichtig an eine Glaswand und schaut in den Ground Zero.
Man sieht die "Fußabdrücke" des World Trade Center, des Ortes, der so viel Schrecken auslöste, so viel Leid, Streit und Krieg. Von hier oben, in diesem Moment, erinnert Ground Zero an die Laderampe eines Getränkemarktes.
ALEXANDER OSANG
Von Alexander Osang

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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