07.09.2006

Hollywood in der Hölle

In der Traumfabrik werde nichts mehr so sein wie zuvor, hieß es nach dem 11. September 2001. Doch die Rufe nach einem Gewaltverzicht des US-Kinos sind inzwischen verhallt. Nun wurden die Anschläge verfilmt: in „Flug 93“ von Paul Greengrass und „World Trade Center“ von Oliver Stone.
Verwirrt schaut der Fluglotse auf den Monitor. Gerade eben ist dort eine Passagiermaschine verschwunden, von einer Sekunde auf die andere erlosch das grüne Symbol. Da bemerkt er, dass seine Kollegen ans Fenster treten. Er geht zu ihnen und sieht, wie Rauchschwaden aus einem der Twin Towers dringen. Und im ersten Moment wirkt dieser Anblick noch viel irrealer als die abstrakten Bewegungen auf seinem Monitor.
Dem Lotsen in dem Film "Flug 93" geht es wie den Milliarden Zuschauern, die das Horrorszenario am 11. September 2001 im Fernsehen verfolgten: Der Augenschein lässt die Phantasie weit hinter sich. Die Scheibe, durch die der Lotse auf das World Trade Center blickt, wirkt wie eine Leinwand, der brennende Turm wie eine Attrappe aus Hollywoods Traumfabrik. Doch dann fragt jemand, wie viele Menschen sich wohl in dem Gebäude aufhalten.
"Flug 93", inszeniert von dem britischen Regisseur Paul Greengrass ("Die Bourne Verschwörung"), ist Hollywoods erste Verfilmung der Anschläge vom 11. September. Minutiös rekonstruiert der Film das Geschehen in der Zentrale der New Yorker Flugüberwachung, wo die Kursänderungen der entführten Maschinen verfolgt werden, und an Bord der später über Pennsylvania abgestürzten United-Airlines-Maschine, in der einige Fluggäste die Attentäter zu überwältigen versuchten.
Einen Monat vor dem fünften Jahrestag der Katastrophe wird auch "World Trade Center" von Oliver Stone ("JFK - Tatort Dallas") in die Kinos kommen. Nicolas Cage spielt darin einen Polizisten, der unter den Trümmern beider Türme begraben und 22 Stunden später lebend gerettet wird. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte.
Weitere Kino-Projekte über den 11. September sind in Arbeit: Der Komiker Adam Sandler spielt in "Empty City" einen verzweifelten Mann, dessen gesamte Familie ausgelöscht wurde. Und das Studio Columbia Pictures bereitet die Adaption des Sachbuch-Bestsellers von Jim Dwyer und Kevin Flynn "102 Minutes" vor, der die Geschehnisse zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs ins World Trade Center und dem Einsturz des zweiten Turms akribisch nachzeichnet.
Mit trotzigem Stolz und filmischem Wiederaufbauwillen setzt Hollywood die Twin Towers nun wieder ins Bild - selbst in Filmen, in denen das Publikum sie nicht erwartet, wie am Ende von Martin Scorseses New-York-Epos "Gangs of New York" (2002), das im 19. Jahrhundert spielt, oder in Steven Spielbergs Rache-Drama "München" (2005), das von israelischen Anti-Terror-Einsätzen in Europa und im Nahen Osten erzählt.
Dabei hatte Hollywood unmittelbar nach dem 11. September ein regelrechtes Bilderverbot verhängt. Mit einer Art digitalem Radiergummi wurde das World Trade Center in aller Eile aus Spielfilmen wie der harmlosen Komödie "Zoolander" entfernt - mit der gleichen Technik werden sonst Pickel auf den Gesichtern der Stars weggepixelt. Ein Trailer zum Film "Spider-Man", in dem der Titelheld an Spinnweben zwischen den Twin Towers schwingt, wurde aus dem Verkehr gezogen.
Viele Filmstarts sind in den Wochen nach den Anschlägen verschoben worden - darunter das Arnold-Schwarzenegger-Vehikel "Collateral Damage" über einen Feuerwehrmann, der durch einen Bombenanschlag seine Familie verliert, und "Gangs of New York", in dem zu sehen ist, wie sich konkurrierende Feuerwehren gegenseitig das Wasser abgraben. Die neuen Helden durften nicht beschmutzt werden.
Pathetisch schwor die amerikanische Filmindustrie der Gewalt ab. Die Tatsache, dass die Aufnahmen vom World Trade Center fatal an Bilder aus Hollywoods Action- und Katastrophenfilmen erinnerten, warf die Frage nach der geistigen Urheberschaft für die Anschläge auf. Einige Kritiker glaubten schon lange, dass Filme Kinder auf falsche Gedanken bringen können. Aber Killer? Hollywood hatte gezündelt; nun stand die Welt in Flammen.
Lustvoll hatten Regisseure immer wieder Gebäude in die Luft gejagt, sogar das Weiße Haus (in "Independence Day", 1996), das die Terroristen an Bord der United Airlines 93 zerstören wollten. Auch war die Alptraumfabrik schon mehr als zehn Jahre vor dem 11. September auf die Idee gekommen, Verbrecher könnten über den Vereinigten Staaten Flugzeuge zum Absturz bringen (in "Stirb langsam 2", 1990). Doch der politisch oder religiös motivierte Terrorist war im US-Kino ein nahezu unbekanntes Wesen.
Bis Ende der neunziger Jahre war der Thriller "Schwarzer Sonntag" (1977) die einzige Großproduktion in der Geschichte Hollywoods, die sich eingehend mit modernem Terrorismus beschäftigte. Auf einem Roman von Thomas Harris basierend, der auch "Das Schweigen der Lämmer" schrieb, handelt sie von einigen palästinensischen Extremisten und ihren Helfershelfern, die in Miami von einem Zeppelin aus einen Anschlag auf das Großereignis der amerikanischen Football-Fans, den Super Bowl, verüben wollen.
Dieser Film nahm die perfiden Massenvernichtungsphantasien von al-Qaida um ein Vierteljahrhundert vorweg - fand aber keine Fortsetzung. In vielen US-Filmen der achtziger und neunziger Jahre gaben die Bösewichter zwar vor, aus politischen Motiven zu handeln (so in der "Stirb langsam"-Serie oder in dem IRA-Thriller "Die Stunde der Patrioten"). Doch am Ende stellte sich stets heraus, dass sie nur von Habgier oder Rachsucht getrieben wurden.
Die Tatsache, dass manche Menschen nicht aus materiellen, sondern aus ideellen Gründen morden und dafür sogar ihr Leben hingeben, widerstrebte so grundlegend dem amerikanischen Menschenbild, dass sie wider besseres Wissen verdrängt wurde. Der Selbstmordattentäter hatte im Hollywood-Kino keinen Platz - auch, weil er den Helden arbeitslos macht, der die Bösen zur Strecke bringen soll.
Der Glaube an die Unverwundbarkeit im eigenen Land war in den USA lange Zeit unerschütterlich - bis sich nach den Anschlägen auf das World Trade Center 1993 und in Oklahoma City 1995 erste Risse zeigten. Nun machte sich Hollywood daran, die Fundamente der Demokratie auf ihre Sicherheit zu überprüfen.
In dem Thriller "Ausnahmezustand" (Regie: Edward Zwick), der knapp drei Jahre vor dem 11. September ins Kino kam, sterben mitten in Manhattan Hunderte von Menschen bei Selbstmordattentaten arabischer Terroristen, die Busse in die Luft jagen. Brooklyn, wo die Drahtzieher vermutet werden, wird abgeriegelt - ein Job für Bruce Willis, den Retter des Abendlandes. Der Action-Star spielt einen General, der gnadenlos gegen die Araber vorgeht und sie brutal foltert - ausgerechnet im Footballstadion, dem säkularen Heiligtum des amerikanischen Alltags, das schon in den Siebzigern in "Schwarzer Sonntag" Ziel von Terroristen war. In "Ausnahmezustand" wird es zum Konzentrationslager, in dem alle Araber der Stadt zusammengetrieben und in Käfige gepfercht werden.
Eine düstere Prophetie war dieser Film, der nicht nur die Anschläge vom 11. September vorausahnte, sondern auch die Folterungen von Abu Ghureib und die unmenschlichen Haftbedingungen von Guantanamo. Doch mit einem Einspielergebnis von nur gut 40 Millionen Dollar war "Ausnahmezustand" in den USA ein großer Flop: Zu abwegig erschien den Zuschauern im Winter 1998 das Schreckensszenario, das ihnen der Film zumutete.
Greengrass, Stone und die anderen Regisseure, die nun die Ereignisse des 11. September auf die Leinwand bringen, stehen genau vor dem umgekehrten Problem: Fast jeder ihrer Zuschauer war dabei, als das Unfassbare passierte und die Twin Towers zusammenbrachen. Rund um den Globus müssen diese Filme nun den Blicken von Augenzeugen standhalten.
Bigger than life, größer als das Leben, diese bewährte Devise der Traumfabrik bei der Verfilmung realer Ereignisse ist deshalb verpönt. "Man kann den Einsturz nicht visuell beeindruckender ins Bild setzen, als er ohnehin schon war", meint Michael Shamberg, einer der Produzenten von "World Trade Center".
Tatsächlich vertrauen "Flug 93" und "World Trade Center" weitgehend auf die Kraft des Dokuments und begnügen sich oft mit Andeutungen: Das tragische Ereignis wirft in Stones Film nur kurz seinen Schatten voraus - den eines Flugzeugs, das dicht über die Häuser huscht. "Die Eindrücke vom 11. September überstiegen unsere Vorstellungskraft", sagt Shambergs Partnerin Stacey Sher. "Unser Film soll jedoch möglichst real wirken - eine echte Herausforderung."
60 Millionen Dollar gaben sie und ihre Co-Produzenten dem Regisseur Oliver Stone, um die Katastrophe zu rekonstruieren. Auf dem Gelände der Playa Vista Studios, mitten in Los Angeles, ließ Stone Ground Zero nachbauen, jene bizarr in den Himmel ragenden Ruinen, die zum Inbild terroristischer Zerstörung wurden: ein beklemmendes Labyrinth des Todes.
"Dieser Film führt uns in die Hölle", sagt Stone. "Zwei Männer werden unter Millionen Tonnen Zement begraben. Am Ende kommen sie aus dem Inneren der Erde wieder ans Licht - als wären sie dem Hades entronnen. Der 11. September war ein großes griechisches Drama, aufgeführt vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Es war sehr theatralisch - und sehr mythisch." Doch es gehe nicht um Politik, das Wort "Amerika", betont Stone, komme in den Dialogen nicht einmal vor.
In New York konnte er nur wenige Szenen drehen; die Stadtoberen, allen voran Bürgermeister Michael Bloomberg, wollten keine Tränen auf den Gesichtern der Statisten sehen, erzählt der Regisseur: "Es war Wahlkampf, und Bloomberg wollte seine Anhänger nicht vergrätzen." Spätestens da war Stone klar, dass er seine Kameras mitten in eine schwärende Wunde richtete.
Deshalb engagierte er einen der aus den Trümmern geretteten Polizisten als Berater: Will Jimeno, im Film von Michael Pena gespielt. Voller Stolz lief der kugelige Jimeno über den Set wie das wandelnde Echtheitszertifikat der Produktion und zeigte seine Narben vor - die verbrannte Haut auf seinem Arm, das vom Schutt zertrümmerte Bein - als wären es Verdienstorden aus Fleisch und Blut. Der amerikanische Traum, auf einen Schlag berühmt zu werden, hat sich für ihn erfüllt. Dafür allerdings musste er unvorstellbar leiden.
Religiöse Visionen habe er gehabt, als er dort unten begraben lag, erzählt er, Jesus sei ihm erschienen. 33 Jahre alt war der tiefgläubige Katholik Jimeno, als er unter den Twin Towers verschüttet und später gerettet wurde. Fühlt er sich auserwählt? Er zögert einen Moment, lächelt, sagt "vielleicht" - und redet dann zehn Minuten ohne Unterlass von seinen beim Einsturz ums Leben gekommenen Kollegen.
Auch Paul Greengrass, der die Ereignisse des 11. September für die "DNA unserer Zeit" hält, entwickelte bereits das Drehbuch seines Films "Flug 93" in enger Abstimmung mit den Angehörigen der Opfer. Viele der Männer von der Flugsicherheit traten für ihn vor die Kamera und spielten sich selbst. Eine Handkamera, so fahrig wie die Figuren, soll den Eindruck von Authentizität vermitteln.
Und doch irrt der Zuschauer wie ein Fremder durch die Handlung, wie ein Außerirdischer aus der Zukunft, der genau weiß, was passieren wird. Bei den Szenen an Bord des Flugzeugs fühlt er sich wie unter Todgeweihten, denen er nicht helfen kann. Er gibt den Helden, die für die Freiheit der westlichen Welt kämpften, nur noch das letzte Geleit.
Das einzige Drama, dessen Ausgang offen scheint, spielt sich auf dem Gesicht eines Terroristen ab. Der Kommandoführer Ziad Jarrah (Khalid Abdalla), dem der Film von allen Passagieren die meisten Großaufnahmen widmet, scheint im Laufe des Fluges zunehmend Zweifel zu hegen und verschiebt die Erstürmung des Cockpits immer wieder. Doch dann entwickeln die Ereignisse eine Eigendynamik, die so unabwendbar ist wie der taumelnde Sturz des Flugzeugs in die Tiefe.
Eine Meditation, sagt Stone, sei dagegen sein Film "World Trade Center", ein "Denkmal für Mut" wolle er errichten. "Wir erzählen von zwei Männern, die tatenlos in einem Loch ausharren und auf Hilfe warten müssen." Nichts zu tun ist zwar nicht sehr amerikanisch, aber unter Umständen auch überaus heroisch.
Will Jimeno sitzt wenige Meter entfernt und greift nach seinem versehrten Bein, als würde er einen jähen Phantomschmerz verspüren. "Wissen Sie", sagt er, "die machen das hier schon verdammt gut. Aber dieses Geräusch - wie das klingt, wenn man da unten begraben wird, das kann man niemandem vermitteln. Denn man hört es nicht in den Ohren. Man hört es mit jeder Faser seines Körpers." LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg