07.09.2006

Operation „Heiliger Dienstag“

Chalid Scheich Mohammed war das Gehirn der Anschläge in New York und Washington. Nach seiner Verhaftung erzählte er die Vorgeschichte des 11. September - den Weg von der Idee zum Anschlag.
Vielleicht hat er ja sogar von London erfahren, vom Plan britischer Muslime, fast zeitgleich bis zu zwölf Passagiermaschinen mit Zeitzünderbomben in die Luft zu sprengen. Von der Tatsache, dass dieser Anschlag anscheinend mit der Qaida-Führung abgestimmt war und offenbar von Aiman al-Sawahiri, der Nummer zwei der Qaida, persönlich abgesegnet wurde. Chalid Scheich Mohammed hatte ja die gleiche Idee, lange vor den Briten. Damals, 1994, nannte der Scheich das Ganze "Operation Bojinka", was so viel wie der große Knall heißen soll. Seine Absicht war es, Flüssigbomben in zwölf amerikanische Passagiermaschinen zu platzieren, um sie dann innerhalb weniger Stunden per Zeitschaltung über dem Pazifik zu zünden.
So lässt sich der geplante Anschlag von London als eine Art Hommage an den Mann verstehen, den im Westen bis 2002 außer Fahndern, Ermittlern und Geheimdienstleuten kaum jemand kannte. Obwohl er, wie man heute weiß, Architekt und Ideengeber des 11. September 2001 war.
"Es gibt keine zentralere Figur als Chalid Scheich Mohammed, was die Planung und Organisation des 11. September betrifft", sagt Dietrich Snell, stellvertretender Generalstaatsanwalt in New York, der zu der Kommission gehörte, die Ursachen, Irrtümer und Fehler von FBI und CIA untersuchte, die erst die Anschläge in New York und Washington ermöglichten.
"Wir wissen inzwischen, dass der 11. September einen langen Vorlauf hatte", meint auch der französische Ermittler Jean-Charles Brisard. "Und wir wissen, dass Chalid Scheich Mohammed aus seiner alten 'Operation Bojinka' den Angriffsplan für den 11. September entwickelt hat."
Das Wissen der Ermittler geht vor allem auf die Aussagen der beiden Chefplaner des 11. September zurück: Ramzi Binalshibh wurde genau ein Jahr nach den Anschlägen im September 2002 in Pakistan festgenommen und hat seither so etwas wie eine Lebensbeichte abgelegt. Chalid Scheich Mohammed überraschten Fahnder im März 2003 in einem vermeintlich "sicheren Haus" im pakistanischen Rawalpindi. Fast ein Jahr lang hatten sie ihn in einer aufwendigen Handy-Observation mit dem Codenamen "Mont Blanc" gesucht und endlich gefunden, weil er zwar ständig seine Mobiltelefone, nicht aber einen Schweizer Swisscom-Chip wechselte. So verriet er den Fahndern unfreiwillig seinen Aufenthaltsort.
Auf Fotos ist Scheich Mohammed in demütigender Pose zu sehen. Er schaut verwirrt, die Haare sind zerwühlt, die Brust ist entblößt. Sicher ist, dass er zuerst vom berüchtigten pakistanischen Geheimdienst ISI vernommen wurde, der sein Schweigen nicht zu brechen vermochte. Zwei Tage lang soll der Scheich in tranceähnlichem Zustand gebetet und Koransuren rezitiert haben. Am dritten Tag hat er angeblich seine pakistanischen Vernehmer plötzlich wild beschimpft. Die stülpten ihm daraufhin eine Maske über den Kopf, fuhren ihn zur Luftwaffenbasis in Rawalpindi und übergaben ihn den Amerikanern.
Gut möglich, dass Scheich Mohammed, ebenso wie Binalshibh, in einem Staat gefangengehalten wird, der Menschenrechte und Folterverbot nicht sonderlich ernst nimmt. "Hotel California" nennen US-Ermittler solch geheimen Orte, an die sie sperrige Gefangene bringen lassen. Seit Amerikaner ihn in die Mangel nehmen, redet Scheich Mohammed jedenfalls ausgiebig.
Weil er seine Aussagen vermutlich unter Folter machte, sind sie in Deutschland und anderen Ländern nicht vor Gericht zu verwerten. Bei den weltweit ersten Terrorprozessen um die mutmaßlichen Helfershelfer der Hamburger Zelle rangen sich die Amerikaner ohnehin nur zu dürren "summaries" der Vernehmungen durch.
Erst zum Prozess gegen den gebürtigen Franzosen Zacarias Moussaoui - dem ersten Verfahren im Zusammenhang mit dem 11. September auf amerikanischem Boden - gaben die US-Behörden überraschend 58 Seiten mit Aussagen des Scheichs frei. Die Verhörprotokolle beginnen jeweils mit dem vorsorglichen
Hinweis, dass man nicht sicher sein könne, wo die echten Informationen enden und die Lügen beginnen. Der Festgenommene könne ja andere Beteiligte schützen wollen.
Die freigegebenen Aussagen sind nicht in wörtlicher Rede gehalten, sie wurden von den Beamten wie eine literarische Erzählung in der dritten Person verfasst.
Trotzdem klingen sie authentisch und ergeben ein dichtes Bild der Genese des 11. September - das Protokoll einer Anschlagsserie von der Idee bis zur Ausführung. Dazwischen liegen - glaubt man den Einlassungen des Scheichs - ziemlich genau acht Jahre.
Seine Geschichte des 11. September beginnt an einem grauen Freitag im Frühjahr 1993 mit dem ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center. An jenem 26. Februar 1993 zündet Ramsi Jussuf, ein Neffe Scheich Mohammeds, eine gewaltige Bombe in der Tiefgarage des WTC: 600 Kilogramm hochexplosives Nitroglyzerin, versteckt in einem weißen Lieferwagen. Sechs Menschen sterben, mehr als 1000 werden verletzt. Ein FBI-Beamter, der den Tatort besichtigt, sagt danach, es sei ein Wunder, dass es nicht mehr Opfer gegeben habe. Die Türme beben, sie fallen aber nicht.
Ramsi Jussuf wurde in afghanischen Trainingslagern ausgebildet und erhielt, wie Ermittler später herausfanden, finanzielle Unterstützung für seine Sprengstoffexperimente von Onkel Chalid. Als religiöser Anstifter dieses ersten islamistischen Terroranschlags in den USA gilt zwar der blinde ägyptische Scheich Umar Abd al-Rahman aus Brooklyn, Chalid Scheich Mohammed dürfte aber zumindest ein aktiver Sympathisant gewesen sein. Seither ließ ihn die Idee eines großangelegten Anschlags auf die USA nicht mehr los, wie er seinen Vernehmern berichtet:
Scheich Mohammed sagte, dass New York eindeutig die Wirtschaftshauptstadt der USA war - und deshalb für ihn auch immer erstes Angriffsziel. Nach dem World-Trade-Center-Anschlag von 1993 entschied Scheich Mohammed, dass Sprengstoff und Bomben zu problematisch seien. Deshalb konzentrierte er sich auf den Einsatz von Flugzeugen als Waffe. Die attraktivsten Ziele waren dabei hohe Gebäude, einmal weil sie relativ einfach zu treffen waren und zum anderen aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung.
Wie besessen scheint er von dieser Idee gewesen zu sein. Gemeinsam mit seinem Neffen entwickelt er im Folgejahr die "Operation Bojinka": Innerhalb von 48 Stunden wollen die beiden möglichst viele US-Passagiermaschinen über dem Pazifik explodieren lassen. Die Vorbereitungen dazu treffen sie auf den Philippinen; im Dezember 1994 deponieren sie eine Testbombe auf einer Maschine der Philippine Airlines - ein Mensch stirbt, zehn werden verletzt.
Während Jussuf in einem Apartment in Manila mit Chemikalien experimentiert, studiert sein Onkel die Flugpläne für Verbindungen über Seoul und Hongkong in die USA. Im Januar 1995 fliegt der sinistre Plan jedoch auf, als Jussufs Gebräu aus Kalium- und Natriumchlorat im Zimmer seines Apartments plötzlich Feuer fängt. Jussuf flüchtet überstürzt, lässt aber einen Laptop mit detaillierten Daten der "Operation Bojinka" zurück, den Ermittler später sicherstellen.
Der Plan scheitert, die Idee bleibt.
Nur ein Jahr später fährt der Scheich an den Hindukusch, um einen neuen Sponsor für sich und seine Idee zu finden. Der Countdown für die Operation "Heiliger Dienstag", wie die Qaida-Leute den 11. September nennen, beginnt:
1996 reiste Scheich Mohammed nach Afghanistan, um Bin Laden davon zu überzeugen, ihm Geld und Einsatzkräfte zur Verfügung zu stellen, so dass er
in den USA zehn Flugzeuge entführen könne, um sie in Angriffsziele zu steuern, fünf Ziele an jeder Küste der USA. Bin Laden war nicht von der Durchführbarkeit dieser Operation überzeugt, änderte aber seine Meinung im März oder April 1999.
In jenem Jahr 1996 wird der Scheich von den US-Behörden per Steckbrief ("Braune Augen; leicht übergewichtig; Brillenträger; trägt entweder Vollbart, gestutzten Bart oder gar keinen Bart") gesucht. Fahnder sind auf ihn im Zusammenhang mit dem Bojinka-Plan gestoßen. Zwei Millionen Dollar Kopfgeld sind auf seine Ergreifung ausgesetzt, 2003 werden es 25 Millionen sein.
Scheich Mohammed kennt Osama Bin Laden flüchtig aus gemeinsamen Kampftagen in Afghanistan, 1989 hatte er ihn zum letzten Mal gesehen. Als ihn Bin Laden jetzt, sieben Jahre später, bei dem Treffen in Tora Bora bittet, er möge endlich der Qaida beitreten, lehnt der Scheich dankend ab. Er möchte sich nicht von dem mächtigen Netzwerk vereinnahmen lassen, möchte unabhängig bleiben, möchte sich seine Optionen offen halten.
Den in der Qaida üblichen Treueschwur auf Bin Laden, die "Baia", will der Scheich erst nach den Anschlägen vom 11. September abgelegt haben, so erzählte er seinen verblüfften Vernehmern. Chalid Scheich Mohammed sieht in Bin Ladens Truppen vor allem ein Vehikel, seinen alten Angriffsplan endlich durchzuführen.
Anfang 1998 spricht Bin Laden eine regelrechte Kriegserklärung gegen die USA aus. Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri gibt er feierlich die Gründung einer neuen "Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter" bekannt. Im Sommer desselben Jahres fliegen in Ostafrika zeitgleich zwei US-Botschaften in die Luft: In Kenias Hauptstadt Nairobi und in Daressalam in Tansania sterben 224 Menschen.
Die Botschaftsanschläge verändern von einem Tag auf den anderen die Dynamik al-Qaidas. Sie hat mit ihren eigenen Mitteln wichtige, harte Ziele getroffen. Der Weg für die Anschläge des 11. September ist nun, laut Chalid Scheich Mohammed, geebnet. Im Frühjahr 1999 bestellt Bin Laden ihn plötzlich nach Kandahar ein und offenbart ihm seinen Sinneswandel:
Bin Laden sagte Scheich Mohammed, dass er nun denke, der Plan könne funktionieren. Er teilte ihm mit, dass die Operation ab sofort die volle Unterstützung der Qaida hätte. Bin Laden bot ihm umgehend vier potentielle Entführer und Selbstmordattentäter an (...) Nachdem der vorgeschlagene Entführungs-Plot von Bin Laden bewilligt worden war, sprachen Scheich Mohammed und andere eingeweihte hochrangige Qaida-Mitglieder nur noch von der "Flugzeug-Operation". Scheich Mohammed schätzte, dass man ungefähr zwei Jahre für seine Planung und Ausführung bräuchte.
Zu diesem Zeitpunkt wird der Anschlag noch in zwei Schritten geplant: In einer ersten Welle sollen die Entführer Passagiermaschinen auf ausgesuchte Ziele auf amerikanischem Boden stürzen lassen. Die zweite Welle - eine modifizierte Bojinka-Version - sieht vor, Flugzeuge amerikanischer Luftlinien über dem Pazifik zu sprengen. Sie sollen zum selben Zeitpunkt abstürzen oder explodieren, um die "größtmögliche psychologische Wirkung" zu erreichen.
Im Frühjahr 2000 setzt Bin Laden den Träumen des Scheichs ein Ende und streicht den Ostasien-Teil des geplanten Angriffs. Der ist ihm zu unsicher.
Inzwischen ist Chalid Scheich Mohammed auf Bitten des Terrorfürsten samt seiner Familie nach Kandahar gezogen und Qaida-Mitglied geworden.
Als Piloten stehen bisher nur zwei Saudi-Araber bereit: Nawaf al-Hamsi und Chalid al-Midhar. Hamsi ist ein Fanatiker, der als Teenager 1993 erstmals nach Afghanistan gereist war; 1995 kämpften er und Midhar als Freiwillige in Bosnien. Bin Laden hat die beiden ausgesucht. Sie besitzen Visa für die USA - laut Scheich Mohammed das einzige Kriterium, das sie für den Anschlag qualifiziert. Beide sprechen sehr schlechtes Englisch und haben keine Ahnung vom Leben im Westen.
Der Scheich verbringt Stunden damit, sie in das Lesen von Flugplänen einzuweisen und ihnen Grundregeln für das Überleben in einer westlichen Gesellschaft einzuhämmern.
Auf einem Markt in Karatschi findet er zufällig ein Branchentelefonbuch von San Diego, Kalifornien. Er kauft es und entdeckt, dass es in San Diego sowohl viele Flugschulen als auch Englischkurse gibt. Er schickt die beiden dorthin. Wäre in Karatschi das Telefonbuch einer anderen amerikanischen Stadt auf dem Markt zu haben gewesen, die Vorgeschichte des 11. September wäre in einem Detail wohl anders verlaufen.
Die beiden Saudi-Araber stellen sich in Kalifornien denkbar dämlich an, sie missachten Chalids Sicherheitsvorschriften, sie scheitern im Englischunterricht. In Kandahar führen die beiden Sorgenkinder der Operation zum handfesten Streit zwischen dem Scheich und Bin Laden. Mohammed möchte den Risikofaktor Midhar abziehen, Bin Laden stellt sich dagegen und setzt sich durch.
Bei seinen Vernehmungen gesteht der Scheich einen gewissen Dilettantismus bei den ersten Rekrutierungen für die Jahrhundertoperation ein:
Scheich Mohammed behauptete, dass die Eignung der Kandidaten bei der Auswahl potentieller Piloten nicht berücksichtigt wurde. Er erklärte, dass er und Bin Laden sich nie Gedanken gemacht hätten, ob spezielle Fähigkeiten oder Begabungen erforderlich seien, um zu lernen, wie man ein Flugzeug steuert. Sie glaubten, das Fliegen sei so ähnlich wie Autofahren zu lernen: bei richtigem Unterricht einfach zu bewerkstelligen.
Dabei ist der kräftige, untersetzte Scheich alles andere als naiv. Kurz nachdem er die Leitung des militärischen Komitees der Qaida übernimmt, wird er bald nur noch ehrfürchtig "al-Much", das Gehirn, genannt. Im Bericht der 9/11-Untersuchungskommission bezeichnet man ihn mit gewissem Respekt als den "Prototyp eines terroristischen Unternehmers". Der Scheich ist umsichtig und weltgewandt: Ausgestattet mit mehreren Pässen reist er auch noch zu Zeiten, als er schon einer der meistgesuchten Terroristen der Welt ist, ziemlich lässig zwischen Afghanistan, Katar, Indonesien und Iran hin und her.
Der Pakistaner, der als Sohn eines Predigers im kuweitischen Fuheihil am Rande einer Palmenoase aufwächst, hat gelernt, sich in westlichen Gesellschaften geschmeidig zu bewegen. Nach seinem Highschool-Abschluss geht er 1983 für ein Ingenieurstudium in die USA,
zunächst an ein Baptisten-College in North Carolina, dann an die Technische Universität in Greensboro. Im Dezember 1986 macht er dort seinen Abschluss in "Mechanical Engineering".
Auf dem Klassenfoto des Abschlussjahrgangs fehlt er ebenso wie im Jahrbuch der Universität, wohl nicht ganz zufällig. Denn von der amerikanischen Universität zieht es den frischgebackenen Ingenieur direkt ins pakistanische Peschawar an der Grenze zu Afghanistan - damals die Durchgangsstation für junge Dschihadisten. Zwei seiner Brüder gehören dort einer Widerstandsgruppe um Bin-Laden-Mentor Abdullah Azzam an. Einer von ihnen leitet die Wohlfahrtsorganisation "Komitee des Islamischen Aufrufs".
Auch der Scheich begibt sich in den Dienst der "guten Sache". Jahre später wird er den US-Vernehmern die Gründe für seinen Amerika-Hass zu Protokoll geben:
Scheich Mohammed sagte, das Ziel der Anschläge auf die Zwillingstürme sei gewesen, "die Amerikaner aufzuwecken". Scheich Mohammed sagte, wenn es nur Angriffsziele der Regierung oder des Militärs gewesen wären, hätte man das amerikanische Volk nicht aufmerksam gemacht auf die Gräueltaten, die Amerika begehe, indem es Israel gegen das palästinensische Volk unterstütze. Und auf Amerikas eigennützige Außenpolitik, bei der arabische Regierungen bestochen werden, was zu einer weiteren Ausbeutung der arabischen Völker führe.
Ende 1999 verlassen Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah auf verschiedenen Flügen Hamburg in Richtung Afghanistan. Zu diesem Zeitpunkt hat Bin Laden schon drei Angriffsziele im Sinn: das Pentagon, das Weiße Haus, das Kapitol. Fehlen nur noch die richtigen Piloten. Laut Aussagen des Scheichs ist Atta zum allerersten Mal in Afghanistan. Die gutausgebildeten Studenten aus Hamburg wollten eigentlich gegen die Kräfte der Nord-Allianz in Afghanistan kämpfen, aber Bin Laden hat Größeres mit ihnen vor.
Folgt man den Ausführungen des Scheichs, dann muss der Qaida-Führung das Eintreffen der Hamburger wie ein Geschenk Allahs vorgekommen sein: im Westen lebende Studenten einer Technischen Universität, die fließend Englisch sprechen und liebend gern als Märtyrer sterben wollen. "Die Geschwindigkeit, mit der Atta und die anderen Hamburger Ende 1999 für den Plot rekrutiert wurden, ist bemerkenswert", sagt Dietrich Snell, von der 9/11-Untersuchungskommission. "Wir haben deshalb immer wieder nach Hinweisen für vorherige Kontakte gesucht - ohne Ergebnis."
Bin Laden übergibt Atta eine Liste mit Zielen. Darunter sind die beiden Türme des World Trade Center, das Pentagon und das Kapitol. Laut Chalid Scheich Mohammed fügt Atta noch ein Atomkraftwerk in Pennsylvania hinzu, das er im Internet gefunden hat. Bin Laden ist damit einverstanden. Der junge Ägypter, der "hart arbeitet und schnell lernt" - so der Scheich -, genießt sein Vertrauen. Irgendwann während Attas Zeit im afghanischen Trainingscamp ernennt der Terrorfürst den jungen Ägypter zum "Emir", zum Anführer der Operation; ursprünglich war dafür Ramzi Binalshibh vorgesehen.
Nach einigen Wochen reisen die Hamburger wieder ab, im Gepäck eine Liste mit inzwischen acht Zielen, darunter auch eine ausländische Botschaft in Washington und den Sears Tower in Chicago.
Im September oder Oktober 2000 trifft, laut Vernehmungsprotokollen, ein weiterer Kandidat im al-Faruk-Trainingscamp in Afghanistan ein: Hani Hanjour, ein bereits ausgebildeter Pilot mit USA-Erfahrung und laut Chalid Scheich Mohammed einer seiner fähigsten Leute. Drei Tage lang instruiert er den Saudi-Araber, bringt ihm Kommunikations-Codes bei und macht ihn mit Pass- und Visafragen vertraut. Kurze Zeit später schickt er ihn nach Saudi-Arabien zurück, wo Hanjour zügig ein US-Visum beantragen soll.
Die Vorbereitungen für die Operation "Heiliger Dienstag" laufen jetzt auf Hochtouren. Gut zehn Monate bleiben noch.
Ende 2000 bis Januar 2001 werden im al-Matar-Komplex in Kandahar die ersten zehn sogenannten Muskelmänner ausgebildet: das Fußvolk der Gotteskrieger, allesamt Saudi-Araber, allesamt willig, für Allah zu sterben. Details der anstehenden Operation kennen sie nicht, aber sie wissen, dass es um Flugzeuge geht. Sie lernen, ein Cockpit zu stürmen. Im Faruk-Camp, so berichtet der Scheich seinen Vernehmern, muss jeder von ihnen mit einem Schweizer Taschenmesser ein Schaf und ein Kamel töten, um sich an den Umgang mit Stichwaffen zu gewöhnen.
Noch immer gehen der Scheich und Bin Laden zu diesem Zeitpunkt von einer zweiten Anschlagswelle aus, die sich auf Ziele an der amerikanischen Westküste konzentrieren soll. Die Vorbereitungen dazu laufen parallel zu denen für den 11. September. Der im September 2001, kurz vor den Anschlägen festgenommene Moussaoui war, so die Aussagen des Scheichs, für diese zweite Anschlagswelle vorgesehen. Der Franzose erweist sich aber schon nach kurzer Zeit als ungeeignet: Er telefoniert, er plaudert zu viel, er kauft vier Tonnen Dünger, anstatt sich um das Flugtraining zu kümmern. Der Scheich will ihn am liebsten rauswerfen, aber Bin Laden ist dagegen - und drängt seinen Chefplaner immer mehr zur Eile:
Dreimal hielt Scheich Mohammed dem Druck Bin Ladens stand, die Operation früher als geplant zu starten. Das erste Mal war im Frühjahr 2000, kurz nachdem Atta und die anderen Piloten in den USA angekommen waren. Bin Laden drängte Scheich Mohammed auch zweimal während des Frühjahrs 2001, die Anschläge vorzuziehen. Bin Laden wollte gern am 12. Mai 2001 angreifen, genau sieben Monate nach dem Bombenanschlag auf die USS "Cole" im Jemen. Das zweite Mal war entweder im Juni oder Juli 2001, weil Bin Laden aus Medienberichten erfahren hatte, dass Ariel Scharon im Weißen Haus zu Besuch sei.
Der Scheich kann seinen ungeduldigen Dienstherrn jeweils mit dem Hinweis bremsen, die Entführerteams seien noch nicht soweit. Doch dann gefährdet ausgerechnet Bin Laden höchstpersönlich das Unternehmen: Er wird auf einmal geschwätzig. Im Laufe des Sommers 2001 macht er hochrangigen Besuchern gegenüber immer wieder Andeutungen, ein großer Anschlag gegen die USA stehe unmittelbar bevor. Bei einer Rede im Faruk-Camp ruft er die Dschihadisten sogar dazu auf, für den Erfolg einer großangelegten Operation mit 20 Märtyrern zu beten.
Das genaue Datum des Terrorangriffs erfährt der Chefplaner des 11. September erst spät:
Scheich Mohammed gab an, er habe von den bevorstehenden Anschlägen über einen Kurier erfahren, weil er es ablehnte zu telefonieren oder über E-Mails zu kommunizieren. Zakariya Essabar, ein Verbündeter Binalshibhs in Deutschland, traf Ende August 2001 in Afghanistan ein und übergab Scheich Mohammed einen Brief von Binalshibh, um ihn über das Datum zu informieren.
In den Morgenstunden des 11. September besteigen vier Entführerteams an drei verschiedenen Orten amerikanische Passagiermaschinen, sie verwandeln Flugzeuge in Massenvernichtungswaffen, genauso wie Chalid Scheich Mohammed es sich vorgestellt hatte. Nur in einer Hinsicht hatte sich der 9/11-Ideengeber getäuscht, und auch das gestand er den US-Ermittlern:
Scheich Mohammed hatte keine Ahnung, dass die Schäden durch den ersten Angriff so katastrophal sein würden, wie sie waren. Er ging auch nicht davon aus, dass die USA so heftig auf die Anschläge reagieren würden - was dazu führte, dass die (geplante) nächste Phase (von Anschlägen) erst einmal zurückgestellt wurde.
BRITTA SANDBERG
* Nach dem Anschlag von Ramsi Jussuf.
* Im März 2003, kurz nach seiner Festnahme.
* In der Flugschule in Venice, Florida, 2000.
Von Britta Sandberg

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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