07.09.2006

Teufelskreis am Hindukusch

Blanke Not treibt viele Menschen in Afghanistan zurück in die Arme der fanatischen Taliban. Die Gotteskrieger kontrollieren inzwischen wieder ganze Landstriche und versuchen, die westlichen Alliierten in einen blutigen Guerillakampf zu verwickeln.
Die beiden westlichen Geheimdienstler in Kabul sind froh, dass dieser Tag endlich vorüber ist. Er war wie der Anfang vom Ende.
Im Stundentakt gingen in der afghanischen Hauptstadt die Bomben hoch.
Die erste traf einen Militärbus im Zentrum mit Personal der afghanischen Armee; schreiend sprangen die jungen Offiziere durch die zerborstenen Fenster, blutüberströmt, Flammen schlugen an ihren Uniformen hoch, es gab 39 Verletzte. Der nächste Sprengsatz wurde neben einem Bus mit Personal des Handelsministeriums gezündet, sechs Zivilisten wurden schwer verwundet, einer starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Eine dritte Explosion im Osten der City traf einen weiteren Armeetransport.
Die beiden Agenten sitzen auf der Terrasse ihres Büros im Stadtteil Karta-i Se im Südwesten und trinken Whiskey. Es ist 20 Uhr, die Luft ist warm und steht, während langsam das helle Zwielicht des Abends hereinbricht, das hier, auf 1800 Meter Höhe im Talkessel von Kabul, einen trügerischen Frieden verströmt.
"Ich weiß die Lösung", sagt der Jüngere, er geht an die Lagekarte und schraffiert mit blauem Marker sein Einsatzgebiet, aus dem er nun seit über zwei Jahren täglich berichtet. "Kabul-River" schreibt er auf die blaue Fläche. "Fluten!", sagt er und nimmt noch einen Schluck.
Der andere nickt. Es gibt solche Tage, da will man alles hinschmeißen.
"Es wird ein blutiger Sommer werden", hatte der amerikanische Botschafter in Kabul, Ronald Neumann, dem SPIEGEL im Mai angekündigt, und so ist es gekommen. 2004 hatte es 4 Selbstmordattentate gegeben, 2005 waren es bereits 17, und bis Ende 2006 wollen es die Taliban auf 500 Anschläge bringen.
Neumann ist ein Veteran unter den Diplomaten in Kabul, der vorerst letzten Station seiner Karriere.
Er war oft und lange im Orient. Er sitzt in seinem Büro in der neugebauten US-Botschaft in der Great Massoud Road im Regierungsviertel von Kabul, das Gelände ist großräumig abgesperrt. Männer mit schwarzen Sonnenbrillen und schusssicheren Westen, die Hände an ihren Maschinenpistolen, sorgen für die Sicherheit des Botschafters. Das diplomatische Corps der USA verlässt den Komplex nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Hinter den Eingangsschleusen mit den gepanzerten Scheiben ist Amerika: braune Ledersessel, Stars and Stripes, Fotos der Präsidenten der Vereinigten Staaten an der Wand.
Wenige westliche Politiker kennen das Land am Hindukusch, über das sie so weitreichende Entscheidungen fällen. Neumann kennt es sehr gut: Als junger Mann hatte er Afghanistan bereist, schon sein Vater war hier früher Botschafter. Damals, Ende der Sechziger, ist es hier ganz friedlich gewesen, ein Paradies für Rucksacktouristen, aber auch unvorstellbar rückständig und arm. Abseits der großen Städte gab es keine Straßen und keinen Strom. Neumann hat eine Vorstellung von den Grenzen des Wandels dieser mittelalterlichen Gesellschaft. Damals wurde aber auch kaum Opium angebaut, heute ist Afghanistan ein Drogenstaat.
Im Januar ist Neumann knapp einem Anschlag entgangen. Nahe einer US-Militärbasis, die er an diesem Tag besuchte, in der südlichen Paschtunen-Provinz Oruzgan, sprengte sich ein Terrorist in die Luft. 10 Menschen verloren ihr Leben, 50 wurden verletzt, Neumann blieb unversehrt. "Wir erleben schwierige Zeiten", sagt er, dabei kaut er nachdenklich an seiner Pfeife. Doch noch glaubt der Spitzendiplomat, dass dies "der Weg des Fortschritts" sei.
Die Taliban waren schnell geschlagen, damals, Ende 2001. Der Hightech-Kriegsmaschine des Westens hatten die Gotteskrieger militärisch wenig entgegenzusetzen. Nur einen Monat nach Beginn der amerikanisch-britischen Invasion verkrochen sich die religiösen Fanatiker in die Berge.
Jetzt sind sie wieder da.
Sicherheitsexperten sprechen inzwischen von Neo-Taliban: Es ist ein neuer Mix aus Mullah Omars ehemaligen Gotteskriegern, der mächtigen Drogenmafia, den Truppen des islamistischen Terrorfürsten Gulbuddin Hekmatjar, arabischen und zentralasiatischen Dschihadisten, einfachen Kriminellen und al-Qaida. Sie alle haben sich in den Stammesgebieten an der pakistanisch-afghanischen Grenze zusammengefunden. Dazu kommt frisches Blut: Tausende junge Kämpfer sind in den letzten Jahren aus Flüchtlingslagern und armen Dörfern rekrutiert und im paschtunischen Grenzgürtel in Ausbildungslagern trainiert worden. Die ersten größeren Verbände sind nun einsatzbereit.
Finanziell aufgerüstet werden die Milizen noch immer von saudi-arabischen und ägyptischen Gönnern, reichen Privatleuten und religiösen Stiftungen, die großzügig für die Sache spenden. Die sicherste Bank der Taliban sind jedoch die Drogenfelder am Hindukusch.
"Wir werden das Land in einen Fluss von Blut verwandeln, wenn die Fremden kommen", so hatte der Sprecher des einäugigen Mullah Omar einem britischen Reporter die Sommer-Offensive per Satellitentelefon angekündigt.
Im Norden Afghanistans haben die Deutschen das
Kommando über die Isaf-Unterstützungstruppen der Nato übernommen. Sie sind verantwortlich für neun Provinzen an fünf Grenzen von Turkmenistan bis Pakistan. Seither wird die Truppe - 2800 Soldaten - von einer Anschlagserie erschüttert. Am 27. Juni notiert ein deutscher Offizier in sein privates Feld-Tagebuch: "Die heutige Tat weist auf einen Täter mit der Seele eines Schlachterhundes hin." Ein Mann hatte sich am Nachmittag inmitten einer belebten Straße nahe des Krankenhauses im Osten von Kunduz in die Luft gejagt. Er wollte Deutsche treffen, beschädigte jedoch nur ihr Fahrzeug. Zwei Afghanen starben, acht wurden schwer verletzt, die meisten davon waren Kinder.
Je länger die Deutschen da sind und je intensiver die Kontakte zur Bevölkerung werden, desto mehr sehen die Drogenmafia und die anderen Machthaber ihre Interessen gefährdet. "Es ist eine neue Qualität der Auseinandersetzung!", schließt der Offizier seine Eintragungen an diesem Tag: "Zuversicht und Mut noch nicht verloren, würde aber meinen, Lackschäden am bisher blitzenden Gefährt."
Die Briten, die ihre Truppen seit Mai in der Provinz Helmand stationiert und das Kommando für den Süden übernommen haben, sprechen inzwischen offen von "Krieg". Eine 63 Seiten starke Studie des britischen Sicherheitsinstituts Senlis Council bestätigt, was Augenzeugen seit Anfang des Jahres berichten: Schwerbewaffnete Milizionäre mit langen Bärten bewachen inzwischen die Mohnfelder. Sie sind ausgerüstet mit modernsten Satellitentelefonen, neuen Maschinenpistolen und blitzenden Toyota-Geländewagen, wie man sie aus früheren Taliban-Zeiten kennt. Die fanatischen "Schüler" kontrollieren wieder weite Landstriche der südlichen und östlichen Landesteile. In Bezirken wie Disho, Sangin und Baghran in der Provinz Helmand gelten ihre Gesetze: Musik ist verboten, Männer dürfen sich nicht mehr rasieren, westliche Kleidung ist verpönt, fünfmal beten am Tag Pflicht. Frauen dürfen nicht arbeiten und das Haus nur noch verschleiert in Begleitung von Männern verlassen.
Ein Teufelskreis hat die Bevölkerung zurück in die Arme der Islamisten getrieben: Nach dem Rückzug der Taliban war in der größten Drogenanbauregion des Landes ein Machtvakuum entstanden. Weder die Zentralregierung noch die internationalen Truppen oder Hilfsorganisationen kümmerten sich um die Bevölkerung, die hier abgeschnitten von der Zivilisation unter armseligen Bedingungen lebt, abhängig von archaischen Feudalherren.
Die einzigen Fremden, die vorbeikamen, waren US-Soldaten auf Kampfmission und US-Flugzeuge, die Dörfer bombardierten, weil sie
dort Terroristen vermuteten. Im Frühjahr rückten auch noch internationale Teams zur Vernichtung der Opiumernte an und drohten damit, die Lebensgrundlage der Menschen zu zerstören, ohne eine angemessene Alternative anzubieten.
Die Ausländer kamen stets als Feinde. Die Taliban boten sich als Schutzmacht an.
Es ist der Kampf zweier Ungleicher, die sich in den staubigen Bergen an der Grenze zu Pakistan gegenüberstehen: die afghanischen Guerillakrieger mit ihrer Nadelstichtaktik, schnell, ausgerüstet mit leichtem Gerät und einer für die westliche Mentalität kaum vorstellbaren Opferbereitschaft; auf der anderen Seite die modernen Armeen des Westens mit ihrer technischen Überlegenheit, doch auch leicht verwundbar, weil sie nur eine begrenzte Anzahl von menschlichen Verlusten zu ertragen bereit sind. Asymmetrischer Krieg nennen die Militärexperten das.
"Befinden wir uns schon auf den ersten fünf Metern eines Geröllhangs?", fragt der deutsche Sicherheitsberater in Berlin. Der Mann ist auf Stippvisite in der Hauptstadt, sein Schreibtisch steht irgendwo im Ausland. Genaueres will er nicht erzählen. Wie kaum ein anderer hat er die Afghanistan-Operation begleitet, er kennt alle Daten, Fakten und Spieler, sein Rat ist gefragt in der Bundesregierung. "Rutschen wir ins Bodenlose?", fragt er noch mal rhetorisch.
Der Mann kennt die schlechten Nachrichten vom Hindukusch. Doch es gebe auch eine Erfolgsstory bei dieser Mission, sagt er: Als Hafen für den internationalen Terrorismus sei Afghanistan von der Landkarte gelöscht worden. Die Taliban selbst wollten zwar die Macht über das Land und die Drogen. Aber für die politischen Ideen des arabischen Extremisten Osama Bin Laden hätten sie nie viel übriggehabt. Er sei nicht gefasst bisher, doch sei er auch nicht mehr der Kopf al-Qaidas, er werde gejagt und müsse sich verstecken, sagt der Berater.
Der Mann für Sicherheitsfragen saß damals, vor fast fünf Jahren, mit am Tisch, als es auf dem Petersberg bei Bonn darum ging, dieses wilde Land auf den Weg in die Demokratie zu bringen. Ein schönes, großes Wort war das: "nation building" - Aufbau ziviler Institutionen.
Aus dem Nichts hatten sie die Übergangsregierung geformt mit dem für alle respektablen Paschtunen Hamid Karzai an der Spitze. Die traditionelle Versammlung der Stammesvertreter aus dem ganzen Land trat nach über 23 Jahren Kriegswirren wieder zusammen. König Zahir Schah kehrte aus dem italienischen Exil zurück, als Symbol der Einigkeit des zersplitterten Landes, in dem mehr als 20 verschiedene Ethnien leben. Ganz Afghanistan schickte Vertreter der Provinzen und Bezirke an den Flughafen, als er kam. Die erste Präsidentenwahl in der Geschichte des Landes verlief weitgehend frei und fair. Viele Menschen nahmen tagelange Fußmärsche auf sich, um in der nächsten Stadt ihre Stimme abzugeben.
Die Afghanen glaubten begeistert an einen Neuanfang.
Ein Parlament wurde gewählt, die neue Verfassung beschlossen. Die Polizei, die Armee und das Justizministerium werden derzeit aufgebaut. Formal ist alles erfüllt, was damals bei Bonn beschlossen wurde. "Doch das alles ist nur eine Hülle, der der Inhalt fehlt", sagt der Sicherheitsexperte und lässt langsam ein Päckchen Zucker in seine Kaffeetasse rieseln. Er war in Somalia, er war auf dem Balkan, er macht sich keine Illusionen.
Der Plan war gut. Die Länder spendeten großzügig. 6 Milliarden Dollar wurden bisher für den Wiederaufbau ausgegeben. Weitere 10,5 Milliarden sind für die kommenden fünf Jahre zugesagt.
Dann kamen die internationalen Helfer nach Kabul. Hunderte Ausländer preschten plötzlich mit neuen allradgetriebenen Toyota Landcruisern durch die City und ließen sich in Wazir Akbar Khan, dem alten Villenviertel, nieder. Tag und Nacht ratterten in der ausgezehrten Stadt die Generatoren, um für die Fremden Strom zu produzieren und Pumpen für die Wasserversorgung zu betreiben. Die monatlichen Mieten für Häuser stiegen schlagartig auf durchschnittlich 5000 Dollar - das Zwanzigfache des Jahreseinkommens eines Afghanen.
Seither fahren morgens Heerscharen von Ausländern in die Ministerien, am Nachmittag werden sie von ihren Fahrern in klimatisierten Wagen wieder abgeholt. Die Fremden brachten auch neue Gewohnheiten in die Hauptstadt, in der es nun Jeans zu kaufen gibt, viele Frauen aber auch immer noch tiefverschleiert gehen. Jeden Donnerstag, vor dem islamischen Wochenende, verzeichnet der Flugdienst der Vereinten Nationen, UNHAS, der die Mitarbeiter der Botschaften und Hilfsorganisationen durchs Land transportiert, einen erstaunlichen Passagierzuwachs aus den Provinzen nach Kabul: Dann steigen hinter den Mauern der angejahrten Villen von Wazir Akbar Khan Partys, die sich an Ausgelassenheit leicht mit denen in Berlin und New York messen lassen.
Beim Toga-Event eines französischen Transportdienstleisters entblößten die Männer ihre Oberkörper, hüllten sich in Bettlaken und schmückten sich wie römische Herrscher mit lorbeerähnlichen Kränzen.
Bei der Gartenparty einer internationalen Beraterfirma tanzten Hunderte Ausländer neben grasenden Kamelen, die als Dekoration dienten, bis in die Morgenstunden.
Alkohol, der in der Islamischen Republik Afghanistan eigentlich verboten ist, fließt in Strömen.
Die Afghanen waren immer konservative, doch moderate Muslime. Sie tolerieren andere Kulturen und teilen mit ihren Gästen noch den letzten Bissen, nach ihrem Sprichwort: "Wer sein Brot nicht teilt, der wird allein sterben."
Umgekehrt sind die fremden Aufbauhelfer mit ihren Gastgebern weniger generös: 90 Dollar Monatslohn erhalten afghanische Arbeiter einer türkischen Straßenbaufirma, die als Subunternehmen für die Amerikaner tätig ist. Seine eigenen Landsleute entlohnt das Unternehmen jedoch zehnmal höher. "Sie schätzen uns nicht", sagt ein afghanischer Ingenieur gekränkt.
Ein Major des afghanischen 203. Korps in der Ostprovinz Paktia klagt über Arroganz und schlechte Behandlung durch die US-Kameraden. Die Afghanen, die auf offenen Lastwagen fahren, schützten den Konvoi als lebende Schilde, während die US-Soldaten im sicheren Humvee säßen. Abends äßen die Amerikaner Truthahn und tränken Coca-Cola, die Afghanen kauten dagegen am trockenen Nan und erhielten grünen Tee: "Die sowjetischen Besatzer haben meinen Vater brüderlicher behandelt als unsere amerikanischen Freunde uns."
Bis zu 500 000 Dollar kostet ein ausländischer Top-Consultant aus den USA oder Europa in Afghanistan jährlich, inklusive Sicherheitsmaßnahmen, Lebenshaltungskosten und Gewinne für seine Auftraggeber. Gleich sechs solcher Berater hatte die ehemalige Vize-Finanzministerin Seema Ghani Masomi wegen "Unfähigkeit" gefeuert. Sie seien "mehr am Geld als an ihren Aufgaben und an den Menschen interessiert" gewesen, berichtet CorpWatch, die unabhängige US-Gruppe zur Überwachung von Konzernen, in ihrem Afghanistan-Bericht. Tausende ausländische Experten sind in Afghanistan im Einsatz.
Die Consultant-Firmen in Kabul erhielten von ihren Regierungen Multimillionen-Budgets, um die Zentralbank, das Finanz-, das Justiz- und das Wirtschaftsministerium aufzubauen. Sie sollen den Drogenanbau eindämmen und den Opiumbauern alternative Erwerbsquellen anbieten, außerdem Schulen, Straßen und Hospitäler errichten.
Heute stehen in Kabul ein paar glitzernde Einkaufspassagen und ein Fünf-Sterne-Hotel, internationale Restaurants wurden eröffnet, die Läden sind voller Waren, die aus Pakistan und Iran kommen, die Baubranche boomt. Die Kinder gehen wieder in die Schule, darunter auch viele Mädchen.
Doch das tägliche Leben der meisten Afghanen hat sich kaum verbessert. In der Hauptstadt gibt es nur stundenweise Wasser, die Straßen sind eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern geblieben, Strom fließt vielerorts nur unregelmäßig. Außerhalb der Städte ist man selbst davon noch weit entfernt. Noch immer ist Afghanistan eines der ärmsten Länder der Erde, mit der höchsten Kindersterblichkeit und einer sehr niedrigen Lebenserwartung.
Wenn ein Afghane seinen Wagen zulassen will oder einen Telefonanschluss beantragt, muss er ein halbes Dutzend Beamte bestechen. Vor vielen Gerichten gibt es bis heute keine ordentlichen Verfahren, immer noch kommt es vor, dass Menschen ihre inhaftierten Verwandten aus dem Gefängnis freikaufen müssen. Der Fall des Konvertiten Abdul Rahman Jawid, der zum Christentum übergetreten war und wegen Abkehr vom Glauben mit der Todesstrafe bedroht wurde, hatte weltweit Empörung ausgelöst. Er führte den Geldgebern im Westen vor Augen, wie schwierig der Aufbau von verlässlichen Institutionen ist und wie weit das Land von der Achtung der Menschenrechte wie Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und dem Schutz des Individuums entfernt ist.
Amerikanische Steuerzahler würden staunen, wüssten sie, für was ihr Geld hier tatsächlich ausgegeben wird, schreibt CorpWatch in ihrem Bericht: "Für schiefgelaufende Projekte, gar nicht zu reden von den Prostituierten für einsame Vertragsunternehmer aus dem Ausland und importiertem Käse." Das Team hatte monatelang recherchiert, wo die Hilfsgelder der internationalen Gemeinschaft abgeblieben waren. Es fand heraus, dass die wahren Profiteure nicht die Afghanen, sondern geschäftstüchtige Vertreter der Geberländer sind.
Die private US-Sicherheitsfirma DynCorp hatte von der US-Regierung für ein großes Programm zur Vernichtung von Mohnfeldern ein Budget von 150 Millionen Dollar erhalten. 90 Amerikaner und 550 Afghanen hatten an dem Projekt gearbeitet. Das Ergebnis waren Tausende hasserfüllte Bauern, deren Ernte vernichtet wurde, ohne dass ihnen ein adäquater Ausgleich angeboten worden war.
Ein Auftrag der in Washington D. C. ansässigen PR-Firma The Rendon Group war es, die öffentliche Meinung für das Engagement der USA und seines Militärs in dem Dritte-Welt-Land einzunehmen. Das Unternehmen, dem enge Beziehungen zur Bush-Administration nachgesagt werden, hatte dafür, laut CorpWatch, seit dem 11. September 2001 Aufträge über mehr als 56 Millionen Dollar erhalten. Es scheiterte in Afghanistan kläglich: Nie waren die Amerikaner und ihre Verbündeten so unbeliebt wie heute. Der Jubel, mit dem die Amerikaner am 13. November 2001 in Kabul empfangen worden waren, ist längst in tiefes Misstrauen umgeschlagen. Die Befreier von damals werden heute von vielen als Besatzer angesehen.
Die Enttäuschung ist gegenseitig: Die Afghanen sind überzeugt, ihre Heimat diene der einzigen Supermacht lediglich als geostrategische Basis für deren politische Interessen in der Region. Die Amerikaner wiederum sind entnervt von einer korrupten Feudalgesellschaft, die mehr und mehr im Drogensumpf versinkt und offenbar gar nicht daran denkt, sich in eine moderne, westliche Demokratie verwandeln zu lassen, schon gar nicht im gewünschten Tempo. Selbst der Glanz des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, der in der Krise halbherzig und führungsschwach wirkt, verblasst immer mehr. Er will es allen recht machen: den Amerikanern, aber auch den Warlords und Drogenfürsten, die vielfach hohe Positionen bekleiden und mit denen er aus Gründen der politischen Stabilität Pakte geschlossen hat.
"Wer mit Drogen handelt, kann kein honoriger Mann sein. Er wird verfolgt werden, egal in welcher Position er sich befindet", versprach Karzai vor zwei Jahren (SPIEGEL 17/2004). Doch bis heute ist kein einziger Drogenbaron angezeigt oder gar verurteilt worden, obgleich der afghanische Geheimdienst über eine einschlägige Liste verfügt und gegen 48 der insgesamt 351 Abgeordneten angeblich gerichtsverwertbare Beweise vorliegen.
Die neustrukturierte Nato hat ihr Schicksal mit dem Gelingen der Afghanistan-Mission verknüpft. Das ist vielleicht nicht besonders klug gewesen, aber was kann die Nato als Weltpolizist der internationalen Gemeinschaft überhaupt erreichen, wenn sie es nicht schafft, Afghanistan zu befrieden?
80 000 pakistanische Soldaten sichern derzeit die über 2400 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan, die Terroristen wechseln jedoch weitgehend ungehindert die Seiten. Die Berglandschaften gelten als unkontrollierbare Sammelbecken für endlosen Nachschub neuer Gotteskrieger, seit kurzem auch für Kämpfer aus dem pakistanischen Teil von Kaschmir.
Die Afghanen unterstellen Pakistans Präsidenten Pervez Musharraf, er fördere den Terrorismus, weil ihm an einem schwachen, leicht von Pakistan beeinflussbaren Afghanistan gelegen sei. Darüber sind die beiden Staatschefs inzwischen in offenen Streit geraten.
General Musharraf ist jedoch in vielen Regionen seines Landes selbst nicht Herr im Haus, vor allem nicht in den selbstverwalteten Stammesgebieten der North-West Frontier Province und in Belutschistan.
Die heutigen Gegner der Nato und der Amerikaner in Afghanistan sind fast alles alte Bekannte: Taliban-Führer Mullah Omar wurde von den Amerikanern in den achtziger Jahren als Mudschahidin-Kommandeur im Kampf gegen die Sowjets unterstützt und hochgeschätzt. Der paschtunische Terrorfürst Guldbuddin Hekmatjar erhielt damals die meiste internationale Waffenhilfe. Auch der neue Feldkommandeur der Taliban, Jalaluddin Haqqani, begründete seinen Ruhm in jener Zeit als sogenannter Freiheitskämpfer gegen die sowjetische Invasion. Damals, zu Weihnachten 1979, waren die Kommunisten in Afghanistan in einen traumatischen Waffengang geschlittert, der zehn Jahre dauern sollte, rund 14 000 Soldaten das Leben kostete und entscheidend dazu beitrug, dass die Sowjetunion ihre Stellung als zweite Weltmacht verlor.
Was also sollten wir tun?
Oft haben die Regierenden in Berlin dem Sicherheitsberater diese Frage gestellt. Er sagt dann immer das Gleiche: Wir sollten uns bescheidenere Ziele setzen und wenn wir sie erfüllt haben, die deutschen Soldaten wieder nach Hause holen. Vielleicht reiche es ja schon, wenn Afghanistan nicht wieder zurückfalle in den Bürgerkrieg und nicht mehr Hort des internationalen Terrorismus sei: "Warum sollen wir diesem Land mit seinen eigenen Traditionen unsere Demokratie aufzwingen?"
Er reibt sich erschöpft die Augen. Er kennt die Politik. Man werde seinem Rat natürlich nicht folgen, sagt er, wir werden immer weiter machen: "Weil wir uns nicht die richtigen Fragen stellen."
SUSANNE KOELBL
* Mit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am 11. Juli in Kabul.
* Am 5. Juli.
Von Susanne Koelbl

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 6/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen