07.09.2006

„Bin Laden wird es wieder tun“

Der ehemalige CIA-Agent Michael Scheuer über die Chancen, Osama Bin Laden zu finden, die Zukunft al-Qaidas und die Gefahr neuer Terroranschläge in den USA

Scheuer, 53, war von 1996 bis 1999 Leiter einer CIA-Spezialeinheit für die Jagd auf Bin Laden. Im November 2004 kündigte er nach 22 Dienstjahren seinen Geheimdienstjob.
SPIEGEL: Herr Scheuer, die Anschläge des 11. September liegen fünf Jahre zurück, Osama Bin Laden ist noch immer frei, al-Qaida quicklebendig. Wagen Sie doch mal einen Blick nach vorn - wie wird es in weiteren fünf Jahren aussehen?
Scheuer: Sehr viel schlechter. Es gibt keinen Zweifel, dass die Vereinigten Staaten die Kriege im Irak und in Afghanistan verlieren, und unsere Politiker haben nicht den Willen oder die Unterstützung der Bevölkerung, mehr Soldaten zu entsenden. In fünf Jahren, so fürchte ich, werden wir uns aus beiden Ländern zurückgezogen haben, und beide werden mehr oder weniger in der Hand von Leuten sein, die wir nicht mögen - Islamisten.
SPIEGEL: Und wie wird al-Qaida aussehen?
Scheuer: So wie heute auch. Es gibt eine Menge Wunschdenken: Bin Laden und Aiman al-Sawahiri hätten keine Kontrolle mehr über al-Qaida, die Organisation sei zerschlagen. Wir haben taktische Erfolge für einen strategischen Sieg gehalten: Wir haben einen guten Job gemacht und eine Reihe Qaida-Führer getötet oder gefangengenommen. Im Grunde zählen wir nur die Leichen, aber das sagt uns nichts über den Fortschritt, den wir tatsächlich machen. Al-Qaida ist hervorragend darauf vorbereitet, solche Verluste in der Führungsmannschaft zu kompensieren. Also haben wir bisher nicht viel Erfolg gehabt.
SPIEGEL: Nach Bin Laden wird seit Jahren fieberhaft gesucht. Es ist schwer vorstellbar, dass die US-Regierung keine Ahnung hat, wo er sich verbirgt.
Scheuer: Ich glaube, das ist auch für die Regierung selbst schwer zu glauben. Aber soweit ich weiß, haben wir wirklich keine Ahnung, und mich überrascht das auch nicht. Wir denken, Bin Laden und seine Anhänger seien Gangster, niemand dürfe sie mögen, weil sie doch Flugzeuge in unsere Gebäude gerammt haben. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass wir viel mehr gehasst werden als er. Und wie wollen Sie jemanden inmitten einer Bevölkerung finden, die Sie nicht mag, den Gesuchten aber als Verteidiger ihres Glaubens sieht.
SPIEGEL: Werden Ihre ehemaligen Kollegen ihn eines Tages erwischen?
Scheuer: Ich hoffe sehr, aber die Kriege in Afghanistan und im Irak haben alles schwerer gemacht. Es stehen nur noch bescheidene Ressourcen zur Verfügung, Manpower, Satellitenkapazität ist begrenzt. Und die von den USA geführte Koalition in Afghanistan ist immer mehr damit beschäftigt, Hamid Karzais Regierung zu verteidigen, statt nach Bin Laden zu suchen.
SPIEGEL: Die CIA hat Ende vergangenen Jahres die einst von Ihnen geleitete Station "Alec" geschlossen, die für die Jagd auf Bin Laden verantwortlich war. Ein Fehler?
Scheuer: Eine Katastrophe, ich würde vermuten, dass der Präsident davon nichts gewusst hat. Sie können doch nicht jemanden zum Staatsfeind Nummer eins erklären und dann die Kapazitäten für die Jagd auf ihn zusammenstreichen.
SPIEGEL: Ist Pakistan ein treuer Verbündeter bei der Jagd nach Bin Laden?
Scheuer: Jedes Land hat seine eigenen nationalen Interessen. Ich hätte nie geglaubt, dass uns Pakistans Präsident Pervez Musharraf so weit entgegenkommt: Wir haben Überflugrechte, er hat uns geholfen, sehr, sehr wichtige Qaida-Kämpfer festzunehmen. Aber es liegt einfach nicht in Pakistans nationalem Interesse, Bin Laden zu finden, zu verhaften und uns zu überstellen. Das wird nicht passieren, und wenn wir darauf hoffen, sind wir Idioten. Es würde Pakistan zerreißen, und Musharraf ist doch kein Selbstmörder.
SPIEGEL: Glauben Sie den Gerüchten, dass sich Bin Laden in einer Höhle versteckt, von jeder Kommunikation abgeschnitten?
Scheuer: Es gibt viele solcher Märchen. Politiker wie George W. Bush oder Tony Blair verbreiten gern das Bild von einem durch die Berge hetzenden Bin Laden, die Häscher nur einen Schritt hinter ihm. Wenn es so wäre, hätten wir ihn, denn jeder Aufständische weiß, dass ihm größte Gefahr droht, sobald er sich bewegt. Wir sehen doch all die hochprofessionellen Video- und Audiobotschaften von Bin Laden und Sawahiri. Den beiden geht es gut.
SPIEGEL: ... und sie sind ganz zufrieden damit, was sie bisher erreicht haben?
Scheuer: Wir vergessen gern, dass es nie Bin Ladens Ziel war, einen militärischen Sieg zu erringen, sondern andere Muslime zu inspirieren. Die beiden sehen doch, dass die Geschehnisse in der Welt zu ihren Gunsten verlaufen. Wir verlieren im Irak. Wir verlieren in Afghanistan. Ich glaube, sie sind ziemlich zufrieden mit ihrem Werk und arbeiten daran, noch einmal in den USA zuzuschlagen. Denn wenn jemand über ein Jahrzehnt lang ankündigt, was er tun wird, und 80, 90 Prozent davon treffen ein, sollte man ihm glauben. Er wird es wieder tun.
SPIEGEL: Irgendeine Idee, wo?
Scheuer: Kann ich Ihnen eine Stadt sagen? Nein. Aber es ist klar, dass sie nicht zuschlagen wollen, bevor sie den 11. September nicht noch übertreffen können. Anschläge nach Art der palästinensischen Intifada oder der Bomben in London wären leicht zu verüben. Es ist einfach, so etwas in den USA zu tun, aber Bin Laden hat seit 1996 erklärt, dass jeder Anschlag zunehmend schmerzvoller sein wird.
SPIEGEL: Ist das nicht zu pessimistisch? Es gibt doch bisher keine Anzeichen.
Scheuer: Wir Amerikaner leiden an einer falschen Vorstellung von Terrorismus: Wenn wir nicht zu dem Zeitpunkt angegriffen werden, an dem wir es erwartet haben, heißt es sofort: Sie können es nicht, wir haben gewonnen. Nur, die Geduld dieses Feindes ist außerordentlich. Und wir sollten nicht den Fehler machen, diesen Krieg nur an der Zahl der Explosionen zu messen. Kräfte, die in die gleiche Richtung gehen wie al-Qaida, haben 2500 Soldaten im Irak und in Afghanistan getötet. Unser Haushaltsdefizit ist riesig. Es ist ein Fehler des Präsidenten zu behaupten, dass wir gewinnen, weil es keinen Anschlag gab.
SPIEGEL: War London der Versuch von al-Qaida zuzuschlagen?
Scheuer: Ich glaube, es war keine von der Qaida-Führung geplante und gesteuerte Operation. Aber es mag Training für einzelne Attentäter und auch finanzielle Unterstützung gegeben haben.
SPIEGEL: Bin Laden hat den Irak-Krieg zu einer "einzigartigen Gelegenheit" für al- Qaida erklärt. Hilft dieser Krieg den Terroristen?
Scheuer: Ja, denn die Invasion des Irak erfüllt aus muslimischer Sicht die klassische Definition für die Notwendigkeit eines Dschihad: Ein ungläubiger Feind fällt unprovoziert in ein islamisches Land ein und besetzt es dann auch noch.
SPIEGEL: War der Tod des Qaida-Chefs im Irak, Abu Mussab al-Sarkawi, ein großer Erfolg?
Scheuer: Sarkawi hatte sich von al-Qaida weit entfernt. Unter dem Dach al-Qaidas muss sichergestellt sein, dass die Amerikaner und ihre Alliierten angegriffen werden. Bin Laden hasst die Schiiten, aber seine Prioritäten sind klar - erst müssen die USA aus dem Nahen Osten vertrieben werden, dann werden Israel, Ägypten und Saudi-Arabien ins Visier genommen. Sarkawi hat einfach zu hart gedrängt, er wollte den blutigen Bürgerkrieg im Irak entfachen. Ich glaube, für al-Qaida ist Sarkawi so sehr nützlich: ein nobler, aber toter Märtyrer.
SPIEGEL: Es gibt Anzeichen in den Umfragen, dass Bin Laden nicht mehr als der große Held der islamischen Welt gesehen wird, der er einmal war.
Scheuer: Ja, und jedes Mal, wenn die Zahlen heruntergehen, stehen wir Amerikaner auf und sagen: Gott sei Dank, es ist vorbei, er ist erledigt. Aber die entscheidende Zahl in den gleichen Umfragen ist, was die Menschen über unsere Außenpolitik denken. Seit über zwölf Jahren stimmen 80, 90 Prozent der Befragten vollständig mit Bin Ladens Ansichten über die US-Politik überein. Sie akzeptieren nicht unbedingt seine Methoden der Bekämpfung, aber sie teilen seine Feindschaft und den rohen Hass. Wir müssen erkennen, dass wir uns viel mehr aufgehalst haben, als wir erledigen können. Wir werden noch viele töten müssen, die sich um al-Qaida gruppiert haben. Aber wir müssen auch dringend al-Qaidas Anziehungskraft auf die Menschen verringern.
INTERVIEW: HANS HOYNG, GEORG MASCOLO
Von Hans Hoyng und Georg Mascolo

SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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