26.09.2006

BELLETRISTIKDUETT IM INTERNET

Der Österreicher Daniel Glattauer inszeniert seinen Roman „Gut gegen Nordwind“ als raffinierte E-Mail-Variation des klassischen Briefromans.
Der Urknall, der eine Liebesgeschichte in Gang bringt, wird im vorliegenden Fall, da es sich um einen literarischen Text handelt, von dessen kleinstmöglichem Teilchen ausgelöst: einem Buchstaben. Nämlich einem Tippfehler. Eine Person, die sich etwas später als Emmi Rothner vorstellt, vertut sich, das "i" betreffend, in der Adresse einer E-Mail, weil ihr, wie sie etwas später erklärt, als "gebürtiger Linkshänderin, die in der Schule auf rechts umgepolt wurde", ein bestimmter Tippfehler immer wieder unterläuft. Und weil ihr PC Adressen automatisch speichert, wird Mail um Mail falsch adressiert, bis der versehentliche Empfänger, ein Mann namens Leo Leike, mit der Rückmeldung "Sie sind bei mir falsch" Frau Rothner auf ihren Irrtum hinweist.
Zufall oder Schicksal? Mit dem hübsch paradoxen Satz "Wir kennen uns zwar fast noch weniger als überhaupt nicht" bringt Leo Leike Monate später eine verspielte, mit Lust, Spott und Schlagfertigkeit geführte Korrespondenz in Gang: Unter der Voraussetzung, dass man einander wohl "niemals sehen werde", reizen und füttern die beiden, mit Vorliebe zu später Stunde, durch Andeutungen und halbe Geständnisse "das gegenseitige Interesse an einer jeweils völlig fremden Person".
Während der Leser dieses Romans, der von Anfang bis Ende nur aus E-Mails besteht, den beiden einsamen, stillvergnügt schreibenden Mittdreißigern an ihren PCs gewissermaßen über die Schulter schaut, bekommen Emmi und Leo Zug um Zug Individualität: der Sprachwissenschaftler Leo laboriert an einer gescheiterten, doch längst nicht verwundenen Liebesbeziehung, die Musikerin Emmi hingegen zeigt sich betont "glücklich" verheiratet mit einem Witwer, der zwei Kinder in die Ehe mitgebracht hat. Es liegt wohl in der Natur dieser Art von Kommunikation des "Miteinander ohne einander", dass man verbal zu flirten, zu phantasieren und Wünsche aufeinander zu projizieren beginnt, die sich irgendwann ins gefährlich Begehrliche steigern. "Leo, seien wir doch ehrlich", fordert Emmi eines Nachts: "Ich bin für Sie wie Telefonsex, nur halt ohne Sex und ohne Telefon." Also: "Das ist doch krank, oder? Sollten wir nicht Schluss machen?"
Da haben wir sie: die Wiederkehr des kultivierten und koketten Briefromans, wie ihn das 18. Jahrhundert (mit den "Gefährlichen Liebschaften" als Krönung) liebte, oder auch: das Internet als Postillon d'amour. Der Autor Daniel Glattauer, 46, ist zu Hause in Wien (aber wohl nur dort) eine bekannte Größe. Er schreibt in der Tageszeitung "Standard" seit 21 Jahren "zumeist realsatirische" Gerichtsreportagen und Glossen mit einer Schlagseite ins Surreale; "Gut gegen Nordwind" ist sein dritter Roman.
Der Titel bezieht sich darauf, dass Emmi oft nachts noch vor dem Computer sitzt, weil sie bei Nordwind nicht schlafen kann und nun entdeckt, dass nichts so "gut gegen Nordwind" wirkt wie ein zärtlicher Gute-Nacht-Gruß von Leo. Die Offenheit, die Vertrautheit, ja Intimität, mit der die beiden einander begegnen, hat - wie ihnen immer schärfer bewusst wird - als entscheidende Bedingung und als Schutz die absolute Distanz, die das Internet herstellt. "Wir können das nicht leben, was wir schreiben": So sind sie auch Gefangene eines Systems, das immer nur auf sich selbst zurückweist. Schon ein Telefongespräch wäre in seiner Direktheit eine kaum vorstellbare Grenzüberschreitung.
Ein Roman, der sich so strenge Kunstregeln gibt (sozusagen die Regeln eines verbalen Blinde-Kuh-Spiels) bleibt naturgemäß selbst etwas schmal und künstlich, also kaum atmosphärisch, kaum anschaulich, wo er ins Erzählen kommt, und schon gar nicht schwelgend oder üppig in seinen sprachlichen Mitteln. Nicht nahrhaft. Man muss bewundern, wie scheinbar mühelos und elegant Glattauer mit so wenig Futter seine erzählerische Gratwanderung schafft.
Die besondere (auch erotische) Spannung der schriftlichen Kommunikation bestimmt den Text, denn die beiden Liebenden werden in ihrem Begehren immer wieder darauf zurückgestoßen, dass sie füreinander nichts als Wörter haben. Sie wollen nicht "Tristan und Isolde auf virtuell" werden, andererseits malen sie einander abschreckend drastisch aus, welch grässliche Enttäuschung ein Rendezvous zwangsläufig bedeuten müsse, und so schlittern sie in eine süchtige Mail-Abhängigkeit hinein, die für einen betroffenen Beobachter "weltferner Taumel" ist, "Liebesutopie, aus Buchstaben gebaut".
Natürlich ist und bleibt die Prämisse, dass Emmi und Leo einander nie begegnen sollen oder wollen oder dürfen, ein entschieden vom Autor und nicht von seinen Figuren verhängter Bann, und es ist entschieden der Autor, der die Versuchung, diesen Bann doch zu brechen, stetig steigert und mit einiger Skrupellosigkeit bis zum Letzten ausreizt - auch im Bewusstsein, dass für den Leser der eine wie der andere Ausgang (Treffen oder Nicht-Treffen) eine Enttäuschung wäre.
Am Ende, und das zeugt von Glattauers beträchtlicher Finesse, gibt, wie schon am Anfang, ein einziger Buchstabe den Ausschlag, und es ist natürlich wieder das "i". URS JENNY
Daniel Glattauer
Gut gegen Nordwind
Deuticke Verlag, Wien; 224 Seiten; 17,90 Euro
Von Urs Jenny

SPIEGEL SPECIAL 7/2006
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