26.09.2006

KRIMISRASENDE FLUCHTEN

Das Historikerduo Richard Birkefeld und Göran Hachmeister legt in „Deutsche Meisterschaft“ einen originellen Geschichtskrimi über die Weimarer Republik vor.
Wir sind in Deutschland, im Jahr 1926. Der motorisierte Rennsport ist dabei, sich als Freizeitvergnügen zu etablieren. Autos und Motorräder verheißen nicht nur Fortschritt, ihr Tempo ist auch Ausdruck des Zeitgeistes. Zudem bedeuten die Rennen für die Auto- und Motorradindustrie Werbung und Aussicht auf wachsenden Umsatz.
Im kleinen Rennteam eines belgischen Motorradwerks arbeitet Arno Lamprecht als Fahrer. Als Weltkriegsveteran flieht er in die Rastlosigkeit des ständigen Unterwegsseins, in den riskanten Rausch der Geschwindigkeit und in den Wettkampf Mann gegen Mann. All das braucht er, um zu vergessen - nicht nur den Krieg.
Drei Jahre zuvor ist er nach einer durchzechten Nacht verhaftet worden, weil man seine Frau ermordet und ohne Kopf aufgefunden hatte. Er selbst konnte sich an nichts erinnern. Weil ihm sein heutiger Chef ein Alibi gab, kam er schließlich frei. Aber nun hat die Polizei Lamprecht wieder im Visier: Drei weitere Leichen ohne Kopf sind in der Nähe von Motorradrennstrecken gefunden worden. Und der Rennfahrer glaubt, dass man ihn erst in Ruhe lassen wird, wenn er herausfindet, was damals mit seiner Frau geschehen ist.
Auch ein Konkurrent um die Deutsche Meisterschaft steckt wegen einer unerledigten Geschichte in Schwierigkeiten: Der adlige Motorradrennfahrer Falk von Dronte, ein Mann mit militant nationalistischen Kontakten, wird mit Fememorden in Verbindung gebracht.
Die Historiker Richard Birkefeld, 55, und Göran Hachmeister, 47, haben ihren zweiten historischen Kriminalroman "Deutsche Meisterschaft" komplex angelegt. Nach ihrem gemeinsamen Debüt "Wer übrig bleibt, hat recht", das mit zwei Krimipreisen ausgezeichnet wurde, gelingt ihnen erneut eine originelle Geschichte, in der die Vergangenheit weit mehr ist als die austauschbare Kulisse für eine Krimivariation. Die Figuren sind in ihrem Schicksal und in ihrer Psyche so vollständig und so glaubwürdig von den Umständen ihrer Zeit geprägt, dass diese Geschichte nur in der Weimarer Republik spielen kann.
Bei den meisten Zeitgenossen dürfte das Wissen über die Weimarer Republik kaum über die Erinnerung hinausgehen, dass dieser erste Versuch einer deutschen Demokratie am Nationalsozialismus gescheitert ist. Das Autorenteam aber lässt das Jahr 1926, in der Mitte jener kurzlebigen Republik, lebendig werden. Birkefeld und Hachmeister finden Erzählmotive, die die Vielschichtigkeit der Zeit spürbar machen und alternative Möglichkeiten der Geschichte in die Erzählperspektive aufnehmen. Mit ihren Helden Lamprecht und Dronte, die in der - 1926 für kurze Zeit halbwegs stabilisierten - Demokratie ihren Platz suchen, veranschaulichen sie objektive und subjektive Realitäten der zwanziger Jahre.
Wer immer wieder von der Erinnerung an grauenhafte Fronterlebnisse heimgesucht wird wie Lamprecht, für den gibt es keine Normalität mehr. Dronte war zwar zu jung für den Krieg, ist danach aber in rechtsradikale Kreise geraten und wird die republikfeindlichen alten Kameraden nun nicht so einfach los, obwohl er sich eigentlich mit den politischen Verhältnissen arrangieren möchte. Lamprecht interessiert sich ohnehin nicht für Politik. Er ist ein Einzelgänger, dem es allein um das tägliche Überleben geht.
Birkefeld und Hachmeister erzählen die Geschichte ihrer Hauptfiguren abwechselnd und spannungsvoll. Eine Schwäche offenbart der Roman allerdings dort, wo beide Erzählstränge zusammengeführt werden: Wie aus dem Nichts taucht eine angedeutete Freundschaft der Helden als Motiv auf. Da wird nicht entwickelt, sondern behauptet.
Dann aber retten sich Birkefeld und Hachmeister doch wieder auf ein erzählerisches Terrain, auf dem sie sich sicher bewegen - und in der Bilanz überwiegen die Vorzüge des Romans. RALF KOSS
Richard Birkefeld, Göran Hachmeister
Deutsche
Meisterschaft
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 390 Seiten; 22,90 Euro
Von Ralf Koss

SPIEGEL SPECIAL 7/2006
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