26.09.2006

TIPPS & TRENDS„Jede Kürzung ist ein Kindsmord“

Der österreichische Erzähler Arno Geiger über die Problematik von Autoren, die eigene Texte vorlesen, und über seine Erfahrungen mit Tonaufnahmen im Studio
SPIEGEL: Haben Sie Übung im Vorlesen?
Geiger: Ich gehöre zu den Autoren, die schon beim Verfassen das Geschriebene immer laut lesen. Ich schreibe lesend.
SPIEGEL: Warum haben Sie "Es geht uns gut" selbst als Hörbuch eingelesen?
Geiger: Ich lese gerne vor. Ich mag dieses Abtauchen in den Text und hätte mir für meine ersten Bücher mehr Lesungen gewünscht. Das gibt einem das Gefühl, nicht in einen leeren Raum hineinzuschreiben. Außerdem: Wenn man einen Text, so wie ich, "Es geht uns gut" 50mal gelesen hat - dann weiß man wirklich, was trägt, und man spürt, wo der Rhythmus hakt. Das ist dann auch lehrreich für das weitere Schreiben.
SPIEGEL: Einen Schauspieler wollten Sie nicht ranlassen?
Geiger: Das wäre etwas grundsätzlich anderes geworden. Allein meine Aussprache, diese österreichische Färbung - für Norddeutsche mag das schon fast exotisch klingen. Aber ein gewisser Charme wäre ja dann wohl weg. Und der Autor kennt den Text halt doch am besten. Von allen Interpretationsmöglichkeiten, die ein Text immer bietet, liegt die des Autors wohl in der Mitte.
SPIEGEL: Also nicht an der Spitze?
Geiger: Nein, bestimmt nicht. Der Autor ist nicht die geeignetste Person, ein Urteil über einen Text zu fällen. Auf der einen Seite sieht er Dinge im Text, die er beim Schreiben beabsichtigt, aber nicht umgesetzt hat. Auf der anderen Seite übersieht er Qualitäten, die der Text über die ursprüngliche Absicht hinaus enthält.
SPIEGEL: Obwohl er am besten weiß, was wie gemeint war?
Geiger: Gemeint, gewollt - das ist unsicheres Terrain. Der Autor ist sozusagen auch der gefährlichste Interpret seines Textes. Manchmal geradezu unzurechnungsfähig. Ich finde zum Beispiel, dass die Bachmann eine schlechte Interpretin ihrer eigenen Texte war.
SPIEGEL: Weil sie immer klingt wie am Rande des Nervenzusammenbruchs?
Geiger: Sie ist beim Lesen wohl sehr in den fünfziger Jahren verhaftet. Oft wirkt das affektiert und pathetisch. In ihren Texten findet man das meist nicht wieder, die sind von ganz eigener Klarheit. Trotzdem ist es natürlich spannend, sie lesen zu hören.
SPIEGEL: Für das Hörbuch "Es geht uns gut" mussten Sie deutlich kürzen.
Geiger: Als Autor springt man da nicht vor Freude im Dreieck. Ich habe vier Jahre an diesem Buch geschrieben, da ist jede Kürzung ein kleiner Kindsmord.
SPIEGEL: Wie sind Sie vorgegangen?
Geiger: Zwölf CDs waren nicht machbar - preislich. Ich sehe das Hörbuch sowieso als etwas anderes, es ist ein Ausschnitt, eine Kostprobe, eine Draufgabe, es kann kein Ersatz sein für das Buch. Gekürzt hat der Hörverlag, ich habe gesagt: Macht ihr das, mir tut es um jede Zeile leid.
SPIEGEL: Denkt man beim Vorlesen: Dies oder jenes hätte anders besser geklungen?
Geiger: Eigentlich nicht. Meine Grundstimmung ist diese Riesenfreude über das Glück, das mir das Buch eingetragen hat. Meine vorigen Bücher waren Kritiker-Erfolge, die halfen mir nicht immer, meine Rechnungen zu bezahlen. Dass ich nun eine Form an Unabhängigkeit erreicht habe, wie ich sie mir immer erträumt hatte - in diesem Glück, da mag man nicht mehr an einzelnen Sätzen herumändern.
SPIEGEL: Wie war das Lesen im Studio?
Geiger: Man sitzt in diesem schalldichten Raum wie in einer Raumkapsel, vor hochempfindlichen Mikrofonen. Sonst halte ich mich mal am Tisch fest, oder ich versuche, dem Rhythmus des Lesens zu folgen und bewege mich. Aber da hieß es dann: Herr Geiger, Ihr Hemd raschelt. Und dann ist man mitten im besten Fluss, im Rhythmus des Textes, und dann heißt es: Herr Geiger, Ihr Magen hat geknurrt.
SPIEGEL: Die Aufnahmen verlangen Perfektion?
Geiger: Ich denke, das würde doch vielleicht nicht stören, wenn ein bisschen der Magen knurrt. Auf alten Schallplatten von Gottfried Benn hört man, wie er umblättert, Wasser trinkt. Wenn Sie da Stunden am Stück lesen, da bekommen Sie ja einen furchtbaren Durst, wer müsste da nicht mal etwas trinken? Es fühlt sich ja an, als wäre einem eine ganze Armee auf Socken durchs Maul marschiert.

Geiger, 38, erhielt für seinen Roman "Es geht uns gut" im letzten Jahr den begehrten, erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis.

SPIEGEL SPECIAL 7/2006
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