21.11.2006

CHRISTENTUMPopstar des Protestantismus

Unter den drei protestantischen Bischöfinnen in Deutschland ist Margot Käßmann die wohl populärste. Wenn die Hannoveranerin predigt, sind die Kirchen voll. Auch in Talkshows oder Zeitungskolumnen sucht die Mutter von vier Töchtern ihre christliche Botschaft unter die Leute zu bringen.
Wenn Margot Käßmann Besucher empfängt, wirkt sie wie Liza Minelli in dem Musical "Cabaret". Die Tür fliegt auf. Heraus wirbelt eine Frau mit störrisch-dunklem Strubbelhaar, schwingt an der Klinke wie eine Tänzerin nach rechts und links und verzieht beim Anblick ihres Publikums das Gesicht zu einem Celebrity-Strahlen. Fehlt nur noch, dass sie "Willkommen, bienvenue, welcome" singt.
Aber das tut sie natürlich nicht. Schließlich ist das hier kein Tingeltangel, sondern die niedersächsische Bischofskanzlei. Und die Frau mit der schwungvollen Körpersprache ist der Bischof persönlich, pardon, die Bischöfin.
Als Margot Käßmann im September 1999 ihren Posten antrat, war sie die zweite Frau auf einem Bischofsstuhl und mit 41 Jahren die jüngste unter den Bischöfen der 24 Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zweimal sprach der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sie bei der Amtseinführung mit "Sehr geehrter lieber Herr Landesbischof" an. In der Universität Hannover protestierte eine "Notsynode" mit der Begründung, die Wahl einer Frau sei "unbiblisch". Als zu links, zu feministisch und überhaupt zu unangepasst für das tradierte Kirchenbild gilt die verheiratete Mutter von vier Töchtern. "Die werden sich noch wundern, wie fromm du bist" sagte einer, der sie besser kennt.
Sieben Jahre nach ihrem Amtsantritt ist Margot Käßmann nicht nur die bekannteste, sondern auch die beliebteste Theologin Deutschlands.
Nie zuvor hat sich ein kirchlicher Würdenträger derart offensiv und freimütig zu politischen, geistlichen oder schlicht menschlichen Themen geäußert und ist dabei innerhalb wie außerhalb der Institution zu einer Art Popstar des Protestantismus aufgestiegen. Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber gibt aus seinem Privatleben allenfalls preis, dass seine Dietrich-Bonhoeffer-Büste gelegentlich mit ihm grollt. Über Käßmann wissen auch "taz"- und "Bild"-Leser, wie gern die flotte Christin Lederhosen trägt, ins Kino oder in die Sauna geht und Krimis liest.
Mittlerweile gibt es drei Bischöfinnen. In Hamburg amtiert Maria Jepsen, im Sprengel Holstein-Lübeck Bärbel Wartenberg-Potter. Doch während viele Jepsen und Wartenberg-Potter als zu ehrgeizig und angestrengt empfinden, verbreiten Männer wie Frauen über Auftreten, Wesen und Wirken der hannoverschen Amtsinhaberin nur Gutes.
"Zu allem Überfluss" sagt Reinhard Höppner, ehemaliger SPD-Landeschef von Sachsen-Anhalt und im nächsten Jahr Präsident des Evangelischen Kirchentages, "hat diese Frau auch noch Charme." Ex-Bundestags-Vize Antje Vollmer, selbst Theologin, attestiert Käßmann "etwas schönes Flirrendes und Verführerisches" - sogar Katholikinnen bezeichnen die Lutheranerin klammheimlich als "unsere Bischöfin". Und der Berliner Huber, dem es vor drei Jahren gerade noch einmal gelang, die jüngere Konkurrentin bei der Wahl zum EKD-Ratsvorsitz zu überflügeln, frühstückt gelegentlich mit seiner Duz-Kollegin, was Käßmann ihrer beeindruckten Mutter, 84, gegenüber trocken kommentiert: "Mutter, der ist auch nur Bischof, wie ich."
"Medienpfarrerin" wird die promovierte Theologin mit gutem Grund genannt. Offensiv nutzt sie die Klaviatur der kommerziellen wie der klerikalen Öffentlichkeitsarbeit. Ob der Ökumenische Rat der Kirchen in Brasilien, eine Talkshow oder die "Bild"-Zeitungskolumne: Käßmann nutzt jede Gelegenheit, wenn es darum geht, eine Gemeinde zu erreichen.
Dabei serviert sie einem spirituell geneigten Publikum alles andere als leichtverdauliche Kost. Ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Moden predigt sie gegen einen undefinierbaren "Patchwork-Glauben", in dem "irgendeine große Koalition von Jesus, Buddha, Papst und Dalai Lama" windige Erlösungen verspreche. "Spirituelle Wellnessclubs", die vorgeben, in Wochenendseminaren aus entnervten Managern bessere Menschen zu machen, gehen ihr ebenso auf die Nerven, wie jene oberflächlichen Ungläubigen, die sich aus "seelischer Vertrocknung" in "selbstverliebte Depressionen" flüchten.
Und doch: Wenn Käßmann predigt, ist die Kirche voll. Wie macht sie das?
Zugute kommt ihr die Begabung, dass sie Biblisches wie Politisches in zeitgemäße Gleichnisse zu übersetzen vermag. Die Hirten auf dem Felde bei Bethlehem? "Wären heute wohl Ein-Euro-Jobber oder Schwarzarbeiter". Maria und Josef? "Habenichtse, Obdachlose, die vor einem Diktator ins ägyptische Ausland fliehen mussten." Unermüdlich tritt Gottes begabte PR-Agentin für eine "fröhlichere, freiere, engagiertere Kirche" ein, in der beispielsweise auch homosexuelle Pfarrer predigen dürften.
Liberalere Adoptionsgesetze wären ihr lieber als Abtreibungen. Wer sich in Freundschaft scheiden lässt, soll nach Käßmanns Fasson in der Kirche ebenso selig werden, wie frischgetraute Eheleute. Auch sonst formuliert sie schnörkellos. Madonnas Flirt mit dem Kreuz findet die Rolling-Stones-Verehrerin "nicht sexy, sondern bescheuert". Und die "blöden Halloween-Geister" sucht die Protestantin mit Kirchenschwof und "Hallo Luther"-Parolen zu vertreiben.
Die Gottesfrau will Seelen sammeln, gewiss, aber nicht zu Grabbeltisch-Konditionen. Bei aller Weltoffenheit kommt es Käßmann auf "meine drei Säulen des christlichen Glaubens" an: "Bibel, Gottesdienst, Gebet und Gesang". Die Menschenrechte und die demokratischen Freiheitsrechte seien, davon ist sie überzeugt, "aus den zehn Geboten hervorgegangen". Der vorauseilende Gehorsam, mit dem Opern abgesagt und Auseinandersetzungen mit dem Islam unterdrückt werden, ärgert auch die streitbare Christin.
Aber wenn sie, wie kürzlich, gerufen wird, weil ein Muslim seiner Ehefrau die Zähne eingeschlagen hat, weiß die pragmatische Seelsorgerin: "Dem kann ich nicht christlich kommen. Da muss die Verfassung her." Die Suche nach dem Weltethos eines Hans Küng fasziniert sie. Aber sie bleibt dabei: "Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verantwortung, das sind Werte, die kein Rechtsgrundsatz den Kindern so vermitteln kann, wie die biblischen Geschichten."
Sie strahlt Gewissheit aus: "Wie soll ich andere überzeugen, wenn ich selbst nicht
weiß, wo ich stehe." Sie sagt, was sie glaubt.
Und sie glaubt, was sie sagt. Das imponiert in Zeiten, in denen Ranschmeiße und Duckmäusertum oft die Stelle von Zivilcourage und aufrechtem Gang einnehmen.
Die Suche intellektueller Protestanten nach einer sogenannten guten Theologie ist ebenso wenig Käßmanns Sache wie die Banalisierung christlicher Traditionen zu "kommerziellen Wohlfühlfesten". Auch den allzu wohlfeilen Umgang mit einem lieben Gott, der vom Wunschkind bis zur Arbeitslosigkeit für alles zuständig sein soll, prangert Käßmann an. "Wir sind nicht Gottes Marionetten", sagt sie, "und er ist nicht unsere."
Abzuheben, zu entschweben, sei es in die Sphären akademischer Geistlichkeit, sei es in die eigene Bedeutsamkeit - davor bewahrt die gebürtige Marburgerin ihre erdverbundene Biografie. Die Tochter eines Tankstellenbesitzers und einer Krankenschwester verbrachte ihre "glückliche Kindheit" nicht, wie der Traditionalistenflügel ihrer Zunft, "mit der hebräischen Bibel", sondern "auf dem Autohof, zwischen Gummireifen, Sandkiste und Lupinen". Als Austauschschülerin in einem Internat im US-Bundesstaat Connecticut erlebte sie bei ihren Mitschülern, was "richtig reiche Leute" sind; 200 Mark hatte sie als Taschengeld für ein Jahr dabei. "Davon sind die einmal essen gegangen."
In den USA hat sie zum ersten Mal vom Holocaust gehört - zu Hause bei ihrer pommerschen Mutter war nur von Vertreibung die Rede gewesen. Die junge Deutsche erlebte die Vietnam-Zerrissenheit der Amerikaner und konnte nicht mehr aufhören, über den schwarzen Freiheitsprediger Martin Luther King zu lesen. So kam sie darauf, Theologie zu studieren. 1983 - sie war damals 25 - wurde sie gegen den Vorschlag der EKD-Altvorderen in den Ökumenischen Rat der Kirchen gewählt. Die Jahre im Weltkirchenrat prägten ihren Sinn für Zusammenhänge zwischen Politik und Religion: "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung lässt sich auch übersetzen mit Armut, Waffen, Umweltschutz."
Nach 19 Jahren hat die überzeugte Ökumenin das Gremium verlassen, "weil das Diskussionsklima immer intoleranter wurde". Und natürlich passte ihr nicht, dass Orthodoxe von Ketzerei sprachen, sobald Frauen in einer Kirche etwas zu sagen hatten. "Wenn ich die Bischofskanzlei einmal verlasse", sagt Käßmann, "soll niemand mehr darüber nachdenken, ob das Amt von einem Mann oder einer Frau geführt wird."
Immerhin muss sie nicht mehr, wie am Anfang, ständig versichern, dass Ehemann Eckhard den Haushalt macht und die Kinder gewaschen in die Schule gehen. Aber vielleicht braucht sie die 20 Jahre Amtszeit, die ihr offiziell noch zustehen, bis die Geschlechter nicht nur vor Gott, sondern auch unter seinen irdischen Ombudsleuten tatsächlich gleichgestellt sind.
Als Langstreckenläuferin ist Käßmann daran gewöhnt, Hindernisse mit Kampfgeist und Beharrlichkeit anzugehen. Manchmal, wenn sie ihre Runden in Hannover um den Maschsee dreht, spricht sie "mit dem lieben Gott". Zurzeit fehlt ihr das Joggen. Nach einer Krebsoperation muss sie sich schonen. "Ich neige zur Ungeduld", sagt sie. Aber dafür hat sie etwas, was anderen in ihrer Lage fehlt - Gottvertrauen. BETTINA MUSALL
* Am 30. Oktober auf einer Pressekonferenz zum Reformationstag in Hannover.
Von Bettina Musall

SPIEGEL SPECIAL 9/2006
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