21.11.2006

JUDENTUMGottes Gebot im Heiligen Land

Die meisten Israelis sind säkulare Juden. Dennoch haben die Religiösen im Staat viel Einfluss. Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion wollte es so und hat damit einen Konflikt zwischen Säkularen und Frommen geschaffen, der bis heute anhält.
Für Zak Berkman, 30, schwärmen viele junge Israelinnen. Der attraktive Schauspieler tritt in beliebten Fernsehserien auf, mal als Gauner, mal als Kampfpilot. Jetzt können ihn die Teenies sogar in einer historischen Rolle bewundern: Im neugestalteten Jerusalemer Herzl-Museum mimt der Jungstar Theodor Herzl, den Vater des politischen Zionismus. Der populäre Berkman und eine neue Multimediashow sollen helfen, Jugendliche für den Gründervater zu begeistern.
Denn Israels Schüler, so zeigen Studien, wissen überraschend wenig über die Anfänge Israels, über den Zionismus und die Kämpfe im Unabhängigkeitskrieg. Im Herzl-Museum werden sie zurück in die Welt des Mannes geführt, der den Staat Israel erfand, dessen Gründung er aber nicht mehr erlebte.
Herzl, der Journalist war, träumte von einem säkularen Staat, auf den die Religion keinerlei Einfluss haben dürfe. "Wir werden die Geistlichen in ihren Tempeln festzuhalten wissen", schrieb er in seiner programmatischen Schrift "Der Judenstaat" von 1896, "in den Staat haben sie nichts dreinzureden".
Doch David Ben-Gurion, der 50 Jahre später schließlich den Staat ausrief, hielt sich nicht an diesen Rat. Um auch fromme Juden für das neue Israel zu gewinnen, nahm der erste Ministerpräsident nicht nur Religiöse in seine Regierung auf, er verschaffte den Rabbinern sogar entscheidenden Einfluss auf die Gesellschaft. Sie bekamen das Monopol auf Eheschließung und Scheidung.
"An diesem Geburtsfehler, der fehlenden Trennung von Staat und Religion, leidet Israel noch heute", sagt der Jerusalemer Publizist Ari Rath. Noch immer können auch säkulare Israelis nur beim
Rabbi heiraten, wer das nicht will, muss ins Ausland reisen. Viele Paare fliegen dafür ins benachbarte Zypern.
Die Rabbiner herrschen auch über einen riesigen Kontrollapparat, der - gegen Gebühren - in koscheren Hotels und Restaurants die Einhaltung der Speisevorschriften überwacht. In der Armee und in Behördenkantinen darf überhaupt nur koscheres Essen serviert werden, obwohl die Mehrheit der Israelis säkular ist und die religiösen Speiseregeln gar nicht befolgt.
So geht es nun schon seit bald 60 Jahren: Säkulare und Religiöse streiten darüber, wer ein guter Jude ist - der, welcher Gottes Gebote befolgt und sein Leben weitestmöglich nach religiösen Traditionen lebt, oder jener, der dem Staat Israel dient, aber kaum mal eine Synagoge besucht und auch nur in Ausnahmen die für religiöse Juden vorgeschriebene Kippa trägt. Der Kulturkampf um die Selbstdefinition Israels gehört zum Alltag des Staates, und bisher ist kein Ende in Sicht.
"Während radikale Säkulare versuchen, die Gesellschaft von ihrer traditionellen, jüdischen Identität zu entfernen, wollen radikale Traditionalisten sie von ihren modernen, westlichen Werten abbringen", erklärt Aviezer Ravitzky, Professor für Jüdische Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem, den Konflikt zwischen weltlicher Heimat und Heiligem Land. Die ungelösten Spannungen seien auch schuld daran, dass sich Israel selbst 58 Jahre nach seiner Gründung noch immer nicht auf eine Verfassung einigen konnte.
Die Strenggläubigen meinen, in Erez Israel, dem Herzland des Judaismus, endlich den wahren Platz gefunden zu haben, um nach Gottes Gebot zu leben.
Die westlich, individualistisch orientierten Israelis dagegen fühlen sich eingeengt durch die religiösen Gebote. Für sie ist die Freiheit eine der wichtigsten Errungenschaften im jüdischen Staat. Sie wollen leben wie in anderen modernen Staaten auch, etwa am Sabbat, dem jüdischen Ruhetag, Auto fahren, Restaurants besuchen oder ins Kino gehen.
Tatsächlich kann man das vielerorts in Israel, selbst im religiös geprägten Jerusalem. Teddy Kollek, der legendäre frühere Bürgermeister, setzte für die Heilige Stadt eine Art Ausgleich mit Rechten für beide Seiten durch: Die Säkularen finden in ihren Vierteln auch ein paar am Sabbat geöffnete Cafés, die Religiösen dürfen in ihren Quartieren einige Straßen für den Autoverkehr sperren. An diesem Status quo hat bisher auch der ultraorthodoxe Bürgermeister Uri Lupolianski von der Tora-Partei nichts ändern können. Dennoch verließen schon viele säkulare Familien die Metropole und zogen ins quirlige Tel Aviv oder an andere Orte, wo sie kaum auf Religiöse treffen.
Viele Israelis empört, dass für die Frommen immer wieder Ausnahmen gemacht werden. So sind junge Ultraorthodoxe, wenn sie sich ganz dem Talmud-Studium widmen, vom Militärdienst befreit. Die Super-Frommen haben eigene Schulen, die der Staat alimentiert. Erst seit einiger Zeit versucht die Regierung dort mühsam auch Fächer wie Englisch, Mathematik, Geschichte durchzusetzen - und Hebräisch, die israelische Landessprache. Denn anders als der Rest Israels benutzt die Mehrzahl der Ultraorthodoxen Hebräisch nur im religiösen Kontext. Ihre tägliche Umgangssprache ist, um das Hebräische nicht zu profanisieren, meist Jiddisch, das Idiom, das einst die mittel- und osteuropäischen Juden sprachen.
Aus Rücksicht auf religiöse Juden fahren in Israel am biblischen Ruhetag - außer in arabischen Gemeinden - keine öffentlichen Busse, und die Maschinen der israelischen Fluglinie El Al müssen am Boden bleiben. Weil Juden in Gedenken an den Auszug aus Ägypten zum Pessach-Fest nichts Gesäuertes oder Vergorenes essen dürfen, müssen jedes Frühjahr Getreideprodukte, auch Bier oder Müsli, aus den Lebensmittelregalen verschwinden. Anstatt Weiß- oder Graubrot wird Mazze, ein ungesäuertes Mehlgebäck, das wie weißes Knäckebrot aussieht, verkauft.
Viele Jahre lang kämpfte die radikalsäkulare Schinui-Partei gegen solche religiösen Diktate. Erfolglos. Bei der letzten Wahl schaffte es die Partei nicht einmal mehr ins Parlament.
Seit der Staatsgründung wird Israels Politik von den großen säkularen Parteien, der sozialdemokratisch orientierten Arbeitspartei und dem national-konservativen Block beherrscht. Die Religiösen haben eigene Parteien, die häufig mehr ihren Rabbis als den Regeln innerparteilicher Demokratie folgen. In der Knesset stellen sie zusammen gut ein Fünftel der Abgeordneten. Aus Rücksicht auf sie werden sogar alle sieben Jahre die Blumen in den Parlamentsbeeten ausgegraben und in besondere Behälter gesetzt, weil nach der Tora in einem Brachjahr die Äcker des Heiligen Landes nicht bewirtschaftet werden dürfen.
Immer wieder sind die Frommen in säkularen Regierungen auch Koalitionspartner und dabei häufig das Zünglein an der Waage, was sie sich gern durch finanzielle Zuwendungen oder Sonderrechte für ihre Klientel vergelten lassen. Die Richtung der israelischen Politik, vor allem im Verhältnis zu den Palästinensern oder in der Außenpolitik, haben sie allerdings nie bestimmt. Auch die religiös motivierten Siedler konnten nur Fuß fassen, weil auch säkulare Regierungsparteien die Besiedlung der besetzten Gebiete wollten.
Ben-Gurion, selbst ein Säkularer, liebte es, die Religiösen im Parlament mit seinen Bibelkenntnissen herauszufordern. Sein Lieblingszitat stammte aus dem 24. Psalm: "Wer darf auf des Herrn Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Wer unschuldige Hände hat und reines Herzens ist." Dann rief er den orthodoxen Abgeordneten feixend zu: "Nach diesen Kriterien seid ihr nicht im Geringsten religiöser als ich oder meine Fraktionskollegen!"
Wie der erste israelische Ministerpräsident betrachten die meisten säkularen Israelis die Religion zumindest als Teil ihrer Kultur. Eine sehr große Gruppe versteht sich zwar nicht als religiös, ist aber durchaus traditionell und hält einige religiöse Bräuche ein, das Fasten an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag etwa, das Segnen von Brot und Wein am Sabbat-Abend oder das traditionelle Sedermahl am Beginn des Pessach-Festes.
"Die Religion ist Teil der israelischen Identität", sagt der Historiker und Journalist Tom Segev. Irgendeine Verbindung zur Religion gebe es fast immer, und sei es nur, dass man den Sohn acht Tage nach der Geburt beschneiden lasse.
Mit dem Staat Israel entstand eine neue, ganz eigene Dimension jüdischer Identität, die sich neben dem Holocaust vor allem über die hebräische Sprache, die israelische Kultur und ein starkes Nationalgefühl definiert. Die jüdischen Bürger verband der Aufbau ihres Gemeinwesens, die Erfahrung der Kriege, in denen sie ihren jungen Staat gegen die feindlichen Araber verteidigten.
Doch der "Traum der israelischen Gründerväter", gleichsam einen "neuen Juden" zu kreieren, habe sich nicht erfüllt, meint Tom Segev: "Es wurde kein neuer Mensch geschaffen. Die israelische Gesellschaft hat vielmehr verstanden, dass man 2000 Jahre Geschichte nicht hinter sich lassen kann." Und damit natürlich auch nicht das religiöse Erbe.
Auch der Zionismus, dessen Ziel die Errichtung einer jüdischen Heimstatt in Palästina war, kam ohne das Religiöse nicht aus - obwohl seine Hauptströmung eine politische, säkulare Bewegung war. "Auch die frühen Zionisten sagten", so der Historiker Dan Diner, "das Land Israel ist uns von Gott versprochen." Bis heute seien "zionistische und biblische Legitimität des Staates" verknüpft. Die Nation definiere sich eben auch über religiös geprägte Symbole. Etwa über die Fahne, deren blaue Streifen an den Gebetschal erinnern, oder das Staatswappen mit der Menora, dem siebenarmigen Tempel-Leuchter. "Durch diese Verbindung", sagt Diner, "vermag das Religiöse immer wieder das Säkulare zu dominieren."
Deshalb argumentieren auch Politiker religiös, die ansonsten eigentlich zu den Säkularen zählen. Der ehemalige Ministerpräsident Ariel Scharon beispielsweise, der inzwischen seit Monaten im Koma liegt. Um das Existenzrecht Israels zu untermauern, erinnerte er in einer Rede vor den Vereinten Nationen im vergangenen Jahr sogar an Urvater Abraham und an die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste ins verheißene Land. Israel sei eine "offene Bibel", schwärmte Scharon und leitete aus der Heiligen Schrift das "ewige und unanfechtbare Recht" seines Volkes auf das Land Israel her.
Mit den Nationalreligiösen hatte er es sich schon verdorben, als er 2005 den Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen durchsetzte. Diese Gruppe tiefgläubiger Juden, zu denen viele Siedler in den besetzten Gebieten gehören, leistet anders als die Ultraorthodoxen Militärdienst, spricht nicht Jiddisch, sondern selbstverständlich Hebräisch und ist auch sonst in alle Bereiche der israelischen Gesellschaft integriert. Durch den Gaza-Abzug fühlten sie sich von Scharon und vom Staat Israel verraten, weil dieser damit in ihren Augen Teile des Landes weggab, das Gott den Juden versprochen habe. Sie widersetzten sich Polizei und Armee teilweise heftig, was ihnen wiederum Linke und Liberale verübelten. Erneut zeigte sich, wie fremd sich beide Gruppen sind. Dieser Streit hat den Konflikt zwischen beiden Seiten spürbar verschärft.
"In der Traumwelt der Siedler gibt es keinen Platz für ein säkulares Israel", kritisierte der Schriftsteller Amos Oz, einer der Wortführer der Friedensbewegung. Sie wollten letztlich, dass alle religiös werden. "Doch wir nichtreligiösen Israelis haben auch einen Traum. Wir wollen in einem aufgeklärten, offenen und gerechten Land leben, nicht in irgendeiner messianischen, rabbinischen Monarchie und auch nicht im ganzen Land Israel. Wir kamen hierher, um als freie Menschen in unserem eigenen Land zu leben."
Noch nie sei der Graben so tief gewesen zwischen der Halacha, dem religiösen Gesetz, und dem täglichen Leben in Israel, glauben Avi Sagi und Jedidia Stern, Professoren für Jüdische Philosophie und Recht. Im "bitteren Konflikt" zwischen religiösen und säkularen Zionisten sehen sie einen immer "tiefer werdenden Abgrund". Die israelische Gesellschaft polarisiert sich, sie wird "einerseits immer säkularer, andererseits aber auch religiöser", meint auch der Historiker Segev. Letztlich seien es vor allem die Auseinandersetzungen mit den Palästinensern und der Krieg mit der Hisbollah, die beide Seiten doch immer wieder zusammenbringe, so Segev.
Wem also gehört Israel? Häufig müssen darüber Gerichte entscheiden, wie im Sommer 2006, als Schwulenverbände eine Parade durch Jerusalem ankündigten und die Ultraorthodoxen mit dem frommen Bürgermeister Lupolianski - Seite an Seite mit frommen Muslimen und katholischen Christen - dagegen Sturm liefen. Der Streit landete vor den obersten Richtern in Jerusalem, und die befanden, die Schwulenparade in der Heiligen Stadt könne natürlich stattfinden. Ein Sieg nicht nur für Homosexuelle, sondern auch für das Verständnis säkularer Israelis von den Freiheitsrechten im Land.
Die Demografie allerdings ist eher auf Seiten der Frommen. Statistikern zufolge wird sich die Zahl der kinderreichen Ultraorthodoxen, die derzeit rund zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, in den nächsten 15 Jahren verdoppeln. Israels Grundschulklassen würden schon bald dreigeteilt, prophezeite kürzlich Erziehungsministerin Juli Tamir - ein Drittel säkular, ein Drittel ultraorthodox und ein Drittel arabisch.
Erneut diskutiert Israel darüber, dass es eine Verfassung brauche - und auch endlich eine Zivilehe. Druck kommt diesmal vor allem von den meist säkularen russischen Einwanderern um den politischen Hardliner Avigdor Lieberman.
Israels Gesellschaft müsse Kompromisse und neuen Ausgleich finden, fordert der Philosophie-Gelehrte Ravitzky. Eine Verfassung sei ein Teil dieses Bemühens. "Aber wer glaubt, damit sei die Trennung von Staat und Religion durchzusetzen, der irrt", warnt Ravitzky, der selbst ein religiöser Jude ist: "Das Band zwischen Religion und Nation, zwischen jüdischem Erbe und israelischer Identität, ist unlösbar." ANNETTE GROßBONGARDT
* Farbdruck nach einem Gemälde von Arpad von Koppay.
Von Annette Großbongardt

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