27.03.2007

KLIMAFREUNDLICHE TECHNIKWärme aus Mist

Schon mehrere Dörfer in Deutschland versorgen sich mit Heizkraft aus Bioenergie. Nun wollen weitere Gemeinden über eigene Netze selbst produzierte Energie beziehen.
Biolandwirt Ralf Keller konnte die Verschwendung der wertvollen Wärme nicht mehr ertragen. Aus seinem Biogaskraftwerk, so errechnete er, entwich jährlich so viel Energie wie in 180 000 Liter Heizöl steckt.
Die Anlage auf seinem Hof im badischen Mauenheim vergärt am Tag zehn Tonnen Mais, eine Tonne Gras und vier Tonnen Mist zu Methan. Daraus erzeugt Keller im Jahr zwei Millionen Kilowattstunden Strom. Und bei diesem Prozess wird, wohl oder übel, gehörig Abwärme frei.
Also entschied sich Landwirt Keller, die stetig anfallende Wärme kurzerhand zu verschenken. Aber auch das war nicht ganz einfach in dem idyllischen Dorf mit nur rund 100 Haushalten. Wer braucht hier schon so viel Wärme - selbst wenn sie nichts kostet?
Nun ist Mauenheim nicht allzu weit entfernt von Singen. Und dort sitzt Solarcomplex, ein kleines, aber kreatives Öko-Unternehmen, das 200 Gesellschaftern - überwiegend aus der Bodenseeregion - gehört. Als Solarcomplex von dem Angebot erfuhr, ließ das Unternehmen sich die Wärme gern schenken. Denn die Öko-Manager hatten eine Idee: Die Energie sollte an die Bürger in Mauenheim verkauft werden. Und zwar billiger als Heizöl. Und sie sollte direkt per Wärmeleitung in die Häuser kommen.
Im vergangenen Sommer war es so weit. Solarcomplex legte vier Kilometer Wärmeleitung durch den 400-Seelen-Ort im Landkreis Tuttlingen. Immerhin zwei Drittel der Einwohner, insgesamt 66 Kunden, ließen sich anschließen. Die Wärme kommt für 4,9 Cent je Kilowattstunde direkt ins Haus. Der Preis ist, mit einem jährlichen Inflationsaufschlag von 2,5 Prozent, auf 20 Jahre festgeschrieben.
Eine "weitsichtige und zielstrebige Initiative" lobt denn auch der Bürgermeister der nahe gelegenen Gemeinde Immendingen. Ihm gefällt vor allem, dass die Energiekosten "nicht mehr abfließen, sondern als Kaufkraft vor Ort" bleiben. Und Peter Hennicke, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, sieht Mauenheim gar als Beleg, dass "eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien auf dezentraler Ebene technisch und wirtschaftlich möglich" ist.
Das sehen inzwischen nicht nur Experten so. Seit Strom, Öl und Gas immer teurer und die Warnungen der Klimaforscher lauter werden, nehmen immer mehr Menschen ihre Energieversorgung in die eigene Hand. Sie vergären oder verheizen heimische Rohstoffe und verteilen die erzeugte Wärme über eigene, dezentrale Netze.
Rai-Breitenbach, ein Stadtteil von Breuberg im Odenwald, ist ein Beispiel dafür. Mehr als 150 Haus- und Grundstücksbesitzer sowie die Stadtverwaltung Breuberg haben sich bereits für den Anschluss an ein Nahwärmenetz entschieden. Vom Jahr 2008 an soll es durch ein modernes Holz-Heizwerk gespeist werden. Auch über den Einsatz von Chinaschilf denken die Planer nach. In Zeiten hohen Wärmebedarfs soll zusätzlich ein Rapsölkessel einspringen.
Das Konzept wurde, ebenso wie in den meisten Bioenergiedörfern, von den Bürgern selbst entwickelt. "Wir hatten das nötige Know-how vor Ort, oder haben es selbst aufgebaut", sagt Horst Stapp, der Vorsitzende der Genossenschaft Rai-Breitenbach.
Der Startschuss hängt allerdings noch davon ab, in welchem Umfang das Land Hessen das Projekt unterstützt. Da Rai-Breitenbach nur auf Wärme ohne Stromerzeugung setzt, fehlen die zusätzlichen Einnahmen durch den Stromverkauf. "Wir setzen auf Holz, weil wir viel davon haben", sagt Stapp. Doch der Brennstoff Holz ist für die Stromerzeugung in Kleinkraftwerken technisch schwer zu nutzen.
Entmutigen lassen sich die Odenwälder dadurch nicht. Das Wissen, das sie sich in den vergangenen zwölf Monaten angeeignet haben, wollen sie nun vermarkten - und damit anderen Bioenergie-Gemeinden den Start erleichtern.
Den haben die Bürger der niedersächsischen Gemeinde Jühnde schon lange hinter sich. Vor sechs Jahren hatten Wissenschaftler der Göttinger Universität bei 17 Gemeinden im Umland angefragt, ob sie sich dezentral mit Bioenergie versorgen möchten. Vier Dörfer kamen in die engere Wahl, ehe die Öko-Forscher sich schließlich für Jühnde entschieden, ein Dorf mit 775 Einwohnern.
Bereits im September 2005 begann in Jühnde die Wärmelieferung. Herzstück ist auch hier eine Biogasanlage, die heimische Rohstoffe wie Roggen, Weizen, Sonnenblumen, Mais und Gülle von Landwirten der Region vergärt, und das entstehende Methan in einem Kleinkraftwerk zur Erzeugung von Strom und Wärme nutzt. Ein Nahwärmenetz bringt die Energie in derzeit 142 Haushalte. Damit beziehen immerhin mehr als 70 Prozent aller Einwohner Jühndes heimische Biowärme.
Im ersten Jahr konnte die Betreibergesellschaft, eine Genossenschaft mit fast 200 Mitgliedern, vier Millionen Kilowattstunden Strom einspeisen, und mehr als 300 000 Liter Heizöl substituieren. "Mächtig stolz" sei man darauf, lässt die Genossenschaft wissen, deren Mitglieder vor allem die Kunden selbst sind.
Und weil die Verbraucher ihre eigenen Energiepreise festlegen, ist die Wärme billig. Der Preis entspricht 35 Cent für einen Liter Heizöl, womit die Jühnder etwa ein Drittel ihrer Wärmekosten sparen. Zwar kommt noch eine Grundgebühr von 500 Euro jährlich hinzu, doch weil die Häuser keine Heizkessel mehr benötigen, fallen im Gegenzug die entsprechenden Unterhaltskosten weg.
Auch Jühnde wird in der Region Nachahmer finden. Der zuständige Göttinger Landrat hat bereits acht weitere Gemeinden in seinem Landkreis ausfindig gemacht, die für lokale Wärmenetze in Frage kommen. Bis Herbst dieses Jahres soll diesen Dörfern eine Machbarkeitsstudie als Planungsgrundlage vorliegen. Und an die Kommunen, in denen die Bürger in das Projekt einsteigen, soll bereits Ende 2008 Biowärme geliefert werden.
Landwirt Keller in Mauenheim blickt unterdessen von seinem Kuhstall auf seine Biogas-Gärtanks und freut sich, dass auch die Abwärme seines Kleinkraftwerks seit diesem Winter sinnvoll genutzt wird.
Denn obwohl er die Wärme verschenkt, verschafft sich Keller einen lukrativen Zusatzgewinn. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz nämlich wird der Strom mit zusätzlich zwei Cent pro Kilowattstunde vergütet, sobald auch die Wärme genutzt wird - eine Klausel, die von der rot-grünen Bundesregierung eingeführt wurde, um Landwirte zum Energiesparen zu ermuntern. In Mauenheim ist diese Rechnung der Berliner Politik voll aufgegangen. BERNWARD JANZING
Von Bernward Janzing

SPIEGEL SPECIAL 1/2007
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