27.03.2007

KLIMAFREUNDLICHE TECHNIKHolz im Tank

Schon 70 000 Haushalte in Deutschland heizen mit Pellets aus Hobelspänen. Und die Nachfrage steigt weiter. Doch nun warnen die Forstwirte: Das Brennholz wird knapp.
Jahrelang war "Kahlschlag in Deutschlands Wäldern" kein Thema mehr. Nun macht es plötzlich wieder die Runde. "Holzgeier" zögen durch die Lande, klagt Ralf Straußberger, Waldreferent beim Bund Naturschutz in Bayern. Sie wollten Waldbesitzer zur Rodung ihrer Flächen überreden. Zwei Kahlschläge hat Forstwissenschaftler Straußberger im Freistaat bereits ausgemacht.
Weitere sind zu befürchten, denn in Deutschland herrscht Brennholz-Euphorie. 20,7 Millionen Kubikmeter wurden 2005 in Privathaushalten verfeuert, fast doppelt so viel wie fünf Jahre zuvor. Schätzungsweise 70000 Holzpellet-Heizungen sind in Deutschland heute installiert, vor sieben Jahren waren es nicht einmal 1000. Und auch Großkraftwerke haben den alten Brennstoff Holz entdeckt: Um fast 60 Prozent stieg deren Verbrauch innerhalb von nur drei Jahren.
Klimapolitisch ist das durchaus sinnvoll. Denn bei der Verbrennung von Holz entweicht nur so viel des Klimagifts Kohlendioxid, wie der Baum durch sein Wachstum zuvor aufgenommen hat - ein geschlossener Kreislauf also.
Doch die Nutzung hat Grenzen. Im Landkreis Ravensburg in Baden-Württemberg kämpft der Bund für Umwelt und Naturschutz bereits gegen den Bau eines Großsägewerks, weil im Land nicht mehr genug Holz für diesen "gefährlichen Giganten" zur Verfügung stehe. Ähnliches gilt für andere Bundesländer. "Holz wird knapp in NRW", warnte unlängst das Wald-Zentrum der Universität Münster. Für dessen Leiter, Professor Andreas Schulte, ist längst offenkundig: "Der Brennholzmarkt wird nicht weiter in diesem Stil wachsen können."
Schon schwant Umweltschützern Böses. Der begonnene Umbau des deutschen Waldes zum Mischwald könne ins Stocken geraten, sollte die energiereiche Fichtenmonokultur zum neuen Leitbild des Forstes werden. Oder es könnten auf Effizienz und kurzfristigen Ertrag fixierte Forstwirte gar auf schnell wachsende Pappel- und Weidenplantagen setzen.
Kein Zweifel: Der Druck wächst. Das offenbart schon die Preiskurve von Holzpellets. Die pillengroßen Presslinge aus Sägemehl und Hobelspänen, mit denen in den vergangenen zehn Jahren ein normierter Holzbrennstoff etabliert wurde, kosteten im Januar 262 Euro pro Tonne - 40 Prozent mehr als zwölf Monate zuvor. Bezogen auf den Heizwert sind die Pellets damit nicht billiger als Öl.
In der Vergangenheit waren sie zeitweise ein Drittel günstiger, und dieser Preisvorteil war es vor allem, der den Pelletboom der vergangenen Jahre befeuerte. Denn Pelletkessel sind komfortabel wie jede andere Zentralheizung: Ein Silowagen liefert den Brennstoff per Schlauch in den Keller, wo sich jeder Öltankraum zum Holzlager umfunktionieren lässt. Automatisch werden die Presslinge in die Heizung eingebracht, automatisch wird auch das Feuer gezündet. Die Steuerung erfolgt per Zeitschaltuhr und Thermostat.
Andere Branchen jedoch ächzen unter dem neu erwachten Interesse am Brennstoff Holz. Die Zellstoff- und Papierindustrie, aber auch die Möbelhersteller sehen bereits ein "enormes Versorgungsproblem" auf Deutschland zukommen. Schon fürchten Branchenkenner Firmenabwanderungen nach Osteuropa.
Gefördert wird die Unsicherheit im Holzmarkt durch eine Neubewertung der verfügbaren Ressourcen. Denn immer deutlicher wird sichtbar, dass sich die deutsche Holzwirtschaft das Angebot bisher schöngerechnet hat.
Noch vor gut zwei Jahren hatte die Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher gejubelt, das nutzbare Holzpotential in Deutschland übertreffe die bisher genutzte Menge "deutlich". Denn gängige Analysen stützten sich unkritisch auf die Bundeswaldinventur, die den jährlichen Zuwachs auf rund 95 Millionen Kubikmeter taxierte. Doch inzwischen erweist sich diese Rechnung als pure Theorie. Reumütig konstatiert das "Holz-Zentralblatt", das Leitmedium der Branche: "Mobilisierbare Holzpotentiale geringer als erwartet".
Zwar gelten die Zahlen der Waldinventur nach wie vor als korrekt, doch in der Praxis steht ein beträchtlicher Teil des Holzes dem Markt gar nicht zur Verfügung. Biomasse aus Nationalparks und Naturschutzgebieten darf nicht genutzt werden, Erträge aus Steillagen sind oft nicht wirtschaftlich zu ernten. "In der Summe muss man Abschläge von durchschnittlich 30 Prozent machen", sagt Schulte.
Konkret bedeutet das: Wer noch mehr aus deutschen Wäldern herausholen möchte, müsste ihnen an die Substanz gehen. Kahlschlag eben. Das aber will, zumindest offiziell, niemand. Schließlich gilt der Wald den Deutschen nicht primär als Wirtschaftsfaktor - er ist vor allem Kulturgut, Erholungsraum und ökologische Oase.
Und doch lässt sich nicht leugnen, dass der einst so romantisierte Wald ein Produkt hervorbringt, das mehr denn je den Gesetzen des Weltenergiemarkts folgt: Indem die Branche mit genormten und leicht transportierbaren Pellets einen international handelbaren Energieträger schuf, kreierte sie ein Produkt, das als gleichwertiges Substitut von Öl und Gas zunehmend auch deren Marktgesetzen gehorcht. Stückholz, das in vielfältigsten Qualitäten nur regional gehandelt wurde, entzog sich diesen Mechanismen weitgehend. Nun aber muss auch Thomas Siegmund vom Bundesverband Bioenergie eingestehen: "Holz kann sich von den Energiemärkten nicht entkoppeln."
Trotz allem gibt sich die Pelletwirtschaft weiterhin optimistisch: "Der Gipfel der Pelletpreisentwicklung sollte nun überschritten sein", verkündete Ende vergangenen Jahres der Branchenverband. BERNWARD JANZING
Von Bernward Janzing

SPIEGEL SPECIAL 1/2007
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