24.04.2007

RICHTIG STUDIEREN„Jeden Tag einen Test, jeden Tag ein Diktat“

Drei deutsche Studenten über ihre Erfahrungen an der Pekinger Qinghua-Universität
SPIEGEL: Warum studieren Sie in China?
Schell: Ich wollte das Leben in China am eigenen Leibe erfahren und vor allem natürlich mein Chinesisch verbessern. In Köln habe ich die Sprache schon studiert. Aber ohne einen Aufenthalt in China wird man sie nie richtig beherrschen. Außerdem höre ich an der Qinghua-Universität Vorlesungen über Rüstungskontrolle.
SPIEGEL: Sie studieren nicht klassische Sinologie, sondern ...
Schell: ... Regionalwissenschaften, eine Kombination aus modernen China-Studien und aus Wirtschafts-, Politik- oder Rechtswissenschaften.
SPIEGEL: Und warum zieht man von Aachen nach Peking?
Tielmann: Ich wollte grundsätzlich gerne ins Ausland. Am Anfang hatte ich an die USA, an Schweden oder Frankreich gedacht und hörte dann eher zufällig von dem China-Programm der RWTH Aachen. Von der Idee war ich sofort begeistert. Mich hat schon immer die asiatische Kultur fasziniert.
Ruhrmann: Ich wollte ebenfalls gerne ins Ausland. Für mich gab es zwei Möglichkeiten: Nach Portland in die USA - oder eben das Aachen/Qinghua-Programm. Für Peking sprach dann das Besondere, China ist einfach etwas ganz anderes. Wenn man bedenkt, was für ein Potential in China steckt, wenn man seine Wirtschaftsraten sieht, dann will man dabei sein.
SPIEGEL: Verlieren Sie hier nicht kostbare Studienzeit?
Ruhrmann: Nein. In Peking werden dieselben Fächer wie in Aachen angeboten. Die Inhalte ähneln denen der RWTH sehr stark.
SPIEGEL: Aber Sie werden von chinesischen Professoren unterrichtet?
Ruhrmann: Klar. Aber die Vorlesungen sind auf Englisch. Hinzu kommt, dass wir hier den Master-Abschluss nach einem Jahr erwerben können. Wir werden also später einen Diplom- und einen Master-Titel haben.
SPIEGEL: Anders als bei Herrn Schell war China vorher nicht Ihre besondere Leidenschaft?
Ruhrmann: Nein. Ich hatte aber gehört, dass dies eine supertolle Erfahrung sein soll. In Aachen werden pro Jahr maximal 30 Studenten nach China geschickt.
SPIEGEL: Was müssen Sie für die beiden Auslandssemester bezahlen?
Tielmann: Wir bekommen ein Stipendium der chinesischen Regierung. Die übernimmt auch die Kosten für das Wohnheim und die Studiengebühren. Für zehn Teilnehmer gibt es Geld vom DAAD.
SPIEGEL: Es bleibt nur eine gewaltige Hürde - die Sprache?
Tielmann: Bevor ich mich für China entschied, habe ich mir gesagt: Wenn ich die Sprache nicht kann, dann hat das alles keinen Zweck. Dann habe ich erfahren, dass die Vorlesungen auf Englisch gehalten werden, genauso wie beim Master-Studiengang in Aachen.
SPIEGEL: Sie lernen dennoch Chinesisch?
Tielmann: Zum Programm gehört ein Sprachkurs, einmal die Woche, zwei Stunden. Das empfinde ich jedoch als relativ mager. Deshalb besuche ich jeden Tag einen zweistündigen Kurs an einer Privatschule. Eine Stunde kostet dort etwa 1,20 Euro.
Schell: Das ist bei mir natürlich etwas anders. Wir lernen täglich rund 60 neue Schriftzeichen. Es gibt jeden Tag einen Test, jeden Tag ein Diktat, jeden Tag müssen wir einen Aufsatz schreiben.
SPIEGEL: Und wie sind Sie untergebracht?
Ruhrmann: Im Studentenwohnheim für Ausländer.
Schell: Dort gibt es verschiedene Möglichkeiten: Man kann zusammen mit einem Kommilitonen in einer Zweier-WG wohnen, aber auch im Einzelzimmer.
SPIEGEL: Wie ist der Standard?
Tielmann: Besser als in Deutschland. Und es wird jeden Tag saubergemacht. Das ist zu Hause nicht so.
Schell: An die Warmwasserzeiten muss man sich allerdings gewöhnen. Es gibt morgens von 7 bis 9 Uhr, nachmittags von 15 bis 17 und abends von 20 bis 24 Uhr warmes Wasser. Aber auch darauf kann man sich einstellen.
SPIEGEL: Wie viel Kontakte haben Sie zu chinesischen Studenten?
Schell: Grundsätzlich sind Kontakte nicht einfach, weil die Ausländer in besonderen Wohnheimen leben. Im Sprachprogramm sind natürlich keine Chinesen. Aber in den Politikkursen treffe ich fast nur einheimische Kommilitonen. Wenn man sich auf die Sprache konzentrieren will, muss man sich selbst disziplinieren und sagen: Okay, ich gehe jetzt nicht mit meinen deutschen Freunden weg, sondern konzentriere mich darauf, einen chinesischen Freundeskreis aufzubauen.
Ruhrmann: Da Andreas und ich ja kaum Chinesisch können, ist es schwierig, mit Chinesen Freundschaft zu schließen. Der Kontakt beschränkt sich auf die chinesischen Kommilitonen während der Vorlesungen und auf die Projektarbeiten am Nachmittag, es passiert also alles auf dem Campus. Manchmal gehen wir zusammen in die guten und günstigen Restaurants im Uni-Umkreis essen.
SPIEGEL: Müssen Ihre chinesischen Kommilitonen mehr lernen als Sie?
Tielmann: Ja, der Arbeitsumfang ist für sie höher als für uns. Ich habe in diesem Semester fünf Kurse belegt, die Chinesen besuchen in der Regel mehr.
Schell: Die chinesischen Studenten stehen allgemein sehr viel mehr unter Druck als wir.
SPIEGEL: Versprechen Sie sich durch Ihren China-Aufenthalt bessere Chancen, nach dem Studium einen Job zu bekommen?
Tielmann: Ich könnte mir vorstellen, noch mal nach China zurückzukommen. In so einem Fall wäre ein Jahr Erfahrung in diesem Land sicher hilfreich.
Ruhrmann: Es macht auf jeden Fall einen guten Eindruck, wenn man sagen kann: Ich habe ein Jahr in China studiert. Inwieweit sich das später bei der Jobsuche auswirkt, wird sich zeigen.
SPIEGEL: Sind Ihnen im Uni-Alltag Unterschiede zwischen Deutschland und China aufgefallen? Wird in China anders unterrichtet?
Tielmann: In Aachen sitzen wir im Grundstudium mit bis zu 700 Leuten im Hörsaal und danach, wie bei mir in der Fahrzeugtechnik, mit bis zu 80 Kommilitonen. Das bedeutet Frontal-Unterricht. Hier hatte ich einen Kurs mit sieben Leuten. Ich habe zwei Präsentationen gehalten, das gibt es in Aachen nicht. Ich empfinde das als sehr positiv.
SPIEGEL: Worüber haben Sie gesprochen?
Tielmann: Über alternative Kraftstoffe und über maßgeschneiderte Bleche im Fahrzeugbau. Darüber hinaus geht auch die Abgabe von Hausaufgaben in die Gesamtnote ein. Auch das gibt es in Aachen nicht. Das System hier ist mehr verschult, der Inhalt aber ist der gleiche wie der in Aachen.
SPIEGEL: Herr Schell, wie läuft Ihr Politik-Unterricht ab?
Schell: Der Professor ist international bekannt. Er war ein Jahr in Princeton, hat sehr viele Kontakte. Für mich als ausländischen Studenten ist es im Unterricht kaum zu erkennen, wie viel politische Freiheiten ihm gewährt werden. Es wird aber offen diskutiert. Manchmal hat er sehr kritische, manchmal aber auch sehr linienkonforme Momente. Ich fühle mich auf jeden Fall nicht von Propaganda berieselt.
SPIEGEL: Haben Sie manchmal Heimweh?
Schell: Nun, erst mal trifft man auf eine ganz andere Kultur, eine andere Schrift, eine andere Sprache. Aber im Grunde ist Peking eine Großstadt. Peking ist nicht China. Deswegen ist es nicht so schwierig, sich einzugewöhnen. Am Anfang muss man die Ruhe bewahren und sehr viel mehr Zeit investieren, allein schon, um auf den ständig verstopften Straßen voranzukommen.
Tielmann: Außerdem gibt es Tausende ausländische Studenten in Peking. Diese Campus-Uni könnte im Grunde auch in Amerika oder England stehen.
Ruhrmann: Ich hatte eigentlich keine Anpassungsschwierigkeiten. Chinesen können ziemlich bürokratisch sein, daher muss man beispielsweise bei Banken und Behörden viel Geduld aufbringen.
SPIEGEL: Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Tielmann: Lernen. Während des Semesters mache ich mehr als in Aachen, schon wegen der Hausaufgaben. Sonntags gehe ich in eine internationale Kirche.
Ruhrmann: Lernen, Sport. Es gibt eine Fußball-Liga auf dem Campus. Ich bin sowohl als Schiedsrichter als auch als Spieler aktiv. Abends schauen wir uns Peking an, besuchen Kneipen. Wir haben jeder einen chinesischen Tutor, der immer für einen da ist. Meiner ist mit mir sogar mal ins Krankenhaus gefahren. Die sind super hilfsbereit.
Tielmann: Auch wenn man nur kurz in China bleibt und die Sprache kaum versteht - ich finde es hier einfach faszinierend.
INTERVIEW: MARTIN DOERRY, ANDREAS LORENZ
Von Martin Doerry und Andreas Lorenz

SPIEGEL SPECIAL 2/2007
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